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Full text of "Berliner studien für classische philologie u. archaeologie .."

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805- 

:bsis 



Berliner Studien 



Classisclie Philologie uJrcliaeologie. 



FÖnfzelinter Band. 



BerUn 1894. 
"Verlag von S. Calvary & Co. 



• % 



Inhaltsverzeichniss 

des 15. Bandes: 



F. Burmeister, De fontibua Vellei Patercoli. 

E. V. Stern, Zur Entstehung und ursprünglichen Be- 
deutung des Ephorats in Sparta. 

W. Schwarz, Der Schoinos bei den Aegyptem, Griechen 
und Römern. Eine metrologische und geographische Unter- 
suchung. 



BERLINER STUDIEN 

fOb 
CLÄSSI8011E PHILOLOGIE UNI) ARCHÄEOLOGIE. 

FÜNFZEHNTER BAND. 
ERSTES HEFT. 

DE FONTIBUS VELLEI PATERCUU, 

SCKII'ÖIT 

FRIDERICUS BURMEISTER 



BERUN, 1894. 

VBRLAÖ VON S. CALVÄBY A CO. 



liJ-<^ 



De fontibus Vellei Paterculi. 



FRIDERIOUS BURMEISTER. 



BEKOLINl 18M. 

Al'Un 8. CALVAHY & i'a. 









Berlioer Stiulieii für classisclie Philologie und Arcliaeologie. 

Band XV. Heft I. 



DE F0NTIBU8 VELLEI PATERCÜLI. 



,Litteratur ist das Fragment 
der Fragmente; das wenigste 
dessen, was geschah und ge- 
sprochen worden, ward ge- 
schrieben, von dem Geschrie- 
benen ist das wenigste übrig 
geblieben.' (Goethius.) 



Yeterum scriptores cum temporum iniquitate haud exiguam 
partem deperditi vel paucis tantummodo fragmentis servati ad 
nostram pervenerint memoriam, quibus ad hlstoriam describendam 
usi sint fontibus indagaturis permultae occurrunt difficultates. 
Quo fit, ut viri docti, quamvis diligenter his in quaestionibus 
proximis potissimum decenniis versati sint, certa argumenta in 
iis solis protulerint scriptoribus, quorum non tantum opera, verum 
etiam ipsi fontes adhuc exstant. In iis autem scriptoribus, quibus 
praeter fontes vulgatos hodieque servatos alii permulti patebant, 
qui aetatem non tulerunt, satis erit quaerentibus quam proxime 
ad veritatem accedere priorumque sententias vel falsas refutare 
vel probabiles gravioribus confirmare argumentis. 

Quod cum aliorum in fontium disquisitionem cadit tum Vellei 

Paterculi, quem unus ille codex Murbaceusis detruncatum et valde 

depravatum nobis tradidit; neque enim praefatio solum scriptoris, 

sed etiam longe maior pars prioris libri deperieruni). Atque hoc 

60 magis dolendum est, quod, quamquam summa brevitate per- 

1 



— 2 — 

magnam rerum copiam perstringit, tarnen nouniüla servavit, quae 
sine eo plane ignoraremus. Adde quod nostris temporibus an- 
tiquitatis peritissimi de iide eins antea omnibus fere suspecta 
multo aequius tulere iudicium.^) Quibus rebus adductus sum, 
ut quaestionem de fontibus eius tractandam mihi proponerem: 
ac primum quidem, quid adhuc de ea senserint viri docti, ex- 
ponam. 



^) Maur. Hauptius iudicat de Velleio (in Act. acad. reg. Sazon. 
I (1849)- p. 198 = Opusc. I p. 274): Ohne gerechte Ursache dürfen 
wir ihn nicht der Nachlässigkeit in seinen Berichten beschuldigen. 
Iraprimis vero conferatur Leop. de Ranke in Histor. Univers. IIL 2 
(1886) p. 266 sqq. 



— 3 — 



CAPUT I. 

Krausius, quantum video, primus in praefatione editionis 
suae^ de fontibus Vellei disserens opinatus est eum, quos in 
opere suo laudaret historicos (II. 9. 5 sqq., 86. 2 sq.), eos omnes 
eonsuluisse, quibus in posteriore operis parte addendi essent 
Oetaviani de vita sua commentarii, Maecenatis de rebus Augusti 
libri, Asinii Pollionis de be]lo civili opus, Groroutii Gordi annales. 
In exterorum vero historia Thucydidem et Graeconim auetorum 
nobilissimos ac fortasse Trogum Pompeium, quin etiam acta 
publica et ipsa documenta ab iis, qui res gererent, profecta eum 
adhibuisse statuit. 

Quam sententiam merito risit Kritzius, qui et ipse in 
editione sua de fontibus praefatus multo iam probabiliora attulit. ^) 
Rectissime enim monet, id quod utique tenendum erit in Velleio, 
qui tota paene vita in castris acta homo militaris magis quam 
doctus et litteratus ad historiam se contulit, non prodiisse opus 
eins ex diutuma atque acri multorum et reconditorum fontium 
perscrutatione, neque ' eum Graecos adiisse, sed qui ex istis sua 
hauserint: Trogum Pompeium et Comelium Nepotem, in rebus 
Italicis vero praeter eosdem Catonem et Pomponium Atticum, 

^ C. Velloi Faterculi quae supersunt recensore coepit Jani, con- 
tinuavit Jo. Krause. Lipsiae 1800. proleg. p. 44 sqq. 

3) M. Vellei Faterculi quae supersunt ex bist. Rom. libris daobus 
rei'. Fr. Kritzius. edit. II. Lipsiae 1848. praef. p. XXXVIIl sqq. 



— 4 — 

quorum ille I. 7. 3 laudatur, hie Cicerone (Brat. m. 14) et 
Nepote (vit. Attic. 18. 1 sqq.) testibus Annali suo rerum Eo- 
manarum memoriam breviter et perdiligenter complexus erat: 
quem librum commodissimam facultatem ei praebuisse nullo ne- 
gotio, quaecumque ipsi opportuna viderentur, inde mutuandi. 
Sed de Atdco mox viderimus. 

lam ante Eritzium H. Sauppius in egregia illa commen- 
tatione de M. Yelleio Paterculo^), ut in priore operis fragmento 
(I. 1 — 8. 3) scriptorem Chronicis Oomelii Nepotis usum esse ex 
certis indiciis demonstravit (p. 145 sq.), sie in historia aetatis 
Augusti conscribenda (II. 59 — 91) ipsius Imperatoris commen- 
tarios inter praecipuos fontes eum habuisse acute perspexit. 
Priore vero voluminis parte quos Velleius sibi praeeuntes habu- 
erit duces, ille quidem non indicat, Livio autem ut historico 
liberae reipublicae dissimulanter studioso parum eum fidei tri- 
buisse arbitratur. 

Sequitur Ulricus Koehler*^, qui Livium ut ab aliis, ne 
dicam omnibus, posterioris aetatis historicis, sie a Nostro ad- 
hibitum probare conatus est. Sed cum duos tantum locos in 
examen vocayerit, ubi eum ad verborum Livii similitudinem 
accedere putat, timidius se gerens rem pro certo affirmare ausus 
non est. 

Post eum Alfredus Pernices*), eum de fide historica 
Vellei disputaret, de fontibus pauca interponere haud omisit. 
Is primum refutat Krausii opinionem Velleium praeter seriptorum 
narrationes documenta publica consuluisse, dein Sallustio et Livio 
multa ab eo deberi infitiatur, postremo vero de Pomponio Attico 
disserens libenter aeeedit Kritzio; nam quae de illo tradiderit 



*) M' Velleius Paterculus. Eid Beitrag zur römischen Historio- 
graphie' in Mus. Helvet. I (FraueDfeld. 1837) p. 133—180. 

^) Qua ratione T. Livii annalibus usi sint historici Latiui atque 
Graeci. Gottingae 1861. p. 10 sq. 

^) De M. Vellei Paterculi fide historica commentatio. Lipsiae 
1862. p. 11 sqq. 



— 5 — 

Oornelias Nepos (Attic. 18. 2) eum in operibus suis difficilliipam 
rem aggressum esse, ut uniuscuiusque clari yiri propagines 
familiarumque originem subtexeret, eadem in Velleium cadere 
putat, qui quam dUigenter in historia sua clarorum virorum 
genus et cognationem notayerit ubique manifestum sit (1. 1. p. 13). 

Quae sententia, a Conrado de Oppen improbata^, dein 
repetita est a Paulo Kaisero^, qui certa quadam ratione ad- 
hibita eam firmare studuit. Guius in dissertatione, quae tota 
de fontibus est, cum reliqui, quos nominavi, coniecturis magis 
quam argumentis usi in transcursu tantum atque obiter rem 
tetagerint, paullisper mihi commorandum arbitror. 

Kaiser igitur, ut summam sententiae eins paucis repetam, 
a cbronologia, qua Velleius utitur, profectus demonstrare studet 
(p. 10 sqq.) in Universum eum in numeris annorum eonstituendis 
duas inter se discrepantes rationes secutum esse, quarum alte- 
ram tribus annis a Varroniana, quae dicitur, recedentem ad- 
hibuerit in priore voluminis parte I. 8. 4 — 11. 49. 1 nonnullis 
capitibus, quae tamen cum narratione ipsa non cohaereant, ex- 
ceptis (veluti I. 14 et 16; IL 88 et 89), alteram reliqua in parte, 
ubi praeterea et multo rarius notae annorum inveniantur et 
uberior fiat rerum enarratio. Quam calculorum dissensionem 
inde effluxisse putat, quod diversis scriptor fontibus usus sit. 
(p. 20.) lam si Velleius I. 8. 4 Bomam conditam esse dicat 
tertio Olympiadis sextae anno, eodem quo Solino teste (I. 27 M.) 
placuerit Pomponio Attico, si praeterea Attici liber annalis vel 
maxime idoneus fuerit ad propositum eins, cum breyi tempore 
compendiosam historiam scripturus esset, probabilitate aliqua sibi 



^ De M. Velleio Paterculo. Dissert. Rostoch. 1875. p. 6 sq.: 
,Nam quomodo quaecumque externa specie splendent hominumque 
oculos quodammodo feriunt a scriptore, etiamsi minima od rerum 
tractandarum historiam pertinent, celebrantur: ita ne stemmata quidem 
ab eo depicta aliunde quam ex nimio eins rerum externarum amore 
explicanda sunt.* 

^) De fontibus Vellei Paterculi. Dissert. Berol. 1884. 



— 6 — 

coniecisse videtur Velleium in priore parte usque ad II. 49, ubi 
piimum alterius computationis exemplum deprehendatur, ab Attico 
pendere. 

Haec quidem Kaiser. Quae quamquam ingeniöse inventa 
esse libere profiteor, tarnen exilibus argumentis niti quis non 
videt? Oonsensu enim, qui intercedit inter Atticum et Velleium 
de anno urbis conditae, Kaiser tamquam fundamento argumenta- 
tionis utitur, quo sublato cetera quoqiie labi ae corruere necesse 
est. Atqiii Vellei temporibus notissimam ac vulgarem fuisse 
constat hanc urbis conditae definitionem, quae ab Attico quidem, 
ut videtur, inventa, sed postea a Cicerone, Varrone, aliis gra- 
vissimis scriptoribus adoptata imperatorum aetate late percre- 
bruerat.^) Itaque minime necesse est de certo auctore hie 
cogitare; fieri etiam potest, ut annum istum ex puerili institutione 
perceptum memoriter exhibuerit scriptor. Tum vero subdubitare 
licet, num omnino recte se habeat numerus, qui nuUo pacto 
conciliari possit cum anno 781 u. c, cui et eodem et aliis locis 
Vinicii consulatus assignatur; et«nim si quis, ut Noster, Romam 
conditam esse volebat tertio sextae olympiadis anno, usque ad 
Vinicii consulatum nimirum 785 anni ei numerandi erant. Quo- 
circa et G. F. ünger^®) et C. Trieb er"), alter ut videtur alterius 
sententiae inscius, fidem eins lectionis, quae nunc est, in dubium 
vocaverunt ex ,VI. Olympiade, post XXII annos quam prima con- 
stituta fuerat' corrigendum rati, id quod per se, ut in numeris, 
facile fieri potest: ,VII. Olympiade, post XXV annos quam cett.' 
Quae quidem sententia si vera esset, nonne hoc ipsum Kaise- 
rianae opinionis fundamentum iam esset eversum? 

Sed accedit aliud. Equidem ob miserrimam Velleiani t^xtus 
condicionem totam hanc de chronolog^a quaestionem probabiliter 

^) Cf. Mommsenum in Chrono]. RoniaDa (edit. II. Berol. 1859). 
p. 145 sqq. 

*®) in Actis acad. reg. Bavar. class. philos. philol. XVII. 3 (1886). 
p. 567 sq. 

") in Herrn. XXVII (1892) p. 330. not. 6. 



— 7 — 

umquam enucleari posse despero. Namque ut in omnibus fere 
veterum scriptoribus nihil saepius mendis inquinatum esse constat 
quam ipsos numeros, ita in Velleio, cuius unus tantum isque 
vitiosissimus codex exstitit, summae dubitationi obnoxiae sunt 
annorum notae, quarum vix unam ineorruptam vel coniecturis 
non tentatam legeris. Quo factum est, ut, quicunque hac in 
quaestione versati sunt, omnes in contrarias partes discederent, 
haud raro etiam traditos numeros ex libidine vel pro sua quisque 
sententia mutarent. Ac Laurentius^^ quidem Velleium suum 
systema chronoiogicum secutum esse ratiodnatur; Kritzius autem 
(praef. p. XLII), cuius sententiam summopere mihi arridere con- 
fiteor, totum per librum aeram Gatonianam ab eo expressam esse 
contendit; mirum quantiun editores in numeris variant, quique 
praeterea occasione data de chronologia Velleiana nonnulla attu- 
lerunt'^), frustra ei lucem afferre conati sunt. Nee vero melius 
mea quidem sententia res cessit Kaisero, quippe qui, ne artificia 
sua corruant, nonnumquam ad levissima arg^umenta confugere 
coactus Sit. Fragmentum libri annalis Attici idemque unum, 
unde, qua ratione ille annos ab urbe condita digesserit, perspicere 
licet, apud Oiceronem Brut. 18. 72 exstat, ubi legimus: ,atqui 
hie Livius primus fabulam C. Claudio Caeci filio et M. 
Tuditano consulibus docuit anno ipso antequam natus est Ennius, 
post Eomam conditam autem quarto decimo et quingentesimo, 
ut hie (Atticus) ait, quem nos sequimur.' Quid inde Kaiser? 
Quo testimonio quamquam luce clarius apparet Atticum aeram 
Varronianam, quam nos hodie dicimus, secutum esse — hac 



^2) Fasti consolares Capitolini, reo. J. C. M. Laurent. AltonAe 
1838. p. 79 sqq. 

IS) Memoratu digna est sententia L. Holzapfelii,qui dicit in Chro- 
nolog. Rom. (Lipsiae 1685. p. 181): «Auffallend ist es, dass Velleius, 
Frontinus und Eutrop sich noch meist der alten offiziellen Jabrzählung 
bedienen. Es kann dies nur dadurch erklärt werden, dass in der Kaiser^ 
zeit noch für den Handgebrauch bestimmte Abschriften der alten 
Fasten verbreitet waren." 



— 8 — 

enim ex computatione Claudius et Tuditanus ipso quarto decimo 
et quingentesimo u. c. anno consules fuerunt — , tarnen iste nobis 
persuadere vult (p. 24) Velleium numeros tribus annis ä Yarro- 
niana ratione recedentes ex libro annali petiisse, cum dielt: 
Atticum, qui novam temporis rationem instituerit, in libro suo 
de differentia annorum, quae erat in annalibus et in monumentis 
publicis, disseruisse atque sie fieri potuisse, ut Velleius ad ra- 
tionem non iam upitatam quos in fönte suo inveniret numeros 
redigeret. — Ad haue sententiam suam haud scio an quemquam 
perducat. Nam si revera Noster Atticum secutus est, quis eum 
alios in libro annali invenisse, alios in suo opere exhibuisse nu- 
meros sibi persuadeat? Uti eum maluisse computandi ratione 
ab eo ipso auetore, quem secutus esse dicitur, reiecta ac re- 
probata! Mehercule sie fuisset is, qui, quamquam meliora vi- 
deret, deteriora sequeretur. 

At omnino numeros Yelleianos non tantam vim habere 
existimo, quantam Kaiser iis tribuit. Nam et consulto Noster 
saepius rotundos numeros posuisse videtur, id quod mihi quidem 
a Kaisero (cf. p. 15. not. 1) dissentienti voces iUae ,ferme' vel 
,fere' vel ,circiter' nonnullis numeris appositae, sed in aliis omissae 
declarant, et fieri potuit, ut interdum, quae erat eins socordia 
ac neglegentia, parum accurate eos exhiberet; nam ne illud 
quidem neglegendum est, quod rectissime monet Kritzius (praef. 
p. XLY), yeteres bis in rebus haud raro ab errore non cavisse, 
quippe qui non tam accuratis expeditisque ut nos hodie temporum 
notandorum auxiliis uterentur. Utcumque est, systema quoddam 
ex numeris Yelleianis vix conficere licebit. — Yerum ut con- 
cedam recte argumentatum esse Kaiserum: ecquid tum amplius 
probavit iste, quam ex Annali depromptas esse res quasdam ad 
genealogiam vel chronologiam spectantes atque nonnullos nu- 
meros, haudquaquam tamen omnes? Nonne ipse Kaiser in nu- 
meris scriptorem adeo non sibi constitlsse concedit, ut in iis 
quoque particulis, quae cum perpetua narratione bene cohaerent, 
interdum alii atque quos iste Attico tribuendos censet calculi 



— 9 — 

appareant? (veluti I. 12. 5; H. 4. 5; 10. 1; 15. 1; 21. 5; cf. 
tabulam ab eo p. 20 propositam.) Qua re iste quidem facere 
non potest, quin priore hac in parte praeter Atticum alium 
quoque fontem — ubi tarnen rectius scribere debebat: ,alio8 
fönt es' — a Yelleio adhibitmn esse statuat. (p. 27.) Sed ne 
longus sim bis in chronologicis rebus tota fere bistoria valde 
ambiguis: numeros Velleianos seu scriptoris seu librariorum 
culpa miserrime turbatos tantum valere, ut ex iis certi quidquam 
de fontibus erui possit, equidem sine uUa dubitatione negaverim. 

Quae cum ita sint, alia tentanda erit via atque ex rebus 
ipsisque narrationis argumentis, non iam ex numeris proficis- 
cendum, si quis auctores Yellei indagare volet. 

Quod quidem bene sentiens Kaiser ipse quoque argumenta 
sua ex calculis petita aliis rationibus studuit firmare. Cum 
Atticus, inquit p. 22, praesertim temporibus constituendis operam 
dederit, quomodo factum sit'intelligimus, ut Velleius priore in 
parte operis sui tot locis numeros afierret, cum in sequente banc 
rationem fere plane neglegeret. Hoc argumentum ut sane 
levissimum, ita ne rectum quidem est; nam in ea quoque parte, 
qua inde a cap. 49 usque ad cap. 103 spatium paulo plus quin- 
quaginta annorum continetur, septies (49. 1; 65. 2; 90. 2 et 4; 
93. 1; 100. 2; 103. 3) calculos adscriptos legimus. Ceterum 
quid esset mirum, si vetustis in temporibus enarrandis scriptor 
diligentius annorum ordinem notasset quam in iis, quae suae 
aetati iam propiora erant? — At inde a cap. 49, ait iste, copiosior 
fit narratio, nimirum propterea, quod priore fönte destitutus alium 
sibi elegit auctorem. Huic argumento cave nimium tribuas. 
Iam enim multo ante cap. 49 maiore quadam diligentia in expli- 
candis rebus versatur, iam inde a SuUanis temporibus fusius 
enarrat, iam satis multus est in rebus Marii (ex. gr. cf. cap. 19) 
et Pompei (cf. cap. 29 et 38) et potissimum Gaesaris (capp. 
41 — 43) describendis, quae ex tali fönte, qualis Attici liber erat, 
omnino non profluxisse possunt. 

Denique Kaiser putat (p. 22) Velleium in studio, quod ei 



— 10 — 

proprium est, variae familiarum fortunae describendae optime 
proficere potuisse adiutum annalibus Attici. Hie vereor, ne 
nimium iste elicere voluerit ex verbis Gomelii Nepotis (Attic. 18. 
2) supra iam laudatis, qui de origine tantum ac propaginibus 
claronim virorum ab Attico explanatis diserte loquitur; sed quae 
fortunae singularum familiarum Kaiser ex Nostro contulit 
exempla, ea quo iure ad librum annalem rettulerit nescio. 

Ac ne genealogiae quidem, id quod Kritzius et Pemices 
putant, VeUeius nimium studet. Namque ut paucis tantum et 
quidem clarissimis viris id honoris praesütit, ut maiores eorum 
notaret, ita haec ipsa, quae affert, alia eiusmodi sunt, quae 
erudito üuique Eomano ex puerili institutione praesto esse potuerint, 
veluti quae de Aemilii Pauli I. 9. 3 et Scipionis Africani I. 12. 3 
genere commemorat. Alia vero pro more suo non sine rhetorioo 
quodam artificio subicit, ut rem in malus augeat. Sic IL 3. 1 
Scipionis Nasicae stenmia depingit eum laudaturus, quod ,patriam 
cognationi praetuleritf sie dicit II. 7. 1 de Gracchis: ,hunc Ti. 
Gracchi liberi, P. Scipionis Africani nepotes, viva adhuc matre 
Cornelia, Africani filia, viri optimis ingeniis male usi vitae mor- 
tisque habuere exitum;' sie etiam II. 8. 1 C. Catoni repetunda- 
rum damnato M. Catonis avi et AMcani avunculi virtutes haud 
ineleganter opponit. Alia denique, veluti quae de genere Sullae 
II. 17. 2 et Porapei II. 29. 1 (cf. II. 21. 1 de patre eins) et 
Ciiesaris II. 41. 1 commemorantur, fortasse ex vitarum scripto- 
ribus petita esse infra (p. 27 sqq.) videbimus. Ex quo intelligitur 
haud maiore cum studio ac diligentia Nostrum in genealogicis his 
rebus versatum esse quam res ipsa et ratio viros celebrandi, 
quae operi quodammodo proposita est, postulabat. At plane 
aliud consilium aliamque rationem in Annali suo secutus est 
Atticus. Is enim ut in aliis, ita in hoc libro, quo magistratus 
ordinavit, singularem quandam curam operamque in eo posuit, 
ut uniuscuiusque olari viri propagines detegeret, notans — ut ipsius 
Nepotis (Attic. 18. 8 et 4) verbis utar — qui, a quo ortus, quos 
honores quibusque temporibus cepisset. Admodum igitur proba- 



— 11 — 

bilia sunt, quae pluribus de Annali isto nuper exposuit Conradus 
Cichorius^^): eandem vel similem illum fonnam atque indolem 
habuisse ac fastos Capitolinos hodie exstantes, quin etiam hos 
ipsos fastos— id quod iam ante eum suspicatus erat H.Matzati u s *^) 
— ex Attici libro excerptos esse aliis ex indieiis haud sine 
magna veritatis specie coniecit. Quae cum ita sint, num recte 
dicitur Annalem ad propositum Yellei vel maxime fuisse idoneum? 

His igitur expositis et perpensis ea, quae Kaiser de Attico 
Vellei in priore operis parte auctore coniecit, parum firmis 
argumentis niti ideoque si non reicienda, certe in dubio relin- 
quenda esse censeo. 

Inde a cap. 49 libri U usque ad cap. 90, unde suae aetatis 
historiam scribere incipit Velleius, Kaiser alium fontem adhibi- 
tum esse putat libro annali multo uberiorem, quem Valerii Mes- 
sallae Gorvini ,Bellum civile' fuisse inde conicit (p. 26 not. 1), 
quod de rebus levioris momenti ab illo commemoratis, velut de 
Mena 73. 2 et 74. 4 ac de Dellio 84. 3, eadem Noster tradidit. 
At erravit vir doctus verba vel nomina magis quam res curans. 
Messalla enim teste Suetonio (vit. Aug. 74) auctor fuit neminem 
umquam libertinorum ab Augusto cenae adhibitum esse excepto 
Mena, sed asserto in ingenuitatem post proditam S. Pompei 
classem. Nihil eiusmodi apud Velleium, qui, cum Menae bis 
(11. IL), sed una cum Menecrate mentionem faciat, eins cum 
Augusto convivium non commemorat. Altero autem ioco, quem 
fragmento Messallae apud Senec. Suas. I. 7 servato similem esse 
vult Kaiser, num eadem utriusque narratio fuerit, subdubitare 
licet. Primum enim hie mutila erant codicis Murbacensis verba, 
ut, quamquam locus egregiis Lipsii et Ruhnkenii coniecturis 
restitutus est, tamen, quid revera scripserit Velleius, non satis 
liqueat. Tum vero, id quod gravius est, ,desultoris' iDud voca- 
bulum, quod Corvinus teste Seneca (1. 1.) Dellio indiderat, apud 

^^) De fastis consularibus antiquissimis in Stud. Lips. IX (1887) 
p. 245 sqq. 

^'^) in Chronolog. Rom. I p. 353 not. 2. 



— 12 — 

Noßtrum prorsus desideratur. Denique si plane eadem Noster 
tradidit quae Mesalla, num inde huius libros inspectos esse se- 
quitur? nonne alius scriptor Messallam secutus Nostro haec 
praebuisse potest? Atque ita rem sese habere infra vide- 
bimus. 

Posteriore vero dissertationis suae parte (p. 28—47) Kaiser, 
quos legerit ac noverit Velleius quosque ve$l inscius vel conscius 
imitatus sit scriptores, demonstrare studet, inter quos Giceronem, 
Sallustium, Livium — de hoc tarnen dubitans — , denique po- 
etas recenset, 

Haec habui, quae contra Kaiserum proferrem. Praeterire 
autem licebit duos, qui post eum subsicivam ut aiunt operam in 
fontes Nostri contulerunt, Fridericum Helbingium*^ dico et 
Franciscum Faustium^^, quorum ille haud satis firmis argu- 
mentis usus Sisennam quoque adhibitum opinatur, hie fere totum 
ad Kaiserum se applicat. Fuerunt denique, qui, cum singulas 
historiae Velleianae partes illustrarent, de Yellei auctoribus 
nonnulla interponerent, quos suo quemque loco commemorabimus. 

Ex iis autem, quae attuli, satis iam apparere puto, quaestio- 
nem hanc de fontibus etsi incohatam, nondum tamen profligatam 
neque ad exitum perductam esse. Itaque denuo eam instituendam 
atque redintegrandam mihi proposui, praesertim cum in res ipsas 
a VeUeio traditas neminem adhuc via quadam ac ratione in- 
quisiTisse viderem. Qua in re haud nescius eram periculosum 
me opus aggressum esse multaeque dubitationis ao difficultatis 
plenam. Namque in scriptore, qui ex collectaneorum libris hau- 
Bisse videtur nee uni se addixit auctori, sed plerumque pluribus 
adhibitis suo iudicio usus est; qui multa e memoria, multa ex 
ingenio suo, haud pauea etiam ex rhetorum scholis oratoris 



'^) «Velleius Paterculns. Ein Beitrag zur Kritik seiner Historia 
Romana.* Dissert. Rostoch. 1888. p. 12 sqq. 

^7) De Vellei Paterculi remm scriptoris fide. Dissert. Giessae 
1891. p. 4 sq. cf. p. 60. 



— 13 — 

simul et historici partes agens admiscuit^^); qui denique in 
maiore operis parte epitomen magis historiae dedit quam historiam 
et singulas res tarn breviter perstrinxit atque attigit, ut indicia 
ad auctores cognoscendos idonea aut nulla aut parum certa 
relinqueret: in tali, inquam, scriptore accuratam fontium in- 
vestigationem magnas difßcultates habere per se elucebit. 
Fuerunt igitur, qui re plane desperata nil umquam certi de 
Vellei fontibus pronuntiari posse arbitrarentur^^). Quod ut de 
priore operis parte ob nimiam scriptoris brevitatem fortasse con- 
cedi potest, ita de posteriore (inde a cap. circ. 40 libri II) certe 
negandum est. Equidem quamquam hac in disquisitione multa 
utique coniecturae relinquenda esse libere profiteor, plura tarnen 
eaque gravissima fontibus suis reddi posse baud despero: unde 
id saltem assecuturus mihi videor, ut de Vellei fontibus et auo- 
toritate certius omnino iudicium proferam. 



CAPUT IL 

Priusquam autem ad ipsam nostram provinciam aggrediamur, 
nobis quasi fundamentum totius disputationis nacturis breviter 
ante dicendum erit de ratione, quam Velleius in volumine suo 



18) cf. Casim. de Morawski inPhilolog. XXXV (1876) p. 115 sqq. 
et in Stiid. Vindob. 1882 p. 167 sq. — Recentiorem eiusdem de eadem 
re disputatiunculam ,de rhetoribus latiois observationes* (Cracoviae 
1892) nondum inspicere potui. 

1^) cf. Walth. Judeiciiium in ,Caesar im Orient' (Lipsiae 1885) 
p. 41 not 1: «Genaueres kann man .... weder hier noch sonst über 
Velleius Quellen sagen.* Aerius etiam iudicat Ernestus de Stern in 
,Catüina und die Parteikämpfe in Rom während der Jahre 66 — 63.' 
Dissert. Dorpat. 1883. p. 162: ,Etwas Bestimmtes über die Quellen 
des kurzen Vellejanischen Berichtes lässt sich Überhaupt nicht fest- 
stellen, und jede dahin zielende Thätigkeit ist verschwendete Mühe\ 



— 14 — 

componendo secutus videtur. Atque hac in re dissentiunt viri 
docti, quorum aliqui, veluti Kaiser 1. 1. p. 10, eum coplis antea 
non coUectifi ad historiam scribendam accessisse putant, plures 
tarnen, velutj £[ritzius (praef. p. XVI sq.) et Helbingius (1. 1. 
p. 9) et, qui gravissimus est, Rankius^) ex paratis auziliis eum 
librum suum conscripsisse affirmant. Quibus equidem assenserim. 
Herde enim omnino incredibUe est Velleium historiam suam 
tanta rerum copia ac varietate distinctam sex mensibus — id 
quod inter omnes constat — conficere potuisse nullis praesidiis 
adiutum, sed ita fere, ut singulas res multorum in libris disiecta(> 
et dissipatas aliam post aliam nunc ex hoc nunc ex illo con- 
quireret atque in sua scrinia transcriberet: res immensi sane 
operis quaeque tarn brevi tempore nullo modo poterat absolvi. 
Immo yero copias aüquas in promptu habuerit necesse est, quas, 
antequam ad scribendum aggrederetur, rerum Bomanarum in 
studio versatus aut ipse sibi comparaverat aut — quod magis 
etiam cum ingenio eins congruit, cum de assiduis ipsius studiis dubi- 
tare liceat — alius nescio quis ei suppeditaverat. Sic enim saepius 
yeteres scriptores Volumina sua exarasse luculentissimum exstat 
Suetonii testimonium, qui dicit de grammat. 10 p. 107 Rf. : G. Sallus^ 
tium, historiam componere adgressum ab Ateio Praetextato Philo- 
loge breyiario rerum omnium Eomanarum, unde quas vellet eligeret, 
instructum esse. Atque hoc idem oMcium, quod doctus ille über- 
tinus Sallustio, haud sdo an Yelleio ex famüiaribus aliquis 
praestiterit vel ex servis litteratis, quos multo plus operarum 
veteribus praebuisse certum est, quam hodie docto viro ab ullo 
umquam studiorum socio vel ministro praeberi solet. ~^) Sic igitur 
instructus quoniam Noster inter scribendum fontes ipsos non 
inspexit, sed, quae inde excerpta ei praesto erant, in libros suos 



'^) 1. ]. p. 267: ,Wenn man das kleine Buch zur Hand nimmt, 
80 lehrt der Augenschein, dass Velleius Materialien, die ihm bereits 
vorlagen, darin zusammenstellte.* 

**) cf. Alfredum de Gntschmid in .Kleine Schriften" (ed. Fi*anc. 
Ruehlius) vol. I. Lipsiae 1389. p. 12 sq. 



— 15 — 

transtulit, historiam pragmatice, ut nos dicimus, describere po* 
tuit, ita ut sing^a rebus causisque cohaerentia, sed temporibus 
divisa uno ordine narraret.^^ Sic quoque facillime explicantur 
penniüti illi errores, quos in historia sua commisit^, necnon 
qui factum sit, ut nonnuUa suo loco praeteriret, quae postea 
alieno rettulit (veluti 11. 68) aliqua ex parte perspicitur: quod 
certe non potuit accidere, si unum vel etiam plures scriptores 
secutus ipsos eorum iibros ante oculos habuisset. Quid? quod 
ipse consilio maioris operis condendi saepius inde a belio civili 
commemorato significare videtur in posteriore »altera parte ha- 
buisse sese res collectas ac paratas, sed plures, quam pro festi- 
natione sua tum edere potuerit? Inde etiam digressus, inde 
excursus, quibus histeria Yelleiana redundat, inde quod numquam 
serviliter aucteres suos secutus ubivis suum interponit iudicium. 
Denique, quod iam obiter legenti obvenit, nonne et res et homines 
plerumque ita describit, ut interiorem quandam histeriae notitiam 
eum habuisse appareat? Rectissime igitur Kritzius (1. 1. p. XVI) 
Velleium festinato hoc libello pauca ex coUectis copiis delibasse 
et tamquam specimen amplioris edidisse iudicat, nee vero proba- 
bilitate caret coniectura, quam proposuit Helbingius (1. 1. p. 9): 
scriptorem iam id agentem, ut historiam Romanam accuratius 
desciiberet, Vinicio designato ad aliud subite consilium per- 
ductum, ut amico absolutum quendam libellum dedicaret, gratu- 
laterio hoc scripto summas tantum res attingere, sed ampliore 
illo opere postea eas explicare voluisse. 

Quibus praemissis iam ad ipsum propositum transgrediamur. 
Ac primum quaerendum est, sintne aliqui scriptores, quorum 
Iibros se adiisse ipse nobis indicaverit. Atque 1. 7. 3 laudat 
M. Gatonem, cuius sententiam de tempore Capuae conditae sine 
dubio in Originibus prolatam valde impugnat: sed ut illum hoc 
loco inspexerit tantum abest, ut, quia Origines non evolvit. in 



22) cf. Pernicen 1. 1. p. 4 et 10. Rankium 1. 1. p. 267. 
'^) cf. Sauppium 1. 1. p. 147 sqq. 



— 16 — 

errorem seductus sit. Kes enim, id quod commode monet J. 
Belochius^), ita se habere videtur, ut Gato ducentos et sexaginta 
annos, quos teste Velleio inter Gapuam conditam et captam 
intercessisse auctor fuerat, non ex anno 542 a. u. c. (212 a. Ohr.) 
numeraverit, quo hello Piinico secundo capta, sed ex 415 (339) 
vel 439 (315), ubi a Homanis primum occupata est: ab hoc 
igitur anno ducentis illis et sexaginta retro numeratis Capua 
condita erit exeunte fere sexto a. Ohr. n. saeculo. Atque sie 
optime omnia convenire Belochius docet; Tuscorum enim colonia 
haec est, quorum illo ipso tempore res maxime florebant. Quae 
si recte sunt disputata, nee vero a probabilitate abhorrent, Yel- 
leius perperam intellexit sententiam Oatonianam. Nimirum prop- 
terea, quod Oatonem ipsum, cuius libri sane vetustatem sapientes 
iam Oiceronis aetate in oblivione iacebant^^), ut iam diximus, non 
inspexit, sed sententiam illius aut memoria tenuit aut, quod 
quidem magis crediderim, ex eodem fönte desumpsit, cui et quae 
praecedunt de Hesiodo et quae sequuntur de Olympiorum initio 
debet: scilicet Oomelii Nepotis chronicis. 

Altero vero loco (II. 16. 3.) laudat Hortensium, cuius ex 
annalibus plenum de virtute Minatii Magii, atavi sui, testimonium 
affert. Unde tamen nullo modo amplius qnidquam effici cogique 
potest quam annales illos aliquando eum perlegisse; plura igitur 
Hortensie deberi, quam quae hoc uno loco allata sunt, haud 
facile crediderim. 

Itaque cum ipse nos auctores suos ignorare voluerit, nobis 
fontes eins indagantibus ea via instituenda erit, ut in historiae 
argumenta intrantes de rebus factisque ab eo commemoratis 



2*) in ,Campanien.' edit. II. Vratislav. 1890. p. 8 sq. — cf. 
H. Dielsium in Herm. XXII. (1887) p. 416 sq. et ibid. not. 4. 

25) cf. Cic. Brut. 17, 65: ,Catonem vero quis nostrorum oratorum^ 
qoi quidem nunc sunt, legit? aut quis novit omnino? .... 66: Iam 
vero Origines eins quem florem aut quod lumen eloquentiae noa 
habent? Amatores huic desunt, sicuti multis iam ante saeculis et 
Philisto Syracusio et ipsi Thucydidi.' 



— 17 — 

agamus siDgulisque cum aliorum scriptoram narrationibus com- 
paratis, quid similitudinis vel diversitaüs inter eos intercedat, 
quaeramus: quae via etsi in Velleio, ut diximus, satis diffidlis 
est, tarnen neqae omnino clausa videtur neque ita impedita, ut 
eam ingressi quaestionem nobis propositam non ad aliquam pro- 
babilitatem perducere possimus. In iis antem, quae de singulis 
eins fontibus prolaturi sumus, quem ille in enarrandis rebus secutus 
est ordinem, eundem quam maxime ipsi quoque sequamur. 



PARS I. 

De Cornelio Nepote. 

Historiam scribere ezorsus quem primum quasi ducem sibi 

praeeuntem habuerit Velleius, demonstrat Sauppius (1. 1. p. 145 sq.), 

qui Ck)melium Nepotem hunc fuisse evincit ex iis, quae de Thes- 

salia 8.2, de Gorintho et Ephyra 3.8, de Homero cap. 5 et 

Hesiodo 7.1 deque tempore Garthaginis conditae 6.4 tradita simt. 

Guius argumentis equidem nihil habeo, quod adiciam, sed per se 

ipsa rem absolvunt. Quodsi iam saus constat prius hoc frag- 

mentum (I. 1 — 8.8) ex Nepotls chronicis fluxisse, quid tandem 

quaeso impedit, ne in eodem fönte, cuius iam patebat aditus, 

diutius eum haesisse statuamus? Nam discrepantiam illam de 

natalibus urbis a Nepote olymp. YII. 2, a Nostro ol. VI. 8 assig- 

natis, qua potissimum Sauppius adductus est, ut inde ab 8.8 

alios ei duces tribueret, minime huic sentenüae obesse ex iis, 

quae supra p. 6 contra Kaiserum disputavimus, apparebit: 

numerum enim Yelleianum memoriter ac sine ratione exhibitum, 

fortasse etiam mutandum esse yidimus. Nee vero crediderim 

scriptorem, ubi ad ipsas res Eomanas enarrandas accessit, subito 

ac sine ulla causa reliquisse Gomelii libros, qui summa tum 

auctoritate apud Bomanos florebant. Nam chartae illae doctae 

et laboriosae, ut ait GatuUus 1.5, quibus unus ille Italorum incluta 

2 



— 18 — 

Apollodori chronica secutus omne aeTum ezplicare ausus erat, 
studiosissiine lectitatae omnium in manibus versabantur et in 
scholis pueronim etiam institutioni inserviisse videntur.^ Hoc 
igitur iyyctpcfifq) quid commodius esse, quid magis arridere poterat 
Nostro, qui haudquaquam doctus nee litteratus ad historiam se 
contulit? Ac certe Gomeliani operis formam atque indolem imi- 
tatus initium soribendi inde ab antiquissimis temporibus cepit et 
universam, non solum Bomanam historiam, componere sibi sump- 
sit. Quod quidem consilium quomodo exsecutus sit, singillatim 
perspicere iam non licet, quoniam eam voluminis Velleiani partem, 
quae Graecorum ezterorumque res usque ad bella Macedonica 
gestas complectebatur, totam nobis invida fortuna abripuit. Sed 
re Vera Graecorum haud minus quam Eomanorum historiam ab 
eo tractatam fuisse luculentissime demonstrat unum fragmentum, 
quod hac ex parte servavit Priscianus VI. 68 p. 248 (H): ,Nec 
minus clarus ea tempestate fuit Miltiadis fiüus Cimon/ Quod 
quamvis exiguum frustulum sit, tamen, ut multum valet ad 
iiostram sententiam probandam, ita infirmat opinionem eorum, 
qui Attico patrocinantur. Librum enim annalem eins ab urbe 
condita incipientem^ solam Bomanam historiam comprehendisse 
neque exterorum, nisi quatenus artissime cum ea coniuncta erat, 
atiigisse patet cum ex Cicer. Orat. 34. 120: (Atticus) ,an 
norum septingentorum memoriam uno libro colligavit,' tum ex 
Oomel. Nepot. Attic. 18.1: ,nulla enim lex neque pax neque 
bellum neque res illustris est populi Bomani, quae non in eo 
suo tempore sit notata.' 

Jam vero cum Nepotem chronica sua ita instituisse sciamus, 
ut rerum ab utraque gente, et Bomanis et Graecis, gestarum 
ouTXpovtOfAouc componeret, quaerendum, nonne eiusdem ratio nis 
Testigia apud Yelleium reperiantur. Ac statim talia in prompt u 
sunt in capp. 14 et 15 libri I, coloniarum iUa tabula, ubi scriptor 



2^ Conferatur Mommsenus in Eist. Rom. III p. 614 sq. 
") cf. G. Fr. üngerum in Mus. Rhen. XXXV (1880) p. 19. 



— 19 — 

duobus locis fontis sui verbis nimis inhaerens praeter Romanas 
res, quid uno eodemque tempore apud Graecos acciderit, notat: 
Alexandriam conditaro esse eo ipso anno, quo Fundani et Formiani 
in civitatem redperentur (14.8), et quo anno Sinuessam Min- 
tumasque coloni missi essent, eo Pyrrhum regnare coepisse. (14.6.) 
Omnia autem, quae hie de temporibus coloniarum deductarum in 
unam speciem contracta legimus, in fönte latius diffusa ac dis- 
persa fuisse ipse disertis verbis indicat. Haec igitur capita ex 
Nepotis chronicis decerpta esse pro certo habere possumus. Atque 
eodem referenda videntur, quae de temporibus oratorum, poe- 
tarum, scriptorum etsi breyissime, tamen ita notavit, ut eum 
accuratiorem quandam notitiam ex fönte haurire potuisse per- 
spicias; exempli gratia animadvertas velim, quae de Sisenna 
tradit n. 9.5: ,historiarum auctor iam tum Sisenna erat iuvenis, 
sed opus belli civilis Sullanique post aliquot annos ab eo 
seniore editum est/ ubi ipsas annorum notas in fönte exstitisse 
intelligitur. Oum his autem si contuleris, quae infra cap. 36 
eodem modo de eminentibus posterioris aetatis ingenüs leguntur, 
tempora ibi multo minus accurate notata invenies, quod inde 
factum esse, ut fönte suo iam destitutus partim e memoria illam 
enumerationem conficeret, recte iudicat Kaiser. (1. 1. p. 24.) Ar- 
gumentis autem, quibus ille pro Attico utitur, in meum usum 
conversis haec Nepoti tribuere non dubito, quippe qui in chronicis 
suis illustrium virorum aetates necnon ingenio nobilium notaverit.^ 
Itaque si Yelleius I. 16. 4 miratus, quod eminentissima cuiusque 
professionis ingenia in idem artati temporis spatium congruerent, 
postquam eodem capite ac subsequente summos et Graecorum et 
Eomanorum poetas, philosophos, historicos enumeravit, sie pergit 
I. 17.4: ,hoc idem evenisse grammaticis, plastis, pictoribus, 
scalptoribus, quisquis temporum institerit notis, reperiet ..." 
— an his quoque verbis ad chronica ista respexerit nescio. 

28) Cf. fragmenta chron. Nepot. apud Her m. Peterum ,Historico- 
rum Romanorum fragmenta' (Lipsiae 1883) p. 218 fr. 2 de Homeri et 3 
de Archilochi aetate. 

2* 



— 20 — 

Aliud vero Cornelianae eruditionis genus, ni fallor, ea pro- 
dunt, quae de aedificiis monumentisque publicis urbis Bomae 
antiquae referuntur, yeluti de porticibus I. 11.8 a Metello, n. 1.2 
a Scipione Nasica et Cn. Octavio, n. 8. 3 a Minucio exstructis, 
I. 15. 3 de Cassii theatro. His enim atque talibus, quae OomeliuB 
postea iustis ,Exemplorum' libris explicavit, eum iam in priore 
opere chronologico pro ingenio suo aliquid curae impendisse veri 
simile est. Sed Velleius cum baec inseruerit velut antiquae 
simplicitatis, recentis luxuriae exempla, eodem fortasse ex fönte 
petiit narratiunculas quasdam eo consilio allatas, ut suae aetatis 
moribus luxu perditis severissima maiorum instituta opponeret. 
Cuiu8 generis optimum sane exemplum babes II. 10. 1, ubi 
seyeritate censorum Cassii Longini Caepionisque notata, qui 
centum quinquaginta tribus annis ante Yinicii consulatum Lepi- 
dum augurem ob aedes sex milibus HS. conductas in iudicium 
traxerunt, ad suum tempus respiciens addit: ,at si quis bodie 
tanti habitet, vix ut Senator agnoscitur.' Quam quidem narra- 
tiunculam nisi ex cbronicis libris fluxisse statuo, intelligere 
nequeo, cur rei tarn parvulae temporis notationem subiunxerit, 
id quod nisi in gravissimis factis ad rempublicam pertinentibus 
numquam fere fieri solet. 

Verum ne quis coniecturis nimis me indulgere dicat, bis 
pauds acquiescere volo, nee vero omnia, quae Nepoü debentur, 
investigari posse per se darum est. Gontentus equidem sum, 
si mibi conceditur, id quod satis me probavisse spero, in Homanis 
quoque rebus enarrandis ultra terminum a Sauppio positum non- 
nulla ex cbronicis illis arcessita esse. Quae quatenus adhibita 
sint, non babeo dicere, praesertim cum ne hoc quidem constet, 
quo anno Nepos libros suos ediderit^^) quemque ad terminum 
renim memoriam in iis produxerit. Tamen quo copiosior fit 



^) Aliquot annis ante 700 u. c. (54 a Chr.) eos innotuisse ex 

verbis Catulli 1.5: ,iam tum, cum ausus es unus Italorum * 

cognosdtur. Ludovicum Schwabium(Quaestiones CatuUianae. Gissae 
1862 p. 295) si sequimur, prodierunt intra annos 687 = 67 et 690 = 64. 



— 21 — 

narratio, eo magis chronologici fontis indicia rarescunt orescen- 
tibus siinul iis, qnae ad Livium, primarium eius anctorem, ducunt, 
neque ultra Snllana tempora, quid ad Nepotem referri possit, 
omnino non invenio. — Sed iam ad alteram disputatioiiis nostrae 
partem transgrediamur. 



PARS IL 

Quid e vitarum scriptoribus desumpserit Velleius. 

A. Libros de viris illustribus 
inter fontes eius fuisse demonstratur. 

Dudum viris doctis de Vellei ingenio atque indole dispu- 
tantibus observatum est cum aliis tum Sauppio (1. 1. p. 166 sqq.) 
eum in historia primum vel potius unicum locum tribuisse ho- 
minibus, adeo ut ipsa gravissima facta ad eos, qui primas in 
republic^t partes egerunt, referret, nonnumquam etiam rerum 
gestarum ordine inverso ea, quae ab uno eodemque viro iUustri 
gesta erant, coniunctim narraret. Nee vero satis habet historiam 
quasi vitas illustrium virorum scribere, sed de his ipsis multa 
plura affert, quam omnino cum perpetuae historiae ra^one con- 
veniunt. Nam ubicumque in clariorem aliquem virum incidit, huius 
memoriam altius repetens genus, famiüam, pueritiam vitaeque 
prioris spatium, antequam ad rempublicam accesserit, enarrat et 
in moribus ingenioque eius illustrandis libenter commoratur: unde 
factum est, ut in brevissima rerum adumbratione de singulis viris 
nonnulla, quae quasi superyacanea videntur, interponeret. Atque 
hoc quidem scribendi genere, quod alienum sane a scriptore, qui 
perpetuam historiam tractandam sibi proposuit, ad vitarum potius 
auctorem quadrat, nonne etiam, qualis fons interdum a Nostro ad- 
hibitus Sit, indicatur? Itaque cum mihi persuasissem inter 
fontes Vellei fuisse libros quosdam de viris illustribus, 



— 22 — 

eandem in opinionem Jo. Rosenhauerum'^) iam inddisse haud 
sine magno gaudio cognovi. Sed quae breviter ille adnotavit, mihi 
peculiariter in fontes Vellei inquirenti pluribus hie disserere lieeat. 

Ex vitarum igitur scriptore — vel si magis plaeet scriptoribus 
— ea fere Nostrum desumpsisse statuo, quae, cum ad singulos 
tantummodo homines, non ad universae civitatis historiam per- 
tineant, continuum rerum ordinem intemimpunt atque primo quasi 
obtutu additicia agnoscuntnr, saepe etiam a vulgari scientia, 
ut Rosenhauer ait, remotiora sunt, quam quae ex perpetua aliqua 
historia hausta esse possint. Cuius generis, ut iam singula 
percurram, primum exemplum videtur, quod de L. Aemilio 
Paulo I. 9. 3 tradit: eum, antequam contra Fersen mitteretur, 
et praetorem et consulem triumphasse. De praetorio iliius 
triumpho et Liyius tacet, cui cetera huius capitis deberi infra 
(p. 38 sq.) videbimus, et elogium Pauli statuae ab Augusto in 
foro Martis subscriptum (C. J. L. I. p. 289, nr. XXX) duos 
tantum triumphos ei consuli tribuit. Altero quidem elogio, quod 
arcu Fabiane incisum erat (G. J. L. I. p. 279, nr. I) ter trium- 
phasse dicitur, ubi adnotat Monmisenus: ,Faullus quoniam ter 
imperator appellatus est, pro duobus triumphis tres ei tribuuntur 
cum in hoc elogio c. a. 698 inciso, tum apud Yell. I. 9. Pertinet 
hoc ad augentes, ut Liyius ait (XXII. 31), titulum imaginis 
posteros." Sed hoc ex titulo cum Velleius sua haurire non 
potuerit — accuratius enim rem tradit — , ex vitae Pauli scrip- 
tore, ut opinor, haec desumpsit, qui eodem modo in maiorem 
iliius gloriam honores eins auxerat. 

Dixeris hanc unam rem memoriter additam esse. Audio. 
Attamen quae de Metello Macedonico cap. 11. 2 — 7 leguntur, 
magis iam ad talem fontem, qualis mihi in animo est, pertinere 
videntur. Primum enim de Metelli et persona et familia multo 
plura refert quam uUus perpetuae historiae auctor, veluti Florus, 



^) Symbolae ad quaestiones de fontibus libri, qui inscribitur de 
viris illustribus urbis Romae. Campoduni 1882. p. 16 sq. Excursas. 



— 23 — 



cuius de Metello narrationem bene comparat Eosenhauer. (1. 1.) 
Deinde ipsa iam transitionis formula: ,hic est Metellus Mace> 
donicus/ qua praeter hunc locum eadem ratione U. 4.4(,hic est 
Opimius') usurpata additamentum quoddam indicatur, certe talis 
est, ut ^el hinc concludere possis haec aliunde ac quae praecedimt 
petita esse. Postremo omoia ad unum MeteUum relata sunt: 
eum Alexandri turmam statuarum ex Macedonia detulisse (§ 4), 
Homae primum omnium aedem ex marmore fecisse (§ 5), et 
vivuin (§ 6) et mortuum (§ 7) felicissimum fnisse — quae quidem 
in perpetua historia locum habere non poterant. Atque idem 
statuo de n. 5. 2, ubi narratio manifesto extra continuum hi- 
storiae ordinem posita singularem ostendit similitudinem cum libro 
de yiris illustribus u. B. itemque cum Ampelii libro memoriali. 
Velim enim conferas: 



Auct. de vir. ill. 61. 4: 
(Metellus) apud Contrebiam 
oppidum (V) cohortes loco 
pulsas redire et locum reci- 
pere iussit. 

Ampel. 18. 14: 
(Metellus Macedonicus), qui 
Contrebiam, inexpugnabilem Hi- 
spaniae civitatem, iussis testa- 
menta scribereetvetltis redire 
oisi vicissent militibus occupavit. 



VeD. n. 5. 2 et 3: 
tam severum iUius Q. Mace. 

donici Imperium fuit, ut, 

cuip urbem Contrebiam nomine 
in Hispania oppugnaret, pulsas 
praecipiti loco quinque co- 
hortes legionarias eodem 
protinus subire iuberet: 
facientibusque omnibus in 
procinctu testamenta, . . . . 
militem victorem recepit. 



Similia etiam leges apud Yalerium Maximum ü. 7. 10 et 
Frontinum IV. 1. 23 eodem fortasse auctore usos. Sed de ma- 
t^ria a Velleio ex vitarum libris hausta quaerenti cum Pseudo* 
Victore potius et Ampelio mihi res sit, quorum narrationes e 
prolixioribus eiusdem auctoris vitis decerptas esse constat. Nonne 
igitur Velleium haud leviter nee fortuito cum utroque congruentem 
eundem quem illos fontem adiisse veri est simillimum? — Iterum 
forte dixeris hoc uno exemplo parum vel nihil probari. Sed 
accedunt alia eaque opinor graviora. 



— 24 — 



Quae I. 12. 3 et 4, fortasse etiam 18. 3, ac mazime II. 4. 
4 — 7 apud Nostrum leguntur, reliquias vitae P. Scipionis 
Africani minoris esse statim in oculos incunit: adeo onmia 
ad unum hunc virum, ad priorem eius vitam enarrandam moresque 
illustrandos spectant. Haec autem Scipionis, ut ita dicam, yita 
mirum in modum concinit cum Auct. de vir. iU. cap. 68, id 
quod ex integris utriusque verbis fädle intelleges. 



Auetor de vir. ill. cap. 68: 

1. P. Scipio Aemilianus, Pauli 
Macedonici filius, a Scipione 

Africano adoptatus 2. Lu- 

cullo in Hispania legatus apud 
Intercatiam oppidum provocato- 
rem singulari proelio vicit. 3.Mu- 
ros hostilis civitatis primus a^ 
cendit. 4.Tribunusin Africasub 
T. Manilio imperatore octo co- 
hortes obsidione vallatas consilio 
et virtute servavit, a quibus Co- 
rona obsidionali aurea donatus. 
S.Oum aedilitatem peteret, consul 
ante annos ultro factus Cartha- 
ginem intra sex menses delevit. 

8. Ob res gestas superbus 
Gracchum iure caesum videri 
respondit, obstrepente populo: 
Taceant, inquit, quibus Italia no- 
▼erca, non mater est, et addidit: 
quos ego sub corona vendidi. 

10. Suscepta agrariorum causa 
domi repente exanimis in- 
ventus, obvoluto capite 
elatus, ne livor in ore appa- 
reret. 



Vell: 

I. 12. 3. P. Scipio Aemilianus 

quem Paulo genitum, adop- 

tatum a Scipione, Africani filio, 
diximus, aedilitatem petens con- 
sul creatus bellum Carthagini 
.... maiore vi intulit, cum ante 
in Hispania murali corona, in 
Africa obsidionali donatus esset, 
in Hispania vero etiam ex pro- 
vocatione ipse modicus virium 
immanis magnitudinis bestem 

interemisset; eamque urbem 

funditus sustulit. 

IL 4. 4. hie, cum interrogante 
tribuno Carbone, quid de Ti. 
Gracchi caede sentiret, respon- 
dit, si is occupandae reipublicae 
animum habuisset, iure caesum; 
et cum omnis contio adclamasset, 
hostium, inquit, armatorum to- 
tiens clamore non territus, qui 
possum vestro moveri, quorum 
noverca est Italia? 5. Reversus 
in urbem intra breve tempus .... 
mane in lectulo repertus 
est mortuus, ita ut quaedam 



— 25 — 

elisanun faucium in cervice re- 
perirentur notae. 6. De tanti 
viri morte nulla habita 
est quaestio eiusque cor- 
pus velato capite elatum 

68X> • • • • 

His igitur locis inter se coUatis nisi qui valde pertmax 
fuerit dubitare desinet. Quamquam emm modo hie modo ille 
singulas res aecuratius enarrat, tamen Noster tantum abest ut 
Auetori de vir. iU. repugnet, ut eum supplere videatur et vice 
versa. Itaque cum neque dubium sit, quin uterque eundem ante 
oculos habuerit scriptorem, et caput illud 68 de vir. ill. ex vita 
quadam AMcani excerptum sit, probabile argumentum nactus 
esse mihi videor Nostro quoque ad manus fuisse libros de viris 
illustribus, quos hie illic in subsidium vocasse videtur 
accuratiorem inde clarorum virorum notitiam petiturus. 

Longius progredi vereor; quis enim communis hie fuerit 
auctor, vix dici potest. Gogitare possis de Gornelii Nepotis 
de viris illustribus" libris, commodo sane Yelleio fönte et 
chronicorum quasi Supplemente.^^) Huc accedit, quod narrationem 
de morte Scipionis, qualis apud Nostrum et Auct. de vir. illustr. 
exstat, eandem habet scholiorum Bobiensium quae dicuntur 
auctor '2), ita ut fortasse huno quoque inter expilatores communis 
iUorum fontis numerare liceat. Si autem scholiasta ille, sicut in 
Graecorum ducibus illustrandis sine dubio secutus est Gomelium 
Nepotem^, ita in Eomanis ducibus eundem adhibuerit, id quod 



*^) cf. Mommsenum in Hist. Rom. III. p. 614 sq. 

^) p. 283 Or. : ,P. Scipio Aemilianus .... repentina morte domi 
suae interceptus est .... in eiusque faudbus vestigia livoris inventa 
sunt' Adde quod scholiasta eodem loco aetatem Scipionis — alt 
enim: ,qui excessit vita sex et quinquaginta annos natas* — eandem 
quam Noster § 7 indicat. 

^) cf. Orellium in edit. schol. p. 312 not. 5. E. Woelfflinium 
in-Bursian. Annal. III (1879) p. 791. 



— 26 — 

statuit Hermannus Hauptius^); porro si idem cadit in Ampe- 
lium^, quocum Nostrum cognatioiiem quandam habere modo 
yidimus: nonne etiam veri siinile sit Nepotis libros de viris 
illustribus fontem füisse cum Pseudo-Victori, ut nonnulli iam 
coniecenmt^), tum Nostro? — Verum haud ignoro ab aliis 
doctissimisque viris hunc, qui inter Ampelium et Auctorem de 
vir. iU. intercedit, consensum ad Hyginum referri^, et herde 
fieri nequit, ut ex paucis Ulis indiciis res ad liquidum con- 
fessumque perducatur. Quapropter ex periculoso hoc itinere 
pedem referens equidem satis habeo, eam materiam investigasse, 
quae non ex perpetua quadam historia, sed ex vitis virorum 
vel in hello vel in toga illustrium, quales in capp. 18 et 19 
ab Ampelio enumerantur, deprompta videtur: quam si deno- 
tavero, ipsa nomina expiscari vix quidquam intererit. 

Ad propositum igitur reversus diiudicare non ausim, utrum 
ad Mummii vitam Noster respexerit necne, quamquam, ni 
fallor, nonnulla eius vestigia apparent. Nam quod dicit I. 
13. 3 ex novis hominibus neminem priorem Mummio cognomen 
virtute partum vindicasse (cf. II. 128. 2), itemque quod morum 
eius argumentum affert ibid. 4: capta Gorintho cum tabulas 
ac statuas in Italiam portandas locaret, edixisse eum condu- 
centibus pro perditis novas reddendas esse: ea vix ex histo- 
rico fönte originem traxerunt. Eandem mihi suspicionem mo- 
vent nonnulla de Gracchis 11. 2 et 3; 6 et 7 deque Mario 
11 et 12 tradita, quae similia quidem, sed magis etiam am* 



3*) in ,Philolog. Anzeiger' X (1879/80) p. 403. 

35) cf. E. Woelfflinium, de L. Ampelii libr. memor. Dissert. 
Gotting. 1856. p. 32 sqq. Herrn. Hauptium, de auct. de vir. ill. libro 
quaesUones historic. Dissert. Virceberg. Francofurti 1876 p. 27 sq. 

^) veluti H. Haupt i US 1. 1. p. 36 et ,Philolog. Anzeiger' 1. 1. Jo. 
Rosenhauer in ,PliiIolog. Anzeiger' XIII (1883) p. 744. 

37) cf. E. Woelfflinium, de L. Ampelii libr. memor. p. 35 sqq. 
H. Hildesheimerum, de libro qui inscribitur de vir. ill. u. R. quae- 
sUones historicae. Dissert. Bcrol. 1880. p. 23 sqq. 



— 27 — 

bigua sunt. Gonfidentius iam Titarum scriptori tribuerim, quae 
de M. Livio Druso narrantur. Dictum enim illud, quod 
moriens edidit: ,ecquandone similem mei civem habebit respu- 
blica?' (14. 2), quod a vulgari sdentia prorsus abhorret — 
neque enim alibi usquam legitur — , itemque narratiuncula 
praeter Nostrum a Plutarcho (Praec. politic. 800 E) solo re- 
lata, quam morum eius testimonium subiungit (§ 3), ut certe 
ab historico fönte aliena sunt, ita aptius quadrant ad librum, 
in quo Drusi vita descripta eiusque mores vel minimis rebus 
levissimisque narrationibus illustrati erant. 

Iam vero de Sulla dicendum est. Cuius in consulatum 
ubi incidit scriptor, statim ad priorem eius vitam recurrens 
narrat 11. 17. 2 et 3: cum fuisse natum nobili familia, sextum 
a Gomelio Bufino, qui beUo Pyrrhi inter celeberrimos fuisset 
duces, diuque ita se gessisse, ut nullam petendi consulatus 
cogitationem habere videretur, deinde post praeturam bello 
Italico et ante in Gallia legatione sub Mario inlustratum ex 
successu animum sumpsisse petentemque consulatum paene om- 
nium civium suffragiis factum, sed eum honorem undequinqua- 
gesimo aetatis suae anno adsecutum esse. — Haec quidem 
omnia ad vitae quendam scriptorem referenda esse vix opus 
est monere: adeo iam res aperta ac dilucida videtur. Sed in 
ceteris quoque, ubi res a Sulla gestae secundum historiae or* 
dinem referuntur, eodem ex fönte pauca intermixta esse mihi 
quidem demonstratur consensu, quem hie iterum deprehendi 
inter Nostrum et Auct. de vir. ill. cap. 75 sine dubio ex vita 
decerptum. Narrat enim Velleius I. 27. 5 Sullam Mario adu* 
lescente, quem Praeneste oppugnaverat, occiso Felicis nomen 
assumpsisse, quod plane idem leges apud Ps. Yictorem 76. 9: 
,Mario Praeneste interfecto Felicem se edicto nominavit.^ 
Qui consensus alicuius momenti est proptereä, quod ceteri 
scriptores, qui huius rei mentionem iniciunt, longo aliter eam 
tradunt. Appianus enim quantum a Nostro differt! qui dicat 
b. c. I. 97 Felicem Sullam ab adulatoribus ob continuos rerum 



— 28 — 

successus Yocatum esse: quam adulationem in perpetuum postea 
oognomen cessisse. Plutarchus autem etsi narrat (Süll. 34) 
SuUam edicto se Felicem nominari iussisse, tarnen post vel 
potius propter Mariiun occisum id factum esse ignorat. Cum 
autem hie certum eins, quem quaerimus, fontis indicium teneas, 
invitaberis fortasse, ut, quod dicit Noster 28. 3 et Ps. Victor 
ibid. 10: primum omnium SuUam proscriptionis exemplum in- 
yenisse, ad eundem fontem referas. Ex vita etiam Sullae mar- 
gorum vaticinium (24. 3) haustum videtur, quod cum iis, quae 
proxime antecedunt et quae statim subsequuntur, ita non cohaeret, 
ut salvo rerum conexu facillime ab iis separari possit. Re yera 
autem Parthorum legati, in quibus magi illi erant, non, ut Noster 
dicit, ad Sullam in Italiam reveclurum venerunt, sed iam decem 
annis ante, cum ex praetura ille Giliciam obtinuisset et Ariobar- 
zanem in Cappadociae regnum restituisset; cf. praeter Liv. 
Perioch. LXX Plut. Süll. 5, qui suo loco rem narrat. Hanc 
igitur narratiunculam, quae vel coUocatione temporum ordini 
repugnante addlticia agnoscitur, in vita Sullae inventam hoc 
loco interposuit, alieno quidem illo, sed haud inopportune, quo- 
niam Sulla tum ad felicitatem a magis promissam in Italiam 
redibat. (cf. Krausii adnot. ad h. 1.) 

Pomp ei quoque vitam ad manus ei fuisse conicere licet ex 
iis, quae cap. 29 initio, ubi illum primum in scaenam producit, 
de origine ac famiüa eins dicit: eum fuisse genitum matre Lu- 
cilia stirpis senatoriae. Eodem statim loco (§§ 2 — 6) tam accu- 
ratam ingenii morumque eins descriptionem subiungit, ut intimam 
illius viri notitiam eum habuisse appareat fortasse ex vita illius 
perceptam. Nam quae inter alia in Magno praedicat: fuisse eum 
forma excellenti, dignitate constantiaque, quae ad ultimum vitae 
diem eum comitata sit, innocentia eximium, sanctitate praedpuum, 
eloquenüa medium, amicitiarum tenacem, in offensis exorabilem, 
in reconcilianda gratia fidelissimum cett. — haec ut talia sunt, 
quae in perpetua aliqua historia vix locum habuerint, ita ap- 
tissime quadrant ad scriptorem, qui vitae eins imagine diligenter 



— 29 — 

expressa non solum exposuerat, qualem in imperiis ac magistra- 
tiBus pace beUoque se gessisset, sed eüam interiorem ac familiärem 
eius vitam quibusque moribus domi et inter suos privatus egisset 
descripserat Eiusdem fontis vestigia et postea alüs in rebus de 
Pompeio allatis, quae ad eum solum spectant, latere yidentur"); 
singula tarnen si quis detegere vult, vereor, ut multum proficiat. 
Magis etiam ab historia ad ßtorpa^^ov, ut Graeco verbo utar, 
Velleius deflexit in Gaesare. Guius ubi primam mentionem 
facit cap. 41 initio, viri magnitudine, ut ait, morari ooactus ad 
genus familiamque eius recurrit et res ad consulatum usque ab 
eo adolescente vel iuvene gestas hoc duobusque, quae sequuntur, 
capitibus satis copiose describit: quo facto cap. 44 initio verbis: 
,hoc igitur cons^üe' ad historiam propositique operis fomam 
se revocat. Atque in bis quidem capitibus eum non secutum 
esse scriptorem, qui perpetua disputatione historiam enarrayerat, 
in propatulo est. Sed fortasse etiam fontem, qualis fuerit, per- 
spicere hie liceat. Ac Rankius quidem, qui singulis rebus per- 
pensis iisque cum aliorum, Plutarchi (Gaes. 1 sqq.) maxime et 
Suetonil (Gaes. 1 sqq.), narrationihus comparatis veriora ac 
probabiliora Nostrum quam ceteros omnes tradidisse demonstrat'^, 
eo inclinare videtur, ut in his inesse credat, quae ex ipsa Gae- 
sarum domo fando audiverit scriptor.^) Quod haud ita a pro- 
babilitate abhorret. Narratio enim de eius reditu in Italiam, 
quae apud nullum alium, qui hodie exstant, scriptorum legitur 
(43. 2: ,conspectis, ut putabat, piratarum navibus cum exuisset 



^) veluti 31. 1, ubi narrat Velleius, id quod nusquom legitur» 
consulem eum perquam laudabiliter iurasse se in nuUam proviociam 
ex eo magistratu iturum; vel etiam 33, 4: Lucullum ab eo Xerxen 
togatum Yocatam esse. [cf. Flin. IX. 64; Plutarchus autem (Luculi. 
39) Tuberoni Stoiqo illud dictum tribuit.] 

«») 1. 1. p. 270 sq.; cf. p. 323 sqq. 

^^) 1. 1. p. 323: Job glaube, diese Version (de ministris Bullae 
adiutoribusque partium magis quam ipso Caesarem ad necem conqui- 
rentibus) ist vorzuziehen, da Velleius aus dem Hause der Cäsaren 
eine unmittelbare Kunde gehabt haben kann.* 



— 30 — 

vestem alligassetque pugionem ad femur alterutri se fortunae 
parans, mox intellexit frustratum esse Visum suum arborumque 
ex longinquo ordinem antemnarum praebuisse imagineni'), ita 
sane comparata est, ut ultiino loco ad naUuin nisi qui praesens 
affuit, Gaesarem igitur ipsum aut comitantes duos amicos redire 
possit. Ac cum didt Noster c. 43 extr.: ,reliqua eius acta, quo 
notiora sunt, minus egent stilo,' haud scio an Ms verbis significare 
Toluerit omissis yulgaribus nova potissimum necdum litteris man- 
data de Oaesare se attuüsse. Verum sive famam ac rumores, 
quales suis temporibus de Divo Julio hominum aulicorum ser- 
monibus circumferebantur, sive iustam Gaesaris yitam multis tum 
scriptoribus ac maxime ipsius amicis^^) expositam secutus est: 
certe quae bis capitibus continetur memoria, optimae est notae 
quaque in condenda auctorem bonum ac fide dignum habuerit 
necesse est. 

B. Augusti de vita sua commentarios 
adhibitos esse demonstratur. 

Hestat unus, cuius quasi vitam descripsit Yelleius, Octa- 
vianus Augustus. Ad quem ubi narratio cap. 59 deducta est, 
more suo ab historia digressus de origine ac pueritia eius multa 
inserit, quae ex ratione satis iam significata ad libros de vita ac 
rebus eius compositos referenda sunt, simul autem tantam prae 
se ferunt auctoritatem tantamque Imperatoris ostendunt notitiam, 
ut hie tandem auctorem certissime agnoscamus. Fuisse vero 
hunc neminem alium nisi ipsum Gaesarem Augustum, qui Suetonio 
(Aug. 85) et Suida (I. p. 851 B) tesübus vitam suam Gantabrico 
tenus belle tredecim libris exposuit, facile apparebit, si quae 
cap. 59 initio de patre ac familia eius commemorantur (,fuit G. 
Octavius ut non patricia, ita admodum speciosa equestri genitus 
familia") comparaveris cum Suet. Aug. 2, qui dicit: ,Ipse 

^0 1^0 vita Gaesaris scripseront ex amicis eius Hirtius (cf. bell. 
Gall. ym praef.), Cornelius Baibus (cf. Suet. Caes. 81), 0. Oppius 
(cf. Plut. Pomp. 10. Caes. 17. Suet. Caes. 53) aliique. 



— 31 — 

Augustus nihil amplius quam equestri familia ortum se scribit 
vetere ac locuplete, et in qua primus Senator pater suus fuerit.* 
Hoc igitur loco Suetonius expressis verbis fontem suum indica- 
yit; eundem aliis exhaustum esse ut per se verisiimle est, ita eo 
demonstratur, quod in cetera eins narratione plurima insunt, 
quae, quoniam ad intimam Octayiani historiam, ad familiam ac 
parentes eius pertinent, vix aliunde scire adeoque tradere potuerit 
nisi ex ipsius Imperatoris libris. Atque idem cadit in alterum 
Augusti biographum, Nicolaum Damascenum, qui, cum vivo ad- 
, huc Imperatore imaginem vitae eius, amicissimi sui, exprimere 
aggrederetur, commentarios illius pauIo ante editos haud neglexit. 
Ex borum igitur narrationibus cum Octaviani ex parte restitui 
possit, quid Noster inde decerpserit, facillimum erit investigare. 
Ac primum quidem Yelleius in ceteris quoque, quae de Oc- 
taviani patre affert, egregie ac paene mirifice cum Suetonio con- 
sentit. Etenim cum dicit § 2: gravem, sanctum, innocentem, 
divitem eum fuisse, haec explicantur iis, quae Suetonius in cap. 3 
exhibet: ,C. Octavius a principio aetatis et re et existimatione 

magna fuit amplis enim innutritus opibus honores et adeptus 

est facile et egregie administrarit/ In bis vero ipsum agnosces 
Augustum, qui de genere et maioribus suis in primo commen- 
tariorum exposuerat, ut se ab origine ignobili patris a nonnullis 
ac maxime ab Antonio ei obiecta. (cf. Suet. ibid. et 4) vindicaret.^) 
Dein uterque narrat Octavium Atiam in matrimonium duxisse, 
ex praetura Macedoniam sortitum in eaque Imperatorem appellatum 
esse, ad petitionem consulatus decedentem obiisse ; cf. V eil. ibid. 
c. Suet. cap. 3 extr. et 4. Porro quod refcrt Noster § 3 Oc- 
tavianum patre mortuo a Oaesare adamatum ut suum in His- 
paniam illum adsecutum neque umquam aut alio usum esse hos- 
pitio aut aUo vectum vebiculo quam avunculi, suspicari licet, 
Augustum hanc rem haud ita gravem in commentariis ideo 



^^) Cf. M. Aug. Weicher tum, Imperatoris Caesaris Augusti 
scriptorum reliquiae. Grimae 1846. p. 203. 



- 32 — 

commemorasse, ut legentes ab initio iustum legitamumque filium 
ac heredem Divi Julii se putarent. Hie autem si coniunxeris 
narrationes Suetonii (cap. 8), qui tantum dicit Octavianum in 
Hispanias profectum esse, et Nicolai (Bfo; Ka^oapo; 11), qui in 
hospitio Caesaris eum tum fuisse addit (i^airdCrco xal o{>€apLf; fAtd^ct 
6fAo^a(T^v Te (Ixcv), eadem fere habebis, quae apud Nostrum leguntur. 
Deinde pontificem eum a Oaesare factum esse sicut Noster et 
Nicolaus (cap. 4) tradit. Tum vero, quae apud Velleium se- 
quuntur (§ 4), Octavianum Apolloniam in studia missiun esse a 
Oaesare, ut belli Getici ac deinde Parthid eum commilitonem 
haberet, iterum bene concordant cum Suet. 8: ,Oaesare post 
receptas Hispanias expeditionem in Dacos^*) et inde in Parthos 
destinante praemissus Apolloniam studiis vacavit.' Adde quod 
iisdem fere verbis hunc locum exhibet Appianus (b. c. HI. 9: 

quem aliqua ratione, fortasse Strabone interiecto, hac in parti- 
cula (capp. 9 — 23) cum Au^sti commentariis cohaerere certum 
est ^) ApoUoniae autem de Oaesare occiso certior factus Octavi- 
anus statim cum Salvidieno et Agrippa consultat (§ 6), quonim 
nomina solus omnium hie notavit Velleius. Quis autem, quaeso, 
consilia tum inter eum et amicissimos inita rescire, quis (^ iis 
tradere poterat praeter Augustum? Hanc igitur rem primo 
saltem loco ab iUo exiisse certum, atque ex ipsis Imperatoris 
commentariis a Nostro depromptam esse veri simillimum est. 
Deinde centuriones legionum Macedonicarum operam Octaviano 
pollicitos esse Noster tradit, nee tacent Nicolaus cap. 17 et 



^') Dacos ut eiusdem stirpis nationem saepissime a scriptoribus 
cum Oetis confundi constat. cf. editores ad h. 1. 

^) Paulus Bailleu (quomodo Appianus in bellorum civilium libris 
II— V usus sit Asiuii Pollionis historiis. Dissert. Gotting. 1874) de- 
moDStravit Appianum hanc partem non ex Augusti commentariis, sed 
ex auctore, qui illis iam usus erat, hausisse. Quem ipse quidem Asi- 
nium fuisse statuit; sed Pauli Ottonis disquisitionibus (inStud. Lips.XI 
supplem. 1889. p. 245 sqq.) admodum probabile factum est unicum fere 
Appiani auctorem bis in libris fuisse Strabonem. 



— 33 



Appianus cap. 10 extr. Tum vero Octavianum Homam profec- 
turum nave antea ad Lupias prope a Brundusio appulsa ibi ali- 
quamdiu ctmctatum esse Noster qtddem omisit, quod aut brevi- 
tati tribuendum est aut etiam consilio, ne prindpem, si eum non 
statiin Brnndisium vectiun esse narrasset, in suspicioDem timoris 
adduceret. Bomam autem adventanti immanis amicorum fre- 
quentia occurrit (§ 6), quocum conferas App. c. 12: &Seuev U 
PfufjL7)v auf dEtoX^^Y«? itXi^ftet ««j^Ofjifvfp fjiäXXov kxdarrfi i^fxipac. Contra 
prodigium, quod eo urbem ingresso visum est, a Suetonio, 
Nicoiao, Appiano omissum non ex Augusto, sed ex Livio fluxit. 
(cf. infra.) Cap. 60 quoque initio scriptor quam proxime 
ad Nicolai et Appiani narrationem accedit. Tradunt enim 
baecce: 



Nicol. Dam. 18: 

6 iratpcüoc O^Xiinroc Ce^fxevoc fi)] 
icpocEX&Etv Tig Kafaapoc xX7]povo[x(^, 
cpuXdSaa&ac 6^ xal 0^x6 Touvofjia, 8i* 
8 irrfOot xelvoc, C^v 6' dcicpayfjLdvoic 
xal dacpaXfüc. 

App. m. 13: 

(^LKtP^fYJ TS Xl^YOJV TOÜ Xd^Oü,) 

&a y^i xiv6uveueiv ol xaX6v eti] {xdvov, 
dXXd xal Ovi^oxetv, e{ rpoxpidek h. 
icdvTcov e{c ToaauTa utco xoO Ka(- 
oapoc dvdf^toc o^tou ^(voito ^tXoxtv- 



Vell. 60: 

1. Non placebat Atiae matri 
Philippoque vitrico adiri no- 
men invidiosae fortunae 
Caesar is .... 2. sprevit itaque 
caelestis animus humana con- 
silia et cum periculopotius 
summa quam tuto humilia 
proposuit sequi maluitque 
avunculo et Caesari de se 
quam vitrico credere, dicti- 
tans nefas esse, quo no- 
mine Caesari dignus esset 
Visus, semet ipsum sibi 
videri indignum. 



His igitur locis inter se collatis mihi non iam opponi posse 

arbitror ita scripsisse Velleium, ut, quae allquando in Augusti 

commentariis legisset, in memoriam revocata suis verbis redderet. 

Immo tantus eins cum aliis commentariorum expilatoribus con- 

sensus est, ut oculis fonüs verbis inhaerentibus illa eum exscrip- 

8 



— 34 — 

sisse necesse sit, sive, ut supra diziinus, copias coUegit sive res 
statim chartis suis mandavit. 

Denique ex commentariis pendet Noster in colloquio enar- 
rando, quod Octavianus cum Antonio habuit. (§ 3.) Nam Ap- 
planus Velleianum illud ,yix admisso' bene explioans solus auctor 
est (ibid. 14) Octaviano, antequam ab Antonio admissus sit, 
diutius investibulo morandum fuisse; qua quidem in re eum per 
fontem suum, ut praediximus, Au^sti commentariis u^um esse 
inde efficitur, quod ipsa verba ab utroque in colloquio facta dili- 
genter ac copiose (capp. 15 — 20) exhibet totamque narrationem 
in favorem Augusti vertat. 

Inde a § 4 scriptor ad historiae ordinem reversus 
Livium, primarium suum ducem, sequi pergit qui cum ipse 
quoque, ut yidebimus, Imperatoris commentarios adhibuerit, 
utrum ex bis an ex Livio hauserit Noster, non semper facile 
est diiudicatu. Llorum tamen vestigia certissime perspicere 
licet nonnullis locis, ubi scriptor haud sine yeritaüs damno a 
Liviana memoria digressus Octaviano se addixit, qui sui defen- 
dendi causa libros suos exaraverat, id potissimum spectans, ut 
omnia, quibus perpetratis se unum populi Romani dominum 
fecisset, in oblivionem venirent neve quemquam novi Status 
paeniteret^. En loci, quibus Noster Augusti quam Livü nar- 
rationem sequi maluit. 

65. 1. Antonius Octavianum et admonuisse et quodammodo 
coSgisse dicitur, ut secum societatem iniret. Sic fortasse Augustus 
in commentariis suis rem narraverat. Verum enim vero aliunde 
(ex App. m. 96. Plut. Ant. 19. Dion. XLVI. 52) constat Octsr 
vianum metu Bruti Cassiique adductum ab Antonio, non hunc 
ab illo foedus et amicitiam petivisse. 

74. 4. Yelleius tradit magis ira militum quam voluntate 
ducis in Perusinos saeyitum urbemque incensam esse. Idem 
legimus apud Appianum Y. 48 et 49. qui etiam solus praeter 



") Cf. Weichertum 1. 1. p. 202. 



— 35 — 

Nostrum nomen Macedonici affert, qui incendii Perusini initiuin 
fedsse dicitur. At Liviana memoria omnino discrepat. Dio 
enim narrat XLVlil. 14 Octaviani iussu Penisiiios aliosque ibi 
tum captos plerosque trucidatos, quadringentos equites senatores- 
que ad aram Divo Julio sacratam adductos ibique hostiarum 
instar iugulatos, urbem ipsam totam combustam esse; quocum 
prorsus fadt Sueton. Aug. 15: ,Perusia capta (Octavianus) in 
plurimos animadvertit; orare veniam vel excusare se conantibus 
una Yoce occurrens: moriendum esse, scribunt quidam trecentos 
ex deditidis electos, utriusque ordinis, ad aram Divo lulio ex- 
structam Idibus Martiis hostiarum more mactatos." lam Wei- 
chertus de diversis his narrationibus copiose disserens (1. 1. p. 
224 sq.) bene perspexit et Velleium et Appianum — hunc tarnen, 
ut equidem statuo, per fontem suum Strabonem — hac in re ab 
ipso Augusto pendere, qui in commentariis suis, cum ipsum 
facinus tum in se admissum haud negare posset, ut saevitiae 
infamiam iugeret, omnem culpam in tumultuantes milites eorum- 
que iram et fororem averterat. 

80. 3. Hoc loco cum omnia fere, ut infra vide- 
bimus, bene cum Liviana memoria conveniant, unum tamen 
neque apud Livium neque alibi legitur: Octavianum castra Le- 
pidi ingressum aquilam legionis rapere voluisse. Quod Velleium 
de suo finxisse ac plane ementitum esse cum mihi nonverisimile 
Sit, ipsum Octavianum in libris suis rettulisse crediderim se tunc 
aquilae rapiendae oonsilium habuisse; quod quidem Noster nar- 
rationi suae ceteroquin ex livio haustae inseruit. 

86. 2. Pugnam Actiacam describens Velleius narrat dex- 

trum navium Julianarum comu M. Lurio, laevum Arruntio, 

Agrippae omne classici certaminis arbitrium commissimi esse; 

Gaesarem ei parte destinatum, in quam a fortuna vocaretur, 

ubique affuisse. — Plutarchus contra (Ant. 65) Agrippam laevum, 

Octavianum dextrum comu curasse refert ceteris tacentibus. 

Itaque Weichertus (1. 1. p. 281) hunc Nostri locum in ipsis Au- 

gusti fragmentis reponere non dubitat hac argumentatione usus: 

3* 



— 36 — 

,Probabile, est narrationem illam profectam esse ab Augosto; 
quippe imiyersi certaminis regimen dignius visum est persona et 
maiestate principis, qui res suas ambitiöse exomatas aequalium 
posterorumque memoriae traditurus esset." — Goi equidem libenter 
accedo. Sed alterum quoque huio loco yicinum Augustei operis 
fragmentmn latet 86. 4, ubi Caesar clamitans et ostendens fugisse 
Antonium ex militibus eius duce absente dimioantibus quaesiyisse 
didtur, pro quo et cum quo pugnarent. Qua narratione, cuius 
unus auctor est Velleius, Augustus, ut solebat, suam erga victos 
clementiam in commentarüs suis illustrare voluerat. 

Haec igitur ex Octaviani libris fluxerunt, quos a Nostro 
hac in parte adhibitos esse Sauppius 1. 1. p. 164 (cf. supra p. 4) 
iam perspexit. Sed cetera omnia benc referri possunt ad Livium, 
cui Yelleium inde ab initio historiae Bomanae usque ad pugnam 
Acüacam longe plurimam materiam debere proxima huius dis- 
putationis parte exposituri sumus. 



— 37 — 



PARS III. 

De Livio. 

Haud nescius sum futuros esse, qui Livium inter fontes 
Velleianos recensenti primum quidem mihi obiciant — id quod solum 
adhuc obstitit yiiis doctis, nePatavinum inVelleio fontem agnos- 
cerent — : multo prolixiores fiiisse annales Livianos, quam quibus 
Nosterin tantacompendii sui brevitate utivoluerit, nequeeumsingula 
et sparsa per immensum illud historianim corpus persequi potuisse. 
Qui si meminerint, quid supra p. 13 sqq. exposuerim de scribendi 
eius ratione : sie eum volumen suum exarasse, ut excerptis uteretur 
atque res in coUectaneorum libros leceptas perscriberet, illos 
quidem non iam dubitaturos existimo. Eandem ob causam ipse 
me aliquantum haesisse fateor, sed cum toto fere yolumine Livii 
vesügia repperissem, quae per se parum yel nihil, sed coacervata 
plurimum mihi valere videbantur, tandem ad sententiam 
perductus sum praecipuo et saepissime unico fönte Velleium 
usum esse opere Liviano. Quod etsi grande et voluminosum 
erat, tamen, quoniam res a primordio urbis ad suam fere aetatem 
trakiidit, conmiodiorem sane facultatem praebuit Nostro quam 
priorum omnes libri iam Vellei aetate ipso Liviano opere ob- 
livione quadam obliterati, quibus singulae tantum Bomanae 
historiae partes vel particulae tractabantur. Iam meum erit, 
argumentis quam posui sententiam firmare. 

Ac primum quidem quae I. 8. 6 de condita urbe, de se- 
natoribus a Eomulo lectis nominisque patriciorum origine affe- 
runtur, ea Yulgata sunt similiterque apud alios multos scriptores 
exstant. Num igitur notissimam illam Livii narrationem re- 
spexerit Noster, in medio relinquendum est, quamquam inter 
utrumque cognationem aliquam intercedere vel ex hac compara- 
tione cognosces: 



38 — 



Liv. I. 8. 5. 
locum . . . ., qui nunc descen- 
dentibus inter duos lucos 
est, asylum aperit. consi- 
lium deinde viribus parat, 
creat centum senatores, 
patres certe ab honorepa- 
triciique progenies eorum 

appellati. 



VeU. L 8. 6. 

eam (urbem) asylo facto 
inter duos lucos auxit. hie 
centum homines electos 
appellatosque patres in- 
star habuit consilii publici. 
hanc originem nomen pa- 
triciorum habet. 



Oetenun quod Velleius contra Livii auctoritatem, ac solus 
ille omnium, qui exstant, scriptorum, narrat in condenda urbe 
Eomulum adiutum fuisse legionibus Latinis avi sui, id e studio 
eins ambiguas illas fabulas ratione quadam explicandi fluxisse 
yidetur; nam ut miles erat ac sobrii iudicii, eum fiigere non 
poterat, ,aliter firmari urbem novam tarn vicinis Yeientibus 
aliisque Etruscis ac Sabinis cum imbelli et pastorali manu vix 
potuisse.' Quamquam igitur verbis: ,libenteriis, qui ita prodide- 
runt, accesserim,' se certo auctori haec debere simulat, tarnen 
haud sdo an ex ipsius potius ingenio profecta sint. 

Post ingentem iliam lacunam, quae nobis magnam Velleiani 
operis partem subduxit atque eam, unde, si integra exstaret, 
fortasse certiora fontium indicia petere licerei, in cap. 9 tota 
narratio sie est comparata, ut veluti epitome eorum videatur, 
quae Liyius, nimirum fusius ac copiosius, in libris 44 et 45 
persequitur. Quam accurate enim hie congruant utriusque nar- 
rationes, vel maximeperspicuum erit duobus bis locis inter se coUatis: 



Liv. XLV. 19: 

(Eumenes) nee Bomanis nee 

Persi fidus socius. 

XLV. 3B: 

intacta invidia media sun]t, 

ad summa forme tendit. 

Nee de Anidi nee de Oetavii 

triumpho dubitatum est:Paullum, 

cui ipsi quoque se comparare 

erubuissent, obtrectatio carpsit. 



VeU. 9. 2: 
et rex Eumenes in eo hello 

medius fiüt animo. 

9. 6: 
quam sit adsidua emine'ntis 

fortunae comes invidia 

altissimisque adhaereat, 

etiam hoc colligi potest, quod, 

cimi Anicii Octaviique trium- 

phum nemo interpellaret, fuere, 

qui Pauli impedire obniterentur. 



— 39 — 

Adde quod hoc in capite aliquante uberior est rerum enar- 
ratio ac, ni fallor, maiorem quandam iustae historiae speciem 
prae se fert quam alibi. Verum cum inde a Euhnkenio (cf. ad- 
not. ad h. 1.) de Liviana origine inter omnes conveniat^^ uno 
dubitante Kaisero (p. 43 sq.), qui tarnen et ipse necessitate coac- 
tus paene verbo tenus Velleianam cum LiTÜ narratione congruere 
confitetur, hoc capite misso iam ad magis ambigua transeamus. 

Cap. 10 init. exstat trita illa de constantia Fopilii Laenatis 
narratiuncula, quod asperitatis et gravitatis Eomanae insigne 
documentum innumeri alii scriptores referunt,^^ ut astipulari 
possis Kaisero (p. 29 sq.) nihil inde de Vellei fönte concludi 
posse. Tarnen equidem eam ad eundem Livium referre minime 
dubito: qui quoniam in iis, quae antecedunt, excerptus est, cur 
tandem in bis ceteroquin a Livianis haud diversis de alio auctore 
cogitemus? Ac ne quis memoriter eum haec perscripsisse dicat: 
qui factum est, ut hoc potissimum, id est suo loco rem narraret? 
Gontinuum igitur aliquem fontem ad manus ei fuisse utique pro 
certo habendum est. Idem statuo de reliquis huius capitibus 
narratiunculis vulgaribus quidem et Ulis, sed a Livio minime 
alienis. Quamquam Kaiser in narratione de Pauli calamitate 
(§§ 3 — ^) discrimen quoddam deprehendisse sibi visus est inter 
Nostrum et Livium XLY. 40 et 41, cum dicit (p. 48) hunc duas 
Pauli orationes commemorare, quarum alteram post triumphum 
habitam referat, Velleium autem nonnuUa, quae in hac oratione 
apud Livium legantur, Paulum ante triumphum loquentem facere; 
eodem auctore Paulum fortunas suas quodammodo vatidnatum 
esse, cum apud Livium post mortem demum filiorum dicat sperare 
sese defunctam esse fortunam publicam sua tam insigni calami- 
tate. Quibus tamen discrepantüs equidem parum tribuerim. Nam 



^^)Cf. Sauppium 1.1. p. 178. Eoehlerum 1. 1. p. 12. Pernicen 
1. 1. p. 11. 

*7) Polyb. XXIX. 2. Cic. Phü. Vm. 8. 23. Liv. XLV. 12. Diod. 
Sic. XXXI. 2. Val. Max. VI. 4. 3. Justin. XXXIV. 8. Flin. H. N. 
XXXIV. 11. Plut Apophth. 202 P. App. ßyr. 131. 



- 40 — 

quoniam Velleius narrationiB Livianae argumentum pressius et 
parcius persciipsit, fieri non potuit, quin duas Pauli orationes, 
alteram more ceterorum imperatorum ante triimiphum de rebus 
gestis, alteram post triumphum in contione de privata sua for- 
tuna habitam in unam contraheret. Verba antem illa: ,quae 
Yox veluti oraculum emissa,* quibus potissimum innixus Kaiser 
vetustiorem Liviana memoriam hie exstare suspicatur, ad ipsam 
Velleianam narrationem haud ita apte quadrant. Nam quoniam 
pridie triumphl diem, quo tempore Paulus precatus esse didtur, 
alter filius iammortuus erat — nempe ,ante paucos triumphi 
dies' decessit — : qui dici potest preces eius veluti oraculum 
fuisse? Ex quo intelligitur Velleium haec de suo addidlsse, ut 
rhetorice narrationem exomaret. Nee vero omnino is est, qui 
serviliter auctores suos sequatur (cf. ipsum Kaiserum p. 47), sed 
verba eorum liberius reddere iisque semper Oratorium quendam 
colorem drcumfundere solet; id quod eodem hoc loco rursus 
videbis, ubi livii verba: ,minor... quinque diebus ante trium- 
phum, maior . . . triduo post triumphum decessit,' dvrtO^deoic gratla 
sie commutavit: alterum... ante paucos triumphi, alterum 
post pauciores amisit dies.' Itaque quoniam nee discrepantiae 
quidquam valent et cetera inter utrumque optime conveniunt, 
equidem nihil habeo, quod Livium hie adhibitum non esse credam. 
Ex eodem denique fönte fluxit illa de aspera Fulvii Flacci et 
Postumii censura narratio, quae in fine huius capitis (§ 5) legitur, 
cf. Liv.XLL 27; namValerium Antiatem, quem Livius auctorem rei 
laudat, a Nostro in usum vocatum esse minime est probabile. 
Yalerium Maximum autem, qui ü. 7. 5 eandem rem tradit (ex 
eoque Front. lY. 1. 82), sed de altere tantum censore, Fulvio, 
loquitur causamque censoriae notae a Idvio et Nostro omissam 
adicit (scilicet quod legionem, in qua tribunus militum erat, iniussu 
consulis domum dimiserat) ab alio auctore pendere certum est. 

Inde a cap. 11 disquisitioni nostrae ob brevitatem scriptoris 
satis iam impeditae etiam novae accrescunt difficultates. Liviano 
enim opere ab his fere temporibus deperdito quoniam ipsum non 



— 41 — 

iam afferre licet, ad ezilissima singulorum librorum argumenta 
sub Feriocharum nomine seirata, ad Florum, Orosium, 
Entropium epitomatores aliosque, qui Livium expilaverunt, 
confugiendum erit: quare iudicium etiam incertius fieri necesse 
est. Attamen sie quoque, etsi interdum in ancipiti versabimur, 
spero saus perspici posse, id quod nemini iam dubium erit, in 
Yellei historia haud exiguam partem inesse memoriam Livianam. 
Atque hoc ex capite unum statim locum proferam, ubi res et 
iis, qui adhuc forte increduli fuerunt, certissima omnique dubi- 
tationi exempta videbitur. Compara enim quaeso 

Liv. Periooh. XLEX: cum Vell. 11. 1: 



Pseudophilippus, a mendacio 
simulatae originis appellatus, 
qui se Philippum regiae- 
que stirpis ferebat, cum 
esset ultimae, armis occu- 
pata Hacedonia. 



Andriscus quidam, ultimae 
sortis homo, Persei regis se 
filium ferens, et mutato 
nomine Philippus vocatus, 
cum ab urbe Eoma, quo illum 
Demetrius, Syriae rex, ob hoc 
ipsum mendacium miserat, 
clam profugisset, .... con- 
tracto exercitu totam Mace- 
doniam aut yoluntate inco- 
lentium aut armis occupavit. 

Vides igitur tam arto vinculo inter se cohaerere Vellei 
Liviique narrationes, tam similia ac tantum non gemella utrius- 
que etiam verba esse, ut Nostrum Livium excerpsisse pro cer- 
tissimo affirmare liceat. Ex hoc autem loco a Kaisero aliisque 
vel neglecto Tel omisso iis quoque, quae hucusque de Livio dis- 
putavimus, haud parum fidei insuper accessurum esse credo. 

Heliqua huius capitis ex libris de Tiris iUustribus desumpta 
esse supra p. 22 sq. nostro iure coniecimus, atque in cap. 12 cum 
indidem petiverit nonnulla, quae ad Scipionis AMcani minoris 
▼itam pertinent, Liviana pro brevitate Nöstri haud facile agnos- 
cuntur. In summa tamen rerum nihil inter ambos intercedit, 
quin etiam ex ipsis verbis a Velleio usurpatis interdum suspicio 



— 42 — 

Livlanae originis oritor, veluti § 1: ,Oormthiis in arma cum 
grayibus etiam in Bomanos contumeliis instigantibus/ 
ubi forsitan respexerit ad id, quod Florus I. 32. 3 ex Livio tra- 
dit: legatos Komanos, dubium an et manu, certe oratione a 
Critolao violatos esse. (cf. etiam^Eutrop. IV. 14.) Quam bene vero 
Noster Livium noverit, luculentissime inde apparet, quod, quae 
ille Africanum maiorem loquentem facit X^X Yii. 6: M omnibus 
se maiora clementiae benignitatisque quam virtutis bellicae 
monumenta reliquisse,' impudenter paene ab eo mutuatus est de 
Africano minore bis verbis usus (§ 6): ,fecitque suae virtutis 
monimentum, quod fuerat avi eius clementiae.* Hoc ideo attuli, 
quod, quo certius Nostrum Liyii volumina legisse ac noyisse 
cognoscimus, eo magis etiam bistoricam materiam indidem hau- 
stam esse credemus. 

In fine huius libri, quid ad Livium aliqua probabilitate 
referri possit, non invenio. Nam capp. 14 et 15 ex Nepotis 
chronicis, ut nos quidem statuimus (supra p. 18 sq.), decerpta a 
Liviana memoria toto caelo discrepant, id quod satis superque 
demonstravit Sauppius. (1. 1. p. 247 sq.) Sed capp. 16 — 18 scrip- 
torem maxime ex suo ingenio finxisse patet, nisi quod hie ali- 
quos Ciceronianae orationis flosculos carpsit.^^ 

lam igitur ad librum 11 transituro illud praemonendum 
videtur in priore eius parte, ubi scriptor summa tantum rerum 
capita collegit omniaque quam brevissime persecutus est, maxima 
opus esse cautione, ne, si quando rerum vel eüam verborum 
similitudinem inter Nostrum et Livii historiae reliquias depre- 
hendas, statim hunc adhibitum esse iudices. Nam ex ipsa rei 
natura sequitur, ut scriptores, qui quam brevissime ac simplicis- 
sime res enarrare student, iisdem fere verbis eadem tradant. 
Itaque eos dumtaxat locos proferre licebit, ubi singularis quae- 
dam Yellei cum Patavino afßnltas statuenda est, quae magis in 
iudiciis, sententiis, cogitationibus quam in rerum ipsorumque 



*^) Of. Eaiserum 1. 1. p. 33 sq. 



— 43 — 

verborum similitudine cemitur. Atque hanc quidem legem secu- 
tus gravissimos tantum consensus in medium proferam. 

n. 1. 5. Quod Yelleius narrat Mancinum per fetiales nudum 
ae post tergum religatis manibus hosübus deditum, sed ab üs 
non receptum esse, plane idem iisdem verbis Livil epitomator 
Orosius V. 4. 21 refert. Quamquam hanc similitudinem, ut in 
re satis nota, band ita multum valere concedo. 

Capp. 2 et 3; 6 et 7, quibus Gracchorum res narratae vel 
potius adumbratae sunt, magnam partem memoriter, non fönte 
adhlbito aliquis descripta esse putaverit ob neglegentiam auctoris, 
quae eo vel maxime perspicitur, quod iam Tiberium toti Italiae 
civitatem poUicitum esse eumque colonias deduxisse^^) perperam 
tradit (2. 3) ac Gaio demum legem agrariam Liciniam renovatam 
tribuit (6. 3). *°) Attamen hie quoque vestigia quaedam ad Li- 
vium potissimum ducunt, quem, ut Nostrum, Gracchis eorumque 
inceptis in narrando minus fayisse ex epitomatoribus cognos- 
citur. Ac primum Velleius cum Floro et Orosio consentit de 
causis, quibus adductus Ti. Gracchus leges suas tulerit, cf. 2. 1 
et 2: ,Tiberius...., quo quaestore et auctore id foedus (Mancini) 

ictum erat similis vel iudicii vel poenae metuens discrimen' 

cum Flor. 11. 2. 2: ,Mancinianae deditionis, quia Sponsor foederis 
fuerat, contagium timens.' Oros. V. 8. 3: ,iratus nobüitati, cur 
inter auctores Numantini foederis notatus esset.' Dein Noster 
Tiberium ipsum se et Appium et Gaium fratrem triumviros agris 
dividendis creavisse refert (2. 3), quod nisi in Liviana relatione 
(Perioch. LVII.) apud alios auctores non legitur; nam Plutarchus 
(Ti. Gracch. 13) et Appianus (I. 13) creari eos faciunt. Tum vero 
Vell. 3. 3. Perioch. LVm. Oros. V. 9. 2. Val. Max. I. 4. 2 (exe. 



^^) Apographi Amerbachii et editionis prindpis lectionem ,coloniis 
deducendis' contra Lipsii, qui maluit »colonis,* aliorumqne, qui eum 
secuti sunt (yeluti Halmii) auctoritatem servandam esse censeo hoc 
ipso errore Yelleium absolvi non posse ratus. 

'^) Cf. Carol. Goil. Nitzschium ,Die Gracchen und ihre nächsten 
Vorgänger/ Berol. 1847. p. 448. 



— 44 — 

Nepot.) tradunt Tiberium detracto amiculo fugientem decurren- 
temque clivo Capitolino fragmine subsellii ictum ocdsum esse, 
adeo inter se consentientes, ut Livium communem eorum fontem 
facili negotio agnoscas. Eandem narrationem, sed aliquante ac- 
curatiorem habet Plutarchus (Ti. Gracch. 19), quem ex Posidonio 
et Livio Gracchorum vitas contaminasse suo iure contendit G. 
Busoltius.^^) Ad Gaium Gracchum transgressus primum niitto 
leviorem queudam consensum eo insignem, quod et Noster 6. 1 
et Livius (Perioch. LX.) maiorem eius quam fratris eloquentiam 
praedicant, nee magis argumenta petere yelim ex ordine, quo 
Velleius singulas Gracchi leges enumerat, in quo iusto longius 
progressus est Nitzschius 1. 1. p. 451 sq.°^ Dlud iam ad fontem 
perspiciendum magis idoneum, quod bis satis invidiose comme- 
morat Gaium regnum regiamque dignitatem expetivisse; cf. 6. 1: 
,praemuniendae regalis potentiae gratia tribunatum ingressus' 
et 6. 4: ,quem [Flaccum] triumvirum nomine, re autem socium 
regalis potentiae adsumpserat.' In quo sane agnoscere possis 
seriptorem liberae reipublicae studiosissimum, veluti Patavinum, 
cui, quam intolerabile regium nomen visum sit, multis librorum 
eius locis apparet.*«^) Tum vero gravissimum est, quod hunc 
Fulvium Flaccum, quem Noster ,consularem atque triumphalem 
virum, aeque praya cupientem* describit, Liv. Perioch. LXI 
consularem, ,soeium eiusdem furoris' nominat. Porro quae 
Noster tradit de pugna in Aventino facta deque Gracchi eiusque 
amicorum caede (6. 6), vel ita supplent Orosiana vel etiam bis 
adeo supplentur, ut haud temere utrumque ad eundem fontem 
referre possis; Orosius enim ut in pugna ipsa describenda accu- 
ratior est, ita nomen servi, cui Gaius cervicem praebuit, Euporum 
fuisse eumque post dominum occisum haud segnius ipsum se 
interemisse Velleius solus tradit, ac caedem FuItü minoris apud 



^^) «Quellenkiitische Beitr&ge zur Greschichte der römischen Royo- 
lutionszeir in Fleckeis. Annal. 141 (1890) p. 337. 
w) Cf. Pernicen p. 18. 
**) Cf. Weissenbornium in pracf. edit. Liv. I. p. 21. 



— 45 — 

Orosium tantmn notatam (V. 12. 9: ,Flaccus adulescens in robore 
necatos est*) pluribus refert (7. 2), nimirum quoniaip ex pleno 
Li^io hausit, cum Orosius epitoma tantum Liviana usus sit.'^) 
Ex Livio autem accita sunt, quae Velleius proxime subiungit de 
haruspice Tusco, qui, cum Flaccum, amicum suum ,flentem in 
vincula duci vidisset, quin tu hoc potius, inquit, facis? protinus- 
que inliso capite in postem lapideum ianuae carceris efiüsoque 
cerebro expirayit/ Eandem rem apud nullum alium scriptorem 
relatam inyenio nisi apud Val. Max. IX. 12. 6, cuius demum nar- 
ratione Yelleiana omnem habet explicatum. Nam quod apud 
Nostrum non satis intelügitur, quid tandem habuerit haruspex 
ille, cur isto modo mortem sibi inferret, id ex Yalevio planis- 
simum fit, qui dicit: eum, Gracchi — ideoque etiam Flacci — 
amicum, et ipsum eo nomine in carcerem ductimi ac supplicio 
destinatum voluntaria morte pubh'ci supplicii ignominiam fugisse. 
Hanc autem rem ut melius illustrat Yalerius, qui etiam nomen 
haruspicis Herennium Siculum fuisse solus tradit, ita Noster 
dictum illud: ,quin tu hoc potius facis?' unus habet. Sic ex 
utriusque verbis narratio auctoris, quem secuti sunt, Livii scili- 
cet, integra restitui potest. Postremo vero notandum est sicut 
LiTium (Perioch. LXI extr. Oros. V. 12. 10), ita Nostrum (7. 4) 
crudelitatem Opimii in amicos clientesque Gracchorum repre- 
hendere. 

Videmus igitur haud pauca eorum, quae de Gracchis tradita 
sunt, ex Livio accita esse. Sed unum certum alterius quoque 
fontis indicium deprehenditur. Legimus enim c. 7 extr: ,factum 
Opimii, quod inimi^itiarum quaesita erat ultio, minor 
secuta auctoritas, et visa ultio private odio magis quam publicae 
vindictae data.' Hie manifeste a se ipse descivit Velleius, qui 
aliis locis (cf. 6. 4 et 5; 7. 8) longo diversum de Opimio tulit 



^) Cf. Carol. Zangemeisteram ,Die Feriochae des Livius' in .Fest- 
schrift zur Begrüssung der Karlsruher Fhilologenversammlung'. Fri- 
burgae-Tubingae 1882 p. 99 et in praefat. edit. Oros. (Corp. scriptt. 
eccU. Latt. vol. V. Vindobonae 1882) p. XXV sq. 



— 46 — 

iudicium, nimirum propterea quod in hoc alium auctorem, qui 
contra optunates stetisse et Gracchomm parübus favisse iridetur, 
— fortasse, ut supra p. 26 coniecünus, yitanim scriptorem — 
secütus est. Geterum haec verba cum üb, quae proxime antece- 
dunt, haud apte conexa — iustiorem enim locmn post 7. 1 habi- 
tura essent — vel ipsa coUocatione quasi pannum adsuta agnosces. 

Redeo nunc ad cap. 4. Ac quae eius initio de Aristonico 
leguntur, an Livio tribuenda sint, dubium esse potest. Is enim 
Aristonicum, quem Noster regiae stirpis originem mentitum esse 
dicit, re vera Eumenis regis filium fuisse narraverat (cf. Perioch. 
LIX. Eutrop. lY. 20); quod discrimen tIx tollere possis, cum 
dicis Yell^ium illi, quem ex concubina susceptum esse apud 
Liyium (cf. Eutrop. 1. 1.) legerat, regiam stirpem assignare nolu- 
isse, quo iustius Romani Bithyniam usurpavisse viderentur. 
Praeterea Livius (cf. Eutrop. 1. 1.) diserte rettulerat de Aristonico 
triumphari non potuisse, quia Perpema Romam rediens obiisset; 
at Noster a M\ Aquillio cum in triumpho ductum esse refert 
Quae quamquam non prorsus inter se pugnant, sed fortasse 
conciliari possunt, tamen equidem, utrum Livium hie secutus sit 
necne, non diiudicaverim. Pemices quidem (1. 1. p. 13) Trogum 
Pompeium hoc loco inspectum esse ex Justin. XXXIV. 4. 10 
coniecit, quam opinionem refutat Kaiser 1. 1. p. 45 sq. Cui as- 
sensus omnino hoc confidenter affirmo Trogi PompM apud Nostrum 
nee volam usquam nee vestigium apparere. Cetera autem, quae hoc 
et insequent« capite continentur, supra iam auctori suo reddita 
sunt. (cf. p. 24 sq.) 

Nee vero in capp. 8 — 10 Liviani quidquam invesügari potest; 
potiusex vocabulis, quibus tempus significatur, persaepe adhibitis 
(velut 8. 1: deinde, 2: circa eadem tempora, 3: tum — per eadem 
tempora, 10. 2: eodem tractu temporum) chronologicum hie 
fontem subesse concludere licet, atque sie firmatur coniectura 
supra de Nepote prolata, cuius haud dubia vestigia in cap. 9, 
sed etiam in 8 et 10 deprehendimus (cf. supra p. 19 et 20). 

In cap. 11 verba, quibus Marium describit: ,quantum bello> 



— 47 — 

optiinas, tantum pace pessimus* siiniUima sunt Perioch. LXXX: 
,Tir, cuius si examinentur cum virtutibas Yitia, haud facile sit 
dictu, utnim bello melior an pace pemiciosior füerit'. In quo 
tarnen notandum, haec a Velleio, ubi Marium primum in scaenam 
producit, expressa apud Livium eo loco inveniri, quo decessisse 
eum narrans vitae illius consummationem et quasi funebrem 
laudationem reddiderat, id quod Seneca (Suas. VI. 20) teste 
benigne Omnibus magnis viris praestitit. Itaque ex collectaneis 
suis haec quidem praecepisse videtur; sed etiam ubi mortem 
Marii commemorat, similem quandam sententiam affert, cf. 23. 1 : 
,vir in bello hostibus, in otio civibus infestissimus.* 

De ceteris et huius et sequentis capitis Tix quidquam dici 
potest, nisi quod seditio Apuleiana simiUime a Floro describitur, 
unde eiusdem fontis, scilicet IdTÜ, suspicio oritur. Oonferas enim 

Vell. 12. 6: cum Flor. H. 4. 8: 



(Apuleius) cum iam tertium 
annum dominaretur, eo ve- 
saniae progressns est, ut con- 
sularia quoque comitia 
nova caede turbaret. 



Servilii Olauciae Satuminique 
Apulei furorem continuatis 
honoribus rempublicam lace- 
rantium et gladiis quoque 
et caede comitia discuti- 
entium. 

Adde quod et Noster et Livius in seditione illa opprimenda 
primas partes Mario tribuunt eumque in hoc magnum et salutarem 
reipublicae dvem egisse consentiunt. (Perioch. LXIX. Val. Max. 
Vin. 6. 2. Flor. 1. 1. 5. Oros. V. 17. 7.«0 

Deinde in capp. 13 et 14, quibus res a M. Livio Druso 
tribuno plebis gestae continentur, haec fere Livium fontem indi- 
cant. Primum quod bis commemorat Noster (13. 2) pro senatu 
omnia Drusum molitum esse, idem diserte narraverat Livius 
(Perioch. LXX: ,sustinente causam eins (senatus) M. Livio Druso,^ 
et LXXI: ,Drusus, ut maioribus viribus senatus causam sus- 
ceptam tueretur;' cf. Flor. 11. 5. 1). Porro de Rutilio, quem 



(») Cf. BuBoltium 1. 1. p. 342. 



— 48 — 

inter innocentissimos viros interrogatum lege repetundanim ab- 
equitibus damnatum esse Noster inserit, eadem fere verba habes 
in Perioch. LXX: ,Eutiliu8, Tir summae innocentiae, inyisus 
equestri ordini, penes quem iudicia erant, repetundarom damnatus 
in exiliam missus est.' De morte Drasi Livius, quoad yidere 
licet, idem quod Noster tradiderat; certe in eo congniunt, quod 
uterque caedem eins belli Italici causam fuisse narrat. (Cf. 
Vell. 15. 1 cum Perioch. LXXI. extr. Flor. 11. 5. 2.) ünum 
autem, quod alienum est a LItIo: eam ob causam Drusi animum 
conversum esse, quod senatum sibi in omnibus adversari cognoverit, 
ac tum demum consilium de civitate Italicis danda eum cepisse, 
hoc Velleio proprium — neque enim apud uUum alium scriptorem 
simile quid inveneris — ab ipso scriptore fictum esse bene per- 
spexit Eankius.^) Denique ne hoc quidem Livianae origini 
obstat, quod Noster Drusum maioribus laudibus fert atque omnino 
de ingenio consilüsque eins aliquante magnificentius sentit quam 
LiTius sensisse videtur. Yelleius enim, id quod dudum observarunt 
viri docti, et quod pro ingenio eins satis credibile est, Tiberium, 
qui a Liviis matemum genus trahebat (cf. Sueton. Tiber. 3), 
adulaturus in favorem Drusi res yertere studuit. Licet igitur 
de tribuno illo suo Marte iudicaverit, in rebus nihilo minus 
LiYium secutus esse potest. Atque hoc quidem ex parte iam 
perspexit Eric. Marcksius.'^^ Sed narratiunculae in cap. 14. 2 
et 3 ut morum Drusi exempla allatae aliunde additae sunt (cf. 
supra p. 27). 

Gapp. 15 et 16. ,6eUum sociale', quod Livius vocaverat 
(Perioch. LXXI. Oros. V. 18. 1. Flor. ü. 6. 1), vel, si Nostrum 
fortasse chronologicum suumfontemsecutum'^audlmus, ,Italicum' 

*•) 1. 1. n, 2 p. 86. not. — cf. Guil. Strehlium ,M. Livius Drusus. 
Volkstribun im Jahre 90 v. Chr.* Dissert. Marburg. 1888 p. 15. 

^'j »Die Überlieferung des Bundesgenossenkriegs 91—89 v. Chr.' 
Dissert Argentor. Marburgi 1884 p. 26: J)ie zu Grunde liegenden 
Thatsachen sind etwa die Livianischen.' 

^ Notare hie yelim in fastis Capitolinis id bellum Marsicum 



— 49 — 

tarn paucis lineamentis adumbratur, ut astipulari possis Marcksio 
(1. 1. p. 70) certum hie auctorem demonstrari non posse. Attamen 
non prorsus desunt, quae Livium indicare videantur. Primum 
enim Yelleius 15. 2 et Florus n. 7. 3 iustissime socios ius civi- 
tatis, quam viribus suis auxerint, postulasse narrant; qui con- 
sensus alicuius momenti est, quod tale quid alibi non legitur. 
Suspicari licet Livium ipsum, ut in exterorum huius temporis 
historia describenda solet^^), Posidonium secutum esse, qui, ut 
Graecus ac provincialis, nimirum iustissimae sociorum causae 
studebat. Deinde Yelleius belli duces enumerans Metellum Pium 
Numidicum patrem civitate expulsum auctoritate senatus, 
consensu populi Bomani restituisse interponit. Esdem in 
eadem re verbis Val. Max. lY. 1. 13 utitur maximo senatus 
et populi consensu Numidico reditum in urbem datum esse 
narrans. Memorabilem hunc consensum, quem non casu, sed 
ratione quadam evenisse necesse est, cum nihil habeam, quod 
ipsos inter se cohaerere atque a Nostro Yalerium vel hunc ab 
illo verba ista mutuatum esse credam — nam eodem uterque 
tempore Ubros suos conscripsit, ut alter alterum vix adhibere 
potuerit — ex Livio, communi eorum fönte, haud temere repeti- 
verim.**) Porro 16. 1 Italicorum duces enumerantur. Similem 
autem eorum tabulam apud Livium in libro LXXTT fuisse e 
Floro n. 6. 6 et Eutrop. Y. 3 patet.«*) Postremo saga populum 
sumpsisse apud Nostrum (§ 4) et Livium (Perioch. LXXIT. Oros. 
Y. 18. 15) nee alibi usquam legitur. 

Etiam cap. 18 cum Livianis apte convenit. Sic verbis (§ 3): 



vocari, id quod et ipsum Eaiseri (fe Attico, Nostri fönte, sententiae 
tum quidem repugnat, si ex libro annali fastos illos compositos esse 
cum Cichorio credimus. (Cf. supra p. 11.) 

M) Cf. Busoltium 1. 1. p. 336 et 437. 

^) Bnsoltius quoqe Yalerianum hoc exemplum ex Livio haustum 
esse contendit 1. 1. p. 343. 

") Cf. Marcksium 1. 1. p. 42. 

4 



— 50 — 

,cum tembilis Italiae quoque (Mithridates) videretur imminere* 
significatur regem iam in eo füisse, ut bellum in ipsam Italiam 
transferret. Idem memorat Flor. I. 40. 9: Jtaliam iam ipsamque 
urbem Romam regius terror adflabat;' sed ceteri omnes scriptores 
tacent. Sulpicium autem § 5 describit talem, qui antea rectissima 
Yoluntate apud populum maximam quaesiverit dignitatem, subito 
tarnen pravus et praeceps factus sit. Quod quidem iudicium 
partim ipsius ingenio deberi vel hoc colligitur, quod similiter 
fere de Gracchis iudicat atque nonnulla yerba, quae hie leguntur: 
,quasi bene consulta male cederent' eodem modo in Druso usur- 
pavit; cf. cap. 14 init: ,conversus Drusi animus, quando bene 
incepta male cedebant.' Attamen inspexisse eum auctorem, 
cuius narrationem secutus haec potissimum sibi finxit, inde veri- 
simile fit, quod plane idem de Sulpicio iudicat Asconius (p. 64 
Or: ,cum per Tim rempublicam possedisset et ab initiis 
bonarum actionum ad perditas progressus esset/ cf. ibid. 
p. 24), qui Livium passim adhibuit.^ Quae vero apud Nostrum 
proxime sequuntur, ea haud dubio ex Idvio petita sunt; cf. 

Voll. 18. 6: cum Perioch. LXXVII: 



(Sulpicius) legem ad populum 
tulit, qua Sullae imperium abro- 
garetur, G. Mario bellum decer- 
neretur Mithridaticum, aliasque 
leges perniciosas tulit, quin 
etiam Q. Pompei consulis 
filium eundemque Sullae 
generum per emissarios fao- 
tionis suae interfecit. 



Gum P. Sulpicius ... per- 
niciosas leges promulgasset, 
ut . . . . 

(sequuntur leges) 
et ut G. Marius adversus Mithri- 
datem, Ponti regem, dux crea- 
retur . . . occiso Q. Pompeio 
consulis filio genero 
Sullae. 



Vix opus est pluribus. Sed absolvit rem Plutarchus, qui 
de eodem Sulpicio dicit (Süll. 8): v<J(jiouc fxpa^j/ev dfUou« -refioxftijpou« 



^ Cf. Car. Lichtenfeldtium, de Q. Asconii fontibus ac fide 
in Comment. Phil. Vratislav. vol. 11 fasc. IV. De hoc loco vide p. 43. 



— 51 — 

%a\ Tov 6tS<ivTa Map^^ tov> MidpiSaxtxou iroX^fxou t^v i^yefjiovfav, quae quidem 
ad Livium redire e^egie vidit Busoltius 1. 1. p. 425. 

Progrediamur iam ad cap. 19. Atque quae initio refert: 
duodecim MariaDarum partium prindpes, inter quos ipsum Marium 
cum filio, a Sulla urbe exturbatos ac lege lata exules factos esse, 
haec ad verbum congruunt cum Perioch. LXXVll. Sed Noster 
Sulpicium in Laurentinis paludibus ab equitibus adsecutis iu- 
gulatum esse narrans dissentire videtur a Livio, qui eum in villa 
quadam latentem indicio send sui protractum et occisum esse 
rettulerat. (Perioch. ibid.) Hie haeret aqua. Krausius quidem 
(in adnot. ad h. 1.) Yelleiana accommodare studet Livio, cum dicit 
paludes Laurentinas ab aliis non memoratas videri esse agrum 
palustrem circa Numicium, qui Laurentum et Lavinium interfluit, 
tum fortasse ita exsiccatum, ut villa in ea construi potuerit. 
Ego vero ad tales argutias confugere nolim; illud dico non adeo 
repugnare Nostro id, quod Periocharum auctor ex brevi Livii 
epitoma nunc quidem deperdita in brevius etiam coartavit, ut, 
si integra eins narratio exstaret, cum Yelleiana conciliari non 
posset. Geterum quoniam quae proxime antecedunt necnon quae 
statim sequuntur ex Livio deducta sunt, a me impetrare non 
possum, ut hanc unam rem in medio positam aliunde petitam esse 
credam. Verum, ut nunc quidem res est, fortasse praestiterit 

Eodem in capite (§§ 2 — 4) paulo copiosius, quam solet, fugam 
Marii describit, unde statim certius fontis iudicium fit. Ac de 
Livio nullo modo dubitare poteris, ubi de eadem re et Orosium 
et Plutarchum legeris; hie enim, qui Marii vitam ex Posidonio 
et Livio contaminavit, a Livio omnia ea sumpsit, quae apud 
Appianum, solius Posidonii assedam, desiderantur.^ Sed integres 
eorum locos subiciam. 



«8) Cf. Busoltium 1. 1. p. 337 sq. Iam. Hermannus Peter 
»Die Quellen Plutarchs in den Biographieen der ROmer/ (Halis 1865) 
p. 103 in fuga Marii describenda Plutarchum Livium secutuni esse 
coniecit. 

4* 



— 52 — 



VeU. n. 19. 2. 

Marius . . . nudus 
ac limo obrutus 
oculis tantummodo 
ac naribus eminenti- 
bus extractus a- 
rundineto circa 
p a 1 u d e m Maricae, 
in quam se fu- 
giens consec- 
tantis S u llae 
equites abdide- 
rat, iniecto in Collum 
loro in carcerem 
. Minturnensium 
iu88u duumviri 



Oros. V. 19. 7. 

Marius fugiens, 
cum persequen- 
tum instantia cir- 
cumsaeptus esset, in 
Minturnensium 
paludibusseseab- 
didit, e quibus in- 
feliciter luto ob- 
lutus ignominio- 
seque protractus 
turpi autem spec- 
t^culo Minturnas 
deductus con- 
trususqu e in 
carcerem. 



Plut. Mar. 38. 
(Mdpioc) X a ^ X e V 

3Stt)p iroyu xai TeXfxatoä- 
8cc l^ousov. *Oftcv o6 

tac, dXX* di V aa t:« - 
a&ei'c ßopß($pou xaxtic- 

TcXtUlC YUfJLVOC tl i 

M(VTo6pva; dvi^yrOi] 
xal irapE^tf^T) toTc 
cep)rouacv. 



perductus est. 

VeUeius igitur, qui minutis quoque in rebus communem 
fontem diligentius expressit, omnium accuratissimam memoriam 
prodit. Nam Maricae nomen hoc loco solus habet (cf. Plut. c. 39 
Mapfxa; dfXaoc) ac Marium iniecto in Collum loro in carcerem 
ductum esse praeter eum nemo refert; porro ,persequentes/ qui 
sunt apud Orosium, et ,C7^ToüvTac' apud Plutarchum paulo distinctius 
equites, itemque ,apyovTac,^ quos Plutarchus vocat, duumviros fuisse 
dicit. In eo autem vel maxime congruunt Noster ac Livii epito- 
mator, quod uterque turpe illud spectaculum atque indignitatem 
facti narratione sua exprimere atque augere studet.^) Quod 
Noster deinde in sequentibus servum ad Marium interficiendum 
missum, quem Periocharum auctor Gallum fuisse dicit, eundem 
Germanum nominat, haec discrepantia sententiae nostrae nuUo 
pacto repugnat Acute enim Muellenhoffius^ demonstrat 



«*) Cf. Rankium 1. 1. p. 269 sq. 

^ «Deutsche Alterthomskrmde* 11 (1887) p. 159. Gf. Rankium 
1. 1. Busoltium 1. 1. p. 338. 



— 53 — 

Liyium de isto usuin esse bis fere verbis: «servus publicus natione 
Gallus, qui bello Gimbrico captus erat,' quae Periocbarum auctor 
in ,seryus natione Gallus/ Val. Max. II. 10. 6 in ,8eryus publicus 
natione Gimber' contraxit; Noster autem suo iudicio usus, quippe 
qui diu in Germania versatus Gimbros Germanam gentem fuisse 
haud ignoraret (cf. 12. 2: ,immanis vis Germanarum gentium, 
quibus nomen Gimbris ac Teutonis erat"), pro ,Gallo' rectius 
,Germanum' posuit ceteroquin Livü verbis servatis. -- Denique 
extrem a quoque huius capitis a Livio profecta esse apparet ex 
Feriochae verbis: ,impositus publice navi delatus est in AMcam,' 
cf. Val. Max. 1. 1. et I. 5. 5 ac Plutarch. Mar. 39, qui ab 
Appiano discrepans Livium secutus est. 

Quoniam igitur boc in capite certissima Livii vestigia de- 
prehendimus, eundem in ceteris, quae ad Sullana tempora per- 
tinent (usque ad cap. 28), adbibitum esse facile nobis persuadebimus. 
Atque in bis quidem narrationem saepius cum iis, quae ex Livii 
annalibus supersunt, quam accuraüssime consentire iam exposuit 
Elim. Klebsius^), qui tarnen, cum minorem Velleiani operis 
partem examinasset, timidius se gessit nee diiudicare ausus est, 
utrum Noster Livium an eundem quem ille fontem secutus esset. 
Nos vero, qui, quam late Livii usus et in ceteris particulis pateat, 
satis iam exploratum habemus, aliquanto confidentius hunc, quem 
iste animadvertit quemque nos, uti spero, firmabimus, consensum 
inde ortum esse statuemus,. quod Noster ipsos Livü Ubros summa 
tum auctoritate florentes omniumque manibus tritos nee remotiores 
eins fontes adiit. Atque ex bac quidem particula speciosa et 
insignia sententiae nostrae documenta haec proferam. 

22. 2. Quae de morte Merulae, flaminis Dialis, traduntur, 
qui incisis venis superfiisoque altaribus sanguine spiritum reddidit, 
ea ad verbum paene babes apud Val. Max. IX. 12. 6 et Flor. 
n. 9. 16. 



^) De scriptoribns aetaüs Sullanae. Dissert. Berol. 1876. p. 5. 
cf. p. 16 sqq. 



— 54 — 

22. 4. Mors Catuü, qui ,conclusit sp loco nuper calce are- 
naque perpolito illatoque igni, qui viin odoris excitaret, simul 
exitiali hausto spiritu, simul incluso suo mortem magis voto 
quam arbitrio inimicorum obiit,' certe ex Livio relata vide- 
bitur, si Yal. Max. IX. 12. 4 (,recenti calce inlito multoque igni 
percalefacto cubiculo se inclusum peremit") et praecipue Flor. n. 
9. 15 (,6e ignis haustu ludibrio hostium exemit*) compara- 
veris. Diodorus (XXXVIII. fr. 4), Appianus (I. 74), Plutarchus 
(Mar. 44), quos Posidonium secutos esse Busoltius docet (1. 1. 
p. 429), similia quidem et illi, sed, si minutissimas quoque res 
quaeris, paulo diversiora tradunt. 

Insequente statim loco (§ 5) Noster, cum dicit nondum 
quemquam inventum esse, qui bona civis Romani aut donare 
änderet aut petere sustineret, insigniter conspirat cum Yaierio 
Maxime, qui continentiae exemplum affert IV, 8. 14, quod ,in 
illa procella, quam G. Marius et L. Ginna reipublicae inflixerunt, 
cum a se proscriptomm penates vulgi manibus diripiendos ab- 
iecissent, inveniri nemo potuit, qui civili luctu praedam peteret.' 
Hac in re, quae aliunde non constat, manifeste tenetur Livius, 
communis et Nostri et Valerii auctor. 

25. 1 dicitur Sulla temptavisse iustis legibus et aequis con- 
dicionibus bellum componere, sed iis, quibus et res pessima 
et immodica cupiditas fuerit, non potuisse pacem placere. 
Opüme hie locus explicatur Perioch. LXXXIV init, ubi ,iustas 
illas leges et aequas conditiones' eas fuisse legimus, ut cives, 
qui pulsi ad SuUam confugerant, restituterentur^); quam conditi- 
onem senatui quidem iustam visam, sed per Garbonem factionem- 
queeius, cui bellum videbatur utilius, ne conveniret effectum 
esse. Uterque igitur Garbonianos condiciones a Sulla latas ideo 
sprevisse arguit, quod in belle rem familiärem restaurare et rapinis 
divitias concervare se posse sperabant: cuius iudicii similitudo cum 
certe non fortuita sit, ecquis Nostrum hie a Livio pendere negabit? 

«7) VeUeius igitur numerum pluralem usurpavit hyperbolice, ut 
seiet, locutus. 



— 55 — 

27. 3 consensum satis memorabilem cum Oros. V. 21. 8 praebet. 
Uterque enim auctor tradit, id quod praeter eos et Front, n. 9. 3 
nemohabet, circaPraenestegestatumessecaputMarianaram partium 
ducis, quem Noster Telesinum, üle Marium nominat — sed ipsum 
Livium de utroque rem narrasse patet ex Frontin 1. 1: ,L. Sulla 
bis, qui Praeneste obsidebantur, occisorum in proeHo du cum 
capita hastis praefixa ostendit' — ac tum demum G. Marium 
de rebus suis desperavisse. (Yell: ,dßsperatis rebus suis;' 
Oros: ,ultima desperatione correptus.') 

28. 4. SuUam non solum in eos, qui arma contra eum tu- 
lerant, sed in multos insontes saeviisse refert scriptor. Idem 
fere dielt eadem oppositione usus Yal. Max. IX. 2. 1 : ,nec con- 
tentus in eos saevire, qui armis a se dissenserant, etiam 
quieti animi cives . . . proscriptorum numero adiecit;' quem 
locum ex Livio haustum esse in promptu erit ceteris, quae ibi 
affert, cum Perioch. LXXXVIII. Flor. 9. 23 sqq. Oros. V. 
21. 1 sqq. comparatis. 

Hos igitur locos proponere volui; sunt quidem et alii, qui 
quam proxime ad Livianam narrationem accedunt, quos denotasse 
satis habeo. 

20. 1 = Perioch. LXVII: Q. Pompeium ab exercitu On. 
Pompei proconsulis consilio eins occisum esse. 

20. 3 et 4 = Perioch. LXXIX; Cinnam urbe pulsum ab 
exercitu, qui circa Nolam erat, receptum. 

21. 2 = Perioch. 1. 1.: Pompeium, Magni patrem, dubium 
mediumque se partibus praestitisse. 

22. 2 = Oros. V. 19. 9. Eutrop. V. 7: Marium excelsissimos 
et eminentissimos quosque interfecisse. 

23. 3 = Flor. I. 40. 10. Oros. VI. 2. 5: Athenas magno 
cum labore expugnatas. (cf. Vell: multiplicis Piraeei portus 
munitiones; Flor: subrutus Piraeei portus sex aut amplius 
muris cinctas; Oros: Piraeeum portum septemplici muro 
communitum.) 



— 56 — 

24. 5 = Perioch. LXXXITT: Cinnam ab exercitu ioter- 
fectum; Garbonem solum consulatum gessisse. 

25. 2 = Perioch. LXXXY: Scipionem ab exercitu suo 
desertum inviolatum dimissum esse. 

26. 2 = Perioch. LXXXVI: Damasippumpraetorem omnem 
in urbe nobilitatem tnicidasse. Quos vero ex ea occisos nominat 
Velleius: Domitium Scaevolam, Garbonem Antistium, eosdem 
hos quattuor commemorat Oros. V. 20. 4. 

His de locis etsi minus certum est iudicium, illud tamen iam 
dubitari nequit, quin longo maior pars eorum, quae ad Sullanam 
aetatem spectant, ex Livio petita sint. Sed praeter eum — atque 
hac quidem in re a Klebsio dissentio — alium vel alios auctores 
hie iUic inspectos esse cum nos supra iam statuimus allatis 
nonnullis, quae a Liyiana memoria aliena sunt, tum inde per- 
spicuum est, quod Velleius n. 27. 6 de morte Marii minoris 
duplicem vel etiam triplicem memoriam exhibet.^) Quam autem 
primam posuit relationem: Marium per cuniculum evadere temp- 
tantem, cum foramine e terra emersisset, a dispositis in id ipsum 
interemptum esse, alibi nusquam legitur ac, si coniecturae locus 
datur, ex eodem fortasse auctore desumpta est, cuius vestigia 
in verbis proxime insequentibus deprehendimus. (cf. supra p. 27 sq.). 
Alteram, qua sua manu mortem sibi conscivisse dicitur, Diodorus 
(XXXVn. 29 et XXXVm. 15), Plutarchus (Mar. 46 et SuUa 32), 
Appianus (I. 94) referunt, sed nescio an Livius quoque eam 
habuerit, cf. Perioch. LXXXVÜI. Tertia vero cuius auctor 
mutuis ictibus cum minore fratre Telesini una obsesso et erum- 
pente eum concurrisse narraverat, sine dubio est Liviana, cf. 
praeter Periocham Oros. V. 21. 8 et Val. Max. VI. 8. 2. 

Iam videamus cetera. Ac de cap. 29 supra (p. 28 sq.) 
dictum est. In transcursu autem monuerim mea quidem sententia 
lacunam, quam E^rausius indicavit, non proxime ante cap. 30, 
sed iam in fine cap. 29 post ,excoluerat' statuendam esse. Neque 



««) Cf. Busoltium 1. 1. p. 431. 



— 57 — 

enim yideo quid in hac Pompei descriptione sibi velit Metellus, 
qui subito tamquam deus ex machina in orationem inducitur. 
Contra si ultima illa verba: ,ut a Sertorio Metellus laudaretur 
magis, Pompeius timeretur validius/ quae cum antecedentibus 
male, sed optime cum subsequentibus cohaerent, p o s t lacmiam 
legimus atque in iis, quae proxime antecedebant, nunc quidem 
deperditis, relatum fuisse credimus Metellum et post eum Pom- 
peium in Hispanias missum esse, ubi bellum cum Sertorio varia 
fortuna gereretnr: in tali rerum ordine aptissimum sane locimi 
habebant. Krausius quidem putat (cf. adnot. ad h. 1.) scriptorem 
iis yiam sibi muniisse ad hoc ipsum bellum enarrandum. Sed id 
priusquam attingeret, narrare opinor debebat ac certe narravit, 
quid Pompeius antea in Sicilia contra Garbonem gessisset et 
deinde contra Marianorum reliquias in AMca (cf. Eutrop. Y. 8 
et 9. Plut. Pomp. 10 — 14), de qua etiam quartum et vicesimum 
annum agens triumphavit. Hunc autem primum eins triumphum 
nimirum aute Sertorianum bellum actum re vera a Nostro fuisse 
memoratum ex verbis 30. 2: ,Pompeius hoc quoque triumpho 
adhuc eques Eomanus' satis cognoscitur. Quodsi ultima haec 
verba non cum cap. 29 continuanda esse censeo, in medio etiam 
relinquam, utrum illud ,excoluerat,' quod inde a Huhnkenio 
legunt editores, recte se habeat, an potius, quae teste Burerio 
codicis lectio erat: ,prudentiae celerior' (vel simile quid) iis, quae 
aliquando subsequebantur, aliquem habitura fuerit explicatum. 

Sed ut redeam in viam: inde a cap. 30 si Livii vestigia in 
Velleio detegere voluinus, plures quam hucusque brevissimi eins 
epitomatores melioresque nobis ansas dat Gassius Dio, cuius 
copiosa narratio ab his fere temporibus integra servata, ut 
novissimis virorum doctorum inquisitionibus luculentissime de- 
monstratum est,®^ paene tota e Livio est deducta. Ac primum 



^) Cf. Quil. Heimbachium, quaeritur quid et qnantum Cassius 
Dio ia historia conscribenda inde a libro XL usque ad libruin XL VII 
e Livio desumpserit. Dissert. Bonn. 1878. — Hug. Grohsium ,Der 



— 58 — 

quidem in hoc duobusque, quae sequuntur« capitibas bella servile 
et piraticum tarn levibus lineamentis adumbrata sunt, ut de eorum 
fontibus difficile sit iudicatu. Nee tarnen quidquam obstat, ne 
LiviiuD subesse credamus, atque equidem 80. 5 numerum fugiti- 
vorum primo erumpentium ,LXIV,' qui nunc legitur, ut Livianae 
narrationi (cf. Perioch. XOV. Front. I. 5. 21. Eutrop. VI. 6. 
Oros. y. 24. 1) respondeat, in ,LXXIV' Lipsio iam praeeunte 
commutare haud dubitaverim. 

Gerüus iam de cap. 88 iudicari potest, ubi haec emicant 
Liviana. § 1 dicit Velleius Lucullum belle contra Tigrauem 
gesto ultimam manum paene magis noluisse quam non potuisse 
imponere. Quibus verbis usus haud dubio in mente habuit id, 
quod Dio XXXV. 2 ex Livio refert, Lucullum Tigranem victum 
non insecutum esse, sed evadendi facultatem ei dedisse, unde 
culpae datum, quod debellare noluisset, quo diutius cum imperio 
esset — De conviciis autem a Lucullo et Pompeio sibi invicem 
ingestis (§ 2) consentit non solum cum Dione (XXXVI. 46), 
sed etiam cum Plutarcho (Pomp. 31), quem narrationem suam 
hac in vita ex Strabone et Livio contexuisse, sed hunc certe 
in capp. 80 et 81 secutum esse docet Paulus Otto.'^^) ludicium 
quoque illud, quod Noster de Pompeio fert (§ 8): ,neque, ut 
primum ad rempublicam adgressus est, quemquam omnino parem 
tulit, et in quibus rebus primus esse debebat, solus esse cupiebat', 
ex Livii belli civilis narratione quasi praesumptum esse probatur 
consensu Lucani (I. 125: ,nec quemquam iam ferro potest Caesarve 
priorem Pompeiusve parem') etFlori [II. 18. 14: ,nec ille (Pom- 
peius) ferebat parem nee hie (Caesar) superiorem] et Dionis 

(XLI. 54: yvciifA^ fjiv ydp toooütov dXXi^Xuiv SU^Epov, oaov ilo(Ainf^ios piv 
ouSevoc dv^pcuTTcuv oeuTepoc, Kaloap oi xal npuiTOc tt^vtiuv elvai iitedufixt),. 

qui omnes talem tamque distinctam sententiam simillime expri- 



Wert des Geschichtswerkes des Cassius Dio als Quelle für die Geschichte 
der Jahre 49—44 v. Chr.' Berol. 1884. — Walth. Judeichium 
,Caesar im Orient.' Lipsiae 1885 p. 14—32. 

^®) Qoaestiones Strabonianae in Stud. Ldps. XI snpplem. p. 325. 



— 59 — 

mentes Livium secuti sunt. Simul autem ex hoc mtelligimus 
Livium, etsi Pompeium tantis laudibus tulerat, ut Augustus eum 
Pompeianum nominaret (cf. Tac. Ann. IV. 34), quae in illo re- 
prehensione digna erant nihilo secius reticuisse. Quodsi Noster 
cum aliis locis (praeter hunc cf. 80. 3; 40. 5) Pompei intermina- 
tam imperii cupiditatem notat tum in sequente capite (34. 2) eum 
Tituperat, quod ex Metelli victoriae Greticae gloria partem ad 
se rapere voluerit (cf. etiam Dion. XXXYL 2), ne haec quidem, 
ut forte aliquis obiecerit sententiae nostrae, a Livio aliena fuerunt. 
Sequitur coniuratio Catilinaria a Velleio 34. 3 — 36. 5 ita 
fere adumbrata, quemadmodum Livium eam descripEdsse consen- 
taneum est. Ac primum illud in oculos incurrit eum non se- 
cutum esse SaUastium, cuius peculiarem libellum, sicut alia eins 
scripta, nimirum penitus cognita habebat. Namque in senatu, 
cum de puniendis coniuratis ageretur, primae yel omnes partes 
Gatoni tribuit, Gaesaris adeo nulla ratione habita, ut ne nomen 
quidem eius commemoret — dicit enim tantum 35. 3: ,cum alii 
suaderent, ut per municipia Leutulus coniuratique custodirentur.* 
Praeterea Gatonianae oraüonis argumentum, quod quam brevissime 
exhibet (35. 3 et 4), aliquantum repugnat iis, quae Gatonem lo- 
quentem facit Sallustius (Gat. 53); sie, ut alia omittam, consulis 
yirtutem a Qatone amplificatam esse Sallustius nullo verbo attigit. 
Quodsi YeUeius Sallustianum librum omnino non adhibuit, vel 
hinc suspicari licet, eundem continuum narrationi eius subesse 
fontem, quem iam satis mihi demonstrasse videor. Haec autem 
suspicio singulas res, quoad fieri potest, cum Livianis comparan- 
tibus quam maxime firmabitur. Nam ut YeUeius Giceronis ,sin- 
gularem yirtutem, constantiam, vigiliam curamque' in aperienda 
coniuratione disertis verbis praedicat, ita Idvius (Perioch. GH) 
eam ,industria' M. Tulüi Giceronis erutam esse rettulit Deinde 
quod Livianae narrationi proprium fuisse videtur: Gatilinam vi 
quadam adhibita vel iussu consulis vel decreto senatus ex urbe 
remotum esse (cf. Perioch. 1. 1.: Gatilina urbe pulse' Eutrop. YI. 
15. Dion. XXXYH. 33), cum auctore Sallustio (cf. Gatil. 32 et 



— 60 — 

Flor. n. 12. 8, quem hac in particula Sallustiuin sequi constat) 
sua sponte in Etruriam profectus sit — idem perhibet Yelleius 
84. 4: ,metu consularis imperii urbe pulsus est.' Tum vero 
maiorem partem senatus Giceronem domum prosecutam esse 
etiam apud Plutarchum legitur (Gic. 22), quem hac in parti- 
cula (capp. 10 — 22 continente) aliqua ratione cum Livio cohaerere 
iam observarunt viri docti, sive ipsum eum adiit^*) sive — quod 
quidem minus crediderim — communem cum eo fontem habuit.*^) 
Quibus de causis maximam partem iam ab H. Duebio^^) allatis ea, 
quae de coniuratione Gatilinariaapud Velleium leguntur, e Livio 
hausta esse contendo. 

Idem in capp. 37 et 40 ac porro 44 — 47^*), quae iunctim 
tractare placet, unicus Vellei auctor habendus est. Sed ex bis, 
ne nimius sim, pauca in medium prolaturus de omissis affirmasse 
sat babeo sententiae nostrae nihil adversari. 

37. 5. De condicionibus Tigrani supplici imperatis cum 
Velleio mirum in modum concinit Eutrop. VI. 13. 

40. 2 sqq. Laudatur Pompeius, quod omni exercitu Brun- 
diFÜ dimisso nihil praeter nomen imperaioris retinens cum private 
oomitatu in urbem redierit adfirmantibus plerisque non sine exer- 
citu eum venturum et libertati publicae statuturum ar- 
bitrio suo modum; itemque paulo inferius dicitur Pompeium 
decretos sibi honores non plus quam semel, et hoc sane ni- 



'") Cf. Hermannum Peterum 1. 1. p. 132 sq. 

'^) Cf. Paul. Weizsaeckerum .Ciceros Hypomnema undPlutarch' 
in Fleckeisen. Annal. CXI (1876) p. 415 sqq. Card. Bureschium ,Die 
Quellen zu den vorhandenen Berichten von der Catilinarischen Ver- 
schwörung' in Commentat. Bibbeck. Lipsiae 1888 p. 219 sqq., qui 
Cicoronis de consulatu suo commentarium a Plutarcho adhibitum esse 
putant 

'') ,Die jüngeren Quellen der Catilinarischen Verschwörung' in 
Fleckeisenii Ann. CXUI (1879) p. 853 sq. 

7^) Quae interposita sunt capita, alia ex ingenio scriptoris addita, 
yelut 36 (cf. tamen snra p. 19), 38 et 39, alia (41—43) ex fönte supra 
p. 29 sq. iam indicato petita sunt. 



— 61 — 

mium fuisse, usurpasse. Talia ex ingenio et cogitatione 
ipsius Vellei vix oriunda scriptorem produnt liberae reipublicae 
studiosum, scilicet Livium, de quo eo minus dubitari potest, quod 
plane eadem narratio idemque narrationis color apud Dienern 
XXX VUl. 20 deprehenditur. Nam et hie summis Pompeium 
laudibus fert, quod, eum penes eum steterit, totam Italiam sibi 
subicere summaque rerum Eomanarum potiri, nihil eiusmodi fa- 
ciendum ratus Brundisii statim copias dimiserit. Ex Livio for* 
tasse et Plutarchus pendet, apud quem (Pomp. 43) simile aliquid 
legitur; sed quoniam prorsus tacet de honoribus Pompeio absenti 
decretis, quos Yelleius in subsequentibus (§ 4) commemorat, res 
non satis liquet. Dio autem de bis quoque quam maxime Nostro 
consentit; nam et legem iisdem verbis afiert et modestiam Pom- 
peio aeque laudi vertit. (1. 1. 21.) Guius rei cum alibi nulla fiat 
mentio, ad Livium utrumque referendum esse nemo non intelleget. 
Denique in extreme quoque capite (§ 5) Yelleius optime congruit 
cum Diene XXXVIL. 49 de contentionibus Pompei cum opti- 
matibus, ne acta eins rata fierent, repugnantibus. 

44. 2. Caesar in triumviratu constituendo id consilii secutus 
esse dicitur, ut cedendo Pompei gloriae augeret suam, et invidia 
communis potentiae in illum relegata suas vires confirmaret. 
Similem in modum calliditatis Gaesarem arguit Dio 1. 1. 55, ubi 
de triumviratus causis copiose, ut Nester, disserit. Totus autem 
Velleianae narrationis color indicat scriptorem Gaesari si non 
infensum, at certe minus faventem, qualem Livium fuisse scimus. 
Ac si Yelleius § 1 dicit: eam potentiae societatem urbi orbique 
terrarum exitiabilem fuisse, non ipsius scriptoris, sed potiu» 
auctoris eins Liyii iudicium habemus. 

44. 4. De agri Gampani divisione omnino conferendus. est 
Dio XXXYm. 7, qui etiam, ut Nester, addit ab hoc tempore 
Capuam inter Bomanorum colonias relatam esse. Yelleius tamen, 
quippe cui Gapua, ut videtur, oriundo^^) haec res maxime fuerit 



'^^) Cf. Mommsenum in praef. ed. Haasii p. VII. 



— 62 — 

cordi, accuratiorem Dione memoriam prodit numero quoque ci- 
yium in Oampaniam deductorum addito. 

45. 1 sqq. De lege Glodia mirum quantum cum Dione con- 
gruit Noster; quod enim dielt verbis illius Oiceronem etsi non 
nominatum, tarnen solum petitum esse, plane idem, paulo tantum 
uberius, refert Dio XXXVUi 14: 6 hk 8t] vdfioc, ^v (xrco^ Taut« KX(()Bio; 

si^ev), dXXd xaxd irdrcaiv dTiXcoc xdiv ttoXitäv tivo oveo ttjc tou (i^fAOu xora- 
Tvtiiaeoic diroxTevouvtcov t^ xal dhrexTOvfjTcov ouvfff^yexo* Ip^cp 8i iit* «{»tov 5« 

(xdXcaTa ouve^pticcpETo. Hicautemconsensus eomagisnotandus est, quod 
apud alios scriptores ne simile quidem legitur. Hie igitur certum 
Liyii argumentum nactus reliqua huius capitis, quibus egregia 
Ciceronis memoria continetur, qualem et Patavinum tradidisse 
scimus, ad eundem referre minime dubito. De Gatonis vero in 
Oyprum legatione (§§ 4 — 5) non solum Dio XXXIX. 22, sed 
magis etiam Florus I. 44 cumNostro consentit. Etenim si dicit 
Florus 1. 1. 5: ,Oato Gyprias opes libumis per Tiberinum ostium 
invexit' satis perspicitur fuisse in pleno Livio uberiorem 
hanc de ,in8olentia' Gatonis narrationem, quam Noster tradit, 
Eandem praeterea legimus apud Plutarch. Gat. Min. 39 et Yaler. 
Maxim. Vlll. 15. 10, qui Munatium Rufum secuü sunt"^^, Gy- 
priaca eexpeditionis — ut Valer. IV. 3. 2 ait — fidum comitem; 
unde nescio an condudere liceat Munatium Livii quoque fuisse 
fontem. 

In capp. 46 et 47 res a Gaesare in Gallia gestas, quo 
notiores ipsius Gaesaris commentariis erant, ad quos verbis istis: 
,cum immanis res vix multis voluminibus explicandas in 
Gallia gereret' respexisse videtur, eo breyius perstringit soriptor, 
ut de fönte vix quidquam dici possit. Sed in ceteris levia 
quaedam Livia vestigia apparent. Sic, cur iudicaverit Pompeium 
et Grassum alterum consulatum neque honeste petivisse neque 



'*) Plutarchus tarnen ThraseaPaeto interposito; cf. Herm. Peterum 
1. 1. p. 65 sqq. 



— 63 — 

probablüter gessisse, luculeater apparet, si eandem narrationem 
ante oculos habuit, quam Dio ex Livio expressit. (XXX IX. 30 
sqq.). De Grasso in Parthos diris cum ominibus proficiscente 
(§ 3) tribunorumque execraüonibus cf. Flor. I. 46. 3 et Dion. 
XXXIX. 39; de 0. Gassio quaestore, qui reliquias Grassiano 
exerdtus conservayit Parthosque in Syriam transgressos fugavit 
cf. Dion. XL. 28 et 29 et Butrop. VI. 18. 

Tum vero colorem Livianum manifeste prae se ferunt, quae 
scriptor 47. 2 de fortuna omnia inter Gaesarem et Pompeium 
dirimente veluti cum dolore refert. luliam concordiae amborum 
pignus fuisse eiusque morte belli civilis initium maturatum apud 
eos potissimum scriptores legitur, quos Livium sequi constat: 
Val. Max. VI. 4. 2. Flor. 11. 13. 3. Dion. XL. 44, quibus etiam 
addendus est, qui Livii historiam Pharsaliis suis versibus inclusif^, 
Lucanus I. 111 sq. et 119. Getera vero huius capitis optime 
cum Dionea narratione eaque maximam partem sola conveniunt: 
veluti de ambitu in gladios caedesque civium furente (§ 3) cf. 
Dion. XL. 48; de tertio Pompei consulatu, quod solus gessit 
cuiusque honoris gloria maxime a Gaesare alienatus est ibid. 60: 
de ambitu ab eo coercito ibid. 52; de Milone Pompei voluntate 
damnato (§ 4) ibid. 63 — is enim, ut ex Dione intelügimus, 
armatis cum militibus in iudido, ne turbari posset, aderat. 
Unam autem rem in fine (§ 6) traditam: Gatonis sententia palam 
lata Milonem absolutum esse, quam Dio omisit, et hanc Livio 
deberi ideo veri simile est, quod eandem, etsi dubitans, num vere 
sie se habuerit, memorat Asconius (in Milon. p. 63 Gr.), qui 
Livium, ut iam vidimus, sequi solet. 

Accedamus iam ad proximam Velleiani operis particulam 
capp. 48 — ^68 complexuram; nam quae his continetur memoria 
belU Pompeiani et rerum usque ad Gaesaris necem gestarum, 
eam Livius abhinc suae aetatis historiam scribere exorsus libris 



"^ Cf. Gust. Baier um, de Livio Lucani in carmine de hello 
civil! auctore. Dissert. Vratislav. Suidniciae 1874. N. J. Singelsium, 
de Lucani fontibus ac fide. Dissert. Lugd. Batav. 1884 p. 22—152. 



— 64 — 

GIX — GXVI tradiderat, quibus peculiariter ,Belluin Givile' in- 
scripsit. Hoc igitur volumen, quod praestantissimam Liviani 
operis partem fuisse suspicatur H. Nissenius^^, quid quantumve 
Nostro suppeditaverit quaerentibus statiin in cap. 48 plura 
occurnmt, quae haud dubio profecta sint ab auctore Pompei 
Studioso, velut id, quod legitur § 1: iustissimum quemque et a 
Oaesare et a Pompeio voluisse dimitti exercitus, deinde § 2, 
ubi haud sine affectione quadam animi ad magnitudinem et po- 
tentiam Pompei respidens hanc fortunam propa^üone yitae 
eius destructam esse dolet, necnon verba illa § 3: Curionen^ 
primo pro Pompei partibus, id est, ut tunc habebatur, pro 
republica, stetisse. Praeterea vero ipsae res quam proxime 
ad Livianam memoriam accedunt. Sic conferas velim, quae de 
morbo Pompei votisque ab universa Italia pro salute eius sus- 
cepta traduntur, cum Dione XLI 6. Gurionem autem plane 
eundem et Yelleius (§ 3) et Dio XL. 56 depingunt, ac si dicit 
Noster eum primo pro Pompeio, mox simulatione contra eum et 
Oaesarem, sed animo pro Gaesare stetisse, haec bene illustrantur 
narratione Dionis XL. 61 init.: eum, etsi Gaesaris rebus iam 
studiosum, non tamen confestim id prae se tulisse, sed quam 
diutissime consiüa sua texisse ratum, quanto diutius Gaesaris 
adversariis velut cum ipsis faciens adesset, tanto se et plura et 
maiora eorum secreta perdiscere posse. Livius etiam, ut ex 
Dion. ibid. 60 patet, diserte narrayerat Gurionem corruptum in 
partes Gaesaris transiisse, sed hanc rem Gaesarianus nostar etsi 
negare vel redcere non audet, tamen eam in dubio relinquendo 
aliqua ex parte velare studet. 

Gap. 49 unde fons agnosci potest, vix praebet fere totum 
e cogitationibus scriptoris contextum. Tamen in bis ipsis pendere 



'^^) ,Der Ausbrach des Bürgerkriegs zwischen Caesar und Fompeios* 
ia Sybelii Annal. Histor. XLVI (1881) p. 51: ,Wir können nicht leb- 
haft genug bedauern, dass von dieser Zeitgeschichte uichts auf uns 
gekommen; denn alle Wahrscheinlichkeit spricht dafflr, dass sie das 
reifste Erzeugnis Livianischer Forschung and Darstellung gewesen sei.* 



— 65 — 

eiiin ab auctore liberae reipublicae ac Pompei partium studioso 
inde satis perspicuum est, quod Pompei causam meliorem fuisse 
dicit et praeclaram Cat^ODis meutionem inicit. Imprimis vero 
animadvertas, quibus verbis usus sit § 8: ,vir antiquiis et gravis 
Pompei partes laudaret magis, prudens sequeretur Caesaris et 
iUa gloriosiora, haec terribiliora duceret.'"^) Nee aliter res se 
habet in cap. 50. Omisit quidem, id quod Liviani ad unum 
omnes habent (cf. Flor. II. 13. 21. Oros. VI. 15. 5. Lucan. III. 
114 sqq. Dio XLI. 17), Gaesarem aerarium eiffregisse; sed id 
minime obest sententiae nostrae. Velleius enim, ne Caesaris 
gloriae quidquam detraheret, hanc rem consulto ac prudenter 
reticuit, praesertim cum ne ipse quidem Caesar in commentariis 
suis de belle civili ullam eius mentionem fecisset. Noverit igitur 
fortasse commentarios, verum tamen eos secutus non est (cf. 
Pemlcen 1. 1. p. 33), immo ex ceteris efificitur fontem antea 
adhibitum hlc esse continuatum. Namque et alia omnia ad hunc 
potissimum quadrant et quod legimus § 2: Caesarem Brundisio 
reversum in senatu et in contione rationem consiliorum suonim 
reddidisse, in Liviana narratione (apud Dionem XLI. 15 et 16) neque 
alibi invenitur, ne in copiosis quidem Plutarchi et Appiani relati- 
onibus per Strabonem maximam partem ex Asinio Pollione haiistis. 

De cap. 51 nescio quid amplius affirmari possit, quam 
optime omnia cum Livio congruere exceptis fortasse iis, quae 
§ 3 de Cornelio Balbo apud Nostrum solum leguntur. Verum 
haec quoniam cum perpetua historia non conveniunt, sed ad 
unum illum virum eiusque posteriorem vitam ac fortunam spectant 
et solam in gratiam Balbi illius, qui apud Tiberium magno in 
honore erat (cf. Dion. LIV. 25), addita videntur, memoriter ea 
inserta esse putaverim. Adde quod in iis errorem comnusisse 
videtur scriptor.«>) 

In cap. 52 accuratius res perpendenti Velleius magis in 



7») Cf. etiam Sauppium 1. 1. p. 161. 

^) Cf. Raiippium I. 1. p. 152. Drumannum in Ilrstor. Rom. II. 

609 not. 3. 

6 



— i\{\ — 

Pompei quam iu Caesaris favorem narrat: sie paene dolet, quod 
Pompeius post Caesaris discessum vel fugam non in Italiam 
transgressus sit, quo nihil, ut ait, partibus illius salubrius fuit. 
Ideni fere Dio XLI. 52, et Lucanus quoque refert VI. 316 amicos 
suasisse Pompeio, ut ,patrias sedes atque hoste carentem Ausoniam 
peteret.' Dein nihil obstat, ne Caesaris in Pharsalica pugna 
dictum ,parce civibus' — sie enim procul dubio in § 4 supplendum 
est^^) — ex Livio petitum esse credamus, quoniam eiusdem rei 
auctor est Florus II. 13. 50. Apud hunc quidem alteram quoque 
vocem Caesaris legimus: .miles faciem ferü' sed hanc crudelem 
omisisse Nostrum non est quod miremur, quippe qui saepius, ut 
iam vidimus, artem reticendi prudenter adhibuerit. Orosium 
autem, qui, ut Fionis, utrumque refert dictum (VI. 15. 26), sed 
illud ,parce eivibus' Pompeio, hoc alterum Caesari tribuit, mani- 
iesto aut ipsum errasse aut ex fönte suo, epitoma illa Liviana, 
errorem istum contraxisse acute observat Judeichius (1. 1. p. 12 
not. 1) ex Lucano, qui versu VII. 578: (Caesar) ,in plebem vetat 
ire manus monstratque senatum' ad utrumque illud dictum alludit 
Caesari ea tribuens. Deinde vero notatu dignum sicut Nostrum 
(§ 5), ita Dionem XLI. 63 Brutum a Caesare servatum esse 
narrantes ad scelus postea ab eo editum prospicero ingratique 
animi eum incusare. 

Caput 53 totum est de Pompeio, cuius fuga ac miserabilis 
exitus non sine dolore quodam et animi affectione enarrantur. 
In Universum igitur dici potest narrationis eolorem hie quoque 
indicare auctorem Pompeianum. Ex singulis autem parum pro- 
bari potest: nisi forte pro Lirio afferre liceat, quod Septimius. 
cui Straboniana memoria (Plut. Pomp. 78 sqq. App. II. 84 sq.) 
in caede Pompei primas, Liviana contra, quia civis Homanus 
erat et sub ipso Pompeio militaverat, quam minimas tribuit, a 
Nostro, quamquam Theodotum et Achillara nominat et Pothinum 



^^) Conforatur Aemilius Thomas, qui nuperrime haud iufeliciter 
in emendando Velleio versatus est, in libello: de Velleiani yoluininis 
coudicione aliquot capita (Beroliui 1893i p. 41. 



— 07 — 

verbis ilJis: ,inipeiio arbitrioque Aegyptii mancipii' significasse 
Tidetur, omnino non commemoratur. Tum vero, si illud de 
Pompeio dictum § 8: ,ut cui modo ad victoriam terra defuerat, 
deesset ad sepulturam' pari aeumine expressum legeris apud 
Val. Max. V. 1. 10: ,eius caput ... in suo modo terrarum orbe 
nnsquam sepulturae locum habuit/ talem consensum ex communi 
fönte ortum esse tibi persuadebis, nimirum ex Livio, quem cetera 
huius exempli Valerio subminist rasse ex Perioch. OXII. Oros. 
VI. 15. 29. Eutrop. VI. 21 patet. 

In cap. 54 Livius indicatur honoritica Catonis mentione § 8, 
qui, cum summum ei a militibus deferretur Imperium, honoratiori, 
sc. Scipioni, parere maluit. Hanc rem praeter Velleium nemo 
commemorat nisi Livius (Perioch. CXIII. Dio XLII. 57) et, qui 
eundem auctorem, Munatium Rufum^-) adhibuit. Plutarchus (Cat. 
Min. 57). 

Ex capite 55 primum notare velim belli Africani adumbra- 
tionem (§ 1), non quod fontem eins indicare possim, sed quia 
hie locus si quis alius aptus mihi videtur ad refutandos eos, qui 
Nostnim Asinii Pollionis historiis usum esse opinati sunt.sa) 
Qttod si ita esset, nonne mirandum, quod hoc ipso loco ad bre- 
vitatem se revocat scriptor, ubi narratio Asinii, rerum in Africa 
sub Curione gestarum testis oculati, haud dubie accurata et 
(jopiosa fuit? Atque Appianus, qui, ut iam saepe diximus, per 
Strabonem ex Asinio pendet, his in rebus describendis Pollioni 
praecipuas tribuit partes (cf. App. b. c. II. 40. 45. 46); Noster 
autem ut hoc loco ne verbo quidem mentionem eius inicit, ita 
in reliqua quoque narrationis parte, ubi omnino sequi poterat 



«2) Cf. supra p. 62 et not. 76 ibid. 

^^) Veluti Herrn. Boettcher .Ueber die Quelleu des Cassius Dio 
in seiner Darstellung des Bürgerkrieges zwischen Caesar und Pom- 
peius' Progr. Halberstadt. 1872 p. 2. O. Basiner, de belle civili Cae- 
sariano. Dissert. Dorpat. 1883 p. 15. — Quibus aliqua ex parte et iam 
accedit W. Judeichius 1. 1. p. 41 not. 1. 

5* 



68 



Asinium, qui ultra pugnam Philippensem historiam suam non 
deduxit^), semel tantum (63. 3) eum nominat. 

55. 3. In pugna Mundensi describenda paulo pluribus verbis 
commoratus certissima ad fontem cognoscendum indicia praebet 
scriptor. Praeclare autem et paene mlrandum in modum hie 
concinit cum memoria Livlana, cum reliquis, quae supersunt, 
omnino discrepans. Quod quo planius noscatur, et Nostri et 
Flori, qui Livium hie optime servavit, integra verba subiciam. 



Vell. 55. 3 et 4: 
Sua Caesarem in Hispaniam 
comitata fortuna est, sed nul- 
lum umquam atrocius pe- 
riculosiusque ab eo initum 
proelium, adeo ut plus quam 
dubio Marte descenderet 
equo consistensque ante 
recedentem suorum aciem, 
increpita prius fortuna, quod 
se in eum servasset exitum, 
denuntiaret miliübus vestigio 

se non recessurum Vere- 

cundia magis quam virtute 
acies restituta et a duce 
quam a milit« fortlus. 



Flor. II. 13. 75; 79—82: 
Itaque nusquam atrocius 
nee tam ancipiti Marte 
concursum est (quam in 
Hispania) .... et in ipso proe- 
lio . . . probata veter an orum 
manus gradum retro dedit, 
quos, etsi nondum fugerant, 
apparuit tamen pudore magis 
quam virtute resistere. 
Itaque ille ablegato equo 
similis furenti primam in 
aciem procurrit. Ibi pr^n- 
sari fugientis, confirmare sig- 
niferos, orare hortari incre- 
pare .... 



Quin uterque hie Livium ante oculos habuerit, minime du- 
bium esse potest, praesertim cum et Dio XLIII. 37 proelium 
eodem fere modo describens narret Caesarem, cum in summum 
discrimen res deducta fuerit, ablegato equo ante primam aciem 
constitisse. Hanc rem in Strabonia memoria, apud Plutarchum 
(Gaes. 56) et Appianum (II. 104), necnon in Bello Hispaniensi 
(31) frustra quaesiveris. Ex Livio igitur Nostrum hie pendere 
pro certissimo afßrmare licet, »s) Adde quod in fine hiüus capitis 

8*) Cf. Teuffelium in Litt. Rom. Eist. (edit. V Lipsiae 1890) I 
p. 474. M. Schanzium iu Litt. Rom. Bist. II p. 19 et 20. 

^) Rankius quoque singulas de pugna Mundensi relationes exa- 
minans V^elleianae et Florianae similitudinem observat I. 1. p. 233. 



— 69 — 

de Ponipeianorum dueum exitu idem narrat quod Livius; cf. § 4: 
,Cn. Pompeius gravis vulnere inventus inter solitudines avias 
interemptus est.' cum Flor. ibid. 86: ,Cn. Pompeium proelio pro- 
fugum, crure saucium, deserta et avia patentem Gaesonius . . . 
interfecit' et Oros. VT. 16. 8 et 9 (qui tarnen Gneum et Sextum 
Pompeios inter se confudit) et Dion. XLIII. 40. 

Gap. 56. Quattuor triumphos, quos Gaesar Livio teste 
(cf. Perioch. GXV) ex Africa reversus iam ante bellum Hispa* 
nicum egerat, Velleius brevitatis causa una cum quinto ex 
Hispania acto (cf. Perioch. GXVI) hie demiun (§ 2) comme- 
morat. Quorum diverso in apparatu describendo Noster omnium 
scriptorum accuratissimus ita consentit cum Floro (ibid. 88), ut 
e communi fönte utrumque hausisse pateat. Praeter eos solus 
rem tradit Suetonius Gaes. 59, quem a Livio pendere recte iam 
vidit Gust. Dederdingius.^) At Straboniana memoria (Plut. 
Gaes. 56 et App. II. 101) de diverso triumphorum apparatu 
prorsus tacet. — Deinde Velleius (§ 3) inter principes coniura- 
tionis in Gaesarem factae adversarios eius et amicos discemit 
nominans ex his D. Bruttun et G. Trebonium, ex illis Brutum 
et Gassium. Hos ipsos quattuor eosdemque duos ex Gaesaris 
partibus coniurationis auctores fuisse Livius quoque diserte rettu- 
lerat. Ac ne forte credas in pleno Livio plures nominatos fuisse, 
ne Dio quidem XLIV. 14 plura nomina affert. Nihil eiusmodi 
apud alioB. — Etiam § 4 e Livio hausta est. Nam quod in tine 
narratur: insigne regium Gaesari a M. Antonio oblatum ab eo 
ita repulsum esse, ut non offensus videretur, cum per se Anti- 
caesarianum indicat, tum a nullo scriptore traditur nisi, qüi 
Livium secutus est, Dione (XLFV. 11: ou »x^vcoi %a\ öpy^v hyj^), 
quocum etiam conferas Florum (ibid. 91: ,dubium an ipso 
volente oblata pro rostris ab Antonio consule regni insignia.' 

Gap. 57. Gonsilium Pansae et Hirtii suadentium Gaesari, 
ut principatum armis quaesitum armis teneret, eiusque dictum mori 

**) De Suetoni vita Gaesaris. DiBsert. Jenens. Berol. 1871. p. 
33 sqq. 



- 70 — 

sc quam timeri malle nusquam commemorata iuvenio. Sed 
quoniam cetera, quae subsequuntur: haruspicum mouitum (cf. 
Dioü. XLIV. 17. Suet. Caes. 81), narratio de Calpurniae noe- 
turno visu (cf. Val. Max. I. 7. 2 Suet. 1. 1. Dion. 1. 1. Obseq. 67, 
denique Plutarch. Oaes. 63, qui Livium auctorem rei laudat), 
de libellis coniurationem nuntiantibus iiec protinus a Caesare 
lectis (cf. Dion. ib. 18 et Flor. ib. 94, qui insuper sicut Noster 
ad ineluctabile fatum respicit) — quoniam igitur haec omnia 
ad Livium redeunt, ne illa quidem ab alio auctore accita vel 
memoriter inserta existimaverim. 

Ex capite 58, quod ad Livium referendum esse iam censuit 
Franc. Froehlichius^^) omnibus, quae bis de rebus exstant, 
narrationibus diligenter inter se comparatis, unum insigne huius 
sententiae documentum proferre mihi liceat. § 4 verba Nostri: 
,et illud decreti Atheniensium celeberrimi exemplum, relatum a 
Cicerone, oblivionis praeteritarum rerum decreto patrum com- 
probatum est.', paene verbo tenus cougruunt cum Oiceronianis 
illis Phil. I. 1. 1 : ,ieci fundamenta pacis Atheniensiumque renovavi 
vetus exemplum, .... atque omnem memoriam discordiarum 
oblivione sempit^i-na delendam censui.' Quo con sensu ducti 
editores, quos Kaiser (1. 1. p. 31 sq.) nulla dubitatione sequitur, 
Velleium hunc Ciceronis locum in mente habuisse putant. Verum 
enim vero iisdem verbis hac in re et Plutarchus usus est 

(Cic. 42: Kixiptuv Oc r.oX)A Tipo; tov xaepov o^xefioc oieXOdiv l'eise ttjv 
TjyxATjTOv 'A^jvafou; |xi}jLr|3a;AivT^v atjLvr^aTiav twv im Kabapi 'i^r/^iaaiJÖat) 

et Dio (XLIV. 34: Kixdpwv id\ Taüxa ei^v — quae ipse in iis, 
quae antecedunt, exhibet — tm^i ttjv yspouafav ixrfii^ ixrfivA (i-vr^aixa- 
xTja« ^T^cp^aaaOai). Quid igitur? Num credibile est et Velleium 
et Plutarchum et Dionem unumquemque paiiter eodem loco 
Ciceronem esse imitatum? Immo multo probabilius omnes tres 
pendere ab uno eodemque historico, qui ipse quidem Ciceronem 

^) De rebus inde a Caesare o<;ciso usque ad senatum Liberalibus 
habitum gestis. Dißsert. Berol. 1892. p. 53 sq. 



— 71 — 

ante oculos habuerit, sed Nostro et Dioni cetera quae praecedunt 
uecnon quae sequuntur oinnia et Plutarcho, ut iam ^idimus, 
uonnuUa saltem hac in vita suppeditavit. Libenter igitur 
facio, ut Grohsio (1. 1. p. 132) asseiitiar, qui Heimbacbii (1. 1. 
p. 37) sententiam confirmans Livium cominunem eorum foutem 
statuit. 

Huic particulae ex Bello Civil! Liviauu deductae adiuugeudum 
denique est cap. 68, quod ad haec ipsa tempora pertinens alieno, 
ut iam diximue, loco invenitur. Namque et seditio Caeliana 
(§§ 1 — 3) plane congruenter describitur a Dione XLII. 22 — 25 
(ef. Perioch. OXI. et Oros. VI. 15. 10), cum alii omnes taceant, 
et narratio de Marullo ac Caesetio a republica summotis, etsi 
apud alios multos legitur (Flut. Oaes. 61. Suet. Oaes. 79. App. 
II. 108), similior tarnen nusquam exstat quam in memoria Li\'iana. 
adeo ut verba illa: ,censoria potius conteutus nota quam ani- 
madversione dictatoria' solo ex Dione XLIV. 10 illustrari possint 
narrante Gaesarem, quamquaai in senatu, cuius de illorum poena 
sententias rogavit, non defueriut, qui supplicio eoa afficiendos 
censerent, tamen vitae eorum pepercisse tiibunatu spoliatos senatu 
movisse contentum. Atque etiam illud: ,dum arguunt in eo 
regni voluntatem' bene respondet verbis Perioch. GXVI: ,Epidio 
Marullo et Caesetio Flavo tribunis plebis invidiam ei tamquam 
regnum adfectanti moventibus' et VaJ. Max. V. 7. 2: ,quod is 
(Gaesetius) tr. pl. cum Marullo collega invidiam ei tamquam 
regnum adfectanti fecerat.' 

Accedimus iam ad ultimam Velleianae historiae partem, ubi 
omnino certos quosdam auctores adhibuit scriptor, res inde a 
Caesaris nece usque ad pugnam AcUacam continentem (capp. 
59 — circ. 91). Quibus in describendis quamquam, ut supra vidi- 
mus, hie illic Octaviani commentariis se addixit, tamen, quisquis 
vel obiter i.stam legerit historiam, cum nitro perspecturuni credo 
omnia fere spirare ingenium scriptoris liberae reipublicae studio- 
sissimi. Sic, ut alia omittam, aniraadvertas velim, id quod saue 
mirandum est in Nosti'o, quam egregia semper loniurat-oruni 



— 72 — 

mentio fiat, veluti 69. 8 et 72. 1 et 2.**'*) Huüc aiitem colorem 
non ortum esse ex ingenio Vellei, fidissimi Caesarum et Tiberii 
asseclae, cuius temporibus Bnito Cassioque latronum ac parrici- 
darum vocabula imponere solebant (cf. Tac. Ann. IV. 34), sed 
potius ex auctoris, quem secutus est, [iudicio ac cogitatione 
originem traxisse vix est quod moneam. Atque hac quidem 
generali causa imprimis ductus F.' Abraham us^^) partem istam 
ex Messallae Corvini libri haustam suspioatur, cum dicit: ,Die 
ganze Parthie des Velleianischen Werkes, welches die Zeit von 
44—31 behandelt, trägt trotz der oberflächlichen Cäsarianischen 
Schminke einen so republicanischen Grundcharakter — haec sane 
rectissima sunt — , dass man fast versucht ist, sie in ihrer 
Gesamtheit aus Messalla abzuleiten,' quem aliis quoque indiciis 
agnovisse sibi videtur. At nobis statim inde oritur suspicio non 
discessisse scriptorem a Livio, qui — fortasse Messallam secutus, 
hoc non abnuerim — Cassium et Brutum saepe ut insignes viros 
nominaverat. (Cf. Tac. Ann. ibid.) Sed hac ex parte iis, quae 
tractata nitescere posse despero, omissis insignia quaedam Livianae 
originis exempla, ut soleo, protulisse contentus ero. 

Ac primum quidem in cap. 59 longe maiorem partem ex 
Octaviani commentariis, ut suprap.30sqq.vidimus, haustoadLivium 
redit prodigium § 5 memoratum, quod sola in memoria Liviana 
(Perioch. CXVII. Obs. 68. Gros. VI. 20. 5. Dio XLV. 4) 
traditum est; nam Suet. Aug. 95 et Senec. Natur. Quaest. I. 2. 1 
idem narrantes haud dubie'a' Livio pendent.^" Verba tamen illa: 
,velut coronam tanti mox viri capiti imponens' propria sunt Nostro, 
qui, cum superstitioni minime obstrictus toto suo voluminc hoc 
unum prodigium e Livio perscriberet, rem in Augusti honorem 
ampMcare studuit. 



^) Ihnius quoque in Bist. Rom. V. p. 221 not. 1 ad bunclocum 
observat: .Uebrigens ist des Velleius Urtheil hier auffallend gelinde 
für einen Freund des Tiberius.' 

^) ,Velleiu8 und die Parteien in Rom' in Programm. Falk. gymn. 
real. 1886. p. 13. 



— 73 — 

In cap. 60 Livium sequi videtur inde a § 4, ubi ab Octaviano 
rebusque, qiiae ad eum solum spectant, ad historiam reversus 
(cf. supra p. 34) de actis Caesaris ab Antonio corruptis consonat 
cum Dioue XLIV. 58, cuius etiam narratione verba Velleiana: 
,omma pretio temperata, vendente rempublicam consule' optime 
illustrantur; is enim dlcit Antonium magistratus aliis ademisse 
aliis tribuisse multamque pecuniam a privatis populisque et regibus 
sibi comparasse aliis agros, aliis libertatem, aliis ins civitatis, 
aliis denique imraunitat«m vendentem. Livium vel eins fontem 
adiit et Plutarcbus similia in vita Antonii (cap. 15) narrans. 

Oap. 61 initium Mommseno®^) quidem oriundum videtur 
ex Monumento Ancyrano, cuius verba: ,annos XIX natus exsr- 
citum private consilio et privata impensa comparavi, per quem 
rempublicam dominatione factionis oppressam in libertatem 
vindicavi' eadem fere sunt, quae apud Nostnim leguntur. Quod 
quamquam fieri potest, haudquaquaquam tamen necessc est 
statuere. Etenim quoniam in iis, quae proxime antecedunt, cum 
Liviana memoria optime consentit scriptor (cf. Perioch. CXVII: 
,M. Antonius, cum impotenter dominaretur') nee minus in 
lis, quae sequuntur de veteranis ab Octaviano reipublicae causa 
evocatis (cf. Vell. : ,maiorem senatu pro republica animum 
habuit primumque a Calatia, mox a Oasilino, veteranos ex- 
civit patemos . . . legio Martia et quarta . . . sublatis signis 
ad Gaesarem se contulerunt' cum Perioch. 1. 1.: , Caesar et sibi 
et reipublicae vires .... paraturus deductos in colonias 
veteranos excitavit legiones quoque quarta et Martia signa 
ab Antonio ad Gaesarem tulerunt'); dein quoniam Florus II. 
15. 2 et Eutropius VII. 1 et Dio XLV. 4 praeter Nosti'um soli 
Octaviani aetatem hie indicant omnesque — id quod summi 
momenti est — aliter atque in Monumento Ancyrano (Vell.: 
,undevicensimum annum ingressus': ceteri: ,XVIII annos 



^) Bob gestae Divi Augusti. edit. altera. Berolini 1883. p. IX. 
cf. p. 3. 



— 74 — 

uatus/ cum ipse Aiigustns XIX aunos natuin so fuisse 
sciipserit): quoniani denique Florus eodeiu loco vocem ,privati' 
usurpat (,revocatis ad arma veteraiiis privat us — quis crederet ? — 
consulem adgreditur') : his igitiir de causis mihi quidem veri simile 
est ex Livio, non ex Monumento Ancyrano sua petivisse Velleium. 
Kursus igitur fönte adhibito, non memoriter eum sciipsisse apparet. 
Illud tarnen non abnuerim Livium, Vellei auetorem, si non 
Monumento Ancyrano, certc commeutariis Imporatoris usum esse. 
Xam quod narrat Octavianum reipublicae causa veteranos ex- 
civisse, ut civitatem Antonii dominatione oppressam liberaret, 
duasque ilias legionos quasi sponte se ad eum contulisse, haec 
ipsius Octaviani narratio fuit: aliunde enim constat (ex Suet. 
Aug. 10. Tac. Ann. I. 10) eum proprii commodi causa exercitum 
sibi comparasse veteranis quanta potuit largitione in suas partes 
abductis. Quo magis igitur Livius, Augusti amicus (cf. Tac. 
Ann. IV. 34) eiusque scripta secutus, res in favorem Imperatoris 
narraverat, eo minus hunc sibi ducem eligere dubitavit Velleius. 
Quamquam altera ex parte sie facere non poterat, quin aliis 
quoque in rebus, quae non ad Octaviani personam spectabant, 
Livio se addiceret: unde in narrationem multa inrepsere ab ipsius 
cogitatione ac iudicio, ut iam diximus, aliena. 

In capite 02, ut Li\ium certissime agnoscas, tantumroodo 
conferre opus est hos duos locos: 

Vell. 62. 8: Perioch. CXVIII: 

M. Bnitus et C. Cassius ... M. Brutus in Graecia sub 

profecti urbe atque Italia . . , praetextu reipublicae. . . 

sine auctoritate publica pro- exercitum, cui Vatinius 

vincias exercitusquc oc- praeerat, cum provincia in 

cupaverant et, ubicumque ipsi potestatcm suam redegit. 
essent, praetexentes esse ' 
rempublicam . . . 

No8t«r igitur, quippe qui nomen Vatiuii tacens exercitum 
a coniuratis occupatum non propius signiticot, pro singulari 



— 10 — 

niimrro plurali iititur eodein plane modo ut supra 25. 1. (cf. p. 
54 not. 67.) 
PüiTo : 

Vell. 62. 4: Periocli. CXIX: 

D. Bruto, qu d al i e n b e n e - A. Hirtius ... et C. Pansa . . . 

ficio viveret, de er e tue tri- in campo Martio sepulti sunt, 

nmphus, Pansae atque Hirtii ] adversus C. Gaesarem, qui solus 



Corpora publica sepultura hono- 
rata, Caesaris adeo nulla 



ex tribus ducibus supererat, 
parum gratus senatus fuit, 



habita mentio, ut legati ... qui D. Bruto obsidione 
iuberentur sumnioto eo milites ! Mutinensi a Caesare libe- 
adloqui. Non fuit tarn ingra- i rato triumphi honore de- 
tus exercitus. j creto Caesaris militumquc 

< eins mentionem non satis 
gratam habuit. 

Qui Konsensus profecto eiusmodi est, ut maior vix cogitari 
possit: ad ipsam onim grammaticam ascendit. Mentionem ha- 
bere, quod uterque hie exhibet pro mentionem facere, omnino 
quater nee amplius a scriptoribus Latinis usurpatum inveni. 
seilicet apud Liv. XXXVIII. 56. lustin. XIII. 2. Ascon. in Cic. 
in tog. cand. p. 85 Or. Sulp. Sev. Ep. II. 15. Praeterea vero 
utriusque verbis inest eadem illa acerbitas, a Velleio tarnen 
(,quod alieno beneficio vivei'et') aliquanto splendidius expressa 
quam a Livio (,Bruto obsidione a Gaesare liberato'), cuius ipsa 
verba Periocharum auctor hie servasse videtur. Oeterum editores 
iam inde a Ruhnkenio Livianam hiiius loci originem agnoverunt. 

In cap. 63 primum quidem a Livio petitum est, quod iani 
antea factum hie demum inserit Noster: Lepidum pontificem 
maximum in C. Caesaris locum furto creatum esse: cf. Perioch. 
GXVII: ,in confusione rerum ac tumultu Lepidus pontificatum 
maximum intercepit* et Dionem XLIV. 53, qui utriunque ex- 
plicat omnia maiorum instituta neglecta tum esse narraus. 
Cetera huius capitis aeque sunt Liviana. Namque de luventio 
Laterensi, qui sul) Antonii in castra Lepidi ingressum gladio se 



— 7(1 ~ 

transfixiöso dicitur, quia ducem suum a consilio cum Antonio se 
coniungendi avertere non potuerit, Noster et Dio XL VI. 51 soli 
iiqiio simillime tradunt; de Planco autem et Asinio PoUione, 
qui oxercitus suos Antonio tradiderint (§§ 3 et 4), eadem in 
Perioch. CXX leguntur. Quod vero Plancum et hoc et aliis 
locis (64. 1. 67. 3 et 4. 74. 3. 76. 2. 83. 1—3.) tarn acerbe 
tamque vehementer carpit scriptor, suas quidem causas habuisse 
videtur. (cf. Euhnkenium in adnot. ad hunc locum.) Ees tarnen 
ipsas, licet privati huius odii causa iniquius et cum maiore 
Planci odio eas expresserit, nihilo magis omnibus illis locis de- 
duxisse potest ex Livio, ut adeo ne haec quidem aliunde accita 
vel otiam memoriter perscripta sint existimanda. 
lam vero cetera quam brevissime persequar. 

65. 3 = Val. Max. VI. 9. 9: Ventidium eodem anno prae- 
torem et consulem factum esse. 

66. 1. Ut Noster omnem proscriptionis invidiam in Anto- 
nium Lepidumque transferens Octavianum excusare studet, sie 
etiam Dio XL VII. 7 et Flor. II. 16. 6 (,haec scelera in Antonii 
Lepidique tabulis; Caesar percussoribus patris contentus fuit'). 
Contra Suetonius (Aug. 27) narrat restitisse quidem Octavianum 
aliquamdiu collegis, ne qua fieret proscriptio, sed inceptam utroque 
acerbius exerciüsse. Livius igitur hie rursus ipsum Imperatoren 
secutus erat nimirum res in suum favorem narrantem. Eodem 
plane modo et Velleius (67. 3) et Livius (Perioch. CXX. Flor. 
II. 16. 4. Oros. VL 18. 3. Dio XL VII. 6) Antonium L. Cae- 
sarem avunculum, Lepidum Paulum fratrem proscripsisse referunt: 
sed Octavianum C. Toranium, tutorem suum eundemque patris 
sui in aedilitate coUegam, proscripsisse, atque hunc occisum esse, 
cum illi servati sint (cf. praeter Suet. 1. l. Appian. IV. 12), 
uterque reticet prudenter. 

69. 1 = Perioch. CXIX: C. Trebonium in Asia fraude 
Dolabellae occisum esse, de qua vide Dion. XL VII. 29. 

69. 2 = Perioch. CXXI: Dolabellam a Cassio Laodiciae 
roori coactum esse. 



— 77 — 

70. 2 sqq. Cassii et Bruti mortes simiJlime atque a Livi- 
anis auctoribus enarrantur: imprimis vero verba illa § 3: (evo- 
catus) ,cum imperatorem prostratum videret, sequar, inquit, eum, 
quem mea oecidit tarditas, etita in gladium incubuit/ conveniunt 

cum DiOD. XL VII. 46: %al «ut«jj [Kaaafw] xal 6 £xotT«5vTapyoc, fxadwv 
5ti otd Tr)v ßpao'jT^xa auxou oicuXeTO, iizarMcr^ty ; ac § 4 : (BrutUS) 

,impetravit a Stratone,' cum Perioch. OXXIV: ,exorato 
Stratone.' Notandum praeterea Velleium, ut omnino fortes ac 
viriles e vita excessus singulari quadam cura describere solet^^), 
ita hoc loco ipsam utriusque mortis rationem quam accuratissime 
indicare. Livium autem, ut hoc adiciam, narrationem suam ex 
Messalla Corvino petivisse, qui pugnae Philippensi, et quidem 
in Brutianis castris (cf. Vell. 71. 1), interfuerat, aliqua probabili- 
tate coUigi potest ex Plutarcho, quem in vita Bruti eadem 
narrantem [cf. cap. 43 extr. de Cassii, cap. 52 extr. de Bruti 
morte^)] ipsum Messallam saepius ab eo laudatum adiise cum 
alii statuerunt tum Paulus Otto (1. 1. p. 276 sq.) probavit. 

72. 1 sq. Originis Livianae suspicio vel eo mota, quod 
multo lenius scriptor de coniuratis hie iudicat, quam ab ullo 
umquam Tiberii assentatore exspectari potest ®3), aliquantum 
finnatur consensu Valerii Maximi, qui VI. 4. 5 de Bnito alt: 
,uno facto et virtutes suas in profundum praecipitaAit et omnem 
nominis sui memoriam inexpiabili detestatione perfudit.' Nimirum 
hoc Livii de Bruto iudicium fuerat. 

73. 3. Quae de Sexto Pompeio sunt verba: ,latrociniis 
ac praedationibus infestato mari' eadem habes in Perioch. 
CXXVni: ,Cum Sex. Pompeius rursus latrociniis mare in- 
festum redderet.' Eum servitia fugitivosque in exercitum 



»1) Cf. Sauppium 1. 1. p. 170. 

®2) De hac Plutarchus duas profert relationes, quarum Nester 
exhibet eam, quam ille ulteriorem posuit (Brutuni ipsum in gladium, 
qui a Stratone teneretur, incubuisse). Sed hniiis potissimiim auctor 
Messalla fuit. (cf. Ottou. p. 277.) 

^3) Cf. supra p. 71 sq. 



— 7?^ - 

suuin recepisse diserto et cum invidia Pompei et Gros. VI. 18. 20. 
Flor. II. 18. 1. Dio XL VIII. 19 narrant nno Appiano (IV. 85) 
praeter eos leviter rem notante : Floriis etiam eandem quam Noster 
sententiam ex comparatione cum patre profert. (1. 1. 2: ,o quam 
diversus a patre! ille Cilicas exstinxerat, hie se piratica tuebatur.') 

74. 3. In hello Perusino describendo iure suspicari possis 
scriptorem verhis illis: ,Fulvia, nihil muliebre praeter corpus 
gerens' respexisse ad id, quod a Dione et Flor. 11. 16. 2 soiis 
traditur, eam hoc in hello gladio cinctam saepe t^sseram militihus 
dedisse saepeque apud eos contionem hahuisse. Tamen hie dis- 
crepat Velleius a memoria Liviana una in re § 4 narrata, de» 
qua Augusti auctoritatem amplecti maluit; cf. supra p. 84 sq. 

75. 1 sqq. De hello a Tiherio Claudio Nerone in Campania 
moto eiusque fuga cum uxore Livia Tiberium Caesarem himum 
sinu gestaute cf. Dion. XL VIII. 15, qui et ipse hanc narrationem 
hello Perusino subiungens ut Noster (§ 2) ad fortunae mutationem 
dubiosque rerum humanarum casus respicit. Itaque hoc quoque 
Caput in honorem Tiherii insertum ex Livio deductum videtur: 
contra quae 76. 1 de avo suo interponit, ea memoriter perscripta 
vel aliunde accita esse patet. 

76. 4. Salvidieni scelesta, ut Noster ait, consilia nefaria 
vocat Perioch. CXXVII (, consilia nefaria ad versus Caesarem 
raolitum'). Quae qualia fuerint, Livius haud distinctius indicasse 
videtur, nam et Dio XL VIII. 33 tanturn narrat eum Octaviano 
insidias struxisse, cum Appianus V. 66 accuratius tradat ab 
Octaviano ad Antonium eum deficere voluisse. Ipsum vero 
Salvidienum et Noster et Dio simillime depingunt: 

Vell. 76. 4: Dio XLVIII. 33: 

Qui natus obscurissimis outo; U f^v fx^^ iZ dcpaveaTa-rtuv 
initiis parum habebat, summa | ....£; tocjoütov hk «jro toO Kai- 

I 

accepisse et .... equestris woo; tt^oy/Ht^, w5te «utov te 
r d i n i s consu l c r e a t u s ^ j n a t o v ,u r^ o t ^ o u X e 6 o v t 
esse. « - £ i •/ Ö r^ V a t. 

Haec alibi non inveuio. 



>- 79 — 

77. 1. Facete illud Pompei dictum in cannis suis se cenam 
dare in Liviana potissimum memoria (Flor. II. 18. 4. Dio 
XL VIII. 38), si Auctorem de vir. ill. 84, id quod multi in 
ultimis eius capitibus faciunt, et Plut. Ant. 32 (qui tarnen, ut 
Graecus, vim ambigui, quod est in Latina voce ,carinae,' non 
cepit) huic adnumerare licet, in ea sola exstat. 

78. 3. Aspenimum hoc disciplinae militaris exemplum praeter 
Nostrum unicus refert Dio XLVllI. 42, qui quidem centurionem 
fusti percussum non nominat, sed accuratius Nostro dicit Domitium 
non in hunc solum animadvertisse, sed ipsorum militum decimum 
quemque ad supplicium legisse. Praeclanim hoc sane communis 
eonim fontis documentum est. 

79. 2. Octavianus Liviam despondente Nerone marito uxorem 
duxisse traditur. Idem fere Dio XL VIII. 44: £;^dü)X€ os a{»T))v 
auToc 6 4vY)p «oarep xtc zaT^p. Aliter — et cum maiore veri specie — 
Suet. Aug. 62: (divortio cum Scribonia facto) ,statim Liviam 
Dnisillam matrimonio Tiberii Neronis, et quidem praegnantem, 
abduxit.' (Cf. Tac. Ann. I. 10 et V. 1.) Li\ius igitur hac in re 
narrationem suam rursus ex Augusti commentariis finxisse per- 
spicitur, quos insuper Dio eodem loco laudat narrans Liviam paulo 
post Claudium Drusum Neronem peperisse, eumque Gaesarem 
Neroni patri misisse — ut ipsius verbis utar: auxo toOto e; xd 

•j n u V Tj tjL a T o iyypvboLwzoLj oTi KaTaap to -/ewt^Hsv Atouia ttJ ztj'o'j 
Y'jvaixt Tratotov Nipcovt t<j» r.oLzrA «Triowxev. 

79. 6. Quod notat Titio, Sexti Pompei interfectori, odium 
hoc facinore contractum in tantum durasse, ut mox ludos in 
theatro Pompei faciens execratione populi spectaculo pelleretur. 
a nullo alio memoratum haud dubie prodit Livium, Pompeiorum 
sectatorem et admiratorem, qui, ut ex Dion. XLIX. 17 et 18 
apparet, in fuga ot caede Sexti describonda cum amore vel potius 
dolore quodam versatus erat. 

80. 2. De Lepido, quem inflatum amplius XX legionum 
numero Msse dicit, Livii verbis utitur, cf. Gros. VI. 18. 30: 



— 80 — 



,Lepidus magna viginti legioniim insolentia tumens.' In 
sequentibas vero comparanda sunt haecce: 



Oros. VI. 18. 30—32: 
Lepidus ipsiim Gaesarem ad 
se venientem . . . telis adpeti 
iussit, quae ille collecta in 
laevum bracchium 1 a c e rn a 
repellendo vitavit... Lepidus 
... deposito paludamento 
assumptaque veste pulla 
supplex Gaesari factus 
(= Dio XLIX. 12: i^vaptdaar^ 

a^ToO 7ev^9&a() vitam et bona 
impetravit. 



Vell. 80. 3 et 4: 
(Gaesar) ingressus ca^tra I^e- 

pidi evitatis telis, quae 

iussu hominis pravissimi in 

eumiactaerant,cumlacerna 

eius perforata esset lan- 

cea . . . Lepidus et a militibus 

et a fortuna desertus puUoque 

velatus amiculo inter ulti- 

mam confluentium ad Gaesarem 

turbam latens genibus eius 

advolutus est. Vitarerum- 

que suarum dominium con- 

cessa ei sunt; spoliata, quam 

tueri non poterat, dignitas. 

Brevius etiam Perioch. CXXIX : relictus ab exercitu ab 

rogato triumviratus honore vitam impetravit. 

Idem, sed minore cum similitudine verborum, refert Appianus 
V. 123 — 126, cuius auctor Strabo, sicut Livius, narrationem 
suam ex ipsius Imperatoris commentariis hausit. Yelleius tamen 
hie quoque callido suo reücendi artificio usus est, quippe qu- 
prorsus omiserit Octavianum in castris Lepidi telis petitum immisso 
equo ad suos reversum atque exercitu instructo Lepidum aggressum 
esse; contra ex Yellei verbis: ,armati inermem secuti sunt* 
crediderit quis statim ac sua sponte Lepidi milites, ubi Oc- 
tavianus in castris apparuerit, ad illum transiisse. Praeterea vero 
de hoc loco vide supra p. 35. 

81. 1 exercitum contemplatwm frequentiam suam 
a disciplina descivisse dicit. Eandem seditionis causam iisdem 
verbis afferunt et Dio (XLIX. 13: oi axpaTuöTot teaafaoov. etXXa); 
TC |ap oux iklyoi ^vtc; zpo; ttjv ^'i/iv xoü -Xi^öoy; a^pcuv l9pao6vovTo) 
et Orosius (VI. 18. 33: milites multitudine ferociores .... 



— 81 — 

tumultus excitaverunt). In § 2 deiude rem domesticam, iit 8olet 
(cf. supra p. 61 sq. et not. 75), accuratius notans insigniter cum 
Dione ibid. 14 conspirat de supplemento Gampanae coloniae 
adiecto, de aqua (lulia) promissa et reditibus in Greta insula 
Gampanis invicem datis, quoinim apud alios nulla exstat me- 
moria. Eodem in contextu et Noster (§ 3) et Dio (1. 1.) Agrip- 
pam Corona classioa (,navalem' hanc Perioch. CXXIX haud recte 
vocat) donatum esse rcferunt utroque pariter adiciente eura ho- 
norem ante nuUi contigisse. (cf. etiam Perioch. 1. 1.) Nee vero 
de aedificiis ab Augusto tum Bomae exstructis alius quisquam 
tradit nisi Velleius in fine huius capitis et Dio J. 1. 15. 

82. 3. Ut totum caput, quo bellum Antonii cum Parthis 
c(»ntinetur, ad Livium quadrat (cf. Perioch. CXX. Flor. II. 20. 
Oros. VI. 19 init. Dion. XLIX. 19 sqq.), sie potissimum verbonim 
illa acerbitas: ,hanc tamen fugam suam, quia vivus exierat, 
victoriam vocabat,' quam apud Florum (1. 1. 10) legimus sie 
variatam: (Antonius) ,peri\igit in Syriam, ubi incredibili quadam 
nientis vaecordia ferocior aliquanto factus est, quasi vicisset, 
quia evaserat.' Utrumque solus explicat Dio (1. 1. 39) narrans 
Antonium de eladibus suis contrarium, quasi re prospere gesta, 
Romam scribere solitum esse. Idem (1. 1. 39 extr.) unicus tradit 
praeter Nostrum Artavasdem captum, ne quid honori deesset, 
au reis catenis vinctum esse (ataypov ya'p, <b; lotxev, ßaod^a outov 
Y£7ov<>Ta aiOT^poti; öelH)vai). 

Gap. 83. Quoniam et Dio (L. 3) de Planci et Titil ad 
Octavianum perfugio tradidit, non necesse est statuere hoc capite 
narrata aliena fuisse a Livio, quem quidem ut accuratius liic 
redderet, fortasse etiam in maius augeret, suis causis adductus 
est scriptor. (Gf. supra p. 76.) 

84. 3. De hoc loco a Euhnkenio e Senec. Suas. I. 7 
Buppleto, quod praedixi p. 11 sq. repetere ac confirmare satis 
habeo, quoniam Livium e Messalla hausisse supra (p. 77) 
iam vidimus, sed Nostrum ipsos Messallae libros adiisse nihil 
est quod statuamus. Adde quod cetera omnia et huius et se- 

6 



— 82 — 

quentis capitis (uno quod iam p. 35 sq. notavi excepto) tiiiii 
Dione congruunt. Nam de Leucade per Agrippam expugnata, 
de Patris ac Corintho captis, de Domitii ad Au^stiim perfug:io 
(§ 2) cf. Dion. L. 3: de Cleopatra vero prima fugam occupante 
(85. 3) eadem fere verba habes apiid Plonim II. 21. 8: ,prima 
dux fugae regina.' 

87. 3. Ultimum ex inteil'ectoribiis Caesaris Gassium l*ar- 
mensem poenas dedisse praeter Nostnim et Orosius VI. 19. 20 
refert: »Cassius Parmensis, ultima violati patris Caesaris victima.' 
Qui üonsensus eo magis notandus est, quod utriusque auctor, 
Livius, hac in re errasse videtur; nam si vera tradit Val. Max. 

I. 7. 7, non Cassius, sed Tunillius quidam (cf, Dion. LI. 8) 
ultimus ex int«rfectoribus Caesaris periit.*^) 

88. Quae hoc capite de conspiratione Lepidi minoris tra- 
duntui", tbrtasse redeunt ad Livium, qui in libro CXXXIII (cf. 
Perioch.) eins mentionem iniecerat. 

Capp. 89 et 90 majorem partem ex recordatione eorum, 
quae legerat vel iam in historia sua ante perscripscrat (veluti 
90. 2 et 3), ficta esse patet. In cap. 91 denique fieri potest, 
ut una res alterave ex Livio deprompta sit, velut 91 . 1 ^^ Flor. 

II. 33. 63. Dion. LIV. 8: Parthos signa Romana August« remi- 
sisse, et ibid. §§ 3 et 4, ubi Egnatii Rufi in Augustum conspiratio 
accuratius enarratur: cf. Dion. LIII. 24. 

His igitur perpensis satis iam apparebit hac in particula 
unicum fere Vellei fontem Livium esse, qui ipse ex 
August! de vita sua commentariis et Messallae Corvini libris 
prae ceteris hauserat. 

Ultra cap. 91 nuUum inveni nee Livii nee omnino certi 
cuiusdam auctoris vestigium. Ex quo suspicari licet Velleium 
iam operis mole quasi fatigatum ideoque excerptis Livianis 
destitutum abhinc memoriter res perscripsisse, quarum universam, 
ut ipse ait 89. 6, imaginem oculis subiecisse satis habet, usque- 



•*) Oonferatiir Drnmannu» in Hist. Rom. III. 732 not. 27. 



— 83 — 

dum a cap. circ. 101 suae aetatis historiam componere incipit. 
Verum de hac parte voluminis Velleiani, quae dicenda erant, 
bene iam dixit Kaiser 1. 1. p. 24 sq. 

Quoniam igitiir ad finem disputationis meae perveni, denique 
quae demonstrasse mihi \ideor quam brevissime comprehendam. 

Velleius in opere suo eonscribendo tribus fontium 
g'eneribus usus est: uno chronologico, Cornelii Nepotis 
chronicis; altero, quod subsidiarium tantum adhibuit, 
biographico, libris de viris illustribus et Octaviani de 
vita sua commentariis; tertio historico, seilicet Livin. 
Ex hoc autem inde ab urbe condita usque ad pugiuim 
Actiacam longe plurimam materiam suam excerpsit, 
eiusque in posteriore operis parte adeo institit vesti- 
giis, ut inde a cap. circiter 40 libri posterioris omnia 
fere illi debeat. 

Quae cum ita sint, Mommseni illud iudicium de Livio in 
historia Komana regnante^) in eum quoque cadit scriptorom, 
qui proximus aetate Patavinum excipit: Velleium Paterculum. 



*) in , Chronik des Cassiodor' [Act. Societ. Reg. Saxon. cluss. 
philo!, histor. III (1861)] p. 551. 



MENDA, 

quae typographi culpa, cum libellus praemature prelum 
reliqui.^ et, non iam tollere potui, hie sequantur. 



Pag. 8 lin. 9 pro .quemquam' lege: neminem. 

„ 32 „ 15 »EOfxEvo; oL'j'l'tu' corr.'gendum est in : s-i^dusvo; autuJ. 

„ 33 „ 11 post .infra' adde: p. 72. 

„ oö ^ 1" ^ „ ^ p. öU. 

„ 36 „ 13 pro Jienc* lege: bene. 

., 40 „ 5 ., ,antem' lege: auteni. 

„ 46 ^ 28 ., ,potiusex* lege : p o t i u s ex. 

„ 49 in not. 60 .quoqe* corrige in: q u o q u e. 

„ 51 „ .. . 63 pro Jam. Herraannus Petor legendum est: 

Iam H e r m H n n u s Peter. 
„ 52 lin. 4 col. fort, pro ,xat' lege x a l , et ibidem Hn. 7 et 8 

pro ccvaaTraiiUi?' : «vaaTiotiHci;. 
„ 54 „ 26 pro ,restitntprentur' lege: r e s t i t u e r e n t u r. 
^ 54 ^ 31 „ .c'oDcervare' lege: coaeervare. 
n 57 „ i) ., .geroretnr' lege: g o r e r e t u r. 
^ 57 j, 17 „ ,aute' lege: ante. 
^ 60 in not. 73 ,1879* corrigonduni est in: 1876: ibid. in not. 74 

.sura' in: s u p r a. 
« 61 lin. 6 vocabulum quartuni .eum' corrige in: cum 
„ 62 ^ 7 pro ,i7d* lege: £-'. 
„ 62 „ 22 ^ fCypriaca eexpeditionis' lege: Cypriacae 

expeditionis. 



-«XÄSMe 



BERLINER STUDIEN 



CLASSISCHK I'IULOLOOIE UNH AKCHAEOUMJIE. 

FÜNFZEHNTER BAND. 

ERSTES HEFT. 

ZÜK ENTSTEHUNG UND URSPRÜNGLICHES BEDEUTUNG 

DES 

EPHORATS IN SPARTA 

VON 

D«. E. VON STERN. 



BERLIN, 1894. 

VERLAG VO.N S. CALVABY & CO. 



ZUl! 

ENTSTEHUNG 

UND 
URSPRONGLICHEN BEDEUTUNG 

DES 

EPH0ßAT8 IN SPARTA 



Dt- E. VON STERN, 

PKOP. OKD. DEK CIvABSISCHEN PHILOLOGIE 

AS DER 

KAIS. UHIVEflSITCT ZU ODESSA. 



BERLIN 1894. 

VERLAG VON S. CALVARY & Co. 



Berliner Studien für clmische Philologie und Archaeoiogie. 

Band XV. Heft I. 



ZUR ENTSTEHUNG 

UND 

URSPRÜNGLICHEN BEDEUTUNG 

DES 

EPHORATS IN SPARTA, 



INHALT. 



Seite 

Vorbemerkungen 1 

Cap. I. Die antike Tradition über den Ursprung des 

Ephorats und die moderne Kritik derselben. . . 2 — 16 

Exkurs: Die Schrift des Königs Pausanias über die ly- 
kurgische Verfassung 16—26 

Cap. n. Die Theorien der Alten und der neueren Gelehrten 

über die ursprüngliche Bedeutung des Ephorats . 25—46 

Cap. III. Die Entstehung des Ephorats; die anfängliche 
Kompetenz der Ephoren und der Entwickelungs- 
process der Ephorenmacht 46—62 



•N8ög)(gÖg^ 



Ed.M< 



eyer hat in seinen neuerdings erschienenen „Forschungen 
zur alten Geschichte^ ^) seine bereits früher 2) veröffentlichten 
Untersuchungen über Lykurgos von Sparta in erweiterter Form 
zum Abdruck gebracht. Das zweite Kapitel dieser Studie ist 
der Frage über den Ursprung des Ephorats gewidmet. Ich 
bedaure, gerade weil ich den Meyer 'sehen Forschungen viel Be- 
lehrung und Anregung verdanke, in diesem Punkte den Ergeb- 
nissen derselben nicht . beistimmen zu können. Das ist an sich 
nun freilich noch kein genügender Grund, um den Sprung ins 
Dunkle zu wagen und die vielbehandelte ^ Frage über die 'En.tr 
stehung und ursprüngliche Bedeutung des Ephorats in Sparta 
einer Eevision zu unterziehen. Ich tue es, weil ich glaube 
bei Beurteilung dieses geschichtlichen und staatsrechtlich so 
interessanten Problems Gesichtspunkte geltend machen zu können, 
die meines Wissens noch nicht hervorgehoben worden sind. In 
der Anknüpfung meiner Untersuchung an die Meyer* sehen 
Forschungen sollte aber das Eingeständniss liegen, dass ich von 
diesem Ausgangspunkt zu meiner im Endresultat wesentlich 
abweichenden Auffassung gelangt bin, und in der Anerkennung 



^) Eduard Meyer: ForschuDgen zur alten Geschichte I, 8. 213 
folg. Halle 1892. 

^) Rhein. Museum, Baod XLI u. XLII. 

3) Vergl. die Litteraturübersicht bei Gilbert: Handbuch der 
griechischen Staatsaltertümer P, S. 17 u. Herrmann -Thumser: 
Lehrbuch der griechischen Antiquitäten I, 8. 241. 

1 



— 2 — 

ihrer Bedeutung die Erklärung dafür, warum aus der Menge der 

neueren Litteratur^) ich sie vornehmlich im Folgenden berück- 

sichtige. 

I. 

Meine erste Aufgabe muss es sein, die Berichte der Alten 
über die Entstehung des Ephorats auf ihren Wert hin zu prüfen. 
Es würde mich freuen, wenn ich mich dieser Aufgabe durch den 
einfachen Hinweis auf die meiner Ansicht nach zwingenden Aus- 
führungen hierüber von Meyer 2) entziehen könnte — allein der 
gegen sie erhobene Widerspruch^ macht eine erneute und in 
manchen Punkten vollständigere Behandlung der Frage erforderlich. 

Es ist zunächst daran festzuhalten, dass die spartanische 
Tradition, wie sie Herodot*) vorlag, die Einsetzung des Ephorats, 
wie überhaupt aller andern staatlichen Institutionen auf Lykurg 
zurückführte. Dass es zu Herodots Zeit bereits eine andere, 
abweichende Tradition über diesen Punkt gegeben hat, scheint 
bei der Gewissenhaftigkeit ausgeschlossen, mit welcher Herodot 
die Ueberlieferung, wie sie im Mundo der Spartaner 
lebte, zur Darstellung brachte.*^) Sicher ist, dass Herodot 

*) Die zweite vermehrte und völlig umgearbeitete Auflage von 
Busolt: „Griechische Geschichte" Bd. I, Gotha',1893, ist mir erst bei 
Revision der Druckbogen zugänglich geworden, ebenso wie die Neu- 
auflage seiner griechischen Staatsaltertümer im IV. Band des J. v. 
Müller'schen Handbuches 1892. Indem ich meiner Befriedigung, in 
manchen Resultaten jetzt mit Busolt übereinzustimmen, Ausdruck 
verleihe, muss ich bemerken, dass ich seine Ausführungen bei der Text- 
gestaltung nicht mehr verwerten und nur die Citate in den An- 
merkungen nach den Neuauflagen emendiren konnte. 

2) A. a. O. S. 215 folg. 

*) Vergl. z. B. Herrmann -Thumser: Lehrbuch der griech. 
Antiquitäten I, S. 243. 

*) Herodotos I, 65. 

'^) Es ist kein Zufall, dass von Lykurg bis zur ersten Hälfte des 
VI. Jahrh. Herodot nichts über spartanische Verhältnisse bietet und 
erst von dann an eine Reihe von Geschichten berichtet. Die histo- 
rische Ueberlieferung reichte über jene Zeit nicht hinaus. Vergl. 
Busolt: Griech. Geschichte P, S. 513. 



— 3 — 

uns die im V. Jahrhundert in Sparta herrschende Tradition 
bietet. 

Der nächste Zeuge der Zeit nach ist Xenophon. In seiner 
Schrift über den Staat der Lakedalmonier, die um 375^) abgefasst 
ist, nennt er die Einsetzung des Ephorats eine lykurgische 
Maa£sregel. Ob ihm schon eine abweichende Eelation hierüber 
bekannt gewesen ist, lässt sich aus der Fassung seines Berichtes 
nicht mit völliger Sicherheit entnehmen, wenn auch nach der 
Wendung, die er gebraucht, die Möglichkeit nicht geleugnet 
werden kann, dass es der Fall gewesen. 2) Tatsache jedenfalls 
ist es, dass die Tradition, der er folgt, damals in Sparta als die 
allgemein gültige betrachtet wurde. Vereinzelt») findet sich diese 
Tradition dann nur noch bei Schriftstellern aus späterer Zeit, 
schon Xenophons Zeitgenosse Plato hat sie verworfen. 



') Naumann: De Xenophontis libro, qui Aaxeoaijxovfcuv noXiTefa 
inscribitur, S. 21 beschränkt diese Abfassungszeit auf den Epilog und 
setzt die übrigen Teile der Schrift in 387-385; Stein: Bemerkungen 
zu Xenophons Schrift vom Staate der Lakedaimonior (1878) und 
A. Wulff: Quaestiones etc. (1883), datiren sie noch bedeutend früher 
(auf das Jahr 394). Ich sehe keinen Grund, den Epilog mit Naumann, 
Bazin: La republique des Lacöd. etc. 1888 und Busolt: Griech. Gesch. 
P, 514 für einen späteren Zusatz zu halten; das ist für mich der 
einzige Anlass die aus c. 14 sich ergebende Datierung auf die 
ganze Schrift auszudehnen; ich betone das Wort der „einzige" — 
denn die neuerdingsgemachten Versuche (E.Schwartz: Rhein. Museum 
XLIV, S. lei folg. u. E. Richter: Jahrb. für class. Philol. Suppl. IXX, 
S. 150 folg.) die ganze Schriftstellerei des „wandernden Sophisten*' 
in die Jahre 370-350 zusammenzudrängen, haben mich nicht überzeugt. 

2) Aax. -oX. c. 8: eixo; 8e xal ttjv tVj; s^opefa; o'jvajiiv tou; auTOu; 
(Lykurg und seine Genossen) ö'JYxaTacxeuGiöat eTieirep eyvujaav 10 
iztidt(5%ai fjL2Yi3Tov ayaÖov elvai. Meyer a. a. 0. p. 248 urgiert das 
Wort eixd;, er meint, der Ausdruck beweise, dass zur Zeit Xeno- 
phons die Einsetzung der Ephoren durch Lykurg nicht unbestrittene 
Tradition gewesen. Im Hinblick auf den gleich nachfolgenden Neben- 
satz iiztlntp lyviusav halte ich diesen Schluss nicht für bindend. 

3) Isokrates: Panath. 163. Justin, III, 3,1. Satyros bei Diog. 
Laert. I, c. 68. 

1* 



— 4 — 

In den ^Gesetzen*^ ^) schreibt er die Stiftung des Ephorats 
einem dritten Retter (xp^Toc ooiti^p) zu, während der von ihm 
übrigens auch nicht namentlich genannte Lykurg nur die Gerusie 
dem Königtum zur Seite gestellt habe. Es ist nie bezweifelt 
worden, dass Plato unter dem „dritten Better ** den KOnig 
Theopomp verstanden hat, welchen Aristoteles und seine Schule 
als Urheber dieses Instituts bezeichneten. 

Im Laufe des IV. Jahrhunderts kommt also eine andere 
Anschauung über die Entstehung des Ephorats auf und wird 
mit der Zeit nicht nur in der Litteratur, sondern auch in Sparta 
selbst die herrschende. Die Rede des Königs Kleomenes IIP) 
nach dem gewaltsamen Sturz der Ephoren beweist es.B) Dass 
diese Auffassung zu derart allgemeiner Geltung gelangen konnte^ 
ist natürlich zum Teil die Wirkung der grossen litterarischen 
Bewegung im IV. Jahrhundert, die unter vielen anderen ja auch 
eine Reihe von Schriften^ über die spartanische Verfassung 
hervorrief. Unsere Kenntnis dieser Litteratur ist freilich voll- 



1) Plato, Nom. III, p. 692. 

2) Arist. Pol. Ile 11, p. 1313 a. = VIII,9. 

') Die für mich sehr überraschende Tatsache, dass Plutarch die 
'A&T}va{u)v 7:oXtT£{a des Aristoteles nicht direkt benutzt hat, kann es 
jetzt zweifelhaft erscheinen lassen, ob er die noki-zzia Aax£oa(,aov{u)v 
selbst ezcerpirt habe. Aber auf einen der Peripatetiker wird seine 
Angabe im Leben des Lykurg c. 7., dass die Ephoren von Theopomp 
eingesetzt sind, wol ebenso zurückzuführen sein, wie die gleich- 
lautende Version bei Cic. de re pub. 11, 59, de leg. DI, 7, 16 und dem 
beide ausschreibenden Val. Max. IV, I, ex. 8. Man könnte an 
Dikaiarchos' TioXiTcfa ZrapTiaTwv, die ja in Sparta selbst sich grossen 
Ansehens erfreute, als gemeinsame Quelle denken. 

*) Plutarch Kleom. c. 10, der sie Phylarch entnimmt. 

^) Ich kann Meyer a. a. 0. S. 250 A. 2 nicht beistimmen, wenn 
er meint, in Sparta selbst sei diese Tradition schwerlich je völlig 
officiell anerkannt worden. Die Begründung für meine abweichende 
Ansicht ist im weiteren Verlauf meiner Darstellung gegeben. 

^) Vergl. die Zusanunenstellung dieser Litteratur bei Busolti 
Griech. Gesch. P, S. 511—518. 



— 5 — 

stAodig ungenügend, doch scheint mir die Annahme nicht zu 
gewagt, dass im Grossen und Ganzen in ihr die neue Auffassung 
über den Ursprung des Ephorats durchgeführt worden ist, 
andernfalls müssten wir, dächte ich, bei den Späteren mehr 
Spuren der ursprünglichen Tradition finden. Mir scheint es 
wenigstens nicht wahrscheinlich, dass z. B. Dikaiarchos in seiner 
iroXiTEia STrapTiaxcöv in diesem Punkte von dem Öerichte seines 
grossen Lehrers abgewichen ist; wie die beiden Theoretiker der 
Staatskunst und alle Späteren, wird ja auch er die Weisheit 
des Königs Theopomp gepriesen haben, der in kluger Selbstbe- 
herrschung und weiter Voraussicht sich eines Teils seiner Hoheits- 
rechte entäusserte, um so für die Zukunft die Erhaltung des 
Königtums zu sichern. Dieses Lob der Selbstbeschränkung 
eines Königs — Valerius Maximus bringt die Erzählung von 
der Einsetzung der Ephoren im Buche „de moderatione** — 
mag das Werk des Dikaiarchos den damaligen Machthabem in 
Sparta besonders empfehlenswert haben erscheinen lassen: es 
wurde längere Zeit hindurch alljährlich im Amtslokal der Ephoren 
den Jünglingen vorgelesen. Dass auf diese Weise die in 
den Schriften der Peripatetiker vertretene Anschauung vom Ur- 
sprung des Ephorats ihres Teils dazu beigetragen hat, die neue 
Tradition in Sparta sowol wie in Griechenland zur herr- 
schenden zu machen, scheint mir keinem Zweifel zu unterliegen. 
Aber eben wegen der gekünstelten Eeflexion, die sich an sie 
schliesst, hat Meyer*) die Auffassung über die Einsetzung der 
Ephoren, die den angeführten Berichten zu Grunde liegt, mit 
vollem Eecht als sekundär bezeichnet. Gegen dieses Urteil hat 
sich nun neuerdings Widerspruch erhoben. Man hat gemeint,^) 



*) In der Ablehnung dieser Tradition begegnet eich Meyer mit 
allen älteren Forschern, die diese Frage speziell behandelt haben, 
vergl. die Litter atumachweise bei Gilbert: Handbuch der griech. 
Staatsaltertümer P, S. 16, A. 2. 

^) Z. B. Herrmann-Thumser: Lehrbuch der griech. Antiquitäten, 
I, S. 243, A. 2. Vergl. auch Gilbert: Handbuch P, a. a. 0. 



— 6 — 

nur die Eeflexion, die an diesen Bericht geknüpft sei», könne 
sekundär genannt werden, der Kern derselben, die Traditiont 
dass Theopomp der Begründer des Ephorats sei, müsse als echt 
und unverfälscht betrachtet werden. Dieser Einwand wäre an 
sich nicht unberechtigt, Torausgesetzt natürlich, dass der Kern 
der Tradition als historisch erwiesen sei. Fast könnte es scheinen, 
dass es Dum^) gelungen ist diesen Nachweis zu erbringen; die 
Darstellungen in unseren neuesten gangbaren Handbüchern*) 
sowie die Auffassungen in den neuesten Spezialuntersuchungen*) 
wenigstens lassen daran keinen Zweifel aufkommen. Es ist 
daher notwendig, Dum 's Beweisführung einer Nachprüfung zu 
unterziehen. Seine Kritik der verschiedenen Traditionen gipfelt 
in folgenden Sätzen: „Wir finden bei den Lakedaimoniem kein 
Beispiel, dass lykurgische, oder was dasselbe ist, alte Staats- 
einrichtungen in die nachlykurgische Zeit versetzt werden. Die 
Version, Theopomp sei der Stifter des Ephorats, wäre somit 
kaum entstanden, wenn sie nicht in einer wirklichen Tatsache 
ihren Grund gehabt hätte. Diese Tradition hat also die 
Schwierigkeit des Entstehens ftlr sich, die erstere (dass nämlich 
das Ephorat auf Lykurg zurückzuführen sei) die Leichtigkeit 
oder Notwendigkeit des Entstehens gegen sich." Gegen das 

') Dum: Entstehung u. Entwickelung des spartanischen Ephorats. 
Innsbruck 1878, S. 83. 

2) Z. B.: Busolt: Griech. Geschichte I, S. 146 (In dem Griech. 
Staatsaltertümern: Müllers Handbuch lY, S. 84 drückt Busolt sich 
übrigens vorsichtiger aus. Aus den mir während der Correctur zu- 
gegangenen Neuauflagen der Busoltschen Werke ist ersichtlich, dass 
Busolt jetzt diese Ansicht Dums nicht mehr in vollem Umfang teilt. 
Vergl. Griech. Geschichte I^, S. 557. Griech. Staatsalterttimer I^, S. 
105 § 94, die vier letzten, neu hinzugefügten Zeilen am Schluss des 
ersten Absatzes). Gilbert: Handbuch der griech. Staatsalt. 
P, S. 17, Hermann-Thumser: Lehrbuch der griech. Antiquit. I, S. 242. 
Bei och: Griech. Geschichte I, 1893, S. 301. Nur Holm: Geschichte 
Griechenlands I, S. 229, ist hier, wie oft, seine eigenen Wege gewandelt. 

*) Z. B. G. Attinger: Essai sur Lycurgue etc., Neucbatel 1892,. 
S. 20 folg. 



— 7 — 

allgemeine kritische Grundprinzip, aus dem diese Ausführungen 
abgeleitet sind, lässt sich gewiss nichts einwenden; ist es doch 
schon einer der Fimdamentalsätze der Textkritik bei diyergirenden 
Lesarten der Handschriften diejenige für die ursprünglichere zu 
halten, deren Entstehung sich einer Erklärung entzieht. Aber 
wie bei der Textrekonstitution sich jener Satz sich nicht ohne 
Ausnahme anwenden lässt, so ist dies in weit grösserem Maasse 
bei der historischen Kritik der FaU; man geht fast immer fehl, 
wenn man die geschichtliche Ueberlieferung in das Prokrustesbett 
der logischen Schablone zwängen will; die Entscheidung über 
Wert oder Unwert der Tradition muss in jedem Einzelfall mit 
Berücksichtigung aller einschlagenden Faktoren getroffen werden. 
Den Dum 'sehen Syllogismen ist zunächst der Satz entgegenzu- 
stellen: „Eine üeberüeferung über spartanische Verfassungsge- 
schichte giebt es nicht." Die Eichtigkeit dieses Satzes wird 
Niemand, der sich durch die abweichenden Berichte der Alten 
über die lakedaimonische Konstitution von Herodot und Hellanikos 
an bis auf Pausanias, Strabo und Plutarch durchgearbeitet hat, 
bestreiten. Dum^) selbst hat, wenn auch in anderem Zusammen- 
hang, die gleiche Behauptung aufgestellt. Die Folgerungen, die 
sich aus dieser Tatsache ergeben, liegen klar auf der Hand. 
Wenn im IV. Jahrhundert eine Version über die Einsetzimg 
des Ephorats zur Geltung gelangt, von welcher die mündliche 
Tradition in Sparta im V. Jahrhundert, wie wir gesehen, noch 
nichts wusste, so kann sie auf historische Beglaubigung doch 
nur in dem Falle Anspruch erheben, wenn sie auf mittlerweile 
entdeckte, ältere Aufzeichnungen zurückgeht. Solche Auf- 
zeichnungen gab es aber nach Dum 's eigenem Ausspruch vor 



^) A. a. 0. S. 39: „Gleichzeitige Aufzeichnungen in der Zeit vor 
den Perserkriegen gab es in Sparta kaum.** Wenn es freilich, wie 
aus dem Zusammenhang erhellt, hiermit die Möglichkeit leugnen will« 
dass vor den Perserkriegen die Namen der eponymen Ephoren auf- 
gezeichnet worden seien, so kann ich ihm nicht beistimmen. Vergl. 
unten S. 9 und 10. 



— 8 — 

den Perserkriegen in Sparta nicht, folglich muss die Nachricht 
von der Einsetzung des Ephorats durch Theopomp das Resultat 
einer Kombination sein. Und zum andern befindet sich Dum 
im Irrtum, wenn er meint, „dass diese Tradition die Schwierig- 
keit des Entstehens für sich habe.*' Man kann noch heute ohne 
jede künstliche Konstruktion den Entstehungsprozess dieser 
Tradition verfolgen, wenn er auch, entsprechend den veränderten 
litterarischen und politischen Lebensbedingungen der Griechen 
im IV. Jahrhundert, den Stempel der naiven Yolksüberlieferung 
natürlich nicht mehr an der Stirn trägt. 

Die alexandrinischen Chronologen, Eratosthenes und seine 
Nachfolger, datierten die Einsetzung des Ephorats auf das 
Jahr 755/4^) d. h. die ihnen vorliegenden Ephorenlisten begannen 
mit diesem Jahre. Diese fortlaufenden Listen benutzte vor 
ihnen bereits Timaios, der sie, wie die Königslisten, das athenische 
Archontenverzeichniss, die Anagraphe der Herapriesterinnen, auf 
Olympiaden reduzierte^) und somit zu chronologischen Zwecken 
verwertete. Da femer im Y. Jahrhundert allgemein sowol bei 
den Schriftstellern,^ wie auch in Urkunden*) nach Ephoren 
datiert wird, so ist der Schluss unabweislich, dass damals eine 
Ephorenliste in Sparta geführt wurde.*) Wie es damit im VI., 

^) Meyer a. a. O. S. 247. Die von Meyer gegebene Zeitbe- 
stimmung ist jetzt auch von Gilbert: Handbuch etc. P, S. 17 ange- 
nonmien. Ich habe Meyer 's Beweisführung nichts hinzuzufügen und 
halte durch sie die entgegenstehenden Berechnungen (Busolt: 
Griech. Gesch. P, S. 557, A. 3, Herraann-Thumser : a. a. O. S. 244 etc. 
nehmen das Jahr 767/6 an) für erledigt. 

2) Polyb. XII. 11 (12). 

8) Thukyd. 11, 2, 1. V, 25. 

*) J. G. A. 83, 84, 86, 88, 91. 

^ Xen. Hell. 11, 3, 9-10 werden die 29 Ephoren, die während der 
27^/2 Jahre des Feloponnesischen Krieges l^opoi £r<$vufAoi waren, auf- 
gezählt. Selbst wenn, — was mir nicht bewiesen scheint — dieses Ver- 
zeichnissein Zusatz von sp&terer Hand ist, so muss man aus dem Vor- 
handensein desselben doch notwendig erschliessen, dass es im V. Jahr- 
hundert eine Ephorenliste gegeben hat; denn die im Xenophonkapitel 
genannten Namen sind zweifellos historisch. 



— 9 — 

VII. und Vlil. Jahrhundert stand, wissen wir freilich nicht, 
da aber auch anderswo im Peloponnes der Beginn derartiger 
dvaypotpaf — die Oljmpionikenlisten, die korinthischen Beamten- 
listen,!) das Verzeichniss der argi vischen Herapriesterinnen^) — 
ins Vm. Jahrhundert fällt, so spricht alle Wahrscheinlichkeit 
dafür, dass man damals auch in Sparta die Namen der eponymen 
Beamten au&uzeichnen begann. Dum^) urteilt anders. Er 
meint „über die Beschaffenheit der Ephorenlisten sei uns nichts 
bekannt, als ihre Existenz im m. Jahrhundert. Für die ältere 
Zeit wären sie nur dann von Wert, wenn die Namen fortwährend 
gleichzeitig aufgeschrieben worden wären; jedoch gleichzeitige 
Aufzeichnungen habe es in Sparta in der Zeit vor den Perser- 
kriegen nicht gegeben. Natürlich aber sei es, dass man, nach- 
dem man begonnen hatte, Ephorenlisten zu verfertigen, auch 
bestrebt gewesen sei, sie vollständig zu machen, bis in die 
Zeiten des Ursprungs des Ephorats zurückzugreifen. Dazu habe 
aber das Gedächtniss nicht hingereicht, und man habe Namen 
erfinden müssen." Mit andern Worten: Dum glaubt, dass man, 
weil die Tradition vorlag, Theopomp sei der Stifter des Ephorats, 
in Sparta dieser Tradition zu Liebe die Ephorenliste von der 
Zeit nach den Perserkriegen bis hinauf zur Kegierung des 
Theopomp aus fingirten Namen zusammengestellt habe. Wir 
wissen nun freilich, dass die ersten Geschichtsforscher in Griechen- 
land, die genealogischen Poeten und Chronikenschreiber, Stamm- 
bäume und Königslisten nach oben hin mit teils erfundenen, teils 
durch Volksagen gegebenen Namen ergänzt haben, um so die Kluft 
zwischen mythischer und historischer Zeit zu überbrücken. Aber 
wie bescheiden ist ihre Erfindungs- und Kombinationskraft im 
Vergleich mit der jener Verfertiger der Dum 'sehen Ephorenliste, 
die schlankweg an die dreihundert Namen aus dem Schatz ihrer 

1) V. Gutflchmid: Jahrb. für Philol. 1861, S. 23. 

2) Vergl. zur ganzen Frage Busolt: Griech. Gesch. P, S. 582, folg.; 
woBelbst die Litteratarnachweise, und Beloch: Griech. Gesch. I, S 11. 

3) A. a. 0. S. 38 u. 39. 



— 10 — 

Phantasie hinschreiben konnten. Diese Annahme ist zu unge- 
heuerlich, als dass sie einer ernsthaften Widerlegung bedürfte. 
Selbstverständlich muss man die der Du mischen entgegengesetzte 
Folgerung ziehen: nicht weil die Tradition bestand, König 
Theopomp sei der Urheber des Ephorats, hat man die Ephoren- 
liste um dreihundert Namen nach oben ergänzt, sondern weil 
eine Ephorenliste vom Jahre 755/4 an vorlag, hat man dem 
König Theopomp die Einführung dieses Beamt^nkollegiums zu- 
schreiben können und zugeschrieben. 

Vom Ende des V. Jahrhunderts beginnt in Griechenland 
eine vielverzweigte litterarische und wissenschaftliche Bewegung. 
Neben anderen interessanten Problemen wurde auch die Frage 
nach der Entstehung der spartanischen Verfassung einer lebhaften 
Discussion unterzogen. Bei dem spärlich zu Gebote stehenden 
Material musste die Entdeckung natürlich sehr willkommen sein, 
dass es eine Ephorenliste vom Jahre 755 an gab. Dass man 
diesen Anfangspunkt der Ephorenliste zugleich fQr den 
Einsetzungstermin dieses Amtes ansah, ist für den damaligen 
wissenschaftlichen Standpunkt eine natürliche, wenn auch uns 
selbstverständlich nicht ohne weiteres bindende, Schlussfolgerung. 
Waren aber die Ephoren 755 eingesetzt, so war es ja weiter 
natürlich, diese Maassnahme dem König Theopomp zuzuschreiben, 
der dank den Tyrtaiosliedem unter den älteren Königen die 
einzig greifbare historische Persönlichkeit war und in dessen 
Regierungszeit nach der hergebrachten Chronologie^) das erste 
Jahr der Ephorenliste fällt. Welchem Schriftsteller diese auf 
der Hand liegende Kombination verdankt wird, lässt sich mit 
Sicherheit nicht sagen; man hat nicht ohne einige Wahrschein- 
lichkeit auf Thibron geraten^), der von Aristoteles') citiert und 



*) Vergl. die ausführliche Übersicht über die Chronolcgie der 
messenischen Kriege bei Busolt: Griech. Gesch. P S. 589, A. 4 — 590, A. 1. 

2) V. Wilamowitz-Moellendorf: Philol. Untersuchungen VII, 
S. 273. 

3) Arist. Pol. Ht^, 14, p. 1333 b = IV, 13. 



— 11 — 

wol auch Ton Plato als Quelle benutzt worden ist. Ebenso 
wenig lässt sich entscheiden, ob ihm oder einem anderem die 
Erfindung der aitiologischen Fabel gehört, die von Plato und 
Aristoteles an in der nachfolgenden Litteratur zur Erklärung 
dieser Massregel des Königs The op omp beigebracht wird: 
sie konnte natürlich nur in einer Zeit entstehen, in welcher in 
fast allen griechischen Staaten das Königtum bereits abge- 
schaflFt war.i) 

An dem Aufkommen und der Verbreitimg dieser neuen 
Weisheit hatte die praktische Politik aber wol ebenso sehr Teil» 
wie die wissenschaftliche Spekulation. Spartas allendlicher Sieg 
im Peloponnesischen Kriege hatte eine Reihe schwerer Er- 
schütterungen des inneren Staatslebens zur mittelbaren Folge; 
es begannen Versuche, die Verfassungsentwicklung in neue Bahnen 
zu lenken. Der allmächtige Feldherr Lysander verfolgte den 
Plan, das erbliche Königtum durch ein Wahlkönigtum zu ersetzen, 
der König Pausani'as sann darauf, die Macht der Ephoren 
zu brechen^), Kinaidon zettelte eine Verschwörung gegen die 



1) Busolt: Griech. Gesch. P, S. 563, A. 3. 

2) Arist. Pol. Ile, 1, p. 1301b = Vin,l. warep ev Aaxe5ai(xov{ «paat 
A6aav5p<Jv tive? Imytipritsii 7.a-a)vuaai ttjv ßaiiXe^av xal flauaavfov tov 
ßaai>ia T7]v ecpope{sv. Schon aus der Reihenfolge der Aufzählung, 
der Nennung des Pausanias nach Lysander, folgt deutlich, dass 
der hier erwähnte Pausanias der Rivale des Lysander, der Vater 
des Agesipolis ist, der nach der Schlacht bei Haliartos (Xen. Hell. III, 
5, 25) zum Tode verurteilt wurde und sich durch Flucht der Urteils- 
Vollstreckung entzog. Ganz folgerichtig nennt Aristoteles den 
Lysander an erster Stelle, — sein Schicksal vollzog sich vor dem 
des Pausanias. Nichtsdestoweniger hält Gilbert: Handbuch I^ 
S. 23, A. 2, den hier genannten Pausanias für den Sieger von 
Plataiai. Und wesshalb ? Weil Aristoteles an einer anderen Stelle der 
Politik, Ile 7, p. 1307a, = VIII,6 als Veranlassung zu Verfassungs&nde- 
rangen in Aristokratien das Streben einflnssreicher Leute nach Alleinherr- 
schaft (?va fAovap)(iQ) nennt und dieses Streben durch das Beispiel des Pau- 
sanias (6 aTpaT7]Yy^as; xatd tov MeScxov TctfXcfjiov) illustrirt. Auch 
eine dritte Aristotelesstelle (Pol. II t) 14, p. 1333b=IV, 13), in der es heisst^ 



— 12 — 

Herrschaft der spartanischen Yollbfirger an.^) Ifit Ausnahme 
dieser letzteren Verschwörung sind diese Pläne wol nicht über 
ihr Anfangsstadium hinausgekommen^), aber eine tiefe Spur haben 



die Lakonen hätten dem König Pausanias darQber Vorwürfe gemacht, 
dass er seine Vaterstadt beherrschen wolle, während er doch so viele 
EhreDrechte geniesse, soll nach Gilbert sich auf den Plataiaisieger 
beziehen. Den Einwand, dass in der zuerst und zuletzt angefahrten 
Aristotelesstelle Pausanias ßaaiXeu; genannt werde, mithin nicht 
der Plataiaisieger gemeint sein könne, sucht Gilbert durch den Hin- 
weis zu entkräften, dass er als Vormund eines Königs tatsächlich 
königliche Funktionen ausgeübt habe. Allein es ist zunächst höchst 
zweifelhaft, ob der Vormund wirklich königliche Ehrenrechte (eyovtt 
•njXixTJTT^v Ti(XT]v) gonoss, und bei der Gilbert 'sehen Annahme be- 
fremdlich, dass Aristoteles in so auffallender Weise seine Terminologie 
wechselt und den Pausanias zweimal ßaaiXeu; nennt und das dritte 
Mal die gleiche Persönlichkeit durch den Zusatz 6 aTpaTrjyi^aa; von den 
übrigen Männern dieses Namens unterschieden haben soll. Aber ab- 
gesehen davon, abgesehen auch davon, dass die Fassung der ersten 
Aristotelesstelle gegen die Ansicht von Gilbert spricht, hätte diese 
Ansicht doch nur dann einen Schein vonBereehtigung, wenn Aristoteles 
an allen Stellen das Gleiche von Pausanias überlieferte: Vom König 
Pausanias erfahren wir, er habe das Ephorat stürzen wollen (Citat 1) 
und man habe ihm zum Vorwurf gemacht, dass er sich nicht an den 
königlichen Ehrenrechten genügen lasse (Citat 3) — vom Feldherrn 
Pausanias hören wir, er habe nach der Alleinherrschaft gestrebt 
(Citat 2). Was Aristoteles von diesen beiden gleichnamigen 
Persönlichkeiten erzählt, ist doch nicht dasselbe, und — was noch 
mehr ins Gewicht fällt — es entspricht genau dem, was uns auch 
sonst von der politischen Rolle des Plataiaisiegers einerseits und des 
Königs andererseits bekannt ist. 

2) Xen. Hell. HI, 5, 25. 

3) Woher Gilbert: Handbuch P, S. 23 weiss, dass Lysanders 
Versuch „an der Wachsamkeit der Ephoren scheiterte *", ist mir un- 
erfindlich. Sein früher Tod — so wurde bisher überliefert und auch 
geglaubt — bewahrte Sparta vor Unruhen. Nach E p h o r o s (bei 
Plutarch Ages. 20, Lys. 25. 26— 30 und bei D i o d o r XIV, 13), 
unserer einzigen Quelle hierüber, erfuhr man erst aus seinem 
Nachlass von seinen grossen Umsturzplänen. Von einem gewissen 
K 1 e n soll er sich ein Memorandum über die Verfassungsänderung 



— 13 — 

diese verschiedenartigen, gleichzeitigen Bewegungen doch hinter^ 
lassen. Unzufriedenheit mit der gegenwartigen Staatsordnung, 
Hass gegen den Grundpfeiler und StUtzwall derselben, das 
Ephorat — das ist die Stimmung in den Anhängerkreisen des 
Lysander, Pausanias und Kinaidon. 

So diametral sich diese Männer auch gegenüberstanden, in 
einem mussten sie zusammentreffen: im Wunsch, das Ephorat 
zu brechen; die Beseitigung desselben war die notwendige Voraus- 
setzung für die Verwirklichung ihrer im übrigen so entgegen- 
gesetzten Pläne. Und auch nach dem Tode der Urheber dieser 
Bewegungen und Bestrebungen dauert in den Kreisen, aus denen 
sie hervorgegangen waren, der Antagonismus gegen die Allmacht 
des Ephorats fort; das lässt sich aus der Geschichte Spartas im 
rV. Jahrhundert belegen. 

Diesen Kreisen nun musste die Kunde von der Verhältnisse 
massig späten Entstehung des Ephorats willkommen sein: sie 
konnte eventuell als Handhabe beim Versuch einer Beschränkung 
der ephorischen Tyrannengewalt dienen. Ob das geschärfte Auge 
des politischen Hasses,^) ob rein wissenschaftliche Forschung 
zuerst die Kombination gefunden, dass das Ephorat dem König 
Theopomp seinen Ursprung verdankt, lässt sich natürlich nicht 
entscheiden. Sicher ist, dass beide Faktoren zusammen wirkten, 
um diese Version im FV. Jahrhundert zur allgemeinen Geltung 
zu bringen. Die Gegner der Ephoren acceptirten gern die An- 
sicht, dass das Ephorat nicht zum lykurgischen Kosmos gehöre 
und sahen in der Schaffung dieses Amtes eine verhängnisvolle 



haben aufsetzen lassen. Ob dieser Bericht historisch unanfechtbar ist, 
mag dahingestellt bleiben, bezeichnend jedenfalls ist er für die 
Rolle, welche die politische Schriftstell erei in jener Zeit spielte. 

^) Ich meine natürlich die vielberufene Schrift des EOnigs Pau- 
sanias; da sich das, was ich über dieselbe zu sagen habe, nicht in 
eine Anmerkung zwängen lässt, so habe ich einen Exkurs 
über dieselbe dem Schluss dieses Kapitels angefügt, auf den ich hier 
verweise. 



— 14 — 

Maassregel, die mit der Zeit zu schwerer Schädigung der Königs- 
gewalt geführt hat, — wie das Kleomenes m. in seiner 
durch Phylarch*) referirten Rede ausführlich entwickelt; 
die philosophischen Staatslehrer acceptirten sie ebenso gern, 
weil sich an dieser Version die heilsamen Folgen der [Aead-rrjc, 
der politischen Mässigung, so schön illustrieren Hessen, und mit 
diesem hübschen Mäntelchen verbrämt, konnte diese Tradition 
den Ephoren selbst und ihren Parteigängern nur Recht sein. 
So ist es gekommen, dass ganz Griechenland im IV. Jahrhundert 
die Einsetzung der Ephoren durch König Theopomp als sichere 
Tatsache hinnimmt. Historische Realität hat diese Kombination 
trotzdem ebensowenig, wie die Volkstradition des Y. Jahrhunderts, 
die uns Herodot überliefert. 

Aus diesem Tatbestände ist aber nun noch keineswegs mit 
Meyer-) der Schluss zu ziehen, dass die Ephoren in Sparta 
bereits der ältesten Zeit des Staates angehören. Wenn er nach 
dem Vorgang von 0. Müller, Herrmann, Ourtius etc. den 
Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme in dem Umstände 
sucht, dass das Ephorat uns noch in einer ganzen Reihe °) 
dorischer Staaten begegnet, mithin als national-dorische Behörde 
erscheine, so ist eine solche Folgerung wenig bindend. 

Bereits Busolt*) und Thumser^) haben mit Recht darauf 
hingewiesen, dass diese Beispiele nach Zeit und Ort ihres Vor- 
kommens nur als Beleg dafür angeführt werden dürfen, dass 



1) Plut. Kloom. c. 10. 

2) A. a. O. S. 252. 

3) Vergl. die Nachweise bei Herrmann-Thumser: Lehrbuch I, 
S. 244. Das Ephorat wird erwiLhnt in: Herakleia am Siris (Cauer ^ 40), 
Eyrene (Müller Irg. H. 6. U, p. 212), Thera (Cauer ^ 148), Messene 
(Polyb. IV, 4) Gytheion (Di ttenb erger S. J. G. I, 255), Ge- 
ronthrai (Lebas 228,b), Amyklai (Dittenberger S. J. G. II, 
306), Epidauros ('Ecpr^. dp/.) 1884 p. 85). Vergl. Gilbert: Hand- 
buch n, S. 211, A. 3, S. 229, A. 2, S. 246, A. 1. 

*) Busolt: Griech. Gesch. P, S. 556, A. 1. 

^) Herrmann-Thumser: Lehrbuch I, S. 244, A. 5. 



— 15 — 

spartanische Staatsemrichtungen einer Anzahl von dorischen 
Kolonien und lakonischen Städten als Vorbild und MusAer dienten.^) 
Aus dieser vereinzelten und uns nur aus verhältnismässig später 
Zeit bezeugter Existenz des Ephorats in dorischen Gremeinwesen, 
die nachweislich unter mehr oder minder unmittelbarem Einflüsse 
von Sparta gestanden haben, ergieht sich ein national-dorischer 
Charakter 2) dieses Institutes ebensowenig, wie aus der Tatsache, 
dass die Messenier bei der Wiederherstellung ihrer politischen 
Unabhängigkeit dem Ephorat einen Platz in ihrer Verfassung 
zuwiesen. Aber gesetzt auch den Fall, von dem unsere üeber- 
lieferung schweigt, das Ephorat habe in einer ganzen Beihe von 
Sparta unbeeinflussten dorischen Staaten existiert, so wird doch 
durch eine solche Annahme die uns beschäftigende Frage nach dem 
Ursprung des Ephorats nicht gefördert. Denn abgesehen davon, 
dass es zweifelhaft erscheinen muss, ob das Ephorat in diesen 
Staaten ein dem spartanischen nicht nur dem Namen sondern 
auch dem Wesen nach entsprechendes Institut gewesen sei, so 
könnte diese Annahme doch nur zur Schlussfolgerung berechtigen, 
dass hier wie dort die gleichen politischen Bedingungen auch 
analoge Erscheinungen hervorgerufen haben. Denn da es jeder 
historischen Kritik widerstreitet zu glauben, der dorische Stamm 
habe dieses Institut aus dem Verfassungsleben seines Ursitzes 
vor der Wanderung herübergenommen und passend oder nicht 
passend den neuen Staatengebilden einverleibt, so wird durch 
den Hinweis auf das Vorkommen des Ephorats in anderen 
dorischen Gemeinwesen die Frage nach seinem Ursprung in 
Sparta nicht beantwortet, sondern nur verschoben. Es gälte 



^) Die verhältnismässig frühesten Zeugnisse für das Vorhanden- 
sein von Ephoren ausserhalb Spartas besitzen wir über Messens 
(TV. Jahrb., Polyb. IV, 4, 2), Herakleia am Siris (Ende dos IV. Jahrb.), 
vielleicht auch Eyrene (Gilbert: Handbuch 11, S. 229). Für die 
lakonischen Städte Geronthrai, Amyklai, Gytheion und für Epidauros 
stammen die Nachweise erst aus römischer Zeit. 

2J O. Müller: Dörfer II, S. 107. 



— 16 — 

dann hier wie dort den Ursachen nachzuforschen, welche dieses 
Institut haben ins Leben treten lassen. Wir dürfen uns nun 
freilich nach dem oben geführten Nachweis, dass das Ephorat 
nach unserer Ueberlieferung als spezifisch spartanische Einrichtung 
erscheint, bei dieser Aufgabe auf Sparta beschränken — für Sparta 
aber erheischt dieses Problem notwendig eine Lösung. Denn es 
kann ja keinem Zweifel unterliegen, dass auch in Sparta einst 
das Königtum eine seinem Namen entsprechende Stellung ein- 
genommen hat und dass folglich das die königliche Machtbefugnis 
wesentlich beschränkende Ephorat als ein der Zeit seiner Ent- 
stehung nach späteres Moment im spartanischen Yerfassungsleben 
betrachtet werden muss. Auf die unabweisbare Frage nach der 
Entstehung des Ephorats und den Ursachen, die dieses Institut 
ins Leben gerufen, giebt die antike Tradition keine Antwort 
Die Berichte der Alten hierüber haben sich als durchsichtige 
Kombinationen erwiesen, als Hypothesen, die auf historische 
Wahrscheinlichkeit nicht Anspruch erheben können. Es muss 
also die Beantwortung dieser Frage auf anderem Wege gefunden 
werden; es gilt aus der uns für die historische Zeit bezeugten 
Machtfülle des Ephorats den ursprünglichen Kern- und Ausgangs- 
punkt derselben herauszuschälen, von dem aus die übrigen Kom- 
petenzen dieses Amtes als natürliche Entwickelungstufen er^ 
scheinen. Gelingt dieser Versuch, so ist damit zugleich der Boden 
för die Lösung der Frage nach der Entstehung des Ephorats 
gewonnen. 

Exkurs. 

Die Schrift des Königs Pausanias. 

Die in neuester Zeit vielbehandelte Schrift des Königs 
Pausanias wird in der antiken Litteratiir nur ein einziges Mal 
erwähnt: sie wird von Ephoros bei Strabo*) citiert^ Der Text 



1) Strab. Vm. 5, 5 = p. 366. 



— 17 — 

bei Strabo ist lückenhaft überliefert. Wenn auch auf Grund 
der neuesten Handschriftenkollation des französischen Professors 
Jacob die von Trieber*), E. Meyer^) und E. Schwarte s) gegebenen 
Ergänzungen im Allgemeinen als gesichert betrachtet werden 
können, so lässt sich doch durch textkritische Erwägungen 
allein die Frage nicht entscheiden, ob in dem verstümmelten 
Satz : cTjvTflf;«! XdY[ov .... Twv] Aüxo'ipyou v(5[i.tüv die Präposition „^^p^" 
oder „xaTGt^ einzusetzen sei. Und somit sind denn über die 
Tendenz der Schrift diametral auseinandergehende Urteile gefällt 
worden: U. von Wilamowitz*) meinte, König Pausanias habe 
ein Pamphlet gegen Lykurg verfasst und „den heiligen Trug, 
der die Herrschaft der Obligarchie sicherte, ans Licht gezogen". 
Allein diese Annahme erledigt sich durch die Erwägung, dass 
Ephoros die Schrift des Königs P&usanias und die in derselben 
mitgeteilten delphischen Orakelsprüche ja gerade desshalb 
heranzieht, um gegen Hei lanikos die Realität der lykurgischen 
Gesetzgebung zu erweisen. Bei dieser Absicht konnte er sich 
natürlich nicht auf ein Werk berufen, das den Zweck verfolgte, 
die Fälschung dieser Orakelsprüche darzutun. Das haben bereits 
Meyer und Schwär tz richtig erkannt. Dennoch glaubt letzterer, 
der neuerdings im oben zitirten Lektionsprogramm von Rostock 
die Frage einer geistvollen Revision unterzogen hat, daran fest- 
halten zu müssen, dass wir im Werk des Pausanias eine gegen 
Lykurg gerichtete Schmähschrift zu sehen haben. Mit grosser 
Bestimmtheit behauptet Schwartz, der Zweck der Schrift sei 
gewesen den Nachweis zu erbringen, dass Lykurg bei seiner 
Gesetzgebung wenig Rücksicht auf die Orakelsprüche genommen 
und seine Afterweisheit der göttlichen Offenbarung vorgezogen 
habe. Er wird zu dieser Annahme durch Gillnde, welche 



1) Trieb er bei Meyer a. a. 0. S. S. 233. 

2) Meyer a. a. 0. S. S. 234—35. 

^) E. Schwartz: Quaestiones ex historia graeca saec. IV. desumptae 
Index lectionum der Rostocker Universität 1893, S. 1 — 10. 
*) V. Wilamowitz: Philol. Untersuchungen VII, S. 272. 

2 



— 18 — 

ihm l^extkritik und Exegese an die Hand geben, äowie 
durch die Betrachtung der politischen Geschichte Spartas zur 
Zeit des Königs Pausanias geführt. Ich muss seinen Schluss- 
folgerungen meine Beistimmung versagen. Schwartz be- 
hauptet, Kritik und Exegese der Ephorosinrorte zwängen zur Auf- 
fassung, dass die Schrift des Königs Pausanias gegen Lykurg 
gerichtet sei. Denn wenn Ephoros schreibe: „Pausanias, 
der durch den Neid (oder Hass) der Eurypontiden aus seinem 
Vaterland vertrieben sei, habe eine Schrift . . . . Lykurg ver- 
fasst, ^vTo; T^s ex3«>»ojay<; oOtov oixfac, so sei es klar, dass in diesem 
Partizipialsatz der Grund ftlr die Abfassung der Schrift gegeben 
sei: Pausanias, der von den Eurypontiden vertrieben war, habe 
gegen Lykurg geschrieben, weil letzterer dem Eurypontiden- 
hause entstammt^e. Ich kann eine solche Interpretation weder 
fQr notwendig, noch für treffend halten. Betrachten wir einmal 
den Zusammenhang, in welchem das Ephoroscitat steht. 
Hellanikos hatte dem Prokies und Eurysthenes die Urheber- 
schaft des spartanischen Kosmos zugeschrieben; Ephoros 
polemisieil gegen diese Ansicht und beruft sich zum Beweis 
der Realität der Person des Lykurg und seiner Gesetzgebung 
auf die Autorität des Königs Pausanias. Und wahrlich, das 
Zeugnis des Königs Pausanias musste in seinen und seiner 
Zeitgenossen Augen schwer in die Waagschaale fallen. Denn 
dieser König, der bekanntlich durch die Intrig^en der Eurypon- 
tiden seines Thrones verlustig gegangen war, hatte dessen- 
ungeachtet den Eurypontiden Lykurg als Stifter der spartanischen 
Konstitution gefeiert und die Richtigkeit dieser seiner Darstellung 
durch AnfQhrung von Orakelsprflchen erhärtet, die Lykurg aus 
Delphi erhalten. Mir scheint, eine solche Interpretation der 
Ephorosworte wird durch den Zusammenhang gefordert und nur 
bei ihr gewinnen die beiden Partizipialsätze: „tmv Eupuz(i»Tt$d»v 
^«adv [t« ^Wvu> oder ^x^O" ^^d „Auxoupyou ^vxoc t^c ixßaXo69i) [c oMn 
oi%lazY' ihre prägnante Bedeutung. Hatte Pausanias eine Schmäh- 
schrift gegen Lykurg vorfasst, so war es ftlr Ephoros Zwecke 



- 19 - 

ganz irrelevant, die persönlichen Gründe zu nennen, die jenen 
dazu bewogen haben sollen; war dagegen Lykurg in der 
Schrift des Paus anlas als Urheber der alten spartanischen 
Konstitution verherrlicht, so hatte Ephoros alle Ursache, den 
ersten sowol als auch den auf ihn Bezug nehmenden zweiten 
concessiven Partizipalsatz hinzuzufügen: seine Polemik gegen 
Hellanikos gewann sehr an Gewicht, wenn er darauf hinweisen 
konnte, dass Pausanias trotz aller Feindschaft gegen die 
Eurypontiden Lykurg als Stifter des spartanischen Kosmos 
feierte. Dass endlich die politische Rolle des Königs Pausanias 
selbst, wie Schwartz im Gegensatz zu Meyer auszuführen 
sucht, mit Notwendigkeit die Annahme erheische, Pausanias 
Schrift habe lykurgfeindliche Tendenzen verfolgt, gestehe ich 
nicht einsehen zu können. Schwartz weist darauf hin, dass 
Pausanias demokratische Bestrebungen gefördert habe und im 
Kampf gegen Optimaten und Ephoren sowie das mit letzteren 
Hand in Hand gehende Königshaus der Eur3rpontiden unterlegen 
und dadurch zur Flucht aus dem Vaterland gezwungen worden 
sei; unmöglich könne er daher der Lobredner des Mannes 
gewesen sein, der nach der damals herrschenden Ansicht 
alle ihm feindlichen Institutionen geschaffen habe. Ich will 
es auf sich beruhen lassen, ob man Pausanias' zweimseliges 
Eintreten zugunsten demokratisch regierter Staaten als Ver- 
folgung volksfreundlicher Tendenzen und nicht vielmehr als 
Ausfluss eines natürlichen EechtsgefÜhls anzusehen hat; ent- 
schieden aber muss ich der Auffassung widersprechen, als ob 
der sogenannte lykurgische Kosmos in Spai*ta eine Optimaten- 
herrschaft begründet habe. Wie die Ephoren aus allen Spartiaten 
gewählt wurden, so haben auch alle Spartiaten vor dem Gesetz 
das gleiche Hecht und weniger als irgendwo in Griechenland 
spielen in Sparta vornehme Geschlechter eine hervorragende Holle. 
Vom modernen Gesichtspunkt, der die übrigen Bevölkerungs- 
elemente des lakedaimonischen Staates nicht unberücksichtigt 

lassen kann, ist die spartanische Verfassung allerdings eine starr 

2^ 



- 20 — 

aristokratische, vom Standpunkt der Alten aber, welche die nicht 
bürgerliche Bevölkerung überhaupt nie in Betracht zogen, muss 
man die Konstitution in Sparta als Demokratie oder demokratische 
KOnigsherrschaft bezeichnen.') Und endlich hätte die Schluss- 
folgerung von Schwär tz doch nur in dem Fall eine gewisse 
Berechtigung, wenn wir annehmen müssten, dass Pausanias 
das Ephorat als lykurgische Institution betrachtet habe. Eine 
solche Annahme hat aber nicht die geringste Wahrscheinlichkeit 
Itir sich. Uns ist bei den späteren griechischen Autoren eine 
Reihe von Distichen erhalten, die einen kurzen Abriss der 
spartanischen Verfassung geben und sie auf Vorschrift-en des 
delphischen Orakels zurückführen. Es unterliegt wol keinem 
Zweifel, dass diese späteren Autoren diese Distichen der Ver- 
mittelung des Ephoros verdanken, der sie seinerseits, wie das 
Meyer^) des Näheren ausgeführt hat, dem Werk des Pausanias 
entnommen, in welchem ja die Orakelsprüche mitgeteilt waren, 
die Lykurg ftlr seine Gesetzgebung aus Delphi empfangen hatte. 
In diesen Distichen ist nun mit keinem Wort vom Ephorat die 
Hede. Ich kann hierin nicht das Spiel eines Zufalles erblicken, 
sondern sehe in dieser bemerkenswerten Tatsache eine er- 
wünschte Bestätigung des Resultates, zu dem uns oben rein 
historische Erwägungen geführt haben: dass nämlich König 
Pausanias die neue Theorie über den Ursprung des Ephorat«, 
wenn nicht selbst aufgestellt, so doch für seine Zwecke in er- 
giebiger Weise benutzt hat. Denn wenn es uns auch nicht 
direkt überliefert ist, einem Zweifel kann es doch nicht unter- 
liegen, dass Pausanias, der nach Aristoteles Zeugnis als 
Machthaber in Sparta die Ephorenherrschaft hat stürzen wollen, 
jetzt in der Verbannung, wo er sich politischer Schrift«tellerei 
hingab, den Kampf auf litterarischem Felde gegen die verhasste 
Institution fortgeführt hat: und anders als sein Nachfolger 

') Vergl. B. Niese, Histor. Zeitschrift LXII (1889), S. 80 ff. und 
dazu die Ausführungen von Busolt: Griech. Gesch., P S. 357. A. 3. 
') Meyer a. a. 0. S. 235. 



— 21 — 

E^leomenes, der ein Jahrhundert später seine Pläne verwirklichte, 
wird er kaum die Entstehungsg-eschichte des Ephorats dargestellt 
haben. Sicher und höchst bedeutsam jedenfalls ist es, dass er 
in der Einsetzung desselben keine lykurgische Maassregel sah. 
War also in der Schrift des Pausanias das Ephorat von den 
lykurgischen Institutionen losgelöst und als ein späteres Aggregat 
der Verfassung dargestellt, so fällt nun auch der letzte Sttitz- 
punkt fUr die Annahme, das in Eede stehende Werk sei eine 
Streitschrift gegen die lykurgische Verfassung gewesen. Ich 
kann daher^die Hofhung von Schwartz nicht teilen, dass 
Meyer seine entschieden richtige Ansicht über die Tendenz 
der Schrift des Königs Pausanias zu Gunsten einer Hypo- 
these aufgeben wird, die vom Standpunkt der Exegese 
sowie von dem der historischen Kritik gleichermaassen 
unhaltbar erscheint. 

Es war bei der Sachlage der Dinge nicht zu umgehen, so 
umständlich eine Annahme zu widerlegen, die sich ja schon aus 
folgender einfacher Erwägung verbietet. König Pausanias 
hatte auch in der Verbannung nicht — um ein modernes Schlag- 
wort zu gebrauchen — die Drähte mit seiner Heimat zerrissen; 
uns ist es bezeugt, dass er die Verbindung mit seinem Sohn 
und Nachfolger aufrecht erhielt und durch seine Intervention in 
der Mantineiaaffaire^) ihn davor bewahrte, das Sündenregister der 
spartanischen Politik um einen neuen Schandfleck zu bereichern. 
Dass ein Mann, der auch in der Verbannung im Interesse seiner 
Dynastie und dabei zugleich im Interesse seines Staates handelte, 
eine Schrift sollte verfasst haben, welche die Grundlage in Zweifel 
zog, auf der sein Volkstum und die Herrschaft seines Hauses 
beruhte, ist daher undenkbar; Zweck der politischen Broschüre 
des Königs Pausanias konnte nur sein und war: den entarteten 
Zeitgenossen das Bild des Gesetzgebers in seiner Ehrenhaftigkeit 
und seinem hohen Pflichtgefühl vorzuhalten und die Pwallele zu 



1) Xen. Hell. V, 2, 3. 



- 22 — 

ziehen zwischen dem erhabenen „Einst", dem Sparta seine Grösse 
verdankte, und dem kläglichen „Jetzt '^i das Sparta seinem Unter- 
gang entgegenführe. 

Ich darf diesen Exkurs nicht schliessen, ohne zu den neuesten 
Hypothesen über den Autor unserer Schrift Stellung zu nehmen. 
Freilich die Ansicht von Gilbert*), der den Plataiaisieger als 
Verfasser des von Ephoros citirten "Werkes betrachtet wissen 
wiU, bedarf keiner ernstlichen Widerlegung. Einem spartanischen 
Feldherm zu Beginn des Y. Jahrhunderts die Autorschaft einer 
politischen Flugschrift zuzuschreiben — denn aus rein wissen- 
schaftlichem Interesse wird doch auch Gilbert kaum Pausauias* 
litterarische Tätigkeit ableiten wollen — , das widerspricht zu sehr 
all dem, was wir über Entstehung und Entwickelung dieses Litte- 
raturzweiges bei den Griechen wissen, als dass man über diese An- 
nahme noch weiter Worte zu verlieren brauchte ; sie muss nur als ein 
bedenkliches Zeichen der Zeit notiert werden. Ein näheres Ein- 
gehen erfordern dagegen die Ausführungen von Schwartz^), mit 
denen er die Unmöglichkeit darzutun sucht, dass König 
Pausanias der Verfasser der uns interessirenden Schrift sein 
könne. Er weist zunächt darauf hin, dass wir nicht den 
geringsten Grund zu der Annahme hätten, König Pausanias habe 
seine Landsleute und Zeitgenossen an Bildung und schriftr 
stellerischem Können überragt; bedenke man, wie sehr noch 
im letzten Drittel des V. Jahrhunderts der hochgebildete Ver- 
fasser der 'ABr^vafcov TToXiTE^a mit Form und Sprache ringt, so 
dürfte man doch kaum im ersten Drittel des IV. Jahrhunderts 
einem Spartaner die Autorschaft eines Werkes zuschreiben, das 
durch die Erfindung und Fälschung metrischer Orakelsprüche 
von gereifter litterarischer Eoutine zeuge. Doch legt Schwärt z 
diesem Argument selbst nicht allzu grosses Gewicht bei. Ent- 
scheidend fdr die Eichtigkeit seiner These ist seiner Meinung 
nach einmal der Umstand, dass der Verfasser unserer Schrift 

1) Gilbert: Handbuch P, S. 23. 

2) E. Schwartz a. a. O. S, 9 und 10. 



— 23 — 

die lykurgische Gesetzgebung auf delphische Orakelsprüche zurück- 
führt, wovon doch die spartanische Tradition im V. und IV. Jahr- 
hundert, wie aus Herodo t und Xenophon ersichtlich, nichts 
wisse; zum andern der Umstand, dass der Autor unserer 
Broschüre Lykurg zum Eurypontiden mache, während die 
spartanische Tradition im Y. Jahrhundert ihn nach Herodots 
Zeugnis den Agiaden zuzählte; die Umkehr dieses Verhält- 
nisses habe erst erfolgen können, nachdem durch die Verbannung 
des Pausanias und die ruhmvolle Regierung des Agesilaos 
das Eurypontidenhaus zu erhöhter Bedeutung gelangt war. Dies 
sind die Gründe, welche Schwartz veranlassen, die Autorschaft 
der Schrift über die lykurgische Gesetzgebung dem König 
Pausanias abzusprschen und sie einem wol in Athen lebenden 
Sophisten zuzuweisen, der, um mit seinem Geistesprodukt mehr 
Sensation zu erregen, sein Pamphlet gegen den spartanischen 
Gesetzgeber unter der Flagge des verbannten Königs Pausanias 
in die Welt segeln Hess, ebenso wie der Halikamassier Kleon 
zu gleichem Zweck seine Bede über die Notwendigkeit der Ein- 
führung eines Wahlkönigtums in Sparta dem berühmten Feldherm 
Lysander in den Mund lege. Ich kann dieser geistreichen 
Vermutung von Schwartz nicht zustimmen, denn die Gründe, 
mit denen er die Autorschaft des Pausanias bestreitet, halten 
der Kritik nicht Stand. 

Xenophon spricht von einer einmaligen Sanktion der 
lykurgischen Gesetzgebung durch das delphische Orakel, Plato 
betont ausdrücklich den engen Zusanmienhang zwischen dem 
Orakel und der spartanischen Konstitution — wir sehen also, 
dass im IV. Jahrhundert die Tradition, nach welcher die 
spartanische Verfassung in Beziehung zum delphischen Orakel 
gesetzt wurde, bekannt war und zur Geltung gelangte; es darf 
daher nicht befremden, dass König Pausanias sie aufgreift und 
für seine Zwecke weiter entwickelt. Und noch weniger finde 
ich den Anstoss berechtigt, den Schwartz an zweiter Stelle her- 
vorhebt. Selbst wenn Pausanias Lykurg zum Eurypontiden 



— 24 — 

gemacht hätte, so wäre das für seine Zeit nicht beispiellos, er 
hätte darin bereits an Simon ides^) einen Vorgänger. Aber 
woher in aller Welt weiss Schwartz, welchem Königshause 
der Verfasser unserer Schrift den Lykurg zuzählte? Aus dem 
Ephoroscitat bei S trab o ist doch nur zu ersehen, dass Ephoros 
selbst im Einklang mit seiner Anschauung über die Bedeutung 
des Königs Prokles^) Lykurg für das Eurypontidenhaus in 
Anspruch nimmt. Diese Anschauung, die Ephoros vertritt, 
mag freilich unter dem Einfluss der Ruhmeslaufbahn des 
Agesilaos zur Geltung gelangt sein; dass sie auch vom Ver- 
fasser unserer Schrift geteilt sei, ist nirgends bezeugt und an 
sich wenig wahrscheinlich. Lässt sich somit nichts gegen die 
Vrefasserschaft des Königs Pausanias anführen, so giebt die 
Betrachtung der Zeitgeschichte des Königs eine Reihe von 
Anhaltspunkten, die für dieselbe sprechen. Wir wissen, dass 
am Ausgang des V. und zu Beginn des IV. Jahrhunderts die 
politische Memoirenlitteratur in voller Blüte stand, wir sehen, 
wie die erregten Parteikämpfe in Athen eine Menge von Flug- 
schriften zeitigten, wie Kritias, Theramenis und andere durch eine 
Reihe von Broschüren ihre politischen Bestrebungen zu fördern 
nuchten — es ist daher ganz natürlich, dass man auch in Sparta im 
Drange des Parteistreites zum neuen Kampfmittel griff, das 
anderswo seine Wirkung nicht verfehlt hatte. Lys ander und 
Pausanias, die beide viel mit Athen in Berührung gewesen, 
konnten sich von der wichtigen Rolle überzeugt haben, welche 
die Feder im politischen Leben damals dort spielte. Verstanden 
sie dieselbe auch nicht selbst mit dem Geschick zu handhaben, 
wie Kritias, so wussten die spartanischen Parteiführer doch sie 
in ihren Dienst zu stellen. Wie Kleon für Lys an der schrieb. 



^) Plut. Lyk. c. 2. Bei dem ausdrücklichon Zusatz Plutarchs: 
„L 6 7:oi7]Ti^;*S ist es kaum möglich, mit Meyer a. a. 0. S. 276, A. 2 
an eine Verwechselung mit dem jüngeren Genealogen gleichen Namens 
zu denken. 

2) Vergl. Meyer u. a. O, S. 285, A. 3. 



— 25 — 

wie später Xenophon zum Teil gewiss im Auftrage von 
Agesilaos seine spartanische Verfassungsgeschichte aus- 
arbeitete, so mag auch Pausanias einen uns unbekannten 
litterarischen Beirat gehabt haben, der die technische Seite der 
Arbeit auf sich nahm und namentlich das Orakelmaterial für des 
Königs Zwecke formte und redigierte: verantwortlicher Ver- 
fasser und intellektueller Autor der Schrift bleibt deshalb doch 
Pausanias, ebensosehr wie beispielshalber Bismarck als 
Autor aller der politischen Memoranda zu betrachten ist, die 
nach seinen Angaben Lothar Bucher verfasst hat. Idi 
denke diese Auffassung der Sachlage verdient, eben weil sie sich im 
Rahmen der antiken Tradition hält, den Vorzug vor der geist- 
reichen, aber wenig begründeten Hypothese von Schwartz. 

II. 

lieber die ursprüngliche Bedeutung des Ephorats ist im 
Laufe der Zeit eine Reihe zum Teil recht wunderlicher Hypo- 
thesen aufgestellt worden, die heutzutage kaum mehi* als ein 
historisches Interesse erregen dürften.^) Um so eher kann 
ich dieselben auf sich beruhen lassen, als die neuesten Forscher 
in ihrer überwiegenden Mehrzahl, bei aller Abweichung in der 
Auffassung des weiteren Entwickelungsprozesses des Ephorats, 
gerade in der Frage nach den ursprünglichen Funktionen dieses 
Amtes eine wesentlich gleiche Anschauung vertreten. War 
bereits früher vielfach, so z. B. von 0. Müller^), aus 
der nachmaligen Machtfülle der Ephoren ihre Jurisdiktion 
in einer Reihe von Civilsachen als ihre anfllngliche Funktion 
hervorgehoben und andererseits, so z. B. von Duucker'), 
bei der Frage hinsichtlich der Entstehung des Ephorats 



^) Die Litteratur über die Frage geben Herrmann-Thumser: 
Lehrbuch etc. I, S. 248 und Gilbert: Handburch P, S. 17, A. 1. 

2) 0. Müller: Dorier III, S. 109. 

3) M. Diinrker: Geschichte des Altertums 111 2, Ö. 399 = V », 
S. 426. 



— 26 — 

der auf Phjlarch zurückgehende Bericht bei Plutarch 
in der Kleomenesvita^ zu Grunde gelegt worden, so ist 
neuerdings nach der Arbeit von Dum, 2) der diesen Bericht nicht 
nur als die in Sparta im lY. Jahrhundert herrschende Tradition 
erwiesen hat, sondern auch darzutun sucht, dass diese Tra- 
dition die relativ glaubwürdigste und beste sei, in der neueren 
und neuesten Litteratur^) über die Frage die Anschauung zu 
völliger Herrschaft gelangt, dass die Ephoren ursprünglich Civil- 
richter gewesen seien. Die entgegenstehende, von Holm^), von 
Busolt*) und von Niese«) vertretene Ansicht, nach welcher 
aus dem Namen l^popoe ein Schluss auf ihren uisprünglichen 
Wirkungskreis abzuleiten, in ihnen mithin von vornherein „Staats- 
aufseher"^ resp. „Aufsichtsbeamte"* zu sehen seien, scheint keinen 
Anklang gefunden zu haben, zum Teil gewiss desshalb, w^ 
diese Gelehrten dem Charakter ihrer Werke entsprechend keine 
eingehendere Begründung ihrer Ansicht haben geben können. 
Wie dem auch sei, jedenfalls erfreut sich die Anschauung, 
dass die Rechtssprechung in Civilsachen der ursprüngliche Beruf 



1) Plut. Kleom. c. 10. 

^) Dum: Entstehung und Ent Wickelung des spartanischen Ephorats 
S. 39—54. 

») Vergl. Gilbert: Handbuch I \ S. 17, A. 2. Herrmann- 
Tb umser: Lehrbuch I, S. 249. Gaebon: De ephoris spartanis, S. 55, 
At tinger; Essai etc. S. 21. Bei och: Gricch. Geschichte I, 8. 301 und 
die in den genannten Handbüchern gegebenen Litteraturttbersichten. 

*') Holm: Geschichte Griechenlands I, S. 217. 

^) Busolt: Griech. Geschichte 1, S. 150, Griech. StaatsaltertUmer 
in Müller*s Handbuch IV, S. 85. Nach dem Wortlaut der eben 
citii'ten Stellen darf man Busolt schwerlich, wie Thumser es tut, 
für einen Anhänger der Dum 'sehen Theorie erklären. Vergl. jetzt 
Busolt: Griech. Gesch. P, S. 559 und Griech. Staatsalt. », S. 105. 
wonach Busolt sich bestimmt für die Ansicht ausspricht, dass die 
Ephoren von vornherein Aufsichtsbeamte waren. 

«) Niese: Histor. Zeitschrift LXÜ (1889), 8. 68 folg. stellt das 
Ephorat aLB das von vornherein oberste Gemeindeamt dar. 



— 27 — 

der Ephoren gewesen ist, der weitesten Verbreitung — tritt 
doch auch Meyer ^) ftlr diese Auffassung ein. 

Wie im Vorhergehenden, wähle ich auch hier die Aus- 
fOhrungen von E. Meyer zum Ausgangspunkt meiner Besprechung 
der Frage. Meyer betont zunächst, dass man gegenflber den 
verschiedenen Theorien über den Ursprung des Ephorats daran 
festhalten müsse, dass die Jurisdiktion im CiTÜprozess zu allen 
Zeiten die Aufgabe der Ephoren gewesen sei. Mit vollem Recht 
suche daher die bei Plutarch Kleom. c. 10 überlieferte Spe- 
kulation in der richterlichen Funktion der Ephoren den Anfang 
dieses Amtes — mit vollem Recht auch deshalb, weil es im 
höchsten Grade unwahrscheinlich erscheinen müsse, dass in einem 
Staate, der eine ziemlich ausgedehnte Landschaft umfasste, die 
Könige jemals allein die Gerichtsbarkeit geübt haben sollten. 
Ich kann diese Argumentation nicht fdr beweiskräftig halten. 
Da es eine „Überlieferung über spartanische Verfassungs- 
geschichte nicht giebf, wie Meyer das selbst >) ausspricht, so 
ist die Behauptung vorschnell, die Civiljurisdiktion sei zu allen 
Zeiten der Beruf der Ephoren gewesen. Wir wissen nur, dass 
seit der Zeit Kerodots ihnen die Civilgerichtsbarkeit zum 
grössten Teil unterstellt war; aber damals war das Ephorat 
bereits zu voller Entwickelung gelangt. Einen Rückschluss auf 
den Zuständen, wie sie sich im V., vielleicht auch im VI. Jahr- 
hundert gestaltet hatten auf die Verhältnisse des VII. und Vm. 
Jahrhunderts zu ziehen, bleibt misslich, wenn man nicht andere 
Gründe ins Feld führen kann, als die, mit welchen Meyer 
sperirt. Die Berufung auf die Ueberlieferung bei Plutarch 
Kleom. c. 10 ist für die Entscheidung der Frage ohne Be- 
deutung, seit wir in Uebereinstimmung mit Meyer erkannt, 
dass diese Ueberliefenmg nicht die „relativ beste Tradition^ 
repräsentirt, sondern auf einer in ihren Motiven durchsichtigen 
Kombination beruht. Sie darf also für die Erkenntnis des Ver- 



) M eyer a. a. 0. S. 2ö2. 
'-) Meyer a. a. O. S. 270, 



— 28 — 

fesfeungslebens der älteren Zeit nur den Wert einer auf ihre 
Wahrscheinlichkeit hin zu prüfenden Hypothese beanspruchen. 
Diese Prüfung muss zu ihren Ungunsten ausfallen. War einmal, 
sei es durch wissenschaftliche oder politische Spekulation, als 
Tatsache hingenommen, dass das Ephorat anfänglich ein von 
KönigTheopomp begründetes, in seinen Befugnissen beschränktes, 
Institut gewesen sei, so konnte man demselben folgerichtig nur 
— da die priesterliche und militärische Oberhoheit den Königen 
verblieben war und die Grimina^jurisdlktion der Gerusie unter- 
stand — die Eechtssprechung in Civilsachen als ursprüngliches 
Amtsgebiet zuweisen. Die Angabe, dass die Ephoren ursprüng- 
lich Civilrichter gewesen seien, ist also nur eine notwendige 
Schlussfolgerung aus der Spekulation über die Einsetzung des 
Ephorats durch König Theopomp: sie steht und fällt mit dieser 
Spekulation. Es geht nicht an, die Prämisse, auf der sie beruht, 
zu verwerfen und dabei dieser Angabe doch den Wert eines 
berechtigten historischen Rückschlusses beizulegen. Und wenn 
Meyer schliesslich auf die Unwahrscheinlichkeit hinweist, dass 
bei der Ausdehnung Lakoniens die Könige jemals allein die 
Eechtssprechung geübt hätten und annimmt, dass die Ephoren 
„seit den ältesten Zeiten des Staates^ ^ Richter „in allen 
Civilsachen'^ gewesen seien, so ist diese Annahme in der ihr ge- 
gebenen Formulierung wenigstens nicht richtig und hat jener 
Hinweis jede historische Analogie gegen sich. 

In Athen ist nach Aristoteles^) Zeugnis die Abzweigung 
der Rechtspflege von der obersten Exekutivgewalt erst lange 
Zeit nachher erfolgt, als diese Exekutivgewalt sich bereits in 
drei gesonderte Spezialämter differenziert hatte: und trotz der 
Einsetzung des Thesmothet«nkollegs bleibt dem Basileus, dem 
Polemarch und dem Archen bis in die historische Zeit 
hinein die richterliche Entscheidung in den ihr Amtsgebiet be- 
rührenden, RechtsiUllen. Die Schaffung einer speziell ci\ilrichter- 

>) Meyer a. a. O. Ö. 252. 
-) Arist.: 'AOr^v. «loX. c. 3, 



— 29 — 

liehen Behörde i^^ar aber in Athen durch das Sichgeltendmacheii 
neuer, früher nicht, empfundener Bedürfhisse hervorgerufen, — 
Bedürfhisse, die erst durch die Entwickelung des bürgerlichen 
Lebens, der Gewerbe- und Handelstätigkeit entstanden. Nicht 
anders lagen die Verhältnisse in Rom. Rom gebot bereits über 
ganz Latium, hatte den Ständekampf im Innern zu einem be- 
deutungsvollen Abschnitt gefdhrt, hatte seit einem Jahrhundert 
fast das geltende Hecht kodifiziert und seit noch längerer Zeit^) 
die weittragendsten handelspolitischen Beziehungen zu anderen 
Grossmächten geknüpft, ehe es sich entschloss die Rechtspflege 
vom Konsulat loszulösen und sie als Spezialkompetenz eigens 
dafür erwählten Beamten zu übertragen. Die durch langwierige 
Kriege veranlasste häufige Abwesenheit der Konsuln, der 
wachsende Fremdenverkehr und die mit steigender Kultur sich 
immer mannigfaltiger gestaltenden privatrechtlichen Beziehungen 
der Bürger unter einander erheischten endlich unabweisbar die 
Schaffung einer speziell richterlichen Oberbehörde. Aber erst 
spät wurde diesem Bedür&is Rechnung getragen und es dauerte 
lange, ehe man die Scheu überwand, der obersten Exekutiv- 
gewalt eine Befugnis zu entziehen, die nach den damaligen 
staatsrechtlichen Begriffen aufs Engste mit ihr verwachsen war. 
Und nun sollen wir glauben, dass seit den „ältesten Zeiten 
des Staates" in Sparta, wo es keine geschriebenen Gesetze gab, 
wo Handel und Wandel auf der Stufe primitivster Kultur stan- 
den, wo der Fremdenverkehr sich in äusserst bescheidenen 



*) Nach sorgfältiger Prüfung des gesammten Materials, des litte- 
rarischen sowol wie des kulturgeschichtb'chen (vergl. Hei big: Das 
homerische Epos ^ S. 31) sehe ich mich veranlasst der Ansicht der- 
jenigen Forscher beizutreten, welche in der Datierung der Kartha- 
gischen Handelsverträge der Autorität des Polybios (IH, c. 22) 
folgen. Ich kann in dieser Frage weder die Ausführungen von 
Mommsen (R. Chronologie, S. 320) und Unger (Rhein. Mus. 1882, 
B. XXXVII, S. 153 folg.) ftlr richtig halten, noch der Coneordanz- 
Philologie von Soltau (Phüologus 1889, B.XLVIII, R. 131 folg.) bei- 
stimmen. 



— 30 — 

Grenzen hielt, die Könige „niemals allein"^ die Gerichtsbarkeit 
geübt haben, sollen glauben, dass ihnen „von jeher*" fdr die 
Bechtssprechung in Givilsachen die Ephoren zur Seite gestanden. 
Wäre das überliefert, man hätte allen Grund die Eichtigkeit 
einer solchen Ueberlieferung in Zweifel zu ziehen : um so weniger 
gestattet ist es gegen die Angaben einer in diesem Punkt nicht 
zu beanstandenden Tradition eine derartige Auffassung zu ver- 
treten. Uns ist aus sicherer Quelle^) bezeugt, dass die Könige 
noch in historischer Zeit, gleich dem Archen in Athen, die 
Oerichtebarkeit in familienrechtlichen Fragen^) hatten. Dass die 
Bechtssprechung der Könige in den bei Herodot aufgezählten 
Familienangelegenheiten nur ein Rest früherer, weitgehenderer 



^) Herod. VI, 57 Sixa^etv ^ ,uo6vou; touc ßaotX^a; -zo^dht jjLOÜva. 

roTpouyou Tt irop^ivo'j zipt, ii xov IxvhTat iyvy^ ^v jjLi^::cp 6 Twrrijp «uttjv 

ßaaiX^iuv ivavT(ov Trofieodot. 

^) Trotz Curtius' glänzender Auseinandersetzung in seiner 
„Geschichte des Wegebaues bei den Griechen*" (Abband, der Berl. 
Akademie 1854, S 246 folg.) kann ich mich nicht entschliessen den 
Text in der eben citirten Herodotstelle für intakt zu halten. 
Einmal erscheint es recht unwahrscheinlich, dass inLakonien, welches 
keine ^heiligen Strassen'' hatte und einen nur unbedeutenden Export- 
handel trieb, die Sorge für den Wegebau eine derart hervorragende 
Rolle gdspielt haben sollte, dass die Streitigkeiten, welche sich auf 
Öffentliche Strassen bezogen, als Reservatrecht der königlichen Ent- 
scheidung Torbehalten wurden. Die Gelehrten haben die Schwierig- 
keiten, die diese eigenartige Nachricht bereitet, wohl empfunden: 
man mag bei Herrmann-Thumser: Lehrbuch etc. I, S. 163, A. 1 
nachlesen, durch wie verschiedenartige Interpretationsversuche man 
derselben einen befriedigenden Sinn hat abgewinnen wollen. Dann 
aber bietet die Anordnung in der Aufzählung bei Herodot einen 
weiteren nicht minder auffUligen Anstoss. Er schreibt: „Der Juris- 
diktion der Eonige untersteht die Entscheidung der Prozesse um die 
Hand einer Erbtochter, der Streitsachen um Öffentliche Wege und 
der Zulässigkeit von Adoptionen. ** Welcher halbwegs denkende 
Schriftsteller ordnet so seinen Stoff, dass er die sachliche Zusammen- 
gehörigkeit gänzlich ausser Acht lässt, und zwischen die zwei ge- 



- 31 — 

richterlicher Beftignis ist, wird von den neueren Ge« 
lehrten mit Berufung auf Herodot mit Recht angenommen. 
Nur muss man sich vor der Vorstellung hüt^n, als ob diese 
civilrichterliche Tätigkeit der Könige ursprünglich ausgedehnte 
Gebiete umfasste; bei den wenig komplizierten Jjebensbedingungen 
der alteren Zeit in Sparta wird sich diese Tätigkeit haupt- 
sächlich auf Fälle, die unter das Familien- und Eigentumsrecht 
zu rubrizieren sind, beschränkt haben. Weiter wissen wir dann 
aus Aristoteles,^) dass die Ephoren die Gerichtsbarkeit bei den 
aus geschäftlichen Kontrakten erwachsenden Streitigkeiten, 
hauptsächlich also in Handelssachen, übten. Die Kombination 
dieser Zeugnisse ergiebt ein Bild der Entwickelung der Civil- 
jurisdiktion, das in vielen Beziehungen eine Analogie bietet zu 
der oben skizzierten Ausgestaltung dieses Zweiges der Bechts- 
pflege in Athen und Rom. Hier wie dort ist diese Gerichts- 
barkeit ursprünglich in den Händen der obersten Exekutiv- 
gewalt, hier wie dort macht sich im Laufe der Zeit bei 



nannten Fälle familienrechtlichen Charakters die Erwähnung der ganz 
heterogenen Wegebansorge einschiebt. Bezeichnender Weise hat 
keiner der modernen Gelehrten (vergl. Herrmann-Thumser: Lehr- 
buch I, S. 162. Gilbert: Handbuch 1 2, S. 50) es für möglich er- 
achtet, die Anordnung Herodot 8 in seiner Darstellung beizubehalten. 
Was uns aber nicht zulässig erscheint, sollte man doch auch Herodot 
nicht zumuten. Nabers Conjektur (Mnemosyne IV, S. 25 und 
V, S. 139): TTpoodSoiv oT^;jioaii(uv hebt den eben geltend gemachten 
Anstoss nicht und trägt nur ein neues, sachliches Bedenken 
in den Text hinein; die Sorge um die Staatseinkünfte haben die 
Könige in historischer Zeit nie gehabt. Mir scheint es klar, dass 
bei Herodot auch an zweiter Stelle ein das Familienrecht betreffen- 
der Fall genannt war. Ich verzichte darauf, eine Teztverbesserung 
zu geben, glaube aber, dass bei der Rolle, welche die ursprünglich 
unveräusserlichen xXTjpoi im spartanischen Staats- und Privatrecht 
spielten, den Königen die Entscheidung der auf sie bezüglichen Streit- 
fälle zustand. Vielleicht ist daher zu lesen : ^pcov [tüv tc lUm^ xX^piuv 
xal Tu)v] dr^fAoai^uiv Tr^pi. 

) Aristot. Pol. Hj, 1, p. 1275 b. = in, 1, 7. 



— 32 ~ 

steigendem Verkehrsleben im Inneren, bei wirtschaftlichem 
Aufschwung und bei der Zunahme der Beziehungen zu 
auswärtigen Staaten das Bedürfnis geltend für die dadurch 
neu entstandenen Rechtsverhältnisse und Verwickelungen ge- 
sonderte richterliche Organe zu haben. Aber während in Athen 
wie in Rom, die beide schon durch ihre geographische Lage auf 
regere internationale Beziehungen hingewiesen waren und da- 
durch in eine ganz bestimmte kulturelle Ent Wickelung gedrängt 
wurden, dieses Bedürfnis sich endlich durch die Kreirung einer 
neuen Magistratur ad hoc Ausdruck verschafft, ist das Ephorat 
in Sparta gewiss nicht zu dem Zweck eingesetzt worden, um 
die Oivilgerichtsbarkeit zu üben.^) Wir sahen, wie spät man sich 
in Rom dazu verstand, die richterliche Befugnis von der Exe- 
kutivgewalt abzutrennen; Sparta ist bis zum peloponnesischen 
Kriege fast ein Binnenstaat geblieben, seine Handelsbeziehungen 
haben sich stets in bescheidenen Grenzen gehalten — es ist 
daher im höchsten Grade unwahrscheinlich, dass das oben ge- 
kennzeichnete Bedürfnis sich hier in einem Maasse geltend 
gemacht hat, welches die Schaffung neuer Richterorgane er- 
förderte. Wenn die Ephoren in historischer Zeit als Richter in 
den S^xai Töiv oufxßoXa^tüv fungieren, so erklärt sich das einfach 
aus dem Umstand, dass sie schon vorher unter anderen Befug- 
nissen auch die Aufsicht über den Fremdenverkehr hatten. Da 
mit ihren politischen Funktionen, welcher Art sie auch sein 
mochten, naturgemäss eine gewisse] Strafgerichtsbarkeit ver- 
bunden sein musste, sie also dem Rechtssprechen nicht ganz 

^) Aus dem mir während der Revision der Druckbogen zugänglich 
gewordenen Werke von J. B e 1 o c h : Griech. Gesch. I, 1893, ersehe 
ich, dass B e 1 o c h S. 301 mit Berufung auf Flut. K 1 e o m. c. 10, 
Dum und £. Meyer an der Auffassung festhält, „die Behörde der 
Ephoren sei in Sparta zunächst zur Unterstützung der Könige bei der 
Civi^urisdiktion geschaffen!** Ich finde auch nach dieser neuesten 
Kundgebung zu Gunsten der von mir bekämpften Auffassung keine 
Veranlassung zu einer Aenderung oder Modifizirung meiner Aus- 
führungen. 



— 33 — 

fern standen, so ist es bei der Beziehung ihrer Amtstätigkeit 
zum Ausland und den Ausländem nur logisch, dass die Juris- 
diktion im neu zu schaffenden Handelsgericht ihnen übertragen 
wurde; im Laufe der Zeit haben sie dann noch andere, zunächst 
wohl analoge, civilrechtliche Fälle zur Aburteilung erhalten. Klar 
jedenfalls ist es, dass in dieser richterlichen Tätigkeit nicht 
der Ursprung des Bphorats gesucht werden darf. Erweist sich 
hiermit die Prämisse für die landläufige Auffassung über die 
ursprüngliche Kompetenz des Ephorats als falsch, so kann nun 
auch das Bild, welches man von der weiteren Entwickelung 
dieses Amtes auf Grund dieser Prämisse entworfen hat, natürlich 
nicht richtig sein. Dennoch empfiehlt es sich bei der Ent- 
scheidung einer Frage, in welcher man der Sachlage nach haupt- 
sächlich auf Indizienbeweise angewiesen ist, dieses Bild einer 
kurzen kritischen Prüfung zu unterziehen; sie muss die Probe 
liefern für die Richtigkeit der eben entwickelten Anschauung. 

Meyer, der, wie 0. Müller und andere, die politische Rolle 
des Ephorats aus seiner civilrichterlichen Jurisdiktion abgeleitet 
wissen will, giebt von der allmählichen Machtentfaltung dieses 
Institutes eine kurze Skizze, die mit folgenden Sätzen anhebt: 
„Dadurch, dass die Ephoren dann auch politische Angelegen- 
heiten vor ihren Richterstuhl zu ziehen begannen, ist ihre Macht 
allmählich zu einer Staatsinquisition angewachsen, gegen die 
das Königtum in derselben "Weise zurücktreten musste, wie das 
Herzogtum in Venedig gegen den Rat der Zehn".*) Erkennt 
man die historische und staatsrechtliche Möglichkeit der in diesen 
Sätzen vertretenen Auffassung an, so ist ohne weiteres zuzu- 
geben, dass die ferneren Züge der Entwickelung, wie Meyer 
sie darstellt, sich zu einem geschlossenen Bilde aneinanderreihen. 
Aber, wenn irgendwo, so gilt hier das Wort: „principiis obsta." 
Meyer hat den Ausgangspunkt für seine geistvolle Skizze durch 
einen salto mortale gewonnen, den mitzumachen die schwer- 



*) Meyer a. a. 0. S. 253. 



— 34 — 

wiegendsten Gründe verbieten. Er beruft sich, um das Empor- 
wachsen des Ephorats über das Königtum zu veranschaulichen, 
auf ein Beispiel aus der venetianischen Geschichte. Gerade dies 
Beispiel, dünkt mir, hätte ihn vor seinen weiteren Aufstellungen 
bewahren sollen. Der Rat der Zehn in Venedig ist nie ein 
CivilrichterkoUegium gewesen — und hierin liegt eben der 
Schwerpunkt der Frage. Der Satz: „Die Ephoren begannen 
auch politische Angelegenheiten vor ihren Bichterstuhl zu ziehen '', 
lasst sich leicht hinschreiben, ihn aber in der Praxis verwirk- 
licht zu denken ist unmöglich. Ein CivilrichterkoUegium zieht 
bei geordneten staatlichen Zuständen Niemand vor seinen Bichter- 
stuhl, sondern tritt nur in Funktion, sobald eine Sache vor dem- 
selben anhängig gemacht wird. Gesetzt nun, es hätte sich 
Jemand gefunden, der eine politische Klage bei den Ephoren vor- 
brachte, so ist es doch imbegreiflich, dass der Beklagte sich 
ihrem Spruch unterworfen und noch unverständlicher, dass 
Volk, Staatsrat, und Könige dieses illegale Verfahren still- 
schweigend sanktioniert haben soUten. 

Gesetzt femer, die staatliche Ordnung wird in einem gege- 
benen Moment durch bestimmte Anlässe durchbrochen, ange- 
nommen auch, dass sich hervorragende Mitglieder des Givil- 
richterkollegiums an die Spitze dieser Bewegung gestellt und 
sich staatsinquisitorische Befugnisse usurpiert hätten, so ist eine 
Anerkennung dieser usurpierten Macht von Seiten der Könige, 
der Gerusie und der Volksversammlung doch nur dann denkbar, 
wenn diese Bewegung mit der Schaffung einer völlig neuen 
Konstitution endete. Kehrte man zu der früheren staatlichen 
Ordnung zurück, so konnte diese usurpierte Machtstellung der 
Ephoren ebensowenig als Präzedenzfall betrachtet werden, wie etwa 
das angemaasste Tribunenregiment der Gracchenzeit im späteren 
Staatsrecht der römischen Eepublik einen dauernden Platz finden 
konnte. Und nun soll gar ohne bewegte und einschneidende Ver- 
fassungskämpfe, lediglich als „Produkt einer langsamen aber stetigen 
Entwickelung^ die Metamorphose eines jährlich wechselnden 



— 35 — 

dTilrichterkoUegiums zu einem staatsbeherrschenden Amte sich 
vollzogen haben! Gewiss, wir haben im antiken Staatsleben 
Beispiele einer Verschiebung der Machtverhältnisse staatlicher 
Organe ohne Aufhebung der geltenden Verfassung. Die lebens- 
iSnghchen Staatsräte in Eom und Athen haben zeitweise ihre 
Eompetenzfülle auf Kosten der jährlich wechselnden Magistratur 
erheblich gesteigert; das Tribunenkollegium — die Eepräsen* 
tauten der Plebs in Bom — hat im Laufe der Zeit sich eine 
Stellung im Staate erobert, die von lAaassgebender Bedeutung 
wurde; aber eben diese Beispiele lehren auch klar, unter 
welchen Voraussetzungen und auf welchen Grundlagen nur sich 
eine solche allmähliche Usurpierung ursprünglich der obersten 
Exekutivgewalt gehöriger Machtbefugnisse vollziehen kann und 
vollzogen hat. Ebensowenig wie die Prätoren in Bom oder die 
Thesmotheten in Athen je zu einer staatsbeherrschenden Stellung 
gelangt sind, ist es an sich denkbar, dass in der präsumierten 
Civilgerichtsbarkeit der Ephoren die Wurzel ihrer späteren All- 
gewalt liegen kann. Hält man aber gegen jede historische 
Analogie und auch gegen jede Ueberlieferung an einem solchen 
Entwickelungsprozess der Ephorenmacht fest, so ist wenigstens 
vorher ein Dreifaches zu erweisen. Es müsste einmal gezeigt 
werden, durch welche politische und soziale Verhältnisse es 
gerade in Sparta, wo mehr als im übrigen Griechenland das 
Einzelindividuum in all seinem Thun und Treiben der Staats- 
idee untergeordnet erscheint und wo durch die festgefügte 
Form der Lebensordnung eines Erobererstaates es keinen 
Spielraum gab zur Bethätigung persönlicher Willkür, dahin hat 
kommen können, dass ein Eichterkollegium mit von vornherein 
bestimmtem Amtsgebiet in die Machtbefugnis der obersten Exe- 
kutivbehörde Bresche auf Bresche geschlagen hat, bis dieser 
nur ein Schatten der früheren Gewalt geblieben ist. Es ist 
femer zu erklären, wie es hat kommen können, dass dieses Be- 
amtenkollegium, das seine Befugnisse auf Kosten der Königs^ 

herrschaft langsam und stetig durch einfache Usurpation er- 

3* 



— 36 — 

weitert, mithin revolutionäre Tendenzen verfolgt, in unserer 
Überlieferung über die Geschichte Spartas stets als Schirmer 
und Schützer des spartanischen ^Kosmos", der althergebrachten 
Konstitution, erscheint und unnachsichtlich jeden auf Umsturz 
der bestehenden Verhältnisse zielenden Versuch zu strafen und 
zu vereiteln weiss. Und endlich ist es unumgänglich eine Ant- 
wort auf die Frage zu geben, wie es hat kommen können, dass 
Sparta, welches sich hiemach in seinem inneren Staatsleben als 
zu schwach erwiesen haben muss, um den ehrgeizigen Herrschafts- 
gelüsten machtloser Civilrichterlein erfolgreichen Widerstand zu 
leisten, trotzdem machtvoll und zielbewusst nach Aussen hin 
seine Suprematie über Griechenland fast durch Jahrhunderte 
siegreich behauptet hat. 

Ehe die hier geforderten Nachweise erbracht sind, ehe eine 
Losung dieser Probleme gefunden ist, kann ich der auch von 
Meyer vertretenen Ansicht, dass die politische Bolle der Ephoren 
aus ihrer richterlichen Thätigkeit im Civilprozess abzuleiten sei, 
nicht den Wert einer diskutirbaren Hypothese beilegen. Gegen- 
über dieser Ansicht hat bereits Dum,^) der ja bekanntlich die 
Ephoren auch als ursprünglich von den Königen eingesetzte 
Givilrichter betrachtet, betont, dass aus dieser Givilgerichtsbarkeit 
allein sich keineswegs die spätere Entwickelung des* Ephorats 
verstehen lasse. Dum macht in seiner eingehenden Analyse von 
Herodots Darstellung der spartanischen Geschichte die treffende 
Beobachtung, dass während die Ephoren unter der Regierung von 
Kleomenes I. und Demaratos resp. Leotychides 
fast ganz im Hintergrunde stehen, sie sowohl vorher unter 
Anaxandridas und Ariston, als nachher unter sämmtlichen 
folgenden KOnigspaaren als Leiter des Staates erscheinen. Femer 
ergiebt sich ihm aus dieser Analyse das Resultat, „dass die KOnige 
nur dann als gesetzliche Vertreter des Staates aufzutreten befugt 
waren, wenn sie einig waren, oder vielmehr richtiger gesagt, 



1) Dum a. a. 0. S. 15. 



— 37 — 

wenn ein König den Verfügungen des andern nicht entgegen 
war." Und endlieh geht ihm aus der Darstellung unserer Quellen 
hervor, dass eben die Eegierung des Kleomenes I. fast die 
einzige war, in welcher eine länger dauernde Einigkeit der KOnige 
zu Tage trat. Auf Grund dieser Beobachtungen gelangt nun Dum 
zu folgenden Aufstellungen: Da nach der spartanischen Verfassung 
die Könige nur im Fall ihrer Einigkeit Vortreter des Staates sein 
konnten, so musste schon frühzeitig für den Fall ihrer Uneinigkeit 
eine Stellvertretung geschaffen werden, „die mit königlicher Gewalt 
ausgerüstet, zeitweise die Eegierung fOhrte und während dieser 
Zeit über den Königen stand. Als diese zeitweiligen Stellvertreter 
erscheinen nun nach der oben analysirten Ueberlieferung die 
Ephoren. Man muss demnach einen Wechsel in der Herrschaft 
in Sparta annehmen, der durch ein Gesetz schon in der Zeit vor 
Kleomenes I. geregelt wurde. Die Könige herrschen, wenn 
sie einig sind, die Ephoren herrschen, wenn die Könige uneinig 
sind^.i) 

Einen wichtigen Beleg für die Eichtigkeit dieser Annahme 
findet Dum einmal In der bei Plutarch^) überlieferten Erzählung 
über das Vorgehen zweier, ihrer Amtsführung wegen von den 
designirten Nachfolgern angeklagter Ephoren. Diese suchen, wie 
Plutarch berichtet, die Könige zum Zusammefihalten zu über- 
reden, um dadurch die etwaigen Beschlüsse der kommenden 
Ephoren zu paralysiren. „Sie stellten den Königen vor, dass im 
Falle der Einigkeit ihre Herrschaft eine endgültige sei, da das 
Ephorat nur aus der Uneinigkeit der Könige seine Macht ableite. 
Nur wenn die Könige im Streite seien, gebühre es ihnen, Schieds- 
richter zu sein und zu entscheiden, andernfalls wäre dieses Amt 
ohne besondere Bedeutung und würde beim Versuch, gegen die 
Königsherrschaft anzukämpfen, den Boden des Gesetzes verlassen 
müssen.*^ Und weiter meint Dum eine Bestätigung des von ihm 
angenommenen Wechsels der Herrschaft zwischen Königen und 

^) Dum a. a. O. S. 66. 
2) Plut. Agie c. 12. 



— 88 — 

Ephoren aus dem bei X e n o p h o n^) überlieferten Eide gewinnen 
zu können, welchen die Könige und Ephoren einander monatlioh 
Idsteten. 

Es ist ohne weiteres zuzugeben, dass Dum 's Theorie der 
Forderung einer gesetzlichen Eegelung der Verhältnisse, welche an 
einen Eechtsstaat unerlässlich gestellt werden muss, im Gegensatz 
zu den oben erörterten Anschauungen Rechnung trägt und aus 
diesem Grunde schon eingehendere Beachtung verdient^ Trotz 
dieses Zugeständnisses kann ich Dum's Aufstellungen nicht für rich- 
tig halten. Um meine Kritik derselben mit einem unwesentHcheren 
Punkt zu beginnen, so muss ich zunächst in Abrede stellen, dass sich 
aus den von Dum angeführten Belegstellen eine Bestätigung seiner 
Theorie gewinnen lässt. Dem bei Xenophon erhaltenen Eide 
kann selbst bei gewaltsamster Interpretation nicht der Sinn ent- 
nommen werden, welchen Dum in ihn hineinlegt. Xenophon 
berichtet, die Könige und Ephoren — letztere im Namen und als 
•Vertreter der Bürgerschaft {-rrfi T,oUoi^) — leisteten monatlich 
einen Eid. Die Könige schwören, nach den bestehenden Gesetzen 
herrschen zu wollen und empfangen dagegen die eidliche Zu- 
sicherung des Volkes, die Herrschaft der Könige ungeschmälert 
cu erhalten, so lange die letzteren ihrem Schwur gemäss handeln. 
Dieser alte Vertragt) zwischen Königtum und Volk, als dessen 



*) Xen. Aox. roX. c. 15. 

2) Es ist seltsam, däss Gilbert Handbuch I^ S. 21, A. 5, der 
sich sonst eng an Dum anschliesst, gerade in dem Punkt, den ich, 
nimmt man einmal die freilich verfehlte Grundanschauung von Dum 
an, nur für einen Vorzog seiner Theorie halten kann|, eine 
abweichende Meinung geltend macht. Er spricht die Ansicht aus, 
dass das Eintreten der Civilrichter in die Regierung während der 
Uneinigkeit der Könige nicht ein durch ein besonderes Gesetz ange- 
ordnetes sondern lediglich ein gewohnheitsmässiges war. 

') Xen. Aont. itoX. c. 15, 1 . . . 5c ßaaiXei rp^s ttjv riXiv ouvOi^xac h 
A'jxoüpyoc ^7ro{T]36v . . . mit diesen Worten beginnt Xenophon in 
c. 15 die Aufzählung der Rechte und Pflichten der Könige, unter denen 



— 39 — 

Vertreter die Ephoren erscheinen, ist allerdings, wie wir später 
sehen werden, für die Frage nach der Entstehung des Ephorats 
von grundlegender Bedeutung, in ihm aber die gesetzb'che 
Regelung der Wechselherrschaft zwischen Königen und Ephoren 
finden zu wollen, geht einmal aus dem Grunde nicht an, weil in 
diesem Eide mit keiner Silbe die nach Dum notwendige Voraus- 
setzung für das Eintreten der Ephoren in die Eegierung, die 
Uneinigkeit^) der Könige, erwähnt wird, und zum andern 
nicht, weil weiter in diesem Eide nicht die leiseste Andeutung 
dafür vorhanden ist, dass, falls die Könige ihrem Schwur un- 
treu werden, gerade den Ephoren die Eegierungsgewalt über- 
tragen wird. 

Ebensowenig kann ich in der bei P 1 u t a r c h überlieferten 
Erzählung einen Beweis für das Vorhandensein einer Wechsel- 
herrschaft in Sparta ersehen. Die in Anklagezustand versetzten 
Ephoren suchen, um der ihnen drohenden Verurteilung vorzubauen, 
die Könige zum festen Zusanmienhalten und zum Ignoriren 
(ya^peiv lov) der Beschlüsse der Ephoren zu bewegen. „Diese 



in § 7 der Eid genannt wird. Aus dem ganzen Zusammenhang der Stelle 
ist es klar, dass Xenophon diesen Eid als wesentlichen Bestandteil 
der lykurgischen Neuordnung der Dinge betrachtet wissen wollte. Auch 
Niese fasst in seinem Aufsatz „Zur Verfassungsgeschichte Lakedaimons** 
(y. Sybers historische Zeitschrift 1889» Band LXII, S. 171) diesen 
Eid als einen Vertrag zwischen Volk und Königtum auf. 

^) D u m interpretirt die Worte im Eide : xaTd xou; tt); ttoX^wc xetfx^ou« 
vd[xouc ßaaiXeuaeiv auf folgende Weise: die Könige schwören nach den Ge- 
setzen des Staates, zu denen auch das über die Einigkeit der 
Könige gehört, zu regieren. Aber dass in diesem Eide diese von 
Dum hineingelegte Bestinmiung von seinem Standpunkt gamicht in 
Betracht gezogen werden kann, ist ja an sich klar. Sind die Könige 
uneinig, so kann nach Dum eine Regierungshandlung derselben garnicht 
in das Stadium der Realit&t treten. Die von Dum geforderte 
Einigkeit der Könige oder, richtiger gesagt, das Fehlen eines 
Veto ist eben notwendige Voraussetzung des „ßoatXe^ctv xard tou; 



— 40 — 

Behörde**,^) führen sie aus, „sei mächtig aus der Uneinigkeit der 
Könige, indem sie demjenigen von ihnen, welcher das Bessere 
will, beistimmt, wenn der andere König gegen das Staatswohl 
ankämpft.** Aus dem Wortlaut dieses Berichtes lässt sich doch 
nur entnehmen, dass die Ephoren bei dem Antagonismus der beiden 
Königshäuser durch kluge Unterstützimg desjenigen Königs, 
welcher ihrer Ansicht nach den Interessen des Staates diente, 
eine Erweiterung ihres Einflusses und ihrer Macht angestrebt 
und erreicht haben; mit keinem Wort aber ist hier davon die 
Rede, dass bei dieser Uneinigkeit der Könige die Eegierungs- 
gewalt derselben geruht habe und die Ephoren in die Herrschaft 
eingetreten seien. Dienen hiemach die von Dum angeführten 
Belegstellen nicht zur Stütze seiner Theorie von der Wechsel- 
herrschafb, so lässt sich nun weiter der klare Nachweis führen, 
dass Dum mit seinen Annahmen sich nicht nur in Widerspruch 
zu den historischen Thatsachen setzt, sondern durch diese That- 
sachen zu einer Eeihe sich widersprechender Aufstellungen ge- 
führt wird. 

D u m^) zieht zunächst aus H e r o d o t s Darstellung der 
spartanischen Geschichte die unzweifelhaft richtige Folgerung, 
dass ein König nicht gegen das Veto des anderen rechtskräftige 
Anordnungen treffen und als Vertreter des Staates handeln 
konnte.^ Es ist ja auch logisch ein anderes Verhältnis nicht 



^) Plut. Agis 12: ToÜTo ydp t6 dp^eiov iT/jiti\ i% 6(a^opdl; tcüv 

Ttpoc t6 aufx^^pov. 

^) D u m a. a. 0. S. 62. „Die Könige waren nur dann als gesetz- 
liche Vertreter des Staates aufzutreten befugt, wenn sie einig waren, 
oder vielleicht richtiger gesagt, wenn ein König den Verfügungen 
des anderen nicht entgegen war." Leider hat Dum im Verlauf seiner 
Auseinandersetzung diesen mit „richtiger gesagt*^ eingeleiteten Satz 
auf sich beruhen lassen. 

3) Vergl. Busolt: Staatsaltertümer in Müll er's Handbuch IV^ 
S. 101. Weniger präzis Herrmann-Thumser: Lehrbuch I, S. 162. 
Gilbert berührt auffallender Weise diese Frage gärnicht. 



— 41 — 

denkbar bei gleichzeitigem Vorhandensein zweier Eepräsentanten 
der obersten Exekutivgewalt, und wie nachweislich beim Konsulat 
in Eom, so muss auch beim Königtum in Sparta das Inter- 
zessionsrecht paris potestatis ein Fundamentalsatz der Verfassung 
gewesen sein. Weiter nahm Dum dann an, dass im Falle die 
königliche Herrschaft infolge kollegialer Interzession in ihrer Be- 
tätigung gehemmt war und somit gleichsam ruhte, die Ephoren 
bis zu wiederhergestelltem Einvernehmen der Könige in die 
Begierung eintraten. Nun aber finden wir in historischer Zeit 
(d. h. im V. und IV. Jahrhundert) keine Spur einer solchen 
Wechselherrschaft in Sparta, vielmehr erscheinen die Ephoren seit 
dem Tode des Königs Kleomenes 1. dauernd im Besitz der 
Eegierungsgewalt. Dum sucht diese von ihm natürlich aner- 
kannte Thatsache durch den Hinweis zu erklären, dass „von da an 
die beiden Königshäuser dauernd uneinig waren. '^^) Ich will es auf 
sich beruhen lassen, dass wir wol kaum das Material dazu be- 
sitzen, um die Annahme einer solchen beständig dauernden Un- 
einigkeit der Könige zu beweisen; es genügt zur Widerlegung 
der Dum'schen Behauptung die einfache Beobachtung, dass durch 
die thatsächliche Lage der Verhältnisse in Sparta sehr häufig 
die Möglichkeit der Interzession des einen Königs gegen die 
Verfügungen des anderen nicht gegeben war und dass trotzdem 
in solchen Momenten nicht die Könige, sondern die Ephoren die 
Exekutivgewalt haben und die Begierung vertreten. Statt vieler 
nur ein Beispiel: König Agesipolis führt den Feldzug gegen 
Olynth; während seiner Abwesenheit aus dem Peleponnes nehmen 
die Parteiwirren in Phleius einen derartigen Charakter an, dass 
eine Intervention Spartas als wünschenswert und notwendig er- 
scheint. Aber nicht König Agesilaos, der doch bei Abwesenheit 
seines Kollegen keinen Widerspruch gegen seine Anordnungen 
befürchten oder erfahren konnte, leitet die Verhandlungen in 
dieser Frage und bringt sie zum Austrag, sondern die Ephoren, 



Dum a. a. 0. S. 69. 



— 42 — 

welche der in Phleius am Ruder stehenden Demokratie den Krieg 
erkl&ren. Und erst alsAgesilaos an der Spitze des Heeres 
gegen Phleius anrückt und die Belagerung der Stadt mit Erfolg 
beginnt, erscheint und handelt er als Vertreter des Staates 
auch in den diplomatischen Beziehungen zu den Leitern der feind- 
lichen Parteien.^) Diese und analoge geschichtliche Thatsacben 
können Dum natürlich nicht entgangen sein und haben ihn offen- 
bar zu folgenden Aufstellungen geführt, mit denen er der gegen 
seine Theorie gerichteten Beweiskraft dieser Thatsacben die Spitze 
zu brechen sich bemüht. „Es sei wahrscheinlich*^, schreibt er,*) 
„dass solange ein KOnig Ton Sparta abwesend war, die Ephoren 
als Stellvertreter der Könige in Sparta fungirten. Das Gesetz, 
dass die Einigkeit der Könige zu Begierungshandlungen forderte, 
zwingt zu dieser Annahme.'' 

Wir haben hier einen Widerspruch in den Ausführungen von 
Dum oder, gelinde gesagt, eine bedeutsame Modifikation seiner 
Ansicht zu konstatiren. Während nach seiner oben angeführten 
und von uns als richtig anerkannten Meinung die Regierungs- 
handlungen der Könige bindende Kraft haben, so lange der eine 
König nicht den Verfügungen des anderen entgegentrat, wird 
hier unter dem Schwergewicht der Thatsacben der Satz aufge- 
stellt, dass die Könige in ihrer Amtsthätigkeit an gemeinsames 
Handeln gebunden waren.') Mit anderen Worten — an Stelle 



^) Vergl. Xen. Hell. V, 3, 8—18. § 13. 1^. o'^vrt üpp<C«v ßoxo-jv- 
Tiov tAv ^X.eiaa{o)v ^poupdv ^{vouat £i:*a6Touc ol l^opoi. Die Details über 
die Affaire mit Phleius vergl. in meiner „Geschichte der spartanischen 
und thebanischen Hegemonie*' S. 41 folg. 

2) D u m a. a. 0. S. 86. 

') Diese Auffassung wird dann auch von Dum im weiteren Ver- 
lauf seiner Darstellung festgehalten, vergl. z. B. S. 66. »Der König 
herrscht unbeschränkt durch die Ephoren, so lange er nach den Ge- 
setzen des Staates, zu denen auch das über die Einigkeit der Könige 
gehört, regiert.*^ Vergl. auch seine oben, S. 39, A. 1, citierten Aus- 
führungen über den bei Xenophon überlieferten Eid. 



— 43 — 

des oben erwähnten Interzessionsrechts der par potestas, wie es 
etwa die römischen Konsuhi hatten, werden die für das Zustande- 
kommen des romischen Censos geltenden Bestimmungen gesetzt 
und die These verfochten, dass jede Amtshandlung des einen 
Königs der ausdrücklichen BiUigung des anderen bedurfte, um 
gesetzUch perfekt zu erscheinen. Ich brauche wohl nicht aus- 
drücklich zu betonen, dass diese These weder in unserer Ueber- 
lieferung noch in den historischen Thatsachen eine Stütze findet^), 
und auch nicht finden kann, weil eine Exekutivbehörde auf solch' 
yerklausulirtem Bechtsgrunde mit derart unterbundenem Lebens- 
nerv ein Unding ist. Ein Unding ist aber auch überhaupt die 
von Dum aufgestellte und von vielen neueren Gelehrten gebilligte 
Theorie der Wechselherrschaft^) zwischen Königen und Ephoren; 
man braucht sich nur die Mühe zu nehmen, eine derartige Kon- 
stitution vom geduldigen Papier ins wirkliche Leben übertragen 
sich vorzustellen, um jeglichen Zweifel hieran zu verlieren. Ich 
erlaube mir diese Behauptung an folgendem, in Anlehnung an 
ein geschichtliches Ereignis gebildeten Beispiel zu illustriren. 

Im Winter 421 beginnen in Sparta auf lebhaftes Betreiben 
des Königs Pleistoanax Friedensverhandlungen mit Athen, 



^) Dum hatte, abgesehen von aUem anderen, schon durch den 
Wortlaut der mehrfach von ihm herangezogenenen Plutarchstelle vor 
der Aufstellung dieser These bewahrt werden sollen. Nach dem Bericht 
bei P 1 u t a r h A g i s c. 12 erscheinen die Könige trotz ihrer Un- 
einigkeit im Besitz der Regierungsgewalt und die Ephoren unter- 
stützen „TOV TOL ßeXTfoVflt X^YOVT«**. 

2) D u m selbst scheint das Bedenkliche seiner Theorie nicht ent- 
gangen zu sein, denn er nennt a. a. O. S. 69 „diese Wechselherrschaft 
eine abnorme Staatseinrichtung, deren Ursache in der in Sparta vor- 
handenen abnormen Erscheinung des Doppelkönigtums liegt". Dass 
bei doppelter Vertretung der Exekutivgewalt eine energische Staats- 
leitung möglieb ist, lehrt Rom; die richtige Erkenntniss aber, dass die 
Wechselherrschaft eine abnorme Staatseinrichtung ist, hätte Dum 
davor bewahren sollen, diese Einrichtung einem Staate zu oktroyren, 
der mit seltenem Zielbewusstsein seine politischen Zwecke verfolgte. 



— 44 — 

die im Frühling desselben Jahres zum Abschluss des uns bei 
Thukydides^) überlieferten Vertrages führen, lieber die 
Einzelheiten dieser Verhandlungen sind wir nicht näher unter- 
richtet, ihre monatelange Dauer beweist nur, dass mannigfache 
Differenzen zu überwinden gewesen sind. Suchen wir aber uns 
den möglichen Gang dieser Verhandlungen zu vergegenwärtigen 
und daraus die nach der Dum 'sehen Theorie notwendigen Fol- 
gerungen zu ziehen. Gesetzt den Fall, die Verhandlungen be- 
ginnen in einem Zeitpunkt, in welchem die Könige dank ihrer 
Einigkeit als Eepräsentanten der Eegierung aufzutreten befugt 
sind. Sie empfangen die athenischen Gesandten und übermitteln 
deren Forderungen dem Staatsrat und der Volksversammlung. 
Betreffs der ersten Punkte des bei Thukydides mitgeteilten 
Vertrages herrscht Uebereinstimmung unter den Königen. Es 
kommt dann die Frage nach der Dauer des eventuellen Friedens- 
abschlusses zur Sprache. König A g i s legt sein Veto ein gegen 
den von Pleistoanax befürworteten Antrag, dem Frieden eine 
5Qjährige Gültigkeit zu sichern. Die Könige müssen nun nach 
Dum von der Leitung der Geschäfte zurücktreten, die Ephoren 
erhalten das Präsidium in der Gerusie und der Volksversammlung, 
übernehmen die laufenden Regierungsangelegenheiten und führen 
die Verhandlungen mit Athen weiter. König Agis überzeugt 
sich inzwischen von der Nutzlosigkeit seines Protestes; er giebt 
die formelle Erklärung ab, dass nunmehr zwischen ihm und seinem 
Kollegen volle Uebereinstimmung herrsche und nun treten nach 
der Dum sehen Theorie die Könige wieder in die Eegierung ein; 
die Ephoren müssen ihnen alle inzwischen eingeleiteten Maass- 
nahmen und Verfügungen zur Ausführung überlassen, und die 
athenischen Gesandten werden mit ihren Vorschlägen an sie, 
als die oberste Eegierungsinstanz verwiesen. Es entsteht nun 
aber bei den fortgesetzten Verhandlungen mit Athen wieder 
ein neuer Differenzpunkt unter den Königen. Agis interzedirt 



1) Thukyd. V, c. 18. 



— 45 — 

von Neuem gegen den von Pleistoanax vertretenen Antrag, 
Panakton und Amphipolis den Athenern auszuliefern, und gegen 
dessen Verfügung, die spartanische Besatzung aus Amphipolis 
zurückzuziehen. Es erfolgt hiemach von neuem ein Wechsel 
in der Begierungsgewalt. Die Ephoren fuhren die Verhandlungen 
zu Ende, der Friede wird geschlossen. Der Widerspruch von 
Agis erweist sich nunmehr als gegenstandslos. Der Gang der 
Ereignisse ist durch denselhen nicht aufgehalten worden, man 
ist über ihn zur Tagesordnung weitergeschritten. Um f[lr die 
Zukunft an der Spitze der Staatsleitung zu stehen, erklärt er 
feierlich, sich mit Pleistoanax vollständig geeinigt zu haben. 
Flugs treten nun die Könige wieder in die Führung der Geschäfte 
— bis bei den bald darauf entstehenden politischen Verwickelungen 
im Peloponnes der Gegensatz ihrer Anschaungen von neuem 
zum Ausdruck gelangt. Sie müssen nun abermals von der 
Staatsleitung zurücktreten und sie den Ephoren überlassen, die 
wiederum vielleicht nach wenigen Wochen sich gezwungen sehen, 
ihren Platz den Königen zu räumen. Man mache mir nicht den 
billigen Einwand, dass ich outriert habe und dass in Wirklichkeit 
die Verhältnisse sich niemals derart gestaltet haben werden, wie 
ich sie dargestellt; denn man wird mir zugestehen müssen, dass 
ich bei meiner Konstruktion aus dem Eahmen des nach der 
D umsehen Theorie Möglichen nicht herausgetreten bin. Es 
kommt hier nicht darauf an nachzuweisen, ob in der Praxis 
ein solcher Wechsel in der Staatsleitung sich von Woche auf 
Monat wirklich vollzogen hat, sondern nur darauf, dass nach 
den gegebenen Prämissen die Möglichkeit eines solchen Wechsels 
nicht in Abrede gestellt werden kann. Diese Möglichkeit genügt, 
um die Theorie von Dum ad absurdum zu führen. Einem 
antiken und, modernen Schildburg mag man immerhin eine der- 
artige Verfassung zutrauen, nur soll man uns dabei nicht 
zum Glauben überreden wollen, dass die Schildbürger bei einer 
solchen durch die Konstitution geforderten Wechselherrschaft im 
Stande waren, die Führerrolle in einem grossen Kulturstaat zu 



— 46 — 

abernehmen und zu behaupten, wie Sparta das durch fast zwei 
Jahrhunderte in Griechenland gethan. 

m. 

Ich habe in den vorhergehenden Abschnitten die Gründe 
darzulegen mich bemüht, welche es mir verbieten, den an- 
geführten Theorien der Alten und Modernen über Entstehung 
und ursprüngliche Bedeutung des Ephorats zu folgen. Es 
erübrigt mir nun aus der bisherigen negativen Kritik in 
die positive Beweisführung einzutreten und eine Grundlage 
zu gewinnen, von welcher aus die spätere Allmacht des 
Ephorats sich historisch und staatsrechtlich verstehen Iflsst. 
Von der antiken, oben analysirten Tradition über Ursprung 
und Einsetzung des Ephorats muss bei dieser Untersuchung 
vollständig abgesehen werden: diese Tradition hat sich nur als 
eine der Prüfung nicht Stand haltende Hypothese ergeben. 
Eine Lösung des Problems ist nur auf dem Wege zu gewinnen, 
dass man in dem uns für die historische Zeit bezeugten Kompe- 
tenzenkreis des Ephorats den Punkt zu bestimmen sucht, von 
welchem aus der spätere Machtumfang dieses Amtes in natura 
lieber, den gegebenen Bedingungen jeglichen Staatslebens ent- 
sprechender Entwicklung entstanden sein kann. Die Methode 
der Forschung, wie sie Meyer und zum Teil auch Dum und 
andere, soweit sie nicht alle unter dem Einfluss jener oben 
gekennzeichneten antiken Tradition stehen, angewandt haben, 
ist also im Princip die einzig richtige. Der von diesen Gelehrten 
begangene Fehler besteht aber darin, dass sie mit ihren Unter- 
suchungen an einer Stelle eingesetzt haben, die nicht im Centrum, 
sondern in der Peripherie des Kreises liegt Dieser falsch ge- 
wählte Ausgangspunkt hat dann, wie oben dargelegt, zur natür- 
lichen Folge gehabt, dass die neueren Forscher zu Konstruktionen 
geführt worden sind, welche den historischen Thatsachen nicht 
entsprechen und mit den Gesetzen geschichtlicher und staats- 
rechtlicher Entwicklung nicht in Einklang zu bringen sind. Es 



— 47 — 

gilt den Versuch, die Klippen, an denen die Vorgänger bisher 
gescheitert sind, zu umschiffen. 

Es ist zunächst daran festzuhalten, dass das Ephorat 
im Laufe der Zeit zu einer Staatsgewalt herangewachsen ist, 
vor welcher das die Oberherrschaft ursprünglich repräsentirende 
Königtum vollständig in den Hintergrund treten musste. Zur 
Losung des mir gestellten Problems ist es also vor allem er- 
forderlich die Beziehungen, in welchen in historischer Zeit das 
Ephorat zum Königtum stand, einer Analyse zu würdigen. 
In diesen Beziehungen muss der Schlüssel für das Verständnis 
der eigenartigen Machtenfaltung des Ephorats zu finden sein. 
Sind diese Aufstellungen richtig, so vereinfacht sich unsere 
Aufgabe wesentlich. Es ist dann nicht mehr nOtig, jeden ein- 
zelnen Zweig der Kompetenzfülle dieses Institutes auf die Frage 
hin zu durchforschen, ob er als Ausgangspunkt der Ephoren- 
allmacht gefasst werden kann, sondern es ist bei dieser Unter- 
suchung a priori nur dasjenige Amtsgebiet des Ephorats in Be- 
tracht zu ziehen, auf welchem sich direkte Berührungspunkte 
desselben zum Königtum finden. Prüfen wir unter diesem Ge- 
sichtspunkte das uns zu Gebote stehende Material, so kann es 
keinem weiteren Zweifel unterliegen, dass wir mit Beiseitelassung 
aller Einzelheiten, die uns über das Verhältnis der Ephoren zu 
den Königen überliefert sind, die staatsrechtliche Grundlage 
dieses Verhältnisses in dem Eide zu suchen haben, den nach 
Xenophon Ephoren und Könige einander allmonatlich leisten. 
Mit Unrecht hatte Dum*) wie wir gesehen, diesen Eid als 
Stützpunkt für seine Theorie der Wechselherrschaft herangezogen, 
mit Becht dagegen die Behauptung aufgestellt, dass dieser Eid 
aus einer verhältnissmässig frühen Zeit datieren muss. Und 
in der That, im V. und IV. Jahrhundert, in welchen dieser 
Eid noch regelmässig abgelegt wurde, hatte er ja insofern keine 
praktische Bedeutung mehr, als eine „ßasiXefa diTucpAixTo;'' damals 



1) Dum a. a. 0. S. 66. 



— 48 — 

nicht mehr bestand. Sein Ursprung muss daher aus einer 
Zeit sich herleiten, wo ein solcher Schwur noch aktuelles Interesse 
hatte, andernfalls wäre seine Existenz und der Wortlaut 
seiner Fassung nicht verständlich. Dieser Eid erregt unsere 
Aufinerksamkeit aber nicht nur durch den Umstand, dass er in 
einer Zeit entstanden ist, wo die Königsherrschaft noch eine 
ihrem Namen entsprechende Stellung einnahm, er ist auch 
inhaltlich für uns von der höchsten Bedeutung; er lehrt bei auf- 
merksamer und eingehender Betrachtung ein gutes Stück spar- 
tanischer Verfassungsgeschichte kennen. 

Um diese Behauptung zu erweisen, erlaube ich mir den 
in Bede stehenden Eid in wörtlichem Citat herzusetzen. 
Xenophon spricht in Kapitel 15 seiner Aaxe5a(fj.ov{a>v TroXtxe^a von der 
durch Lykurg erfolgten Eegelung des Verhältnisses zwischen Volk 
und Königtum, das seiner Meinung nach im Gegensatz zur 
übrigen Verfassung in unveränderter Weise bis auf seine Zeit 
weiterbesteht. Nachdem er dann von § 2 — 7 die einzelnen 
von Lykurg den Königen verliehenen oder, wol richtiger 
gesagt, belassenen Ehrenrechte aufgezählt hat, fährt er 
in § 7 mit folgenden Worten fort: xal ^pxou; U (iXXi^Xotc xaTd 
pLTJva iroioüvTat, f^opot fxK uTcip ttjc TtdXecoc, ßacnXeuc S^dnip (outou* '0 hk 
opxoc h'd T(p p.K ßa^iXet xaxd touc tt); ?:tfXeu>c xetpi^ouc vdfLOUc ßaai- 
Xc6oicv, T^ hk iz6\ii ^fxTctSopxoOvTOc ixe^vou dorj^AtxTov 'n]v ßa^iXc^ov 
irap^etv. 

Nach dem ganzen Zusammenhang des Kapitels^) ist es klar, 
dass Zenophon diesen Eid als integrirenden Bestandteil der 
lykurgischen Verfassung betrachtet^. Ich will die Berechtigung 



^) In § 8 spricht Xenophon weiter von den Intentionen dos 
Gesetzgebers. 

2) Es ist nicht ohne Interesse zu konstatieren, dass somit nach 
dieser älteren spartanischen Tradition, welche Xenophon hier wieder- 
giebt, das Ephorat in enger Beziehung zur lykurgischen Verfassung 
erscheint. Hätte Thumser (Herrmann -Thumser, Lehrbuch I, 
8. 243, A. 4) diesem Xenophonkapitel die nötige Beachtung ge- 



— 49 — 

dieser Auffassung hier zunächst auf sich beruhen lassen; un- 
zweifelhaft aber beweist das Vorhandensein dieses noch zu 
Xenophons Zeit traditionell geleisteten Eides, dass irgend 
einmal zwischen Volk und Königen ein Vertrag geschlossen 
ist. Der KOnig verpflichtet sich, nach den bestehenden 
Satzungen zu regieren, das Volk garantiert dagegen, im 
Fall der KOnig seinem Schwüre nachkommt, die Königs- 
herrschaft ungeschmälert zu erhalten. Und griechischer Sitte 
gemäss wird dieser Vertrag von beiden Kontrahenten in be- 
stimmten Intervallen^) immer von neuem beschworen. Da das Volk 
naturgemäss in seiner Gesammtheit einen solchen Eid monatlich 
nicht ablegen kann, so stellt es als Eidesleister seine Repräsen- 
tanten — die Ephoren. Aus diesem Thatbestand ergeben sich 
wichtige Folgerungen. Das Vorhandensein dieses Vertrages und 
der darin stipulierten Bedingungen beweist, dass dem Abschluss 
desselben eine Zeit vorhergegangen sein muss, in welcher es ein 
solches (Jebereinkommen zwischen Volk und Königen nicht gab 
und in welcher die in diesem Uebereinkommen festgesetzten 
Punkte Gegenstand des Kampfes waren. Das Zustandekommen 
dieses Vertrages bezeichnet demnach das Ende einer „oTaaic'', 
die dadurch hervorgerufen war, dass die Könige aus irgend 
welchen uns unbekannten Gründen die „xe^fievoi vdfxot'' nicht 
respektierten und das Volk in Folge dessen die Fortdauer der 
Königsherrschaft überhaupt in Frage stellte. Dieser innere 
Zwist, diese antimonarchische Bewegung endet aber nicht, wie 
in so vielen Staaten Griechenlands, mit der Abschaffung der 



schenkt, so würde er wol die Frage nach dem Beweis für Meyers 
Behauptung, dass die lykurgische Idealverfassung ohne Ephorat ein 
Unding sei» unterdrückt haben. 

1) Hier wird der Eid monatlich erneuert; in der bei Thukyd, V, 
18 überlieferten Vertragsurkonde zwischen Sparta und Athen ist die 
ausdrückliche Bestimmung aufgenommen, dass der auf 50 Jahre geltende 
Friede jährlich von bestimmten Eidesleistem beiderseits von neuem 
beschworen werden soll. 

4 



— 50 — 

Eönigswürde, sie findet ihren Abschluss in einer Medlichen 
Lösung. Es war ein solcher Ausgang des Kampfes durch die 
besonderen Verhältnisse Spartas vorgezeichnet; es gab im Spar- 
üatenstaat aller Tradition nach, die hier auf Glaubwürdigkeit 
Anspruch erheben darf, keinen hervorragenden Geschlechtsadel, 
welcher die Bolle ttbemehmen konnte, das Königtum abzulösen; 
dann aber bedurfte Sparta als Erobererstaat inmitten eines 
grossen unterworfenen Gebietes mehr als jedes andere griechische 
Gemeinwesen eines stftndigen obersten Kriegsherrn mit unbe- 
grenzter, autoritativer Gewalt; bei dem Feldlagercharakter des 
Spartiatenstaates war es undenkbar, die Kriegsleitung einem 
jährlich wechselnden Beamtenkollegium in die Hände zu legen. 
Im innem Staatsleben dagegen zu Friedenszeiten lag es im un* 
abweisbaren Interesse der Spartiaten, sich eine Garantie zu 
schaffen gegen ein eventuelles WillkOrregiment der Könige. 
Nach diesen Gesichtspunkten wurde der friedliche Ausgleich 
beschlossen. 

Solch ein Ausgleich kommt aber nirgends so ohne weiteres 
zustande — es bedarf dazu oft langwährender Präliminarien. 
Selbstverständlich kann aber die Bflrgerschaft in corpore der- 
artige Verhandlungen nicht selbst fahren, sie muss sich zu diesem 
Zwecke Vertrauensmänner bestellen, welche die allgemeinen 
Wünsche des Volkes zum Ausdruck bringen und im Einzelnen 
formulieren. Möglich wäre es, dass . die Spartiaten hierbei ein 
Fünfinännerkollegium mit der Vertretung ihrer Interessen betraut 
hätten, ähnlich wie in Bom die Tribunen die Sache der auf den 
mens sacer secedirten Plebs führen; allein, dass dieses Kollegium 
den friedlichen Ausgleich geschaffen habe, scheint doch nicht 
wahrscheinlich. Wenigstens spricht die Analogie der Verfassungs- 
geschichte des VLLL. und Vll. Jahrhunderts in den übrigen 
griechischen Staaten gegen diese Annahme. Fast überall wird, 
wo der Kampf der Staatsbürger gegen die jeweilige Begierung 
nicht die äussersten Konsequenzen zieht, einer einzelnen Person« 
lichkeit, die mit ausserordentlichen Vollmachten ausgerüstet ist, 



— 51 — 

die Schaffung eines Ausgleiches übertragen. Bei der hervor- 
ragenden Bolle, die im griechischen Staatsleben durchgängig die 
Einzelperson spielt, scheint eine solche Lösung des Konfliktes 
vollkommen angemessen. Wir haben keinen Grund zu glauben, 
dass sich in dieser Beziehung die Verhaltnisse in Sparta anders 
gestaltet hätten. Jedenfalls wird diese Annahme insoweit auch 
der antiken Tradition gerecht, als diese einstimmig der Erinnerung 
an eine einstmals in Sparta stattgehabte Thatigkeit eines Gesetz- 
gebers Ausdruck verleiht. 

Ich habe damit eine Frage berührt, bei welcher nach dem 
heutigen Stand derForschung eine Stellungnahme geboten erscheint. 
Ich erkenne vollkommen an, dass die neuesten Untersuchungen die 
Haltlosigkeit unserer Tradition über die lykurgische Gesetzgebung 
erwiesen haben. Es ist klar dargethan worden, dass der spartanische 
Kosmos, die eigenartige Lebensordnung des Volkes, nicht Werk 
eines Gesetzgebers sein kann, dass die diesem Gesetzgeber zuge- 
schriebene Landaufteilung nicht stattgefunden hat, dass die so- 
genannten lykurgischen Ehetren nichts weiter sind als knappe, 
vielleicht nicht mal vor dem V. oder IV. Jahrhundert entstandene 
Formulierungen herkömmlicher Bräuche und Grundsätze, dass end- 
lich Lykurg selbst als Gott zu fassen ist, dessen Kult sich von 
Thrakien über Böotien, Attika nach dem grössten Teile des Pelo- 
ponnesos verbreitet hat, und dass in Sparta dieser Wolfszeus 
oder ein von ihm abgezweigter Gott oder Heros „Wolfsmut** 
als Begründer der religiösen und politischen Ordnung des Staates 
betrachtet und verehrt wurdet). Aber damit ist noch lange nicht 



^) Um nur die neuesten und bedeutendsten Arbeiten in der Rich- 
tung zu nennen, verweise ich auf v. Wilamowitz: Pbilologische Unter- 
suchungen VIT, S. 267 folg., Meyer: Forschungen etc. S. 244—282, 8 am 
Wide: Bemerkungen zur spartanischen Lykurglegende im Skandinav. 
Archiv I, S. 191, Sam Wide: Lakonische Kulte 1893 S. 281—284. 
Vergl. die vollständige Uebersicht der älteren Litteratur bei 
Gilbert: Handbuch P, S. 16, A. 1. 

4* 



— 52 — 

gesagt, dass nun in Sparta überhaupt kein Gesetzgeber i) existiert 
habe, als dessen Werk man, freilich nicht die Schaffung der 
spartanischen Lebensordnung, wol aber die Einführung der 
politischen Konstitution mit ihrer Abgrenzung und Festlegung von 
Yolksrechten, Eönigsherrschaft,Eat8bedeutung und Ephorengewalt 
betrachten darf. Ich erlaube mir, diese Behauptung an einem 
Beispiel zu illustrieren. Man hatte gerade in neuerer Zeit auf 
Grund vertiefter mythologischer Forschung das Vorhandensein 
eines geschichtlichen Kernes in der troischen Sage leugnen 
zu müssen geglaubt. Jetzt haben die Ausgrabungsresultate 
auf Troja - Hissarlik und Mykenae, die in dem Buch von 
Schuchardt^ übersichtlich zusammengestellt sind, eine ganze 
Reihe der schwerwiegendsten Anhaltspunkte für die Annahme 
ergeben, dass das in einem grossen Brande zu Grunde ge- 
gangene Troja thatsächlich von dem um die Herrschaft im 
Aegaeischen Meere mit ihm konkurrierenden Mykenaeischen Reiche 
bekämpft und vernichtet worden ist. Die in der Ilias wieder- 
gegebenen Mythen, vor allem der Gestimmythus vom Raub der 
Helena und ihrer in schwerem Kampf errungenen Befreiung sind 
eben desshalb in die Argolis und das Skamandrosthal lokalisiert 
worden, weil von Geschlecht zu Geschlecht sich die Erinnerung 
erhalten hatte an einen grossen sieggekrOnten Kriegszug des 
goldreichen Mykenae gegen das die Propontis beherrschende Troja. 

Ganz analog liegen die Verhältnisse in der Lykurgfrage. 
Der Umstand, dass dieser vordorische Gott in Sparta und 
nicht etwa in Olympia, Elis, Argos etc. als Begründer der reli- 



^) Bei der Beschaffenheit unseres Materials ist es mflssig, Ver- 
muthnngen über die Person und den Namen dieses Gesetzgebers auf- 
steUen zu wollen. 

^ Schuchardt: Schliemanns Ausgrabungen etc. 1801 S. 349 ff. 
Dagegen Basel t: Griech. Gesch. P, S. 44. Ich weiss sehr wohl, dass 
die hier in Betracht kommende „zweite Stadt** alter ist, als die durch 
die Burggräber von Mykenae reprftsentirte Kulturepoche. Ich sehe 
aber nicht ein, warum dieser „feste Sitz eines Gaufürsten'^ nicht 



— 53 — 

giösen und staatHchen Ordnung betrachtet wurde, beweist, dass 
noch zur Zeit, als der historische Sinn der Griechen zu erwachen 
und eine historische Tradition sich zu bilden begann, im Gedächt- 
nis der Generationen die Thatsache fortlebte, dass die politische 
Konstitution in Sparta das Werk eines Gesetzgebers, eines Staats- 
ordners war.^) An diesen historischen Anhaltspunkt ist die 
Lykurglegende geknüpft, ebenso wie der Helenamythus und die 
übrigen religionsgeschichtlichen Traditionen und heroischen Sagen- 
stoflfe an den Heereszug gegen Ilion. Die Festlegung der Lykurg- 
legende in Sparta dient also ihrerseits zur Bestätigung der 
Thatsache, dass zu irgend einer Zeit in Sparta eine Gesetz- 
gebung stattgehabt hat. 

Diese letztere Annahme steht nun freilich in vollstem Ge- 
gensatz zu einer neuerdings von autoritativer Seite aufgestellten 
Behauptung, und bedarf daher noch einer sachlichen Begründung. 

thatsächlich vom aufstrebenden Mykenaeischen Reiche vernichtet sein 
soll. Der Umstand, dass in Eleusis in demselben Grabe mykenaeischc 
und troische Vasen neben einander gefunden sind CE;pT^fji. dp^^aioX. 1889, 
Sp. 171), beweist doch deutlich, wie allmählich sich dieser Kultur- 
übergaDg vollzog, und lässt es unzweifelhaft erscheinen, dass am 
aegaeischen Meeresbecken gleichzeitig Staatengebilde existierten, die 
verschiedene Kulturschichten repräsentieren. (Vergl. den aoalogen 
Fall in Nord- und Mittelitalien. Montelius' R. A. XVm, S. 126 flf.). 
Weil Mykenae unter orientalischem Einfluss sich rascher entwickelte, 
überflügelte und vernichtete es Ilion. Seitdem dies niedergeschrieben, 
hat die hier behandelte Frage eine andere Lösung gefunden. Nach 
Doerpfelds Bericht über die neuesten Ausgrabungen auf Hissarlik 
(Mitt. d. arch. Instituts XYIII, S. 201) hat man das homerische Troja 
in der „sechsten Stadt" zu suchen. Ich brauche wohl kaum ausdrück- 
lich zu bemerken, dass dieses Ausgrabungsresultat die Identität der 
Eulturst&tte auf Hissarlik mit dem Troja des Epos ausser Zweifel 
setzt und somit in erwünschter Weise die Thatsache voll bestätigt, 
um deretwillen hier die „troische Frage'' herangezogen war. 

^) Das Zugeständnis von Sam Wide a. a. 0. S. 284: „Indessen 
möchte ich nicht ganz bestreiten, dass unter diesen mythischen Zügen 
etwas historisches steckt, vergl. die lesbische Sappho**, zielt vielleicht 
auf eine ähnliche, wie die von mir gegebene Deutung der Lykurglegende. 



— Ö4 — 

Von Wilamowitz^) bestreitet nämlich die Möglichkeit, dass 
jemals in Sparta eine Gesetzgebung erfolgt sei und führt diese 
seine Ansicht durch nachfolgende Argumentation aus: „In Sparta 
giebt es notorisch keine geschriebenen Gesetze. Da regiert der 
vdfxoc Wer sich an der Hand der Theorie der von der 
AaxeSaifjtov^Qiv iroXiTefa und an der Hand der Anekdoten- 
historie eine Vorstellung von der Unverftnderlichkeit 
der spartanischen Einrichtungen gemacht hat, der wird 
arg enttäuscht, sobald er an die beglaubigte Geschichte 
^on 480 — S62 herangeht. Selbst in seinen ärgsten Zeiten 
hat der souveräne Demos von Athen mit den solonischen 
Satzungen nicht so willkürlich geschaltet, wie der spartanische 
Adel mit den Grundgesetzen seines Standes. Die königliche 
Praerogative ist eine andere unter Leotjchides, eine andere 
unter Agis Archidamos Sohn, eine andere unter Agesilaos. 
Das Heerwesen, mit dem die Organisation des Volkes, d. h. der 
regierenden Kaste, zusammenhängt, ist ein anderes zur Zeit der 
Perserkriege, der Schlacht bei Mantinea 418, der Schlacht bei 
Leuktrae, der Schlacht bei Mantinea 862 etc. etc.^ Ich erlaube 
mir diesen Ausführungen gegenüber die Fragen: War in Athen 
die Praerogative der Polemarchen und die Stellung der Strategen 
nicht eine andere zur Zeit der Schlacht bei Marathon und zur 
Zeit des Perikles? War die Kompetenz des Areopag nicht 
eine andere zur Zeit der Perserkriege und zur Zeit der Blüthe 
des athenischen Eeiches? War das athenische Heerwesen nicht 
ein anderes zur Zeit des peloponnesischen Ejrieges und zur Zeit 
des Iphikrates? War die Volkssouveränität nicht eine andere 
zur Zeit des Themistokles und zur Zeit des Demosthenes 
trotz aller geschriebenen Gesetze des Selon und Kleisthenes? 
Kann also die Veränderlichkeit der spartanischen Einrichtungen, 
die von keinem urteilsfähigen, und auch von Xenophon^) 



^) V. Wilamowitz: Philologische Untersuchungen VU, S. 275. 
3) Vergl. Xen. Aax IloX. c 15. 



— 55 — 

in der AocxeSatfiov^wv itoXtTe^a nicht in Abrede gestellt wird, 
als Instanz dafür angeftlhrt werden, dass in Sparta das Statt- 
haben einer einmaligen Gesetzgebung undenkbar sei? Freilich 
giebt es in Sparta keine geschriebenen Gesetze, keinen Codex 
des Staats-, Criminal- und Oivilrechts. Aber dennoch hat auch 
in Sparta eine „Gesetzgebung*' stattgefunden, insofern, als die 
Rahmen des Staatsrechts einmal geschaffen, die Beamtenkollegien 
und beratenden Körperschaften einmal eingerichtet, das Amts- 
gebiet der Vertreter der Bxecutiv- und der richterlichen Gewalt 
in seinen Grundzügen einmal festgelegt sein muss. Jede in 
der Eichtung getroffene Verfügung, mag sie nun schriftlich oder 
mündlich erlassen sein, hat bindende Kraft, ist Gesetz. Wird 
nun in einem Staat gleichzeitig eine Eeihe solcher Bestimmungen 
vereinbart, welche der Entwicklung des Staatslebens feste Bahnen 
vorzeichnen, so haben wir das Eecht, von einer grundlegenden 
Gesetzgebung zu reden: als solche darf man den zu irgend einer 
Zeit zwischen Volk und Königtum geschlossenen Vertrag be- 
trachten und demgemäss der Wilamowitzschen Ansicht nur 
den Wert eines geistreichen Paradoxons beimessen. Es ist 
also an der Tradition der Alten nicht zu rütteln, welche ein* 
stimmig, wenn auch in den verschiedensten Brechungen, der 
Erinnerung an eine einstmals in Sparta stattgehabte Gesetz- 
gebung Ausdruck verleiht. 

Durch diese Gesetzgebung nun wurde, wie wir ge- 
sehen, die Grundakte der spartanischen Konstitution ge- 
schaffen, der Ausgleich im Kampf der Volksgewalt gegen 
das Königtimi herbeigefdhrt. Aber der Gesetzgeber durfte 
sich bei seiner Thätigkeit nicht auf das blosse Zustandebringen 
eines solchen Vertrages beschränken: er musste zugleich 
Maassregeln treffen, welche die Erfüllung der Bestimmungen 
dieses Vertrages einigermaassen sicher stellen konnten. Die 
Könige waren, im Prinzip wenigstens, durch die ihnen zustehende 
Executivgewalt jederzeit in der Lage die etwaigen auf Be- 
schränkung ihrer Rechte zielenden Versuche einzelner Bürger 



— 56 — 

oder ganzer Verbindungen derselben aburteilen zu lassen und 
zu unterdrücken; das Volk als solches aber war naturgemäss 
nicht im Stande darüber zu wachen, dass keine üebertretung 
der xe(fievo( vdfAoi von Seiten der KOnige statt fände. Und 
selbst wenn eine solche Gesetzesübertretung allgemein anerkannt 
und von der Qesammtheit festgestellt war, so musste doch so- 
gleich die weitere Frage entstehen, wer nun als Klftger im 
Namen des Volkes aufzutreten berechtigt sei und yor welcher 
Instanz man die Klage vorzubringen habe. Für diesen FaU 
mussten vom Gesetzgeber Vorkehrungen getroffen sein, sollte 
anders der von ihm stipulirte Ausgleich praktische Bedeutung 
haben. Der logische Zwang der Verhältnisse musste ihn dazu 
führen, zugleich mit dem Abschluss des Vertrages eine Volks- 
repräsentation zu schaffen, deren nächste Aufgabe es war, dar- 
über zu wachen, dass das Herkommen, der vtffjioc, von den 
Königen nicht yerletzt werde, und die dabei zugleich bei dei 
monatlichen Erneuerung des Eides im Namen des Volkes als 
Eidesleister zu fungieren hatte. Dass der Gesetzgeber ein schon 
vorhandenes, bisher von den Königen besteUtes BeamtenkoUegium 
mit der Vertretung der Interessen der Bürgerschaft betraut, 
hat alle Wahrscheinlichkeit gegen sich.^) 

Da nun, wie wir oben gesehen, die Annahme unbegründet ist, 



1) Man konnte gegen diese Behauptung anfuhren, dass bei der 
Einrichtung des Volkstribunats die erste Vertretung der Interessen 
der Plebs bereits Torhandenen Beamten übertragen wurde. Allein dass bei 
dem in militärischer Ordnung erfolgten Auszug der Plebs die plebeischen 
Offiziere zu Vertrauensmännern ernannt wurden, liegt in der Natur der 
Dinge. Bei der wesentlichen Verschiedenheit der Verhältnisse darf dieser 
FaU nicht als Analogie für die Gestaltung der Lage in Sparta heran- 
gezogen werden. Sollte die Einsetzung der Ephoren nicht erst durch 
diesen Vertrag erfolgt sein, so müssten sie eben vorher königliche 
Subaltembeamte gewesen sein, und von solchen liess sich doch eine 
energische Wahrung der Volksinteressen kaum erhoffen. Wäre also 
die durch nichts begründete Annahme richtig, dass das Ephorat ein 
althergebrachtes, nationaldoriscbes Institut sei, so müssten wir er* 



— 57 — 

dass die Ephoren seit unvordenklicher Zeit die Givilgerichtsbarkeit 
in Sparta geübt hätten, so bietet sich jetzt von selbst die 
Folgerung dar, dass der Ursprung des Ephorats aus 
jenem zwischen Volk und Königtum geschlossenen 
Vertrage abzuleiten ist.^) Die Ephoren werden, was auch 
ihr Name besagt, nach jenem zu Stande gebrachten Ausgleich 
als „Aufseher*' desselben, als Hüter imd Wahrer der Volksrechte 
bestellt. Von diesem Ausgangspunkt an Iftsst sich dann die 
weitere Entwicklung der Ephorenmacht toU und ganz yerstehen. 
Den von Thumser^) nicht ohne Grund gegen die Holmsche 
These erhobenen Einwand, dass dieselbe der antiken Tradition 
über die allmflhliche Entwickelung des Ephorats nicht gerecht 
werde, brauche ich nach meinen bisherigen Ausführungen nicht 
zu besorgen. Von dem Eecht und der Pflicht, darüber zu 
wachen, dass die Könige nach den bestehenden Gesetzen herr- 
schen, imd der Aufgabe, den Eid auf den geschlossenen Vertrag 
an Volkesstatt abzulegen bis zur späteren Tyrannenallmacht der 
Ephoren ist ein ebenso weiter Weg, als von dem ursprünglichen 
ins auxilii ferendi der Tribunen bis zur staatsbeherrschenden 
Stellung dieses Amtes zur Zeit der Gracchen. Aber dieser Weg 



warten, das nicht diesen Ephoren, sondern einem neu geschaffenen 
Beamtenkollegium die Rolle zuerteilt wäre, welche in Wirklichkeit die 
Ephoren gespielt haben. 

1) Das hat bereits Niese: Histor. Zeitsch. LXU, (1889), S. 68 folg. 
bemerkt. Wenn aber Niese, im Einklang mit seiner bekamiten 
Gmndanschauung über den späten Beginn des historischen Lebens der 
Griechen, den Abschluss dieses Vertrages und mit ihm den Ursprung 
des Ephorats in die zweite Hälfte des Vll. Jahrhunderts setzt, so 
wird er hoffentlich hierin keine Nachfolger finden. Vergl. jetzt 
Busolt: Griech. Geschichte P, S. 557, A. 3. 

^ Ich spreche dem Thums ersehen Einwand (Herrmann-Thumser: 
Lehrbuch I, S. 249) insofern nicht alle Berechtigung ab, als Hohn 
(Geschichte Griechenl. I, S. 217) die Ephoren von vornherein ohne 
jegliche Einschränkung ihrer späteren Kompetenz als Staatsauf- 
leher betrachtet. 






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vOh^jm v^en Wert haben, musste bald mit einer bestimmten 
^^^^l^^^npetenz verknüpft worden sein, ebenso wie aus dem ius 
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^y^^A dlctio abgeleitet ist. Je mehr nun die Lebensformen 
^ 8|)arta erstarrten, je grössere Bedeutung dank der politischen 
St^lung Lakedaimons das Herkommen in der Lebensführung der 
S|>artiaten gewann, desto mächtiger musste sich auch dieses Auf- 
stiohtsamt der Ephoren über die Innehaltung der xe^fxevoi vdfiioi 
entfalten, wie andererseits die strenge Ausübung dieses Amtes 
nicht ohne Einfluss auf die Konsolidierung des spartanischen 
Kosmos geblieben sein kann. Nichts konnte der althergebrachten 
Lebensgewohnheit gefährlicher sein, als das Eindringen aus- 
ländischer Sitten und Gebräuche; naturgemäss erscheint daher 
der Fremdenverkehr der Kontrolle der Ephoren unterstellt, die 
mit dieser Kontrolle zugleich die Gerichtsbarkeit in allen aus 
Handels- und Geschäffcsverträgen entspringenden Processen über- 



— 59 — 

nehmen. Sprachen aber die Ephoren schon einmal in einer be- 
stimmten Gruppe von Civilsachen Recht, so ist es femer ver- 
ständlich, dass dann im Laufe der Zeit ihre richterliche Thätig- 
keit sich auch auf einen weiteren Ereis priyatrechtlicher Fragen 
ausdehnte. So knüpft sich eins ans andere. Es ist das Produkt 
einer langsamen, aber folgerechten Entwicklung, wenn die Ephoren 
in historischer Zeit auf Grund ihres Wächteramtes der Konsti- 
tution die verschiedenen Staatsbeamten vor ihren Richterstuhl 
ziehen, ihnen Bussen auferlegen, sie von ihrer Stellung suspen- 
dieren, die Jugenderziehung leiten und sich das Recht aneignen, 
in das Privat- und öffentliche Leben von Vornehm und Gering 
einzugreifen. Dass die Ephoren mit der Zeit auch dazu gebracht 
werden, auf dem Gebiet der Excutivgewalt erfolgreich mit dem 
Königtum zu konkurrieren, hatte seinen hauptsächlichsten Grund 
in den eigenthümlichen Verhältnissen des letzteren. So lange 
die beiden Könige ein gemeinsames Regierungsprogramm ver- 
folgten, hatten die Ephoren weder die Gelegenheit noch die 
Möglichkeit, eine aktive Rolle in der Regierungsleitung zu über- 
nehmen, ebensowenig wie die Tribunen in Rom bei energischem 
Zusammenstehen der Konsuln anfänglich in der Lage waren, 
sich auf der politischen Arena mit Erfolg zu bewegen. Aber 
bei dem traditionellen Antagonismus der beiden spar- 
tanischen Königshäuser gehörte eine dauernde Einigkeit 
der Könige mit der Zeit zu den Ausnahmeerscheinungen^), 
und dieser Umstand hatte nicht nur zur Folge, dass sich im Rat 
der Alten schroff gegenüberstehende Parteien bildeten^), sondern 
auch, dass dem zu hervorragender Machtstellung gelangten 
Ephorat vollauf der Anlass geboten wurde, in das Gebiet der 
ursprünglich königlichen Amtssphäre — in die Staatsleitung 
einzugreifen. Es war ja ganz unvermeidlich, dass bei offenem 
Gegensatz der Könige die Ephoren als Hüter der xe(p.evoi vdfjLot 



^) Dum a. a. 0. S. 69 folg. 

2) Xen. Hell. V, 4, 20—23. Dum a. a. 0. S. 78. 



— 60 — 

die Instanz bilden mussten, vor welcher dieser Gegensatz zum 
Austrag gebracht wurde, und dadurch, dass sie nun voll und 
ganz für die Politik desjenigen Königs eintraten, welcher ihrer 
Meinung nach die .Interessen des Staates wahrte, erlangte ihre 
Stimme bei einer Eeihe politischer Fragen entscheidende Be- 
deutung; weiter war es dann in der Lage der Dinge begründet, 
dass dieses im Laufe der Zeit konsolidierte Verhältnis sich auch 
dann nicht änderte, wenn zufälligerweise ein Widerstand des 
einen Königs gegen die EegierungsverfÜgungen des anderen 
nicht vorlag oder durch die gegebenen Umstände nicht 
geltend gemacht werden konnte. Dazu kam dann noch 
ein anderes Moment, um die Herrschaft der Ephoren endgültig 
zu befestigen. 

Das Königtum hatte im Laufe des V. und im Anfang des 
IV. Jahrhunderts durch eigene Schuld viel von seinem alten 
Ansehen und seinem Einfluss eingebüsst. Verurteilungen der 
Könige wegen Verrat und ungesetzlicher Handlungen, Amts- 
entsetzung und Verbannung derselben gehörten zur Tagesordnung 
und mussten natürlich eine schwere Schädigung der Königs- 
herrschaft überhaupt nach sich ziehen. Durch solche Vorgänge 
musste die Kontrolle der Ephoren über die Handlungen der 
Könige naturgemäss sich verschärfen; sie konnten es mit der 
Zeit wagen, die Könige vor ihr eigenes Gericht zu laden. Die 
Bestimmung^), dass die Könige der dritten Ladung Folge zu 
leisten hätten,^) zeigt deutlich, dass bei einem bestimmten Konflikt 



^) Trieb er: Forschungen zur spartanischen Verfassungsgeschichte 
ß. 110, A 1 sieht hierin ein Ueberbleibsel altarischer Rechtssitte; 
man könnte diese Annahme mit der Modifikation gelten lassen, dass 
der König auf Grund dieses altarischen Rechtssatzes bei einem be- 
stimmten Konflikt sich erst bei der dritten Ladung zum Nachgeben 
entschliesst; allein es scheint mir doch gewagt, aus dieser vielleicht 
zufälligen Uebereinstimmung mit altarischer Rechtssitte irgend welche 
Schlüsse auf die Entstehung des spartanischen Rechtsbrauches zu ziehen. 

^) Plut. Kleomenes c. 10. 



— 61 — 

der König schliesslich sich nicht hat unterfangen kOnnen, der 
Forderung der Ephoren sich zu entziehen: dieser Hergang hat 
dann einen Präcedenzfall abgegeben und ist als solcher legalisiert 
worden. 

Wir haben in dieser Entwicklungsgeschichte des Ephorats 
gewiss ein gut Teil Usurpation zu konstatieren; aber die Not- 
wendigkeit einer solchen Machtursurpation lag im Keime ebenso 
in der ursprünglichen Bedeutung dieses Amtes begründet, wie 
die Machtentwickelung des Tribunats in Born in der ursprün^chen 
Kompetenz desselben vorgezeichnet war.^) Dass aber gerade das 
Ephorat, welches zum Hüter des spartanischen Kosmos, 
berufen war, durch die Macht der Verhältnisse in eine 
Entwicklung gedrängt wurde, welche vor allem dazu bei- 
tragen musste, das altväterliche Herkommen zu untergraben, 
darin tritt, wie man es zu nennen beliebt, die „Ironie des 
Schicksals** zu Tage, welche sich in der alten Geschichte 
so gut wie im politischen Leben der neueren und neuesten 
Zeit beobachten lässt. In dem Bestreben, die alte Ver- 
fassung zu schützen, musste das Ephorat selbst aus dem 
Bahmen dieser Verfassung heraustreten: es ist von dem Gesichts- 
punkt aus ein fesselndes Schauspiel, zu verfolgen, wie die Ephoren- 
herrschaft auf Kosten der Königsgewalt sich Schritt um Schritt 
erweitert, bis letztere zum Schatten einstiger Grösse herabsinkt. 
Die Willkür, die bei der Handhabung jedes Aufsichtsrechts her- 
vortreten muss, eben weil beim naturgemässen Mangel an ge- 
setzlichen Bestimmungen für den Einzelfall der persönlichen An- 



') Cicero de leg. III, 7, 16, hat bei seinem praktisch-politischen Blick 
die richtige Beobachtung gemacht, dass Ephorat und Tribunat sich in 
Parallele stellen lassen. Mutandis mntatis haben wir mehrfach Ge- 
legenheit gehabt, auf das Analoge im Entwickelungsgang dieser beiden 
Institute wie auch in ihrer Entstehungsgeschichte hinzuweisen. Mit 
unrecht ist von den neueren Gelehrten diesem Urteil des Cicero 
keine Beachtung geschenkt worden; es hätte sie davor bewahren 
können, im Ephorat von vorneherein etwas anderes als eine Volks- 
repräsentation zu sehen. 



— 62 — 

SV :\uuuu^ di>r A^ehtabeamten viel Spielraum gelassen ist, artete 
tu ^>v^uu (J^vh die Lage der Yerhftltmsse za einer förmlichen 
l>r4umoi )AU^ die als solche namentlich schwer Yon denjenigen 
Kouigx^M ^^^ftinden werden musste, welche sich ein Gefühl für 
ilio vu>ii)U'l(ngliohe Würde und Bedeutung ihres Amtes bewahrt 

K» lit natürlich, dass Pausanias und später Kleomenes IQ 
vUe Kphorenallmacht zn stürzen trachteten; es ist von ihrem 
Htundpunkt aus ganz folgerichtig, dass sie die ausgebildete 
Hphorenherrschafb als Usurpation bezeichnen; es ist endlich 
veratändlich, dass sie in Anlehnung an die Eesultate der da- 
maligen historischen Forschung die spätere Civilgerichtsbarkeit 
der Ephoren zum Ausgangspunkt ihrer Machtstellung gestempelt 
haben, um so im Interesse ihrer Pläne die Willkürherr- 
Schaft der Ephoren noch reliefhafter hervortreten zu lassen. 
Wir aber dürfen ihnen hierin nicht folgen, wollen wir uns 
anders das Verständnis für den Entwicklungsprocess des 
Ephorats nicht verschliessen. Die einzelnen Vorgänge, welche 
diesen Process beeinflusst und gefördert haben, entziehen sich 
grösstenteils unserer Kenntnis; ich musste es mir daher 
genügen lassen nach Feststellung des richtigen Ausgangs- 
punktes ein Bild in grossen Umrissen zu entwerfen. Eins, hoffe 
ich, wird man diesem Bilde nicht absprechen: dass es den 
Forderungen Rechnung trägt, welche die Gesetze staatsrecht- 
licher und historischer Entwicklung stellen. 



Druck von A. £larbaum, Berlin SO., Reichenbergerstr. 154. 



Berliner Studien für classisclie Philologie und Arcliaeologie. 

FUnftehnter Band. Diittea Heft. 



Der Schoinos 

bei den 

Aegyptern, Griechen und Römern. 

Eine metpologlsohe und geograplilsclie 
üntersuoMng 



Wilhelm Schwarz. 



Berlin 1884. 

Verlag von S. CalvaTy & Co. 



— 58 — 

läset sich zurücklegen, ohne dass man dahei Gefahr Iftuft in 
unentwirrbares Domgestrüpp zu geraten oder Klüfte überspringen 
zu müssen, und ich denke, dieser Umstand darf als die Probe 
für die Bichtigkeit der eben gegebenen Lösung des Problems 
betrachtet werden. 

Die Ephoren, welche im Namen des Volkes den Vertrag 
mit dem Königtum beschwören, haben also ursprünglich darüber 
zu wachen, dass die Könige diesem Vertrag gemftss herrschen 
und die Bürgerschaft weder als Ganzes, noch in ihren einzelnen 
Gliedern yergewaltigen. Der Schutz der xt^fievoc vöfAot, des von 
Vätern ererbten Herkommens, war der Sorge der Ephoren unter- 
steUt: zunächst zwar gegen die Willkürgelüste der Könige; 
aber diese Pflicht, für die Aufrechterhaltung der xs{fuvo( vtSfiot 
zu sorgen, musste ja naturgemäss dazu führen, dass die Ephoren 
überhaupt jeden Versuch, dieselben zn übertreten, jeden Angriff 
gegen dieselben, von wem immer er auch ausgehen mochte, 
zurückzuweisen und abzuwehren yon berufswegen als ihr Hecht 
in Anspruch nahmen. Ein solches Wächteramt, soll es irgend 
welchen realen Wert haben, musste bald mit einer bestimmten 
Strafkompetenz verknüpft worden sein, ebenso wie aus dem ins 
auxilii ferendi der Tribunen iblgerichtigerweise das Recht der 
multae dictio abgeleitet ist. Je mehr nun die Lebensformen 
in Sparta erstarrten, je grössere Bedeutung dank der politischen 
Stellung Lakedaimons das Herkommen in der Lebensführung der 
Spartiaten gewann, desto mächtiger musste sich auch dieses Auf- 
sichtsamt der Ephoren über die Innehaltung der xcffjievoc \6^oi 
entfalten, wie andererseits die strenge Ausübung dieses Amtes 
nicht ohne Einfluss auf die Konsolidierung des spartanischen 
Kosmos geblieben sein kann. Nichts konnte der althergebrachten 
Lebensgewohnheit geföhrlicher sein, als das Eindringen aus- 
ländischer Sitten und Gebräuche; naturgemäss erscheint daher 
der Fremdenverkehr der Kontrolle der Ephoren unterstellt, die 
mit dieser Kontrolle zugleich die Gerichtsbarkeit in allen aus 
Handels- und Geschäftsverträgen entspringenden Processen Ober- 



— 59 — 

nehmen. Sprachen aber die Ephoren schon einmal in einer be- 
stimmten Gruppe von Civilsachen Becht, so ist es femer ver- 
ständlich, dass dann im Laufe der Zeit ihre richterliche Thätig- 
keit sich auch auf einen weiteren Kreis privatrechtlicher Fragen 
ausdehnte. So knüpft sich eins ans andere. Es ist das Produkt 
einer langsamen, aber folgerechten Entwicklung, wenn die Ephoren 
in historischer Zeit auf Grund ihres Wächteramtes der Konsti- 
tution die yerschiedenen Staatsbeamten vor ihren Eichterstuhl 
ziehen, ihnen Bussen auferlegen, sie von ihrer SteUung suspen- 
dieren, die Jugenderziehung leiten und sich das Recht aneignen, 
in das Privat- und öffentliche Leben von Vornehm und Gering 
einzugreifen. Dass die Ephoren mit der Zeit auch dazu gebracht 
werden, auf dem Gebiet der Excutivgewalt erfolgreich mit dem 
Königtum zu konkurrieren, hatte seinen hauptsächlichsten Grund 
in den eigenthümlichen Verhältnissen des letzteren. So lange 
die beiden Könige ein gemeinsames Begierungsprogramm ver- 
folgten, hatten die Ephoren weder die Gelegenheit noch die 
Möglichkeit, eine aktive Rolle in der Regierungsleitung zu über- 
nehmen, ebensowenig wie die Tribunen in Rom bei energischem 
Zusammenstehen der Konsuln anfänglich in der Lage waren, 
sich auf der politischen Arena mit Erfolg zu bewegen. Aber 
bei dem traditionellen Antagonismus der beiden spar- 
tanischen Königshäuser gehörte eine dauernde Einigkeit 
der Könige mit der Zeit zu den Ausnahmeerscheinungeni), 
und dieser Umstand hatte nicht nur zur Folge, dass sich im Rat 
der Alten schroff gegenüberstehende Parteien bildeten^), sondern 
auch, dass dem zu hervorragender Machtstellung gelangten 
Ephorat vollauf der Anlass geboten wurde, in das Gebiet der 
ursprünglich königlichen Amtssphäre — in die Staatsleitung 
einzugreifen. Es war ja ganz unvermeidlich, dass bei offenem 
Gegensatz der Könige die Ephoren als Hüter der wi^iv^i v($fi.oi 



1) Dum a. a. 0. S. 69 folg. 

2) Xen. Hell. V. 4, 20—23. Dum a. a. 0. S. 78. 



— 60 — 

die Instanz bilden mussten, vor welcher dieser Gegensatz zum 
Austrag gebracht wurde, und dadurch, dass sie nun voll und 
ganz für die Politik desjenigen Königs eintraten, welcher ihrer 
Meinung nach die .Interessen des Staates wahrte, erlangte ihre 
Stimme bei einer Beihe politischer Fragen entscheidende Be- 
deutung; weiter war es dann in der Lage der Dinge begründet, 
dass dieses im Laufe der Zeit konsolidierte Verhältnis sich auch 
dann nicht änderte, wenn zufälligerweise ein Widerstand des 
einen Königs gegen die Regierungsverfügungen des anderen 
nicht vorlag oder durch die gegebenen Umstände nicht 
geltend gemacht werden konnte. Dazu kam dann noch 
ein anderes Moment, um die Herrschaft der Ephoren endgültig 
zu befestigen. 

Das Königtum hatte im Laufe des V. und im Anfang des 
lY. Jahrhunderts durch eigene Schuld viel von seinem alten 
Ansehen und seinem Einfluss eingebüsst. Verurteilungen der 
Könige wegen Verrat und ungesetzlicher Handlungen, Amts- 
entsetzung und Verbannung derselben gehörten zur Tagesordnung 
und mussten natürlich eine schwere Schädigtmg der Königs- 
herrschaft überhaupt nach sich ziehen. Durch solche Vorgänge 
musste die Kontrolle der Ephoren über die Handlungen der 
Könige naturgemäss sich verschärfen; sie konnten es mit der 
Zeit wagen, die Könige vor ihr eigenes Gericht zu laden. Die 
Bestimmung^), dass die Könige der dritten Ladung Folge zu 
leisten hätten,^ zeigt deutlich, dass bei einem bestimmten Konflikt 



^) Trieber: Forschungen zur spartanischen Verfassungsgeschichte 
S. 110, A 1 sieht hierin ein Ueberbleibsel altarischer Rechtssitte; 
man könnte diese Annahme mit der Modifikation gelten lassen, dass 
der König auf Grund dieses altarischen Rechtssatzes bei einem be- 
stimmten Konflikt sich erst bei der dritten Ladung zum Nachgeben 
entschliesst; allein es scheint mir doch gewagt, aus dieser vielleicht 
znfiUligen Uebereinstimmung mit altarischer Rechtssitte irgend welche 
Schlüsse auf die Entstehung des spartanischen Rechtsbranches zu ziehen. 

^) Plut. Kleomenes c. 10. 



— 61 — 

der König schliesslich sich nicht hat unterfangen können, der 
Forderung der Ephoren sich zu entziehen: dieser Hergang hat 
dann einen Präcedenzfall abgegeben und ist als solcher legalisiert 
worden. 

Wir haben in dieser Entwicklungsgeschichte des Ephorats 
gewiss ein gut Teil Usurpation zu konstatieren; aber die Not- 
wendigkeit einer solchen Machtursurpation lag im Keime ebenso 
in der ursprünglichen Bedeutung dieses Amtes begründet, wie 
die Machtentwickelung des Tribunats in Bom in der ursprünglichen 
Kompetenz desselben yorgezeichnet war.^) Dass aber gerade das 
Ephorat, welches zum Hüter des spartanischen Kosmos, 
berufen war, durch die Macht der Verhältnisse in eine 
Entwicklung gedrängt wurde, welche vor allem dazu bei- 
tragen musste, das altväterliche Herkommen zu untergraben, 
darin tritt, wie man es zu nennen beliebt, die „Ironie des 
Schicksals** zu Tage, welche sich in der alten Geschichte 
so gut wie im politischen Leben der neueren und neuesten 
Zeit beobachten lässt. In dem Bestreben, die alte Ver- 
fassung zu schützen, musste das Ephorat selbst aus dem 
Bahmen dieser Verfassung heraustreten: es ist Ton dem Gesichts- 
punkt aus ein fesselndes Schauspiel, zu verfolgen, wie die Ephoren- 
herrschaft auf Kosten der Königsgewalt sich Schritt um Schritt 
erweitert, bis letztere zum Schatten einstiger Grösse herabsinkt. 
Die Willkür, die bei der Handhabung jedes Aufsichtsrechts her- 
vortreten muss, eben weil beim naturgemässen Mangel an ge- 
setzlichen Bestimmungen für den Einzelfall der persönlichen An- 

1) Cicero de leg. III, 7, 16, hat bei seinem praktisch-politischen Blick 
die richtige Beobachtung gemacht, dass Ephorat und Tribunat sich in 
Parallele stellen lassen. Mutandis mutatis haben wir mehrfach Ge- 
legenheit gehabt, auf das Analoge im Entwickelungsgang dieser beiden 
Institute wie auch in ihrer Entstehungsgeschichte hinzuweisen. Mit 
Unrecht ist von den neueren Gelehrten diesem urteil des Cicero 
keine Beachtung geschenkt worden; es hätte sie davor bewahren 
können, im Ephorat von vorneherein etwas anderes als eine Volks- 
reprfisentation zu sehen. 



— 62 — 

schauung der Aufeichtsbeamten viel Spielraum gelassen ist, artete 
in Sparta durch die Lage der Verhältnisse zu einer förmlichen 
Tyrannei aus, die als solche namentlich schwer von deig'enigen 
Königen empfunden werden musste, welche sich ein Oeftlhl fllr 
die ursprflngliche Würde und Bedeutung ihres Amtes bewahrt 
hatten. 

Es ist natürlich, dass Pausanias und sp&ter Elleomenes III 
die Ephorenallmacht zu stürzen trachteten; es ist von ihrem 
Standpunkt aus ganz folgerichtig, dass sie die ausgebildete 
Ephorenherrschaft als Usurpation bezeichnen; es ist endlich 
verständlich, dass sie in Anlehnung an die Resultate der da- 
maligen historischen Forschung die spätere Civilgerichtsbarkeit 
der Ephoren zum Ausgangspunkt ihrer Machtstellung gestempelt 
haben, um so im Interesse ihrer Pläne die Willkürherr- 
schaft der Ephoren noch reliefhafter hervortreten zu lassen. 
Wir aber dürfen ihnen hierin nicht folgen, wollen wir uns 
anders das Verständnis für den Entwicklungsprocess des 
Ephorats nicht verschliessen. Die einzelnen Vorgänge, welche 
diesen Process beeinflusst und geft)rdert haben, entziehen sich 
grösstenteils unserer Kenntnis; ich musste es mir daher 
genügen lassen nach FeststeUung des richtigen Ausgangs- 
punktes ein Bild in grossen Umrissen zu entwerfen. Eins, hoffe 
ich, wird man diesem Bilde nicht absprechen: dass es den 
Forderungen Rechnung trägt, welche die G^etze staatsrecht- 
licher und historischer Entwicklung stellen. 



Druck von A. Klarbaum, Berlin SO., Reichenberfferstr. 164. 



Berliner Studien fOr classische Pliilologie und Archaeologie. 

Fünlkehnter Band. Drittes Heft. 



Der Schoinos 

bei den 

Aegyptern, Griechen und Römern. 

Kin6 metpologiscüe und geograpMselie 
Dntersuchung 



Wilhelm Schwarz. 



Berlin 1894. 
Verlag von S. Calvary & Co. 



Namen- und Sachregister. 

Die Zahlen bezeichnen die Seiten. 



Abydos 86. 88. 

Ägypten: Längenausdehnong 43 £f. 

56. 101. Küste am Mittelmeer 38. 

40 f. 49. 57. 96. 99,1. Küste am 

roten Meer 54 (vgl. Botes Meer). 
Äthiopien 81. 

Agathemeros 54,3 69. 71. 76. 
Agrippa 19. 22 ff. 27. 28. 29. 72 f. 

80 f. 109. 
Akanthonpolis-Memphis 57. 
Akina-Premnis 90f. A.-Pitara 90 f. 
Alexandria 35f. 56. 61. 81. 87f. 89. 

107. A. -Deltaspitze 53. A.*Ele- 

phantine 43ff. A.-Juliopolis 64. 89. 

A.-Kanobos 34. 61 f. A.-Kyrene96. 

A.-Meroe 76. A.-Nikopolis 68 f. 74. 

A.-Paraitonion 36. 53. 65. 88. A.- 

Schedia 59 f. A.-Syene 100. 
Ammianus Marcellinus 19. 34. 106 f. 

109. 
Ammonsoase 75. Ammonsheiligtum 

57. 
Apis-Paraitonion 65. 
Aristobulos 36. 53. 75. 78. 108. 
Aristokreon 43 ff. 53. 78. 108. 
Arrian 75. 108. 
Arsinoe-Gerrhon30f. 31,3. A.-Kasio8 

28 ff. 49. A.-Pelu8ion 29 f. 
Artemidor 1. 3. 19. 39 f. 46. 53 ff. 

57. 61. 65. 72f. 77. 79. 83. 96ff. 

101. 103. 108. 112. 
Astaboras 99,1. 



aiur 110,1. 
Aualites-Malao 73 f. 

Bäb el-Mandeb, Strasse von 69 f. 76 
Babylon 93 ff. B.-Charax 93 ff. 
Berenike-Ptolemtos Theron 71,6. 

Xoißifhv Mdjfirj 59 f. 

XoH^av 60. 

Charax-Babylon 98 ff. 

Chereu 60. 

Claudius (Kaiser) 34 f. 

Curtius Rufus 35 f. 80. 81. 109. ., 

Delta 85. 39 ff. 54. 56. 57. 59,4. 61. 

66. 117 ff. 
Deltaspitze-Alexandria 53. D.-Mem- 

phis 35. 59,4. 60. 88. 89. D.- 

Philai 46. 54. 67. 
Diodor 19. 35. 37. 38 f. 39 ff. 48 ff. 

55 ff. 58. 65. 78. 83. 108. 
Dodekaschoinos 91. 

Mbo (Insel) 49,10. 

Elepbantine 48 ff. 53. 61. 91. E.- 

Alexandria 43 ff. E.- Theben 42. 

49. 51. 
Elle: 1) königliche der Pharaonen 

12. 14. 15. 121,1. 2) kleine 14. 

122. 
Epiphanios von Antiochia 79 f. 
Eratosthenes 4f. 17. 19. 41. 54,3 



— VI — 



69. 72 f. 76. 96ff. 102. 104ff. 106. 

111. 114f. 
Erdmessimg des Eratosthenes 97,4. 

104 ff. 
Eaphrat 98 ff. 

Fuss: 1) italischer 19 f. 2) ptolemä- 
ischer 101 ff. 3) römisoher 19 f. 

Oeirhon 107. G.-Aisinoe 30 f. 31,3. 
G.-Pelüsion 107. 

Heliopolitischer Gaa-Memphis 74. 
Heliupolis 42. 51. H. -Memphis 84. 

H.-Peli28ion 40. 42. 49. 51. 56. 

H.-Thehen 8,1. 49. 51. 
Heptanomis 117 ff. 
Herakleopolitisoher Gaa 88. 
*JE^fAonolnuni tfvlax9J 61. 
Herodot4.6. 22 ff. 254. 27. 28. 37. 

38. 40. 42 ff. 49 ff. 77. 108. 110. 

114. 119. 
Heron 60. 77. 
Heronische Tafeln 7. 12 f. 14. 15 ff. 

77. 108. 
Hierasykaminos-Syene 90 f. H.-Tama 

90 f. 
Hieronymos 124,2. 
'YnotvitatOH ysmyffatpiag 78 f. 108. 

Itinerar Antonins 19. 33 f. 83 ff. 109. 

120. 
Josephos 38. 46. 63. 74 f. 108. 
Jaba 46. 67. 69. 78. 93 ff. 108. 
Julianus von AsJcalon 5. 97. 104. 
Joliopolis-Alexandria 64. 89. 

Kanal zwischen dem Nil und roten 
Meer 86. 

Eanobische Mündung 34. 38. 41. 89. 
Eanobischer Nilatm 40 ff. 42. Ka- 
nobische Mündung-Pharos 63. 107. 

Kanobos-Alexandria 34. 61 f. 

Kasios 26. E.-rotes Meer oder Ar- 



sinoe 28 ff. 49. E.-Pelasion 33. 

62. 84. 108. E.-PHthiue 38. 
Ejitabathmos-Paraitonion 65. 
Eatarrakt erster 441 
Eleopatra 22 f. 31,3. 
Eyrene 101. 115,1. E.-Al6zandria 96. 

Landstrassen in Ägypten 6. 80. 41 f. 

Malao-Aualites 73 f. 

Mareotissee S4f. 88. 

Maiinos von Tyros 17. 76. 78. 

Martianns Gapella 34. 36. 

MeUe, römische 16. 24. 48. 76. 78 f. 

82. 83ff. 87. 97,4. Vgl. fUkiw. 
Memphis 68. 61. 88. M.-Akanthon- 

polis 57. M.-Deltaspitze 35. 59,4. 

60. 88. 89. M.-heliopolitischer Gaa 
74. M.-HeUapolis 84. M.-Möri8- 
see 92. 

Meroe (Insel und Stadt) 90f. 99,1. 
100,8. M.-Alexandria 76. M.-Na- 
pata 90f. M.-Syene 55. 90 f. 96 ff. 

fUltor lOff. Vgl Meüe. 

Mittelägypten 117 ff. 

Mörissee 37. 49. 56. 91 f. M.-Mem- 
phis 92. 

Mucianus 37. 80. 81. 109. 

Napata-Meroe 90f. N.-Tergedon 90f. 
Nearohos 98 f. 108. 
Nikopoiis-Alexandria 68 f. 74. 
Nu 6. 42 ff. 57. 58. 86. 92. lOOf. 

Oberägypten 81. 117 ff. Vgl. Thebais. 
Onesikritos 98 f. 108. 
OrmÜ2, Strasse von 71 f. 

Paraitonion-Alezandria 86. 53. 65. 

88. P.-Apis66. P.-£atabathmos65. 

Paiasang 14f. 17. 25. 26. 52,1. 59. 

61. 75. 92 ff. 115,1. 

Pelusion 30. 32. 38. 42. 61. 62. P.- 
Arsinoe 29 f. P.-Gerrhon 107. P.- 



— vn — 



HeUnpolis 40. 42. 49. 51. 56. P.- 

Easios 33. 62. 84. 108. P.-Penta- 

schoinos 32f. 83 f. P.-Plithixie'74f. 

Vgl S. 38. 
Pelusische Mündong 38. 41. Pelu- 

sischer Nilann 39 ff. 42. 
Pentasohoinos 32 f. 83 f. 
Pentascino »» Pentaschoinos. 
Periplos des roten Meeres 67 ff. 102. 

108. 117. 119. Seine Entstehnngs- 

zeit 67 f. 
Peutdngersche Tafel 107. 120. 
PharoB-kanobische Mündung 63. 107. 
Philai-Deltaspitze 46. 54. 67. P.-Sye- 

ne 66. 
Pitara-Akina 90 f. P.-Tergedon 90 f. 
Plinins 4 f. 10 f. 19. 22. 23. 24. 28. 

29. 80 1 34. 35. 36. 37. 41 f. 43ff. 

56. 67 f. 69 f. 71. 80. 81. 85 ff. 

109. (Zu V 59) 44. (VI 124) 93 ff. 

(VI 163) 69,21. (VI 163 f.) 72f. 

(VI 164) 54,2. (VI 167) 30 f. (VI 

170) 69,21. (VI 171) 71,6. (VI 183) 

96 ff. 
Flithine-Easios 88. P.-Pelusion 74f. 

Vgl S. 38. 
Plutarch 22f. 32. 76. 108. 
Polvbios 5. 

Poseidonios 22 ff. 32. 55. 108. 
Premnis-Akina 90f. P.-Tama 90f. 
RolemaioB (Geograph) 17. 60. 76. 

78. 108. 
Ptolemaios Apion 101 f. 
Ptolemais Theron 54. 73. P.-Berenike 

71,6. 
Pyramiden 62. P.-Mempbis 55. 56,1. 

58. 86. 88. P.-Nü 55. 56,1. 89 f. 

Rotes Meer 54. 72 f. 81. 86. 92. 96. 

Sais 59. 

Schedia- Alexandria 59 f. 
Sohoinos 6. 8 f. 13. 14. 15. 16 f. 17 ff. 
23. 24. 25. 27f. 32. 39. 43. 46 f. 



48. 52f. 58 ff. 60f. 62,7. 65 ff. 68 f. 
75. 76 ff. 80. 82 f. 85 ff. 92 ff. 98. 
106 f. 108f. 110-126. 

1) Sohoinos zu 30 Stadien 6. 88. 34. 
35. 40. 41. 49,10. 50ff. 53. &5f. 
56,1. 58. 59f. 61. 62. 66. 70. 72. 
74. 75. 76ff. 82. 86f. 88f. 94. 
106f. 108f. 112. 114. 115,1. 118ff.. 
121f. 123. 124. 125. 

2) Scheines zu 40 Stadien 14. 28ff. 
34. 35. 36. 44. 46. 49ff. 53. 55. 
56. 68. 60. 61 f. 63. 67. 70. 71. 

72. 74 76. 80f. 81. 83. 8a 89. 
108 f. 113. 114. 116,1. 118 ff. 122 f. 
123 f. 

3) Scheines £a 60 Stadien 14. 36 f. 
37. 38. 40. 42f. 46. 49 ff. 64. 55. 
56. 61. 63. 66 f. 71f. 74. 75. 87 f. 
108 f. 114. 118 ff. 123. 124. 

4) Scheines zu 120 Stadien 1 f. 56,1. 
61. 108 f. 113,4. 119. 123 f. 

6) Scheines zu SdVs attischen Sta- 
dien 33. 87. 38. 41. 54f. 57. 68. 
61. 63. 66 f. 73. 78. 83. 86f. 91 f. 
94 f. 97 ff. 107. 108f. Ulf. 115,1. 
121. 

6) Scheines zu 66Vi attischen Sta- 
dien 67. 83. 95. 108f. 111. 

7) Scheines zu 32 ptolemäisch - rö- 
mischen Stadien 19. 29 f. 33. 34. 
43 f. 53. 55. 66,1. 64. 65 f. 70. 71. 

73. 77. 78f. 79 f. 81. 82 f. 83 ff. 
86 f. 89 ff. 93 f. 96. lOOL 103. 106f. 
107. 108 f. Ulf. 114. 116,1. 121. 

8) Eratosihenischer Scheines 64,8. 
73. 96ff* 106. 114 f. 

Seleukeia 93 f. 

Serbonis- oder Sirbonissee 68. 65. 88. 

Skylax von Earyanda 41. 57. 

Sozomenos 107. 

Stadien 24ff. 68. 72. 77f. 87. llOff. 

1) attische 9. 27. 36 f. 48. 61. 63. 

82. 86 f. 91. 97. 104ff. 106. 112. 

121. 2) ionische 116,1. 3) italische 



jgl. 4) persisclie 13. 25. 

' 210^^^'^' ö) ptolemäisch- 

iefl W- 27. 33. 34 f. 36 f. 

6^ 76f.82f. 86fE. 97. 

lOlft. 106. 112. 118. IIM ■ 

Strabon 3. 19. 22«. 26t Ä 39. 34. 

35. 36,5. 41. 54,8- 57. Ä^' ^ö. 

78. 108. 

Snes, Landenge von 22fF. i9f. ^^- 

76. 80f. 
Syene 44 f. 61. 89. S. - Ätexandiia 
100. S.-HieiHsyk(unino8 90 f. S.- 
Ueroe 55. 00 f. 96 S. S.-Philoi 65. 



Tama-HieTÜykaminos 90 f. T.-Prem- 

nis 90 f. 
TergedoD - Napala 90 f. T. - Pitars 

90 f. 
niebaiG 49. 54. 61. eer. 117ff. V^. 

Oberägypten. 
Theben 42. 49. 51. 62. T.-Elephan- 

tine 42. 49. 51. T.-HelinpoUa 8,1. 

49. 61. 
TlieopbaDes von Hytilene 55. 108. 
l^ostheneB 70. 



£>'Xi 



^9B. 



I. 

Bisher ist es noch nicht gelangen die schwierige Frage 
nach dem Wesen und Wert des Schoinos, des ägyptischen 
Wegemasses, zu einer befriedigenden Lösung zu bringen i). 
In der That giebt dieses Mass wie kaum ein zweites eine 
Unmenge von Bätsein auf. Deshalb ist es nicht aufifällig, 
dass die hervorragendsten Gelehrten, die sich mit ihm be- 
schäftigt haben, zu ganz entgegengesetzten Besultaten ge- 
kommen sind. 

Nach Herodot') mass der Schoinos 60 Stadien^), nach 
Strabon*) mass er bald 30, bald 40^), bald 60«), ja sogar 
120 Stadien. Sind diese Nachrichten zutreffend, so gab es 
vier verschieden grosse a%oXvoi; es wäre dies auffällig, wenn 
auch nicht ohne Analogie: man denke nur an unsere ver- 
schiedenen Fuss, Ellen und Meilen, die allmählich anfangen 
ein überwundener Standpunkt zu werden. Gleichwohl hat 
man die Richtigkeit der Angaben Strabons, dessen Gewährs- 
mann in diesem Falle der Geograph Artemidoros von Ephe- 
SOS (um 100 V. Chr.) ist, in Zweifel gezogen. So leugnet 
Lepsius'') das Vorhandensein eines Schoinos von 120 Stadien. 

1) H. Nissen Griechische und römische Metrologie ^ in J. Müllers Hand- 
buch der klass. Altertumswissenschaft, Nördlingen 1886, Bd. I S. 705 
[Separat- Abdruck 8. 41]. 

») U 6,3. 

») Vgl. noch n 149,1. 

*) XVn 804, vgl. XI 518. 

») S. auch XI 530. 

^ Vgl. ausserdem XVn 813. 

^ Das Stadium und die Gradmessung des Eratosthenes auf Grundlage der 
Ae^yptischen Masse in der Zeitschrift för ägypt Sprache 1877 8. 7. Die 
Längenmasse der Alten Berlin 1884 8. 16. 

Berliner Stadien, Band XV, 3. 1 



— 2 — 

Dieser Ansicht hat sich Unltsch^), wenn auch mit einer ge- 
wissen Einschränkung, angeschlossen. Einige Forscher, wie 
in früherer Zeit Nissen ^), halten an der Richtigkeit der An- 
gaben Artemidors fest, andere suchen aus den vier ver- 
schiedenen Werten desSchoinoseinen einzigen zu machen. 
Dies ist leichter, als es im ersten Augenblick scheinen 
könnte. Unsere beiden Hauptwerke über Metrologie, das- 
jenige von Hultsch und das von Nissen, weichen selbst in 
den Grundbegriffen von einander ab. So misst, um nur ein 
Beispiel zu wählen, nach Hultsch ^) das Stadion des attischen 
Fusses 0,185 km; dieses Mass erklärt Nissen^) für das pto- 
lemäische (römische) Stadion, während er dem attischen Stadion 
eine Länge von 0,1776 km giebt. Wie man sieht, schwanken 
die Ansichten der namhaftesten Forscher sogar in bezug auf 
die Grundbegriffe. Dadurch war es möglich zu behaupten, 
die Schoinoi zu 30 und 40 Stadien, um bei diesen zu bleiben, 
seien ein und dasselbe Mass, nicht die Schoinoi seien verschieden, 
sondern die Stadien. Diese Behauptung hat man noch weiter 
ausgedehnt. Es giebt auch Schoinoi zu 32^) und solche zu 
33 Vs Stadien^). Nissen vertrat früher die Ansicht, dass das 
ägyptische Mass in den verschiedenen Teilen des Landes 
zwischen 30, 40, 60 und 120 Stadien geschwankt habe, von 
den Metrologen aber dem Parasang oder 4 römischen Meilen 
gleichgesetzt worden sei und infolgedessen 28 ionische, 30 
persische, 32 ptolemäische , 33 Vs attische und 36 italische 
Stadien gefasst habe ''). Er unterschied demnach, wenn man 



^) Fr. Hultsch Griechische um/ römische Metrologü^ Berlin 1882 S. 362. 

*) Metrolog, ^ S. 705 [41]. In der zweiten Auflage seiner Metrologie 
(München 1892) hat Nissen jedoch die Stelle über den Schoinos gestrichen 
und erwähnt ihn nur gelegentlich S. 861 [27J als identisch mit dem per- 
sischen Parasang. 

») S. 66 £P. 

*) Metrohf^ S. 838 [4]. 

») Plinius nat. hist. XII 53. 

^ Vgl. hierüber die späteren Ausführungen. 

^ MetroO S. 706 [41]. In der zweiten Auflage der Metrologie fehlt 
diese Stelle. Nissen hält in dieser an der Identität von Sohoinos und 
Parasang fest und erklärt, man habe in lonien auf den Yiertel-Parasang 7, 



— 3 — 

so sagen darf, eine genaue ümrechnungsweise und eine weniger 
genaue; diese war seiner Ansicht nach die landläufige, jene 
wurde von den Metrologen angewandt, weil sie grösste Ge- 
nauigkeit anstrebten. Welchen Standpunkt Hultsch einnimmt, 
ist nicht leicht zu sagen: anfangs i) scheint er geneigt zu 
sein, eine Vielheit von Schoinoi anzunehmen, im Verlauf seiner 
Darstellung aber^) geht er immer mehr in das Lager der 
Gegner über, welche f&r den Schoinos den Charakter eines 
feststehenden Wegemasses in Anspruch nehmen. Daher ist 
es kaum auffällig, dass sich mehr Forscher finden, welche 
dieser Auffassung zuneigen. Fast allein Jomard^) verfocht 
in früherer Zeit die Vielheit des ägyptischen Masses, er unter- 
schied einen grossen Schoinos Artemidors von 11080 m, einen 
Herodots von 6000 und einen kleinen Schoinos oder ägyptischen 
Parasang von 5541^8 ni. Die Mehrzahl der Gelehrten da- 
gegen trat für die Einheit des ägyptischen Masses ein und 
musste deshalb eine auffällige Vielheit von Stadien annehmen^). 
Wäre ihre Ansicht richtig, so müsste Artemidor ein grosser 
Irrtum begegnet sein. Dies ist an und für sich unglaublich 
und wird es um so mehr, als auch Strabon^) aus eigener Er- 
fahrung die Angabe Artemidors bestätigt. Gleichwohl hat 
die Einheit des ägyptischen Masses noch in unseren Tagen 
in C. F. Lehmann<^) in gewissem Sinne einen Verteidiger 
gefunden. 

Einen derartigen Standpunkt vertritt Lehmann gegen- 



gemeinhin in Vorderasien 7Vt) ^ Kyrene 8, bei den Römern SVs» ^ Italien 
9 oder 10 Stadien gerechnet (S. 861 [27]). Nach seinen neuen Ausführungen 
mas8 demnach der Parasang -Schoinos 28 ionische, 80 vorderasiatische, 
32 kyrenäische, SSVs römische und 36 oder 40 italische Stadien. 

^) S. 362 f. 

») 8. 364 ff. 

') In der Description de l'lfegypte VU S. 154 ff. Vgl. Hultsch S. 363. 

*) Hultsch 8. 364. 

*) XI 518. XVn 804. 

*) Das alüaiylmisehe Maass- umd Gewichtssystem als Grundlage der antiken 
Gewichts-^ Miau- und Maasssysteme in den Actes du Vlll« Congres inter- 
national des Orientalistes, tenu en 1889 ä Stockholm et ä Ghristiania. — 
Section semitique (b) S. 227 ff., auch separat Leiden 1893 8. 68 ff. 

1" 



— i — 

über Herodot. Der Assyriologe i) erklärt, im babylonischen 
metrischen System sei ,der ka^ ein Mass von 30 Stadien 
gewesen, welchem im babylonischen System älterer Zeiten 
noch (mindestens) ein gleichbenanntes Mass von 60 Stadien 
znr Seite gewesen sei. Hierauf beruhe ein Irrtum flerodots. 
Dieser habe von einem (rxoh^og (kaSpu) gewusst, der 60 Stadien 
enthielt; das sei richtig gewesen. Aber dass er in den An- 
gaben über die Dimensionen Ägyptens und über die Ent- 
fernungen zwischen verschiedenen Punkten des Landes, welche 
er den babylonisch-persischen Vermessungen, zumeist wohl 
durch Vermittelung des Hekataios, entnommen habe, die 
Schoinoi nach dem Verhältnis 60 : 1 in Stadien umgerechnet 
habe, wäre falsch. Der bei diesen Vermessungen verwendete 
oxotroQ sei der babylonische (kleine) kaSpu, der Parasang zu 
30 Stadien ^ Nach Lehmanns Ansicht gab es demnach nur 
in der älteren Zeit einen Parasang, bezw. einen Schoinos zu 
60 Stadien, in der späteren Zeit dagegen, und zwar noch 
während der babylonischen Herrschaft, nur einen solchen zu 
30. Lehmann gehört demnach zu denen, welche die Einheit 
des Schoinos für die spätere Zeit behaupten. Dasselbe thut 
er noch in einem zweiten Falle. Eratosthenes hat nach 
Plinius^) den Schoinos zu 40 Stadien oder zu 5 römischen 
Meilen berechnet. Fünf Milien entsprechen in der That, wie 
wir noch sehen werden, 40 Stadien, da die Römer kurzweg 
8 Stadien auf eine Meile rechneten. Da Lehmann aber einen 
Schoinos zu 40 Stadien, d. h. einen solchen, der um V4 grösser 
ist als derjenige zu 30 Stadien, nicht zugeben will und kann,, 
so vermutet er ^), Eratosthenes habe hier nach einem Stadion 
gerechnet, welches 1/40 des Schoinos betragen habe ^). Dieser An- 

*) S. 229. 

^ a: A. xn 53. 

^ S. 232. 

*) Schon früher hatte E. MüUenhoff (Deutsehe Aüerthwnskumde I Berlin 
1870 S. 260 ff.) für Eratosthenes ein Stadion angenommen, welches als 
ein Vierzigstel des Schoinos 300 königliche EUen der Pharaonen messen 
soUte. Diese Ansfühmngen acceptierte Holtsch (S. 60 ff.), er nannte das 
neu entdeckte Mass das Stadion des Eratosthenes. Lehmann hat sich die 
Ansicht dieser beiden Oelehrten za eigen gemacht. 



— 5 — 

nähme stehen zwei Gründe entgegen. Zunächst sagt Plinius 
ausdrücklich, die 40 Stadien des Eratosthenes seien gleich 5 
Milien. Lehmanns Ansicht ist nur richtig, wenn Plinius hier 
fälschlich acht Stadien statt zehn einer römischen Meile gleich- 
setzt. Dies ist unmöglich. Nach dem Zeugnis des Julianus i) 
von Askalon rechnete Eratosthenes 87$ Stadien auf die Milie. 
Dasselbe that bezeugtermassen 2) Polybios : dieser berechnete 
gleichwohl die römische Meile auch zu 8 Stadien^). Daraus 
kann man nicht schliessen, dass Polybios zwei verschiedene 
Stadien gebraucht habe: mit Absicht und Bewusstsein hat 
kein antiker Schriftsteller verschiedenartige Stadien neben- 
nnd durcheinander benutzt, ebensowenig wie heute jemand 
z. B. englische und geographische Meilen in wildem Durch- 
einander anwendet ; wenn man trotzdem, wie wir noch sehen 
werden, verschiedenartige Stadien bei einem und demselben 
Schriftsteller nachweisen kann, so kommt dies nur daher, 
dass er selbst über die Natur seiner Stadien im unklaren 
war. Polybios wusste sehr wohl, dass eine römische Meile 
87$ Stadien entsprach, aber er berechnete, um ganze Zahlen 
zu erhalten, gewöhnlich die Milie zu 8 Stadien, ähnlich wie 
die Griechen — dies werden wir noch zeigen müssen — den 
Schoinos, um runde Zahlen zu erhalten, 30 Stadien gleich- 
setzten, und zwar selbst die Schriftsteller, für welche dies 
nicht richtig war. Wie Polybios rechnete Eratosthenes nach 
attischen Stadien. Dies bezeugt nicht nur Julianus von As- 
kalon, sondern dies ergeben auch unsere unten folgenden 
Untersuchungen über den alexandrinischen Gelehrten. Es 
ist also ohne Zweifel unrichtig, wenn Lehmann ^) glaubt, Era- 
tosthenes habe zwei verschiedene Masse benutzt. Würde 
man nicht selbst einem ganz untergeordneten Geogi*aphen 
dies heute als grösstes Verbrechen anrechnen? 

*) Metrolopeorum seriptorum reliquiae^ ed. Fr. Holtsoh I S. 201,13 ff.: 
To fiiXiov %axa (dv ^E^tood'injv %al ^^dßiuva jovg yeauyifwpovg l'^c» <na9iove 

«) Strabon Vn 322. 

») Vgl. Polybios m 39,8 und Nissen Metroi.^ S. 889,6 [55,6] zu 
dieser SteUe. 
*) S. 232 f. 



— 6 — 

In bezug auf Herodot kann man überdies direkt durch 
Zahlen nachweisen, dass Lehmann sich irrt. Der Vater der 
Geschichte kannte, wie wir später ausführlicher zeigen müssen, 
zwei Masse für die Länge des Nil in Ägypten, eins zu 132 
und eins zu 136 SchoinoL Lehmann i) berechnet den Schoi- 
nos als ein Mass von 30 babylonisch-persischen Stadien zu 
5,9541 km. Angenommen, der Scheines besass wirklich diese 
Grösse, so betrug die Länge des Nil entweder 785,9 oder 
809,8 km. Er ist aber nach modernen Berechnungen un- 
gefähr 1190 km lang, d. h. wenigstens 380 km länger, als 
Herodot angiebt, wenn seine Schoinoi, wie Lehmann will, 
30 und nicht, wie der Vater der Geschichte selbst sagt, 60 
Stadien messen. Diese Thatsache allein widerlegt Lehmanns 
Behauptung, Herodot habe seinen Scheines fälschlich zu 60 
statt zu 30 Stadien berechnet. Sollte man glauben, es sei 
unrichtig zum Vergleich die Länge des Nillaufs nach mo- 
dernen Berechnungen heranzuziehen, da yielleicht Herodots 
Massangabe von der Länge der Landstrassen Ägyptens ent- 
lehnt sei, so beachte man, dass die Eunststrasse, welche den 
Nil auf dem linken Ufer begleitete, 681 römische Meilen^) 
oder 1008 km, diejenige auf dem Ostutisr gar 697 Milien s) 
oder 1032 km lang war. Diese beiden Landstrassen sind 
demnach wenigstens 1 98, bezw. 222 km länger, als nach He- 
rodots Angabe, wie Lehmann will, die Länge des Nil ge- 
wesen sein soll. Aus allem geht hervor, dass die Annahme 
des Assyriologen in bezug auf Herodot unrichtig ist. 

Es hat demnach einen Scheines zu 30 Stadien 
gegeben, aber auch einen solchen, der grösser war, 
wie wir soeben an Herodot gezeigt haben. Da es nun ein- 
mal wenigstens zwei verschiedene Schoinoi gegeben haben 
muss, so ist es wohl das natürlichste, die vier verschiedenen 
Schoinoi Artemidors und Strabons als richtig anzusehen. 
Nur Nissen hat dies in der ersten Auflage seiner Metrologie 
ohne Einschränkung gethan. Die Mehrzahl der anderen Ge- 

') 8. 245. 

') Itinerariam Aotonini S. 1554—161,1 l^ess. 

») Ebenda 8. 164,6—169,3 and 162,6-168,4. 



— 7 — 

lehrten hat sich, selbst wenn sie keineswegs nur an einen 
Schoinos glaubten, doch gewöhnlich auf einen einzigen be- 
schränkt, nämlich auf den zu 30 Stadien. Es kam dies 
dadurch, dass man diesen Schoinos als das Grundmass an- 
sah, aus dem sich erst die Schoinoi zu 40, 60 und 120 
Stadien entwickelt haben sollten. Ob man dabei recht hatte, 
kOnnen wir noch nicht entscheiden; fbr uns ist dies nur 
interessant, weil man, nachdem man einmal so weit gelangt 
war^ notwendig dahin streben musste, diesen Schoinos, dieses 
vermeintliche Grundmass aller Schoinoi, auf ein ägyptisches 
Mass zurfickzufühi*en. 

Diesen Schritt hat Letronne^) gethan, er bestimmte 
die Länge des Schoinos zu 30 Stadien auf 6,3 km. Der 
scharfsinnige französische Gelehrte ging dabei von den soge- 
nannten heronischen Tafeln aus, er wies an der Hand der- 
selben nach, dass der Schoinos 12000 königliche Ellen der 
Pharaonen enthalten habe. An der Richtigkeit dieser Deutung 
haben nur sehr wenige gezweifelt. Da er die königliche 
Eile zu 0,525 m berechnete, erhielt er f&r den Schoinos 6,3 
km. Wittich 3) nahm 6,336 km als Länge des Schoinos an, 
indem er 10000 königliche Ellen zu 0,6336 m auf das ägyp- 
tische Mass rechnete. Aus Vorliebe für runde Zahlen und 
wohl nicht zum wenigsten deshalb, weil man zwar königliche 
Ellen zu 0,525, aber keine zu 0,6336 m nachweisen kann, 
hat man Letronnes 6300 Metern den Vorzug gegeben. 
Hultsch hat sich mit vielen anderen f&r diesen Wert ent- 
schieden. Und doch kann er unmöglich richtig sein. Alle 
Versuche, die man gemacht hat^), Letronnes Vermutung durch 
Vergleichung modemer und antiker Wegemasse zu st&tzen, 
haben nur wenig Bedeutung. Kennen wir doch nicht die 
altägyptischen Land- und Wasserstrassen, nach denen die 



*) Recher ches eritigues^ kistariques et geographiques sur les fragments 
d} Herrn d'Alexandrü Paris 1861 S. 101 ff. 

<) Der Parasang und das Itmerar - Stadion im Philologus XXIU (1866) 
8. 263 f. 

') Wittich im Philologus XXTTT S. 265 imd nach ihm Hultsch S. 364,6. 



— 8 — 

EntfemnDgen berechnet waren ^1 Danach kann man also 
nicht entscheiden, ob Letronne recht oder unrecht hat; da- 
geg^en ist dies auf andere Weise möglich. Plinias^) sagt, der 
Schoinos messe nach einigen Gewährsmännern 32 Stadien 
oder 4 Milien. Dass dies wirklich der Fall war, werden wir 
später zur genüge sehen. Bereits d' AnyUle^ und nach ihm 
Ideler^) haben einige ägyptische Entfemungsangaben Herodots 
mit solchen im Itinerar Antonius verglichen und daraus ge- 
schlossen, der Schoinos betrage ungefähr 4 Milien^). Vier 



*) Wittich verglich fünf Entfernungsangaben ans dem Altertam mit 
neueren Oistanzberechnnngen, die Jomard (Expositiam du Systeme fiUtri^ue 
des aneiens igypüens in der Description de TEgypte VII Tafel zu S. 25) 
aofgesteUt hat; er giebt dabei dem Schoinos eine Länge von 6,386 km. 
Seine Werte hat Holtsch in solche amgerechnet, in denen der Schoinos 
Letronnes Ansatz entsprechend 6,8 km misst Zum Vergleiche berechne 
ich jedesmal den Schoinos zu 5,90626 km, d. h. zu dem Werte, den wir für 
das ägyptische Mass finden werden. 





Wittich 


Hultsch 


Jomard 


Schwarz 


1) 


158,4 


157,5 


155 


147,7 km 


2) 


177,408 


176,4 


173 


165,4 „ 


3) 


253,44 


252 


240 


238,5 „ 


4) 


380,16 


378 


360 


354,4 „ 


5) 


513,216 


510,3 


490,4 


478,4 „ 



Wittich and Hultsch glauben durch diese Yergleichung dargethan zu haben, 
dass der Schoinos 6,3, bezw. 6,336 km messe. Mit demselben Rechte könnten 
wir behaupten, es sei nunmehr erwiesen, dass der Schoinos 5,90625 km 
betrage. Aber den modernen Berechnungen Jomards ist wenig za trauen. 
Z. B. misst nach ihm die Entfernung der Stadt Heliupolis von Theben 
490,4 km. Diese Zahl vergleicht Wittich in der fünften Zeile mit Herodots 
Angabe (II 9), die Länge des Nil zwischen diesen beiden Städten betrage 
81 Schoinoi. Nach den genausten Entfemungsberechnungen, die wir heute 
für^ Ägypten haben, misst diese Strecke gegen 755 km und nicht 490,4, 
wie Jomard will. Wie wenig Veriass auf seine Distanzbestimmungen ist, 
kann man aus diesem einen Beispiel sattsam entnehmen. 

•) xn 53. 

*) Memoire sur la mesure du sehene egypHen in den M^moires de l'Aca- 
demie XXVI S. 82 jff. und Discussion de la mesure de la terre par Eraipsthine 
ebenda S. 92 £f. 

^) ü^fer die Lauget^- und Flächentnasse der Alten III 2. Aus den Ab- 
handlungen der Akad. d. Wiss. 1826 S. 8 ff. 

») Hultsch S. 364. 



— 9 — 

römische Meilen aber messen 5,92 km: der Schoinos fasste 
demnach nur so viel Kilometer und nicht 6,3, wie Letronne 
wollte. Dass dies richtig ist, geht noch aas anderen That- 
Sachen hervor. Wie wir schon gehört haben and noch oft 
hören werden, berechnete man den Schoinos za 33Vs lu^d 
zu 32 Stadien. Da das ägyptische Mass 5,92 km entsprach, 
so mass das Stadion, welches 337$ mal im Schoinos anfging, 
0,1776 km gross gewesen sein. Es ist dies das attische 
Stadion Nissens. Wenn wir andrerseits 5,92 km dorch 32 
dividieren, so finden wir ein Stadion von 0,185 km, d. h. das 
Mass, welches Nissen i) das ptolemäische (römische) Stadion 
nennt Wie man sieht, betrag der Schoinos 5,92 km: za 
diesem Besaltat gelangen wir, mögen wir nan das ägyptische 
Mass 33 Vs attischen oder 32 ptolemäisch-römischen Stadien 
oder 4 römischen Meilen gleichsetzen. Der Schoinos zu 4 
Milien aber war der, den die meisten griechischen Schriftsteller 
zu 30 Stadien berechnen. Wenn demnach Letronne demselben 
6300 m giebt, so setzt er ihn gegen 400 m za hoch an, oder 
mit anderen Worten: Letronne nahm an, der Schoinos (za 
30 Stadien) messe 12000 königliche Ellen der Pharaonen, 
während er in Wirklichkeit nar 11250 misst, wie wir noch 
später zeigen werden 2). 

Wir m&ssen noch einen Angenblick bei dem Ansätze 
Letronnes verweilen, weil Halts ch®) darch denselben aaf 
eine andere Vermntang gebracht warde. In der ersten he- 
ronischen Tafel ^) lernen wir ein Mass namens ^vXov kennen, 
das Hultsch ,trotz seiner griechischen Benennung als eigen- 
tümlich ägyptisches Mass deutet.^ Dasselbe entsprach 3 Ellen. 
Nach Hultschs Ansicht wurde es, ursprünglich wohl ein 
hölzerner Massstock, beim Ausmessen der Strassen angewendet. 
Schon für diese Vermutung Hultschs spricht gar nichts, vieles 
aber gegen dieselbe^). Um so mehr sind alle Schlüsse, die 



*) mtroL'' 8. 838 [4]. 

^ 5,92 km entsprechen 11276 königlichen £ilen der Pharaonen. 

») 8. 364. 

*) M^irclag, Script. I 8. 182,21. 

^) Gegen sie spricht, dass die erste heronische Tafel keineswegs ägyp- 



— 10 — 

er weiter aus ihr zieht, unbedingt unrichtig. Er flUirt nämlich 
fort^): ,0b die Zahlenabteilung von 1000 Xyla bereits im 
Ägyptischen eine besondere Benennung gehabt hat, muss 
dahingestellt bleiben; sicher ist, dass später unter römischer 
Herrschaft dafür die Bezeichnung fjUhov üblich war. Hieraus 
erklärt sich von selbst die Gleicbsetzung des Schoinos mit 4 
fjUkux, welche zusammen gleich 4V8 (genauer 4,32) römischen 
Meilen sind, womit die Bestimmung zu 32 (nämlich klein- 
asiatischen) Stadien im Einklang steht, während Plinius mit 
ungenauer Abrundung 5 römische Meilen setzt/ Hultsch ar- 
gumentiert demnach : der Schoinos (zu 30 Stadien) ist gleich 
12 000 königlichen Ellen oder 4000 Xyla, eben dieser Schoinos 
entspricht aber auch vier fjUha; dies legt den Schluss nahe, 
dass es in Ägypten ein besonderes Mass gegeben hat, welches 
1000 Xyla umfasste; in der Böm'erzeit muss dies existiert 
haben und /jUXiw genannt worden sein. Dadurch kam Hultsch 
auf den Gedanken, die ägyptischen Griechen hätten mit dem 
Worte fiihov ein anderes, grösseres Mass bezeichnet als die 
Bömer mit ihrer Milie, 4 dieser ägyptisch-griechischen fäha 
entsprächen zusammen 4V3 oder genauer 4,32 römischen 
Meilen ^). Diese 4,32 Milien, so urteilt Hultsch weiter, habe 
Plinius ungenau auf 5 römische Meilen abgerundet. Letztere 
Ansicht Hultschs deckt sich teilweise mit der Lehmanns, sie 
wird widerlegt durch das, was wir soeben dieser gegenüber 



tischen Ursprungs zn sein braucht, was Hultsch als selbstverständlich ansieht 
(vgl. Oehmichen MUrohgisehe Beiträge in den Sitzungsberichten der k. bayer. 
Akad. d. Wiss. 1891 S. 196). Vielmehr sind ohne Zweifel alle Masse in 
dieser Tafel, also auch das £vloy, nicht ägyptisch. Auch W. Dörpfeld 
(Beiträge Mur antiken Metrologie III in den Mittheilungen des d. archäol. 
Institutes in Athen YIU (1883) S. 349) und Oehmichen (8. 199 f.) bringen 
Gründe gegen Hultschs Hypothese bei. Besondere Beachtung verdient, dass 
auch der Ägyptologe Lepsius (Die Längenmasse der Alten S. 36 f.) sich gegen 
Hultsch erklärt. 

*) 8. 365. 

*) Die Zahl 4,82 gewinnt Hultsch, indem er davon ausgeht, dass das 
vermeintliche ägyptische fiiXiw später zu 4600 philetäiischen ^ 5400 
römischen Fuss angesetzt worden sei (8. 866,2), diese aber ihrerseits 3000 
königlichen Ellen der Pharaonen entsprochen hätten. 



— 11 — 

bewiesen haben: es hat thatsächlich wenigstens noch einen 
Scheines gegeben, der grösser war als der zn 30 Stadien. 
Weshalb soll nun Plinins den zn äO Stadien 5 Milien gleich- 
gesetzt haben? Ans unserer besonderen Untersuchung über 
den Verfasser der Naturgeschichte wird hervorgehen, dass 
Plinius dies niemals gethan hat. üeberdies ist es thatsächlich 
unrichtig, wenn Hultsch^) sagt, während die heronische 
Ueberlieferung dem Scheines nur 30, andere ihm 32 Stadien 
zuerkannten, gebe Plinius ihm 5 römische Meilen. Der Ver- 
fasser der Naturgeschichte 2) sagt mit gar nicht miss- 
zuverstehenden Worten: schoenus patet Eraiosthenis ratione 
stadia XX, hoc est p, F, aliqui XXXII stadia singtdis 
schoenis dedere. Also Eratosthenes berechnet den Scheines 
zu 40 Stadien, und diese 40 Stadien haben nach Plinius den 
Wert von 5 römischen Meilen. Es steht demnach gar nicht 
in dieser Stelle, dass der Verfasser der Naturgeschichte den 
Scheines 5 Milien gleichsetze. Üeberdies würde Plinius 
niemals 4,32 römische Meilen, wie Hultsch will, zu 5 ab- 
gerundet haben. Seine Vermutungen stehen und fallen mit 
der Entdeckung Letronnes, nach welcher der Scheines (zu 
30 Stadien) 12000 königlichen Ellen der Pharaonen ent- 
sprechen soll. Wir haben oben gezeigt, dass diese Annahme, 
die Wittich und Hultsch mit vielen anderen für unanfechtbar 
ansehen, falsch ist, wir haben bemerkt, dass der Scheines 
zu 30 Stadien vielmehr 11250 königlichen Ellen entspricht. 
Der vierte Teil dieses Scheines, der, wie Hultsch vermutet, 
ein besonderes Mass der Ägypter war und von ihnen i^ihav 
genannt wurde, war demnach gleich 2812,5 königlichen Ellen 
der Pharaonen oder 937,5 Xyla. Diese Zahlen allein beweisen, 
dass die Ägypter niemals den vierten Teil ihres 
Scheines zu 30 Stadien iiiXiov genannt haben können, dass 
dies also kein besonderes ägyptisches Mass ist. 

Man könnte einwenden, dass das fiUkm thatsächlich als 
ein Mass von 3000 Ellen angegeben wird, dass daraus klar 
hervorgehe, dass Letronne mit Becht dem Scheines zu 30 

») 8. 363. 

•) xn 68. 



— 12 — 

Stadien, weil er 4 fäkia entspreche, 12000 königliche Ellen 
gebe, dass infolgedessen Hultsch dieses (lihav mit Becht als 
ein besonderes ägyptisches Mass von 3000 Ellen oder 1000 
Xyla in Anspruch nehme. Darauf haben wir nur zu erwidern, 
dass die Ausleger der ersten heronischen Tafel von 
der Voraussetzung ausgehen, in derselben ^ sei das Milien 
3000 königlichen Ellen der Pharaonen gleichgestellt. Wenn 
diese Ellen auch noch in byzantinischer Zeit hier und dort 
im Gebrauch gewesen sind 2). so steht damit noch nicht fest, 
dass wir sie ebenfalls in der ersten heronischen Tafel haben. 
Dieser Beweis wäre noch zu erbringen. Jedenfalls kann man 
nicht wie Hultsch, von dieser Voraussetzung ausgehend, den 
Wert des vermeintlichen ägyptischen Milien, des philetärischen 
Fusses und anderer Masse zu bestimmen suchen ^). In bezug 
auf die Milie z. B. ist in letzter Zeit nicht nur Nissen^), 
sondern auch Oehmichen^) für die Eindeutigkeit derselben 
eingetreten. Die erste heronische Tafel ^) berechnet das 
Milien zu 71/2 Stadien, 45 Plethren, 450 Akenai (Buten), 
760 Orgyiai (Klafter), 1800 Bemata (Schritt), 3000 Ellen, 
4500 philetärischen und 5400 Italischen Fuss. Nach Nissen ?) 
mass der philetärische Fuss 330 mm. Hultsch nimmt einen 
ganz anderen Wert f&r ihn an, weil er an der Identität des 
italischen und römischen Fusses festhält s); jedoch verdient 
Nissens Wert den Vorzug, da auch Dörpfeld^) und Lehmann ^o) 
zu ähnlichen Besultaten gelangt sind. Demnach mass der 
italische Fuss 275, die (philetärische) Elle 495, das Bema 

*) Metr. scr. I S. 184,2. 

•) Nissen Metrol^ 8. 863 [29]. 

») 8. 613. 

*) Metrol^ S. 862 [28]. 

*) Sitzungsb. d. bayer. Akad. d. Wiss. 1891 S. 190 ff. 

^ § 23 Metrol, scr. I 8. 184,1 ff. 

8. 835 [1]. 

^ Dass diese Annahme unrichtig ist, zeigt DÖrpfeld in den Mittheil. d. 
Inst, in Athen YIII 8. 363 f. Vgl femer Börpfold ebenda IX 8. 290 ff. 
0. Richter Der eapitoHmsche Juppitertempel und der ital, Fuss im Hermes 
XXn (1887) 8. 17 ff. Dörpfeld Der röm, und ital. Füss ebenda 8. 79 ff. 

•) Mittheü. d. Inst. Vm 8. 346 ff. 

") 8. 230. 



— 13 — 

825 mm, die Orgyie 1,98, die Akena 3,3, das Plethron 33 
und das Stadion 198 m. Alle diese Werte sind Teilwerte 
des babylonisch-persischen Masses. Nissen^) nennt die 
Elle von 495 mm die gemeine babylonische, dagegen das 
Stadion von 198 m das gemeine Fnssstadion ^). Früher hatte 
er es das persische genannt ^). Lehmann ^) erklärt den Fuss 
von 0,33 nnd das Stadion von 198 m für babylonisch-persisch. 
Dörpfeld^) endlich hat den Beweis gefuhrt, dass die Tafeln 
Herons nichts mit Ägypten zu thun haben, dass alle in ihnen 
begegnenden philetärischen Masse vielmehr griechisch-klein- 
asiatisch sind. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass 
das babylonisch-persische Mass auch nach der Perserherrschaft 
im Osten der griechischen Welt, zumal in Eleinasien, sich 
erhielt und selbst zur Zeit der römischen Kaiser im Gebrauch 
war, dass das Stadion, welchem an der genannten Stelle der 
ersten heronischen Tafel die römische Meile (1^7 72) und der 
Scheines (1:30) gleichgestellt werden, seinem Ursprung nach 
ein persisches war. In der nachchristlichen Zeit kann dieses 
Stadion nicht mehr wie früher das persische genannt worden 
sein ; dagegen ist der Name gemeines Fnssstadion, den Nissen 
nunmehr gebraucht, zu weit. Da der Schoinos 30 solcher 
Stadien entsprach, so muss er eine Länge von 5,94 km gehabt 
haben und nicht eine solche von 6,3, wie Letronne und 
Hultsch wollen ; da er auch 4 römischen Meilen gleichgesetzt 
wird, so mass er 5,92 km: letztere Zahl kommt dem Wert, 
den wir für den Schoinos finden werden, 5,90625 Kilometern, 
am nächsten. 

Nicht nur Letronne hat den Versuch gemacht, das Mass 
des Schoinos zu bestimmen, sondern auch Lepsius undLehmann* 
Der Ägyptologe ^) nahm für das Pharaonenland ein besonderes 



*) 8. 835 [1]. 
«) MetroO S. 838 [4]. 
») Metrol^ S. 668 [4]. 
*) Vgl. die TabeUe S. 244. 

^ Mittheilungen d. Inst, in Athen VIII S. 348 ff. Vgl. auch IX 8. 201. 

") Lepsius Das Stadium und die Gradmessung des Eratosthenes in der 

Zeitschrift f. äg. Sprache 1877 S. 6 f. Die Längenmasse der Alten S. 6. 12 ff. 



— U — 

ägyptisches Stadion in Anspruch, obgleich wir von einem 
solchen nie etwas hören. Er geht von dem Gedanken aus, 
dass die grosse königliche Elle nur königliche Bauelle, dass 
in allen anderen Beziehungen die kleine Elle von 0,45 m 
im Gebrauch gewesen sei. Aus ihr habe man später nach 
griechischem Vorbilde ein Stadion von 0,18 km gewonnen. 
Mit Hülfe dieses wie Lepsius glaubte ägyptischen Stadion 
berechnete er den Scheines von 30 Stadien zu 5,4 km^). 
Dagegen ist zunächst zu bemerken, das kein Schriftsteller 
ein solches Stadion kennt. Sodann haben wir gezeigt, dass der 
Scheines zu 30 Stadien SSVs attischen und 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien, d. h. 5,92 km entspricht. Lepsius hat 
demnach dem Scheines ein Mass gegeben, welches 0,52 km 
hinter dem wirklichen Wert des Scheines zurückbleibt. Es 
ist dies der beste Beweis dafür, dass sein Ansatz unrichtig 
ist. Aus demselben Grunde kann der Scheines von 40 Stadien 
nicht 7,2 und der zu 60 Stadien nicht 10,8 km gemessen haben 2). 
Zuletzt hat Lehmann das Mass des Schoinos be- 
stimmt^). Er geht dabei von der ersten heroniscben Tafel^) 
aus, welche die Identität des Parasang und des Schoinos 
ausdrücklich bezeuge. Da nun aber ein Parasang als ein 
Mass von 30 babylonisch-persischen Stadien nach seiner Be- 
rechnung 5,9541 km misst, so soll der Schoinos ebensoviel 
Metern entsprechen. Selbst wenn seine Bestimmung des 
Parasang die richtigste wäre, die es heute giebt, für den 
Schoinos brauchte sie deshalb noch nicht richtig zu sein. 
Die erste heronische Tafel bestimmt den Schoinos wie den 
Parasang zu 30 Stadien oder zu 4 Milien. Deshalb sind 
beide Masse noch nicht notwendig identisch, es kann sehr 
gut eine gewisse kleinere Differenz zwischen ihnen existieren. 
Dies muss Lehmann nach seinen eigenen Untersuchungen 
zugeben^). Da er den Parasang als ein Mass von 30 

^) Z. f. ägypt Sprache 1877 S. 7. Du Längenmasse der Alien S. 12 ff. 
*) Lepsius DU Längmmasst 8. 6. 
») 8. 229f. 24Ö. 
*) mtr, scr. I 8. 184,4 ff. 

^) Auch HuJtsch (8. 478) nimmt einen gewissen Unterschied zwischen 
dem Schoinos und dem Parasang an. 



— 15 — 

babylonisch-persischen Stadien oder 4 römischen Meilen zu 
5,9541 km bestimmt, so mttsste eine römische Meile, falls 
wirklich ein Parasang aufs genauste 4 Milien entspricht, 
1,488525 km messen. Lehmann zieht diesen Schluss, aber 
derselbe ist unmöglich, da nach anderen Bestimmungen die 
römische Meile 1,480 oder 1,479 km 2) misst. Diese Be- 
rechnungen verdienen vor der Ableitung der Milie aus dem 
Parasang den Vorzug. Wäre Lehmanns Bestimmung des 
babylonisch-persischen Masses richtig, so folgte daraus nur. 
dass es 4,023, nicht 4 römischen Meilen entsprach. Ähnlich 
nimmt auch Nissen 3) fiir den Parasang ein etwas grösseres 
Mass (5,94 km) als für 4 römische Meilen (5,92 km) an. Da 
aber Parasang und 4 Milien sich nur im grossen und ganzen 
decken, so liegt noch weniger ein Orund vor, an eine strenge 
Identität des Schoinos und des Parasang zu glauben. Ob- 
gleich beide Masse 4 römischen Meilen entsprachen, kann 
und wird doch eine gewisse Differenz zwischen ihnen be- 
standen haben. Deshalb können wir auch Lehmann gegen- 
über an dem oben aufgestellten, aber noch zu beweisenden 
Satze festhalten, der Schoinos zu 30 Stadien habe 11250 
königliche Etilen der Pharaonen, d. h. 5,90625 km gemessen. 
Zuletzt möchte ich noch auf eine Berechnung des Schoinos 
hinweisen, die etwas Eigenartiges an sich hat. Ihr Schöpfer 
ist Dörpfeld, der sich durch seine ,Beiträge zur antiken 
Metrologie' ein grosses Verdienst um diese Wissenschaft er- 
worben hat. Deiü Schoinos gegenüber ist er weniger glück- 
lich gewesen. Da er Letronnes Berechnung des Schoinos zu 
12000 königlichen Ellen der Pharaonen (6,3 km) büligt, der 
königlichen Elle aber nur eine Grösse von 0,524 m (statt 
0,525) zuerkennt, so berechnet er^) das ägyptische Mass zu 
6^288 km. Dabei M zu bemerken, dass grade Dörpfeld es 
war, der den Nachweis führte ^), dass das in den heronischen 



^) Nissen Afetroi,^ S. 889 [5]. 

•) HultBoh S. 701. 

•) 8. 838 [4]. 

^) Mittheil. d. Inst, in Athen VIII S. &5. 

'') Ebenda S. 348 ff. 



— 16 — 

Fragmenten vorliegende Masssystem nicht ägyptisch sei. 
Damit zerstöite er die Grundlage für Letronnes Behauptung, 
der Schoinos messe 12000 königliche Ellen, eine Behauptung, 
die nur dann richtig sein konnte, wenn in der ersten hero- 
nischen Tafel das Milion 3000 königlichen Ellen der Phara- 
onen gleichgesetzt war. Dörpfeld bewies, dass diese 3000 
Ellen keine ägyptischen, sondern philetärische sind^). Dies 
Resultat hätte ihn notwendig dazu bringen müssen, dass Le- 
tronnes Annahme des Schoinos zu 6,3 km, die Hultsch, Wittich 
und er selbst f&r unanfechtbar angesehen hatten, falsch sei. 
Anstatt dessen zog er aus seinem Resultat den Schluss, es 
gäbe neben dem ägyptischen Schoinos von 6,3 km einen 
kleineren, griechischen von 6 km, welchen er den ,phile- 
tärischen Schoinos' nennt. Zwei Gründe veranlassten ihn zu 
dieser Annahme ^), einerseits der umstand, dass der ägyptische 
Schoinos nach Herodots ausdrücklicher Angabe grösser sei 
als der persische Parasang, und dann der umstand, dass in 
den heronischen Tafeln^) von einem hellenischen Schoinos 
die Bede sei, der dem persischen Parasang gleichgesetzt 
werdet). Hätte Dörpfeld recht, so müssten auch die Perser 
einen Schoinos gehabt haben, da die siebente heronische 
Tafel, auf deren Wortlaut er so viel Wert legt, von einem 
persischen Schoinos spricht; so müsste es femer einen ägyp- 
tischen Parasang gegeben haben, denn das Etymologicum 
magnum^) redet von einem solchen. Da wohl niemand sich 
an solche Schlussfolgerungen wagt, so wird wohl auch niemand 
mit dem hellenischen Schoinos der siebenten heronischen 
Tafel es ernster nehmen, als nötig ist. Dörpfeld bestimmt 
diesen vermeintlichen griechischen Schoinos zu 6 km, da er 
den philetärischen Fuss zu 0,333 m rechnet. Nach Nissen 
misst dieser Fuss nur 0,33 m, der ,helleni8che Schoinos' also 
nur 5,94 km. Dörpfelds griechischer Schoinos ist also nichts 



*) S. 343 ff. 

») S. 348 f. 

») In der 7. Tafel: Metrol, scr. I S. 193,15. 

^) In der 1. Tafel: ebenda S. 184,4 ff. 

*) S. üoifaaayyai = Metr, scr, I S. 352,4 f. 



— 17 — 

anderes als der ftgyptische Schoinos zu 30 Stadien. Da es 
neben diesem einen ägyptischen Mass auch nocii Schoinoi zu 
40, 60 und 120 Stadien gab, so ist die Nachricht Herodots, 
der Schoinos sei grösser, ja er sei doppelt so gross ab der 
Parasang, richtig neben der Angabe der ersten heronischen 
Tafel, das ägyptische und das persische Mass seien einander 
gleich. In Dörpfelds weiteren Ansf&hrangen liegt aber etwas 
Wahre& Der Schoinos wird in den heronischen Tafeln ein 
heUenisches Mass genannt. Diese Tabellen enthalten nur 
Masse, welche auf das babylonisch-persische System direkt 
zurückgehen, Masse, die hauptsächlich in Eleinasien heimisch 
waren. Wie gerät der Schoinos unter dieselben? Durch die 
Perserherrschaft war in Kleinasien der Parasang zu Hause. 
Der Name dieses Masses klang den Griechen fremd, das Wort 
Schoinos war f&r sie verständlich. Deshalb hat man ohne 
Scheu das einheimische grosse Wegemass mit diesem Namen 
belegt; man that dies um so mehr, als der Schoinos, das 
ägyptische Mass, in Griechenland immer heimischer wurde. 
Bei ansehnlichen Entfernungen bedienten die Hellenen sich 
dieses wegen seiner Grösse ehrwürdigen Massea Eratosthenes, 
Marines von Tyros, Ptolemaios und viele andere haben nach 
ihm gerechnet. Insofern konnten die heronischen Tafeln mit 
Fug und Becht das ursprünglich ägyptische Mass ein hellenisches 
nennen. 

Es ist interessant, dass Dörpfeld in bezug auf seine An- 
nahme, es gebe mehrere Schoinoi, inLepsius^) einen Nach- 
folger gefunden hat, der, wie dies kaum anders zu erwarten 
ist, noch viel weiter geht. Da die heronischen Tafeln den 
Schoinos 4 fillia, das fiiXiap aber 3000 Ellen gleichsetzen, 
nahm Lepsius den Schoinos als ein constantes Mass von 
12000 Ellen an. Dadurch gewinnt er einen älteren ägyptischen 
Schoinos von 5,4 km (= 12000 Ellen von 0,45 m)^, einen 
Schoinos des ptolemäischen Systems von 6,3936 km (= 12000 
Ellen von 0,5328 m)^), einen ebenso grossen des erweiterten 



^) Die Längmmasse der Alten Berlin 1884. 
•) S. 6. 
») S. 86. 

Berliner Studien, Band XV, S. 



— 18 — 

phfletärischen oder heronischen Systems^) und endlich einen 
griechischen Schoinos von 5,346 km (= 12000 Ellen von 
0,4455 m). Da er nnn neben dem ägyptischen Schoinos yon 
5,4 km (= 30 Stadien) auch einen solchen von 40 Stadien 
oder 7,2 km anerkennt, so nimmt er auch einen griechischen 
Schoinos von 40 Stadien oder 7,128 km an. Nur für dieses 
grössere Mass behält er den Namen Schoinos bei, das kleinere 
nennt er dagegen Parasang^). Während nach Dörpfeld neben 
dem eigentlichen, ägyptischen Schoinos nnr noch einer 
existiert haben soll, den er als den philetärischen bezeichnet, 
geht Lepsins schon so weit, vier Schoinoi neben den ägyptischen 
anzunehmen. Wunderbar ist es, wie der Ägyptologe zn 
dieser Vermntnng kam. Nach den heronischen Tafehi ist 
der Schoinos ein Mass von 12000 Ellen. Letronne, Hnltsch 
und viele andere hatten in diesen Ellen königliche der 
Pharaonen sehen wollen, Dörpfeld wies nach, dass sie viel- 
mehr philetärische sind. Daraus folgt doch wohl nur, dass 
der Schoinos 12000 philetänschen Ellen entspricht. Lepsins 
musste sich unter diesen Verhältnissen entscheiden, ob er 
Dörpfelds Resultat acceptiere, d. h. die genannten 12000 
• Ellen far philetärische ansehe, oder ob er an der alten An- 
schauung festhalte, d. h. in diesen Ellen ein Mass der 
Pharaonen vermute. Einen anderen Ausweg gab es f&r 
Lepsins nicht. Anstatt dessen geht er stillschweigend von 
der Voraussetzung aus, dort, wo es Schoinoi gegeben habe, 
seien sie immer ein Mass von 12000 Ellen gewesen, im alten 
Ägypten von ägyptischen, in Griechenland von griechischen, 
im Ägypten der Ptolemäer von ptolemäischen und endlich 
in dem Gebiet, wo das von Lepsins entdeckte erweiterte 
philetärische oder heronische System im Gebrauch gewesen 
sein soU, von erweiterten philetärischen Ellen. Hätte Lepsius 
recht, so m&sste ein und derselbe Schoinos in Ägypten ur- 
sprünglich 5,4, später aber 6,3936 km gemessen haben. Da 
letzteres Mass dem ptolemäischen System angehören soll, das 
erst nach der Zeit des Eratosthenes in Ägypten eingeführt 

8. 94. 
•) 8. 34. 



— 19 — 

worden sei^), so muss Herodot z. B. einen f^anz anderen 
Schoinos haben als Artemidor. Sollte der Schoinos wirklich 
In der Ptolemäerzeit nm ein Kilometer vergrOssert worden 
sein, ohne dass sich irgend eine Nachricht darüber erhalten 
hätte? Dies allein wäre ein überzeugendes Beweismoment 
gegen die ganze Eette Lepsinsscher Hypothesen: wir sind 
über den Schoinos so gut unterrichtet wie kaum über ein 
anderes antikes Mass, es ist deshalb unmöglich, dass der 
Schoinos in der Zeit nach Eratosthenes um ein Kilometer 
yergrössert worden sein sollte, ohne dass wir auch nur irgend 
eine kleine Andeutung in der Litteratur finden. Nun hat 
aber der Schoinos thatsächlich sowohl vor, als auch nach 
Eratosthenes dieselbe Grösse gehabt. Der berühmte griechische 
Philologe suchte das ägyptische Mass zu reformieren, er 
baute, wie sich später als unumstössliche Thatsache erweisen 
wird, seine Verbesserung auf einem Schoinos auf, der SS^/g 
attische Stadien mass. Auch nach seiner Zeit hat man den 
Schoinos zu ebensoviel attischen Stadien berechnet. Hätte 
Lepsius recht, so müssten alle Angaben Artemidors, Diodors 
und Strabons, in denen der Schoinos 33 Vs attische Stadien 
(5,92 km) misst, Schriftstellern entlehnt sein, die älter als 
Eratosthenes oder wenigstens so alt wie dieser Gelehrte 
waren. Dies ist an und für sich unwahrscheinlich, ja es ist 
unmöglich, wenn man bedenkt, dass auch alle römischen 
Autoren nach einem Schoinos gerechnet haben, der 5,92 km 
mass. Agrippa, Plinius, Ammianus Marcellinus, zumal das 
Itinerar Antonius kennen nur einen Schoinos von 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien oder 5,92 km. Diese Thatsache allein 
widerlegt Lepsius' Vermutung. Es kann also nach Eratosthenes 
keinen grösseren Schoinos in Ägypten gegeben haben als 
vor ihm. Ebenso hat es niemals und nirgendwo einen Schoinos 
des erweiterten philetärischen oder heronischen Systems 
gegeben, der 6,3936 km wie der des ptolemäischeu Systems 
gemessen haben soll. Lepsius kommt zu diesem Schoinos, 
indem er wie Hultsch den italischen Fuss für identisch mit 
dem römischen (0,296 m) ansieht, infolgedessen auf einen 

*) S. 86. 



— 30 — 

vermemtlkhBQ phUatärischen Fusib von 0,8552 und ßine 
phUetjLrische Ellle von 0,53^ m schlipsst. Pa mw Sohoinoi 
uberftU l^OOO Stadien entsprooben haben sollan, fio miset der 
Schoinps ^ vermeintlichen erweiterten philatärifichen Systems 
12000x0,5328=6393,6 m. Nun ist aber der italische Fusa 
nicht gleich dem römischen, also giebt es keip^ philetärische 
Elle von 0,5328 m und keinen Schoinos von 6,3936 km. 
Dar italische Fuss misst vielmehr 0,275 m, die philetärische 
Elle demnach 0,495 m und der vermeintliche philetärische 
Schoinos 5,94 km. Dieser sogenannte neue Schoinos entpuppt 
sich also als das alte ägyptische Mass von 5,92 km, 337» 
attischen, 32 ptolemäisch-römischen Stadien oder 4 römischen 
Meilen. Zwei von den Schoinoi, die Lepsius entdeckt haben 
wollte, haben also niemals existiert Ebensowenig kann es 
jemals einen griechischen Schoinos von 5,346 und einen 
zweiten von 7,128 km gegeben haben. Jenen nennt Lepsius 
nur naQaaiypiq, diesen nur irioxvoq. Wie er zu diesen Namen 
gelangt ist, kann man unmöglich ergr&nden, da er selbst 
hierüber schweigt. Nach den heronischen Tafeln ist der 
Parasang niemals ein griechisches Mass gewesen, da sie aus- 
drücklich hervorheben, er sei ein persisches Mass. Mit dieser 
einen Thatsache ist die Unhaltbarkeit von Lepsius' Vermutung 
erwiesen. Es hat nie ein griechischer Schoinos, weder ein 
solcher zu 30 noch ein solcher zu 40 Stadien, existiert. Der 
Schoinos begegnet auch bei griechischen Schriftstellern, aber 
er ist bei ihnen entweder nur das ägyptische Mass oder 
ab^ er dient zum Vergleich. Das letztere ist besonders in 
der späteren Zeit der Fall. Bei den Griechen erfreute er 
sich einer gewissen Beliebtheit, weil man ihn als ein grosses 
Mass bequem benutzen konnte ; ausserdem war er altehrw&rdig, 
man bediente sich seiner gern, wie wir noch heute mit 
Vorliebe im Sprichwort ,nach Scheffeln' oder ,nach Ellen 
messend Lepsius' Beweis ist in jeder Hinsicht von Anfang 
an verfehlt gewesen. Aus den heronischen Tafeln folgt nur, 
dass der Schoinos in einem System 12000 Ellen entspricht: 
dass der berühmte Ägyptologe daraus schloss, der Schoinos 
habe in den verschiedensten Systemen, im ägyptischen, 



— 21 — 

griechischen und philetärischen, 12000 Ellen gemessen, ist 
znm mindesten höchst auffällig. 

Dies ist der Stand, den die Forschung bisher erreicht 
hat. Wie man sieht, ist die Frage nach dem Wesen und 
Wert des Schoinos eine höchst komplizierte, sie ist es deshalb, 
weil keiner der antiken Schriftsteller angiebt, welcher Stadien 
er sich bedient, und auch deshalb, weil über den Wert der 
einzelnen Stadien fast so viel verschiedene Ansichten bestehen, 
als «s Forscher giebt, die sich mit ihnen beschäftigen. 
Oleichwohl katin matt der LösQttg der Frage näher kdrmmeii. 
Wie wir gesehen, hat inan zu diesem Zwecke zwei Wege 
beschritten. Wittich und Hultsch vergleichet di€ alten 
Wegemasse mit modernen Entfefnungsbeätintmung'en. Dabei 
kmmt treiiig heraus, da tttan nicht mehr die Strassen kratrt, 
nach denen im Altertnm die Entfernungen bestimmt wurden. 
Einen anderen Weg haben d'Anvllle und Ideler eingeschlagen, 
lue haben Wegemasse fierodots mit solchen im Ithierar 
Antonlns verglichen. Dieser Weg empfiehlt sich dadurch, 
dass er leichter beschritten trerden kann als der erste, und 
dadurch, dass ^r uns am besten kennen lehrt, wie die Alten 
das Wesen des Schoinos anfgefasst, trle sie ihn behandelt 
haben. Wir schlagen deshalb diesen Weg ein und 2War 
stellen wir zunächst fest, welche Gestalt ein und dasselbe 
ägyptische tJrmass bei verschiedenen klassischen 
Schriftstellern annehmen konnte. Dies wollen nir an 
einer Reihe von Beispielen sehen. Sodann suchen wir zu 
ermitteln, welcher Umreehnungswerte sich die einzelnen 
Autoren hinsiehtlicb des Schoinos bedient haben, Um auf 
diese Weise gewissennassen eine Geschichte der Bebdndlnng 
des Schoinos im Altertum m Erhalten. 



II. 

Wie verwickelt die Verhältnisse in bezag auf den Schoinos 
sind, wollen wir uns an einem Falle klar machen. 

Die Landenge von Snes war nach Herodot^) genau 
1000 Stadien breit, Poseidonios^ bestimmt die Breite zu 
weniger als 1600 Stadien, Strabon^ dagegen hat wieder die- 
selbe Zahl wie Herodot. M. Vipsanius Agrippa, der berühmte 
Freund und erste Minister des Kaisers Angastns, schätzte 
nach Plinius^) den Isthmos auf 125 römische Meilen oder 
185 km. AufFälligerweise giebt Plinius an einer anderen 
Stelle 115 Milien (170,2 km) als Breite der Landenge an^). 
Plutarch^) endlich bestimmt die Breite zu nur 300 Stadien 
oder 53,28 km, was unmöglich richtig sein kann, da der 
Isthmos nach modernen Berechnungen rund 113 km breit ist^. 
Seine Angabe hat mit den vorhergehenden, wie es scheint, 
gar nichts zu thun : wir erledigen sie deshalb zuerst. Plutarch 
macht sie in dem Augenblicke, wo er von dem Plane der 
Kleopatra spricht ihre Schiffe zu Lande über den Isthmos zu 



^) n 158,5: t^ Sk IA(ixM^<^y ^* *<^^ «Fwro/uo'raTov, ac r^; ßogijitfg 
^aXdQOije ^TU^ßtjvtu ig ttjy votitpf imX *E(fv&(^ trjv avnyy xavnjiv ttaXeofUrTjv, 
dm tov Kaoiov ov^off, tov ovffl^ioytog Atyintxbv re nal JSv^iTfV, dno tovtov 
eial üTodioi xüuoi, ama(n\ h thv l4qdßiiov uclnov; vgl. IV 41. 

>) Bei Stxabon XVn 803: d ^^ furaiv la&fiog n^Xovoiov »al rov /wxov 

ikartwwfy tj %ikiojv mal 7UVTaMooitiiv\ ygL XI 491. 

8) XVn 803. 

*) V 66: Agrippa a Febisio Arsinom Rubri maris oppidum per deserta 
CXXV M passuum tradit. 

') n 173 : , . ut cmtum quinäedm miüMis passuum AraHcus sinus distet 
ab Aegyptio mari. 

«) Anton. 69,2. 

") K. Baedeker Aegyptm I' S. 450. 



— 23 — 

bringen. Die 300 Stadien Plutarchs müssen natürlich auf 
Schoinoi zurückgehen: da die Zahl 300 nur durch 30 oder 
60 aufgeht, so muss in Plutarchs Quelle die Breite der Land- 
enge zu 10 oder zu 5 Schoinoi angegeben gewesen sein. 
Als der griechische Schriftsteller diese Schoinoi in Stadien 
verwandelte, beging er einen grossen Irrtum, er nahm für 
den Schoinos nur die Hälfte des Wertes, den er in Wirklich- 
keit in diesem Falle hatte. Angenommen, seine Quelle gab 
die Breite, was sieber ist^), zu 10 Schoinoi an, so berechnete 
er diese zu 30 Stadien statt zu 60 : die Landenge war dem- 
nach in Wirklichkeit 600 Stadien, d. h. 118 km breit. Diese 
Zahl, auf ihren wahren Wert gebracht, stimmt vorzüglich 
zu den modernen Berechnungen; sie ist nur 5 km von dem 
Mass verschieden, welches man heute kennt. Die Genauig- 
keit, mit der man die Breite der Landenge bestimmte, be- 
weist dass es sich um einen besonderen Zweck handelte. 
Kleopatra wollte, wie wir sagten, ihre Flotte über den Isth- 
mos schaffen, dafür muss die Königin den Befehl gegeben 
haben, neue und zwar genaue Messungen vorzunehmen. 

Das Mass Plutarchs stimmt, auf seinen Wert zurück- 
geführt, fast genau mit der Wirklichkeit überein. Zehn 
Schoinoi zu 60 Stadien (118 km), so meldeten die Landmesser 
ihrer Königin, messe der Isthmos. um so mehr weichen die 
anderen Massangaben von der Wirklichkeit ab; jedoch unter 
sich stimmen sie, was unmöglich scheinen könnte, alle bis 
auf eine überein. Plinius nennt einmal nach Agrippa 125 
Milien als Breite der Landenge und das andere Mal nach 
einem anderen Gewährsmann 115 römische Meilen. Diese 
unter einander abweichenden Angaben hat man einfach da- 
durch zu beseitigen gesucht, dass man die 125 Milien ^ wege- 
mendierte. Es ist dies ebenso wenig richtig, wie wenn man 
leugnet, der scharfsinnige Historiker Poseidonios habe die 
Breite nicht zu 1500 Stadien angeben können, diese Zahl 
sei durch einen Glossator eingeschaltet worden^. Strabon 



^) Ygl. unten unsere Bemerkungen über Piutarch. 

«) PUniuß V 65. 

') Mannert Geographie der Griechen und R'ötner X 1 S. 2 f. 



— 24 — 

sagt z^imI^), Poseidonios habe 4en Isthmos zu weniger 
als 1500 Stadien gescb&tzt: was kön&te besser als diese 
zweifache Angabe beweisen, dass hier kein Glossator ge- 
stadigt hat? Wie wir bemerkten, stimmen die Angaben, so 
sehr sie anfangs verschieden za sein scheinen, fast alle unter 
einaader überein. H^odot und Strabon bestimmen die Breite 
zu 1000 Stadien, Plinius oder richtiger Agrippa zn 125 
römischen Meilen oder 185 km. Auch dies sind 1000 Stadien, 
nämlich 1000 ptolemäisch-rOmische. Könnte irgend etwas besser 
als diese Thatsache die Richtigkeit der ZM 125 bei Plinins 
beweisen? Wie man sieht, verbärgen drei Schriftstellet 
direkt oder indirekt, die Landenge von SnSs habe eine 
Breite von 1000 Stadien gehabt. Diesem griechischen Mass 
muss natürlich ein Ägyptisches zu Grunde liegen. Da 1000 
Dar durch 40 teilbar ist, so haben wir es hier mit dem 
Scheines zu thun, der 40 Stadien entspricht. Der Isthmos 
war demnach 25 Schoinoi zu 40 Stadien brrit. Poseidonios, 
welcher in diesem Falle den Schcnnos irrtümlich 60 Stadien 
gleichsetzte, gewann 1500 Stadien für die Breite des Isthmos. 
Er bestätigt wie Herodot, Strabon und Agrippa, dass die 
Landenge 1000 Stadien oder richtiger 25 Schcänoi zu 40 
Stadien breit war. 

An welche Stadien — so müssen wir firagen — dachten 
Herodot und Strabon in diesem Falle? Agri^a berechnete 
die römische Meile in herkömmlicher Weise zu adit Stadien. 
Wie wir sdion gesehen, stellte mMi die Milie ursprünglich 
8Vs attischen Stadien gleich^. Aber schon Polybios rechnete 
in den meisten Fällen 8 Stadien auf die römische Meile. 
Dieser Umstand muss später einem anderen Stadion zum 
Siege verhelfen haben, nämlich dem, welches Nissen das 
ptolemäische (römische) nennt. Dieses Stadion von 0,185 km 
war genau ^^ der römischen Meile, es liegt deshalb dem 
ägyptischen Wegeoiass der Kaiserzeit z« Qmnde. Agrippa 
hat es bei seinen geographischen Forschungen angewandt^ ; 



') XI 491 und XVn 803. 

^ 87, attische Stadien — *>/. x 0,1776 = 1,48 im -« 1 i6m. MeUe. 

*) Vgl ofiteu üb«r Agfippa. 



— 25 — 

wir können deswegen sagen, er habe unsere 1000 Stadien 
als ptolemftisch-römische behandelt. Da diese vor der Ptolemfter- 
heiTSchaft nicht in Gebrauch gewesen sein kOnnen, so kann 
Herodot das Mass nicht gekannt haben. Der Vater der Ge- 
schichte stellt den Parasang, das pei^sische Wegemass, ver- 
schiedentlich ^) 30 Stadien gleich; da aber der Parasang 
5)94 km misst, so sind die 30 Stadien, denen er entspricht, 
persische (0,198 km)^. Den Schoinos, den Herodot zu 60 
Stadien berechnete, sah er als das Doppelte eines persischen 
Parasang an: er dachte also auch in diesem Falle an per- 
sische Stadien. Es herrscht demnach hier die grOsste Ver- 
schiedenheit : Herodot denkt höchst wahrscheinlich an persische 
Stadien^, Agrippa ohne Zweifel an ptolemäisch-römische. 

») n 6,3. V 63. VI 42,3. 

*) Nissen nennt nur in der ersten Auflage seiner Metrologie (S. 668 [4]) 
die Grösse von 0,198 km das persisohe Stadion, in der zweiten (S. 838 [4]) 
bezeichnet er dieselbe Grösse als gemeines Fnssstadion. Lehmann (vergl. 
die tabellarisohe Üebersioht 6. 244) hält an einem babylonisch -persischen 
Stadion fest, dessen erreichbar wahrscheinlichsten Wert er zu 0,19839 km 
bestimmt. 

*) Dörpfeld {Metrohg. Bäträge VI, in den Mitth. d. Inst in Athen XY 
(1890) S. 181 f.) nimmt für Herodot ein Stadion von 0464 km in An- 
sprach nnd glaubt, gerade die Längenangabe des Vaters der Geschichte für 
den Isthmos von Su^ als Beleg für die Richtigkeit seiner Annahme ge- 
brauchen zu können. Er stützt sich zugleich auf Hultsoh (8* 57 ff.), der 
'auf Grund zahlreicher Messungen und Berechnungen^ füx Herodot em Sta- 
dion von 0,16 km nachgewiesen habe. An die Beweiskraft dieser Messungen 
und Berechnungen kann ich meinerseits nicht glauben. Wie wenig Veriass 
auf dieselben ist, haben wir oben (8. 8,1) gezeigt: Jomard bestimmt z. B. 
eine Strecke zu 490,4 km, die thatsäohlich deren 756 misst. Man ist eben 
bei diesen moderaen Berechnungen antiker Entfernungen ganz ungenau ver- 
fahren. Rennel (The giograpMcal sysUm of Metödotm S. 16 f.), von dessen 
Messung Hultsoh a. a. 0. ausgeht, berechnete, um sein Mass zu gewinnen, 
den direkten Abstand der beiden in Betracht konmiendan Punkte und er- 
höhte die Zahl, welche er fand, wegen der Krümmungen der Wege um Vts* 
Indem er ron dieser 'modernen' Distanzberechnung ausging, fSand er für 
Herodot ein Stadion von 0,16 km. Die Landenge von Suds misst an der 
schmälsten Stelle in gerader linie 113 km: wer die Bersohnungsart Bennels 
und vieler anderen für richtig h&lt, muss der Mmnung sein, nach Herodot 
sei die Landenge 113 x: ••/„ = 117,5 km breit gewesen, Herodot habe, 
um es kurz zu sagen, ein Stadion von 0,1175 km. gehabt. Dieses letztere 



— 26 — 

Welche Stadien Strabon im Auge hatte, kann man nicht 
bestimmt sagen; doch ist es nicht unwahrscheinlich, dass 
seine 1000 Stadien attische sein sollen, nach Julianus ^) von 
Askalon wenigstens hat Strabon dieses Mass angewandt Es 
könnte auffällig sein, dass keiner der antiken Historiker und 
Geographen angiebt, was f&r Stadien er gebraucht; dem- 
gegen&ber kann man ruhig die Behauptung aufstellen, dass 
die meisten Schriftsteller gar nicht an etwas Derartiges 
gedacht haben, weil sie selbst gewöhnlich Aber die Grösse 
der Stadien, die sie anderswoher entlehnten, im unklaren 
waren. Bei der geringen Differenz, welche zwischen den 



Stadion hat natürlich ebensowenig bei dem Vater der Geschichte existiert, 
als das vermeintliche von 0,16 km, das man mit Hälfe Renneis gefanden 
zu haben glaubt Dörpfeld sieht Renneis Berechnung als richtig an, hütet 
sich aber dementsprechend die Breite unseres Isthmos für Herodot zu 117,5 
km anzunehmen. Vielmehr betragt nach ihm die Entfernung vom roten 
bis zum mittelländischen Meere, da sie der Länge des Su^kanals entspreche, 
etwa 160 km, Herodots Stadion also etwa 0,16 km. Dabei übersieht er 
zunächst eins : der Su^anal hat freilich eine Länge von 160 km, aber nur 
150 km ist er von Port Sa*id bis zur Nordspitze des roten Meeres lang 
(vgl. die Karte bei Baedeker ^. I ' S. 460). Dörpfeld hätte nur diese 150 
km seiner Berechnung zu Grunde legen dürfen, dies hätte ihn aber auf ein 
Stadion von 0,15 km oder auf ein solches gebracht, das 14 m kürzer ist, 
als es nach seiner Ansicht sein soll. Das könnte zur genüge zeigen, wie 
wenig Verlass auf solche modernen Berechnungen ist; aber man kann noch 
auf etwas anderes hinweisen. Herodot berechnet die Breite der Landenge 
von Sues nach der Handelsstrasse, welche vom Berge Easios zum roten 
Meere führte. Nach Plinius gab es aber noch eine andere Strasse, die, wie 
wir noch sehen werden, 40 römische Meilen oder 59,2 km kürzer war. Hätte 
nun Dörpfeld recht, so könnte diese Wüstenstrasse nur eine Länge von 
100,8 km gehabt haben, d. h. sie wäre 12 km kürzer gewesen als die 
Luftlinie zwischen dem mittelländischen und roten Meer, unter diesen Ver- 
hältnissen kann von einem herodotischen Stadion von 0,164 km keine Rede 
sein, wir müssen vielmehr daran festhalten, dass das Stadion, dem Herodot 
den Parasang und den Scheines gleichstellt, das persische ist Eine andere 
Frage ist natürlich die, ob Herodot wusste, dass er hier persische Stadien, 
d« h. solche gebrauche, die Vso ^^ Parasang messen, oder ob er sie, ohne 
dies zu wissen, seinen Quellen enÜehnte. Im Hinblick auf Herodot V 53,1 
(f2 . . / noffCLoayyiig ö^arat xotTputna araStit, äomif o^og ye 9vva%iu rav- 
To mX) könnte man geneigt sein, sich für jenes zu entscheiden. 
Mitr. scr. I S. 301, 13f. 



— 27 - 

yerschiedenen Stadien war, haben sie sich hierüber nur wenig 
Skrupel gemacht. Zwei Momente tragen hauptsächlich die 
Schuld daran, dass man nicht immer Genauigkeit bei der 
Umrechnung der Schoinoi in griechische Masse anstrebte: es 
ist dies einerseits die Schwerfälligkeit im Rechnen, an der 
besonders das frühere Altertum krankte, und dann das Streben 
runde Zahlen zu erhalten. Wenn man den Schoinos 30, 40, 
60 oder 120 Stadien gleichsetzte, so bekam man stets ab- 
gerundete griechische Masse, wenn man ihn aber zu 82 
ptolemäisch-römischen Stadien berechnete, so erhielt man die- 
selben höchst selten. Für die Mehrzahl der Schriftsteller 
genügten die runden Zahlen, der Leser konnte je nach seiner 
Herkunft ihre Stadien für ionische, persiche, attische, 
ptolemäisch-römische oder gar für noch andere ansehen. Aber 
einer Zeit, welche sich des Unterschiedes zwischen den yer- 
schiedenen hellenischen Massen recht bewusst wurde, einer 
Zeit, in der die philologische Kritik das Scepter führte, 
konnten solche häufig nur annähernd richtigen Werte nicht 
mehr genügen. Sie strebte grösste Genauigkeit in allen 
Dingen an, ihr verdanken wir es, wenn der Schoinos 33 Vs 
attischen Stadien gleichgesetzt wurde. Dreissig persische 
Stadien sind gleich 5,94 km, 33 Vs attische sowie 32 ptolemäisch- 
römische Stadien gleich 5,92; 30 attische oder ptolemäisch- 
römische Stadien entsprechen also nur annähernd einem 
Schoinos. Herodot wandte, wie wir gesagt haben, höchst 
wahrscheinlich persische Stadien an, er kam dem richtigen 
Mass des Schoinos sehr nahe. Agrippa berechnete den 
Schoinos zu 30 ptolemäisch-römischen Stadien (5,55 km), ent- 
fernte sich demnach schon beträchtlich von der wahren 
Grösse des ägyptischen Masses ; noch mehr that dies Strabon, 
wenn er, was nicht unwahrscheinlich ist, den Schoinos 30 
attischen Stadien (5,328 km) gleichsetzte. Diejenigen, welche 
dies erkannten, berechneten den Schoinos zu 33 Vs attischen 
Stadien, d. h. zu 5,92 km, er muss also etwas kleiner als 
30 persische Stadien oder als ein Parasang gewesen sein. 
Wie gross er in Wirklichkeit war, lässt sich erst später an- 
nähernd bestimmen, und es genügt auch im grossen und 



— 28 — 

gatissen, wenn man ihn zn SSVs attischen oder zn 82 ptole- 
maisch-römischen Stadien berechnet. Der Isthmos von Sngs 
War aber nicht nach diesem Schoinos gemessen worden , 
sondern nach dem, den man zn 40 persischen Stadien be- 
stimmte. Dieser grössere Schoinos mass 44^/9 attische oder 
42^/8 ptolem&isch-rOmische Stadien, d. h. 7,8933 km; wir 
werden noch sehen, dass er in Wirklichkeit 7,875 km 
entspricht. Der Isthmos hatte demnach eine Breite ron 25 
derartigen Schoinoi oder von 196,875 km. 

Man berechnete die Landenge zn 1000 Stadien. An der 
Richtigkeit dieser Zahl können wir nicht zweifeln, da sie ein 
Vielfaches des Schoinos zn 40 Stadien ist. Die Stelle, an 
der Plinlns nach Agrippa 125 Milien als Breite des Isthmos 
angiebt, ist also richtig. Bei anderer Gelegenheit bestimmt 
der Verfasser der Natorgeschichte die Breite zn 115 Milien^). 
Auch diese Angabe ist nicht falsch. 115 römische Meilen, 
170,8 km, sind gleich 920 (ptolemäisch-römischen) Stadien. 
Da diese Zahl ein Vielfaches des Schoinos zu 40 Stadien 
ist, mnss Plinins selbst oder seine Qaelle sie vorgefunden 
und einfach in römische Meilen umgerechnet haben. Der 
Umstand, dass des Plinins Angabe an dieser Stelle auf den 
Schoinos zu 40 Stadien zurückgeht, beweist die Sichtigkeit 
seiner Zahl. Nach einer anderen Tradition war also der 
Isthmos nicht 25, sondern 23 Schoinoi zu 40 Stadien oder 
920 Stadien breit Es stehen demnach zwei Überlieferungen 
nebeneinander, nach der einen, am meisten verbreiteten mass 
die Landenge von Sufis 25 Schoinoi oder 196,875 km, nach 
der anderen 23 Schoinoi oder 181,125 km. Wie gelangte 
man zu diesen verschiedenen Bestimmungen? 

Herodot sagt ausdrücklich, dass vom Berge Kasioft bis 
zum roten Meere lOÖO Stadien seien. Zwei Milien, etwa 
8 km, im Osten des genannten Berges begann eine der drei 
Handelsstrassen, welche vom mittelländischen Meere zum 
roten führten^. Herodots Zahl muss uns die Länge dieses 
Weges angeben, znmal da der Isthmos nur 118 und nicht 



*) n 173. 

•) PliniuB VI 167. 



— 29 — 

196,875 km (1000 Stadien) breit ist. Man setzte einfach 
die Länge der Karawanenstrasse fftr die Breite der Land- 
enge. In einer späteren Zeit, wo die Handelsverhältnisse 
auf dem Isthmos von Sufis sich etwas verschoben hatten, 
berechnete man die Breite der Landenge zwischen Pelasion 
und Arsinoe za 1000 Stadien. Diese Zahl war nur berechtigt 
f&r die Entfernung des Berges Easios vom roten Meere; da 
aber in späterer Zeit der Handel hauptsächlich die Strasse 
benutzte, welche Arsinoe mit Pelusion verband, so übertrug 
man auf diese die Zahl 1000, die sich durch ihre Einfachheit 
aufs beste empfahl. Dies thun Strabon, Agiippa und Plinius, 
der letztere da, wo der erste Minister des Augustus sein 
Gewährsmann ist. Aber an einer Stelle, wo der Verfasser 
der Naturgeschichte einer anderen Quelle folgt, giebt er die 
Breite der Landenge zu 115 Milien (920 Stadien) an. Da 
diese Zabl unanfechtbar ist, muss sie die Länge irgend einer 
Wustenstrasse repräsentieren. Dies kann nur der Weg sein, 
welcher in Pelusion seinen Anfang nahm^). Den geographischen 
Verhältnissen entsprechend war diese Wustenstrasse kürzer 
als die, welche beim Berge Easios begann. Beide Wege 
vereinigten sich, wie Plinius^ angiebt, nach 60 Milien mit 
einander. Sechzig römische Meilen oder 88,8 km entsprechen 
480 (ptolemäisch-römischen) Stadien, also 12 Schoinoi zu 
40 Stadien oder 94,5 km. In diesem Falle — so könnte 
man vermuten — haben wir es wohl mit Schoinoi zu 32 
Stadien zu thun. Man könnte dies deshalb für wahrscheinlicher 
ansehen, weil Plinius an derselben Stelle^), an der er die 
60 Milien anf&hrt, davon spricht, zwei römische Meilen 
östlich vom Berge Easios beginne die Strasse, die vom 
Mittelmeere nach Arsinoe fUhre : 2 Milien aber (16 ptolemäisch- 
römische Stadien) sind genau die Hälfte eines Schpinos zu 
32 ptolemäisch-römischen Stadien. Ist es nicht unter diesen 
Verhältnissen höchst wahrscheinlich, dass auch die 60 Milien 
des Plinius 15 Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien 
(88,6 km) entsprechen? So annehmbar dies auch im ersten 



Plinius VI 166. 
•) VI 167. 



— 30 — 

Angenblick zu sein scheint, so ist es doch kaum richtig, da 
ohne Zweifel alle Angaben über unsere drei W&stenstrassen 
anf eine alte Tradition zurückgehen, welche noch keine 
Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien kannte. Einen 
anderen Ursprung haben nur die 2 Milien oder der halbe 
Schoinos zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien. Diese 2 
römischen Meilen beziehen sich auf die grosse Heerstrasse, 
welche von Pelusion nach Syrien führte. Dieselbe ist wie 
alle öffentlichen Strassen in Ägypten unter den Römern nach 
Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien ausgemessen 
worden, während die Länge der Wüsten wege nicht von 
neuem bestimmt worden ist. Daraus erklärt sich der Unter- 
schied. Wir müssen deshalb daran festhalten, dass die 60 
römischen Meilen des Plinius auf 12 Schoinoi zu 40 Stadien 
zurückgehen. Sie entsprechen demnach 94,5 km. Nach so 
viel Kilometern mündete die Strasse Kasios-Arsinoe in den 
Trakt Pelusion- Arsinoe. Da jener Earawanenweg eine Länge 
von 196,9 km hatte, so war er in seinem südlichen Teile 
102,4 km mit der Strasse Pelusion- Arsinoe vereinigt; da diese 
eine Länge von 181,1 km besass, so war sie in ihrer Nord- 
hälfte 78,8 km für sich allein. 

Auch die Länge einer dritten Earawanenstrasse, welche 
über die Landenge von Sues hinüber das mittelländische und 
das rote Meer verband, lernen wir aus Plinius kennen. 
Nachdem der Verfasser der Naturgeschichte bemerkt^), die 
Strasse Easios-Arsinoe vereinige sich nach 60 Milien mit 
derjenigen, welche von Pelusion nach dem roten Meere führe, 
berichtet er weiter, der Earawanenweg Gerrhon-Arsinoe sei 
60 römische Meilen kürzer. Da diese Milien ohne Zweifel 
12 Schoinoi zu 40 Stadien entsprechen, so war der dritte 
Weg 94,5 km kürzer als der, welcher im Osten des Easios- 
berges begann. Diese Strasse war 196,9 km lang, jene hätte 
demnach, wenn Plinius' Angabe richtig wäre, nur eine Länge 
von 102,4 km gehabt. Dies ist unmöglich, weil der Isthmos 
nach modernen Berechnungen 113 km breit ist. Wir haben 
es hier offenbar mit einem Fehler zu thun; derselbe besteht 

») VI 167. 



— 31 — 

darin, dass die Strasse Gerrhon-Arsinoe 60 Milien kürzer 
sein soll, während sie in Wirklichkeit nnr 40 kflrzer war^). 
Vierzig römische Meilen oder 59,2 km entsprechen 320 
(ptolemäisch-römischen) Stadien. Auch in diesem Falle haben 
wir es wie vorhin mit 8 Schoinoi zu 40 Stadien und nicht 
mit 10 zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien za than. Die 
Earawanenstrasse Gerrhon-Arsinoe war demnach nur 8 
Schoinoi zn 40 Stadien oder 63 km kürzer als der Trakt 
Easios- Arsinoe , ihre Länge betrag 133,9 km. Das Mass, 
das wir für diese Strasse gewonnen haben, passt vorzüglich 
zu den Verhältnissen, es bestätigt die Richtigkeit unserer 
Beweisführung. Die Strasse Gerrhon-Arsinoe, beschwerlich 
durch Gebirge und wasserarm^, vermied so viel als möglich 
alle Umwege, deshalb war sie nicht viel länger, als die 
Landenge von Sues breit ist^. 



^) Wem die Verderbnis unserer SteUe zur Last fäUt, ob Plinius selbst 
oder seinen Abschreibern, ist schwer zu sagen. Veranlasst wurde der 
Fehler dadurch, dass grade vorher von 60 römischen Meilen die Rede ge- 
wesen war. Möglicherweise müssen wir bei Plinius (VI 167) schreiben: 
iertium a Gerrho . . j^tr eosdem Arabes XL mtl. passuutn propius, 

»} Plinius VI 167. 

°) Einen weiteren Zusatz kann ich mir nicht versagen. Plinius (VI 
166 f.) nennt zuerst die Strasse Pelusion-Arsinoe, dann Easios-Arsinoe und 
endlich als dritten Wüstenweg Gerrhon-Arsinoe. Dieser war 8 Schoinoi 
kürzer. Da der römische SchriftsteUer nicht angiebt, mit welcher Strasse 
er die dritte vergleicht, so müssen wir vermuten, dass sie 8 Schoinoi kürzer 
als die zweite, also 17 Schoinoi oder 133,9 km lang war. Jedoch ange- 
nommen, sie wäre 8 Schoinoi kürzer als die erste Wüstenstrasse gewesen, 
die 23 Schoinoi zu 40 Stadien mass, so hätte ihre Länge 15 Schoinoi zu 
40 Stadien, d. h. 118,1 km betragen. So breit war die Landenge von Sues, 
wie wir oben sahen, nach Plutarch. Nach diesem Autor misst die Breite 
10 Schoinoi zu 60 Stadien, bei uns, wenn die Voraussetzung richtig ist, 15 
Schoinoi zu 40 Stadien. Ist dies eine rein zufällige Übereinstimmung? oder 
zeigt sie den richtigen Weg? Gegen die Hypothese könnte sprechen, dass 
die dritte Strasse sicherlich länger als 118,1 km gewesen sein muss: 133,9 
km ist etwa die Länge, die man erwartet Für die Vermutung spricht nur 
die Übereinstimmung. Wäre sie richtig, so bewiese sie, dass man in Ägypten 
grössere Schoinoi in kleinere umrechnete und umgekehrt, in unserem FaUe 
solche zu 40 Stadien in solche zu 60. Sollte Kleopatra dieses grossere 
Mass absichtlich gewählt haben, um ihre Umgebung über die Grösse ihres 
Unternehmens hinwegzutäuschen? 



— 32 — 

Wir lernen aus dieser Untersnchung mancherlei Einer- 
seits entstehen viele Fehler dadurch, dass verschiedene 
Schriftsteller demselben Scheines verschiedene Werte beilegen. 
Den Schoinos, den wir bei Herodot und Strabon zu 40 
Stadien berechnet fanden, setzte Poseidonios 60 Stadien 
gleich. Plutarch gab dem Schoinos 30 statt 60 Stadien. 
Andererseits entstanden Fehler und Verschiedenheiten da- 
durch, dass der eine Autor den Schoinos diesem, der andere 
jenem Stadion gleichsetzte. Herodot sah seine Stadien höchst 
wahrscheinlich für persische an, andere Autoren für attische, 
ptolemäisch-römische u. s. w. Diese Stadien wurden ihrer- 
seits wiederum bei der Umrechnung in römische Masse 
verderbt. Seit Polybios rechnete man 8 Stadien auf eine 
römische Meile. Dies war nur richtig für die ptolemäisch- 
römischen Stadien. Aber was lag näher, als alle Stadien, 
mochten sie ptolemäisch-römische, attische, ionische, persische 
oder noch andere sein, wie ptolemäisch-römische zu behandeln? 
Manche Fehler gehen auf diese Umrechnung zurück. 

Man kann demnach nur dann zu gesicherten Resultaten 
gelangen, wenn man, so weit dies möglich ist, Masse, die von 
Entfernungen in Ägypten überliefert sind und von Distanzen 
in Ländern, welche unter dem Einfluss des ehemaligen 
Pharaonenlandes standen, auf das ägyptische Urmass zurück- 
führt. Gelingt dies in einer Anzahl von Fällen, so wird 
man einerseits allmählich zur Erkenntnis des wahren Wesens 
des Schoinos vordringen, andererseits manche ägyptische 
Distanzangaben, die man noch nicht auf ihren wahren Wert 
bringen kann, verstehen lernen, so weit nicht Verderbnis in 
den Zahlen jegliches Verständnis unmöglich macht. 

Das Itinerar nennt als nächste Stadt im Osten Pelusions 
Pentascino^). Dieser Name ist eine dialektische Nebenform 
von Pentaschoinos, das wir durch Stephanos von Byzanz^) 
und Hierokles^) als Stadt Ägyptens kennen. Wie der Name 
besagt, lag der Ort 5 Schoinoi von Pelusion. Dies bestätigt 



*) S. 15ii,3. 

*) S. 599,2 Man. 

^ S. 727,3 Wtss. 



— 33 — 

das Itinerar Antoninsi), nach dem beide Städte 20 Milien 
(29,6 km) von einander entfernt sind. 29,6 km entsprechen 
160 (ptolemäisch-römischen) Stadien. Da wir hier 5 Schoinoi 
haben müssen, so sind es solche von 32 ptolemäisch-römischen 
Stadien. Wir finden im Itinerar also die Gleichstellang, 
welche direkt oder wohl richtiger indirekt auf die Thätigkeit 
der alexandrinischen Gelehrten zurückgeht. 

Dieselbe Bechenweise (1:32) kann man noch in einem 
zweiten Falle im Itinerar Antonius nachweisen. Nach ihm 
war der Berg Kasios 40 römische Meilen von Pelusion 
entfernt 2). Dieses Mass entspricht 320 ptolemäisch-römischen 
Stadien. Nach Strabon^) beträgt die Distanz beider Punkte 
von einander 300 Stadien: hier haben wir 10 Schoinoi zu 
30 Stadien, also die ümrechnungsweise, welche in der 
griechischen Litteratur am häufigsten begegnet. 

Im Itinerar wird der Schoinos 32 ptolemäisch-römischen 
Stadien gleichgesetzt. Diese Umrechnungsweise ist vielfach 
die mathematisch genauere. Ursprünglich hatte man den 
Schoinos 30 persischen Stadien gleichgestellt. Eine solche 
Eechenweise war nur für die Schriftsteller richtig, welche 
sich des persischen Stadion oder eines Masses bedienten, 
welches demselben an Wert gleichkam. Dennoch wurde der 
Schoinos auch von solchen Autoren zu 30 Stadien gerechnet, 
denen das persische Stadion fremd war. Dies musste Schrift- 
steller, welche grösste Genauigkeit anstrebten, zu einer Beform 
führen. Dieselbe ging ohne Zweifel von den alexandrinischen 
Philologen aus: sie setzten den Schoinos 337$ attischen 
Stadien gleich. Einen solchen Umrechnungsmodus mussten 
auch die römischen Landmesser haben; nach attischen Stadien 
aber konnten sie nicht rechnen, da dieses Mass sich nur 
schwer in das römische verwandeln liess. Deshalb bedienten 
sie sich der ptolemäisch-römischen Stadien, deren acht genau 
einer Milie entsprachen. Ein Schoinos fasste 32 dieser 
Stadien, also 4 römische Meilen. Aus den angeführten 

*) S. 152,4. 
») 8. 162,3 f. 
») XVI 759. 
Berliner Stadien, Bftnd XV, 3. 3 



— 34 — 

Gründen erlangte diese ümrechnungsweise eine weite Ver- 
breitung. Sie begegnet immer, wie wir noch zeigen werden, 
im Itinerar Antonius , sie begegnet überhaupt bei den zu. 
verlässigsten römischen Schriftstellern, welche über die 
Geographie Ägyptens geschrieben haben. Dies sieht mau in 
folgendem Falle. Nach Strabon^) hatte der Fussweg von 
Alexandria nach Kanobos eine Länge von 120 Stadien, 
nach PUnius^) war die kanobische Mündung 12 Milien oder 
96 (ptolemäisch-römische) Stadien von Alexandria entfernt 
Das letztere Mass haben ausser Plinius Ammianus MarceUinus^) 
und Martianus Capella^). Beide Zahlen, 120 und 96 Stadien, 
gehen zurück auf dasselbe ägyptische Mass: in jenem Falle 
haben wir 3 Schoinoi zu 40 Stadien, in diesem ebensoviele 
zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien. Hier ist der Unterschied 
bedeutender, als wir bisher gesehen haben: ob man den 
Schoinos zu 30 oder 32 Stadien rechnete, begründete noch 
keinen grossen Unterschied, ob man ihn aber zu 32 oder zu 
40 ansetzte, hatte schon viel zu sagen. 

Bisher haben wir bei den römischen Schriftstellern den 
Schoinos nur zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien berechnet 
gefunden. Diese liessen sich eben bequem in Milien ver- 
wandeln, da ihrer acht genau einer römischen Meile ent- 
sprachen. Aber man gab dem Schoinos nicht ausschliesslich 
32 ptolemäisch-römische Stadien. Plinius^) berichtet, nach 
dem Kaiser Claudius habe der Mareotissee einen Querdurch- 
schnitt von 30 und einen Umkreis von 250 (nach den Hand- 
schriften von 400) Milien, nach anderen Schriftstellern sowohl 
eine Länge als eine Breite von 40 Schoinoi zu 30 Stadien 
oder von 150 römischen Meilen. Die 40 Schoinoi entsprechen 
1200 Stadien; da sie 150 Milien gleichgesetzt sind, so hat 
Plinius dem Schoinos in diesem Falle 30 Stadien gegeben, 
diese aber, wie üblich, als ptolemäisch-römische in Anrechnung 

*) xvn 801. 

•) V 62. 

«) XXn 16,14. 

«) S. 234,3 f. Eyssmh. 

*) V 63. 



— 35 — 

gebracht. Auch Claudius hat in diesem Falle den Schoinos 
nicht 32 ptolemäisch-r5mischen Stadien gleichgestellt, sondern 
höchst wahrscheinlich 40. Das eine Mass, das er giebt, die 
30 römischen Meilen, sind 240 Stadien. Da diese Zahl nicht 
dnrch 32, wohl aber durch 40 (30?) aufgeht, wird Claudius 
den Schoinos zu 40 (30?) Stadien berechnet haben. Auch 
das grössere Mass, das wir dem Eaiser verdanken, die 400 
Milien (250 Milien?) oder 3200 Stadien, entsprechen wohl 
80 Schoinoi zu 40 und nicht 100 Schoinoi zu 32 Stadien. 
Auch hier ist das griechische Stadion, wie üblich in der 
römischen Litteratur, als ptolemäisch-römisches in Anrechnung 
gebracht worden, d. h. acht Stadien kommen auf eine Milie. 

Noch in einem anderen Falle ist der Schoinos von einem 
römischen Schiiftsteller zu 40 Stadien bestimmt worden. 
Nach Strabon^) lag Memphis drei Schoinoi {tglaiowov) vom 
Delta entfernt, nach Plinius^) beträgt seine Entfernung von 
der Spaltung des Nil 15 römische Meilen oder 120 Stadien. 
Beide Schriftsteller meinen ohne Zweifel dieselbe Distanz. 
Die 120 Stadien des Plinius sind also 3 Schoinoi, das 
ägyptische Mass fasste demnach 40 Stadien. 

Wie wir gesehen, legten die römischen Autoren dem 
Schoinos in der Mehrzahl der Fälle den Wert von 32 
ptolemäisch-römischen Stadien zu Grunde, aber sie berechneten 
ihn auch zu 30 und 40 Stadien, ja wir können die Behauptung 
aufstellen, sie haben ihm ebenso 60 und 120 Stadien gegeben, 
wenn ihre Quelle erklärte, der Schoinos habe in dem be- 
treffenden Falle diese Grösse. Auch hierf&r können wii* ein 
Beispiel beibringen, das freilich nicht absolute Gewissheit, 
aber doch grösste Wahrscheinlichkeit f&r sich in Anspruch 
nehmen kann. Nach Curtius Rufus^ bestimmte Alezander 
der Grosse für Alexandria einen Umfang von 80 Stadien. 
Da nach Diodor^) die Stadt des grossen Königs 40 Stadien 
von einem Thor bis zum entgegengesetzten mass, so haben 



») XVn 807. 

•) V 50. 

») IV 8, 2. 

*) XVn 52,3. 

3* 



— 36 — 

wir es hier mit Schoinoi von 40 Stadien zu thun. Alexandria 
hatte demnach einen umfang von zwei Schoinoi zu 40 
Stadien. Nach Plinius ^) aber wurde es in einer Ausdehnung 
von 15 Milien oder 120 Stadien angelegt. Plinius wird hier, 
da in seiner Quelle wohl auch der Umfang Alexandrias zu 
zwei Schoinoi bestimmt war, den Schoinos 60 Stadien gleich- 
gesetzt haben, falls nicht bereits sein Gewährsmann dies 
gethan hat. 

Wir haben bisher nur gesehen, dass die römischen Schrift- 
steller acht Stadien auf die Meile rechnen, dass sie also, um 
es kurz zu sagen, die griechischen Stadien als ptolemäjsch- 
römische behandeln. Es fragt sich, ob sie niemals einen 
Unterschied zwischen den verschiedenen Stadien gemacht 
haben. Es ist dies eine Frage von nicht geringer Bedeutung: 
muss sie bejaht werden, so hat man einer grossen Anzahl 
römischer Masse für Entfernungen in Ägypten mit Vorsicht 
gegenüberzutreten. 

Von Alexandria bisParaitonion waren nach Aristo- 
bulos ^), dem Zeitgenossen und Geschichtschreiber Alexanders 
des Grossen, 1600 Stadien. Aristobulos konnte noch keine 
ptolemäisch-römische Stadien kennen. Gleichwohl rechnet 
Plinius^ sie als solche in Milien um: die 200 römischen 
Meilen, welche nach ihm und Martianus Capella^) Alexandria 
und Paraitonion von einander entfernt waren, entsprechen 
1600 ptolemäisch-römischen Stadien^). 

Ebenso kann man in einem anderen Falle nachweisen, 
dass Plinius und mit ihm im grossen und ganzen alle römischen 
Schriftsteller die griechischen Stadien als ptolemäisch-römische 



V 62. 

») Bei Aman AftaS, HL .3,3. 

«) V 39. 

*) S. 232,7 f. £. 

") Nach Strabon (XVII 799) betrug die Distanz nur 1300 Stadien. 
Der XJnteischied scheint daher zu rahren, dass Strabon die Entfernung zur 
See angiebt : man vergleiche S. 798 die Distanz zwischen Eatabathmos und 
Paraitonion, welche zur See gemessen ist (^Ano fdv olv Xataßa&fiov elg 
naQoniviov sidimloovvTi vraSüav harlv ivcMocüay f SffOfiogJ. 



— 37 - 

in Anrechnung bringen. Der Mörissee hatte nach Herodot^) 
einen Umfang von 60 Schoinoi oder 3600 Stadien. Auch 
Diodor^) giebt ihm einen Umkreis von ebensoviel Stadien. 
Plinius 3) dagegen hat uns eine doppelte Tradition aufbewahrt ; 
nach der einen, die auf Mucianus, Yespasians Parteigänger 
zurückgeht, mass der Umfang des Mörissees 450 Milien oder 
3600 ptolemäisch-römische Stadien, nach der anderen, deren 
Quelle wir leider nicht kennen, nur 250 römische Meilen 
oder 2000 ptolemäisch-römische Stadien. Es stehen also zwei 
sehr von einander abweichende Ueberlieferungen sich gegen- 
über: nach der einen, welche von Herodot, Diodor und Muci- 
anus vertreten wird, war der See 3600 Stadien oder 60 
Schoinoi zu 60 Stadien gross, nach der anderen, für die 
Plinius unsere Quelle ist, betrug sein Umkreis nur 2000 
Stadien. Da auch dieser Wert auf die 60 Schoinoi Herodots 
zurückgehen muss, so misst der Scboinos hier 33 Vs Stadien; 
dies sind aber attische. Durch einen glücklichen Zufall 
können wir in diesem Falle attische Stadien nachweisen. 
Seit der Zeit der alexandrinischen Philologen setzte man, 
wie wir wissen, den Scheines 3373 attischen Stadien gleich. 
Hier folgt Plinius einer Quelle, welche diese griechischen 
Masse benutzte; gleichwohl behandelt er sie bei der Um- 
rechnung in römische Meilen als ptolemäisch-römische und 
nicht als attische. Es ist dies nach dem Vorgange des Poly- 
bios keineswegs auffällig, verdient aber dennoch betont zu 
werden. 

Die römischen Schriftsteller verfuhren nach unseren 
heutigen Begriffen unkritisch. Weil es ihnen bequemer war, 
behandelten sie alle Stadien als ptolemäisch-römische, so 
wenig dieselben dies auch in vielen Fällen waren. Man kann 
den römischen Autoren hieraus keinen Vorwurf machen, da 
auch die griechischen kritiklos verschiedenartige Umrech- 
nungen des Scheines nebeneinander haben, Umrechnungen 
in attische und in andere Stadien, ohne auch nur ein Wort 



^) n 149,1. 

«) I 51,6. 
^ V 50. 



— 38 — 

darüber zu yerlieren. Anch den griechischen Schriftstellern 
kann man dies nicht vorwerfen, da sie den Scheines in ihren 
Quellen auf verschiedene Weise in Stadien umgerechnet vor- 
fanden und über den Wert der Stadien in den meisten Fällen 
selbst im unklaren waren. Ein Beispiel für die Art, wie die 
griechischen Autoren verfuhren, haben wir an Diodor, um 
einen für viele zu nennen. Nach Herodot^) betrug die Ent- 
fernung von Plithine bis Easios 60 Schoinoi oder 3600 
Stadien. Josephos^ giebt den avanXov^ von Plithine nach 
Pelusion zu ebensoviel Stadien an. Es ist einleuchtend, dass 
der Jüdische Schriftsteller hier in ungenauer Weise Pelusion 
statt Easios nennt, dass er dieselbe Strecke hat bezeichnen 
wollen wie Herodot, aber Pelusion statt des zu seiner Zeit 
weit weniger berühmten Easios setzt. Nach Diodor^) misst 
die Eüste Ägyptens 2000 Stadien. Auch hier ist die Ent- 
fernung zwischen Plithine und Easios, nicht etwa die zwischen 
der kanobischen und pelusischen Mündung gemeint, welche 
nach Diodors^) ausdrücklicher Versicherung 1300 Stadien 
gross ist. Herodot giebt also die Länge der ägyptischen 
Eüste zu 60 Schoinoi an und zwar zu solchen, die 60 Stadien 



messen, Diodor dagegen nur zu 2000 Stadien. Zu dieser 
Zahl kam der Verfasser der griechischen Bibliothek, indem 
er die 60 Schoinoi zu 33 Vs attischen Stadien berechnete. In 
diesem Falle haben wir bei Diodor attische Stadien und finden 
wir den Scheines nach Art der alexandrinischen Philologen 
bestimmt. Ausserdem ist zu beachten, dass Diodor hier für 
den Scheines nur die Hälfte des Wertes annimmt wie Herodot. 
Da wir in diesem Falle attische Stadien haben, könnte man 
vermuten, Diodor habe immer dieses Mass im Sinne gehabt. 
Wenn dem so ist, so kann man ihm oft Ungenauigkeit in den 
Entfemungsangaben vorwerfen. Wie wir schon gesehen haben, 
geben Herodot^) und Diodor^) den Umfang desMörissees zu 

') n 6. 

») £. Ind. rV 10,5. 
«) I 31,6. 
*) I 34,1. 

*) n 149,1. 

•) I 51,6. 



— 39 — 

3600 Stadien an : Herodot dachte ohne Zweifel an persische, 
Diodor vielleicht an attische Stadien, jedenfalls nicht an per- 
sische; gleichwohl rechnet der Verfasser der Bibliothek hier wie 
Herodot nur 60 und nicht 66^/3 Stadien auf das ägyptische 
Mass. Letzteren Wert hätte er unbedingt der Umrechnung zu 
Grunde legen müssen, wenn er an attische Stadien gedacht hätte. 

Welche Schwierigkeiten dadurch entstehen mussten und 
entstanden sind, kann man schon aus dem Vorhergehenden 
entnehmen. Der Scheines wurde zu 30, SSVsy 40, 44^9, 60, 
662|3, 120 und 133i|3 attischen oder zu 30, 32, 40, 42S»|3, 60, 
64, 120 und 128 ptolemäisch-römischen Stadien berechnet 
u. s. w. Stadien, die unbedingt attische waren, wurden 
von den Römern als ptolemäisch-römische behandelt, d. h. 
ihrer acht wurden auf eine römische Meile gerechnet. So 
lange nur diese Fehler begangen worden sind, kann man noch 
in den meisten Fällen die Wahrheit ergründen. Aber schlimmer 
ist es, wenn mehrere Überlieferungen nebeneinander stehen 
und sich gegenseitig kreuzen und stören. In diesem Falle 
muss man sich davor hüten, die verschiedenen Werte auf ein 
ägyptisches Urmass zurückführen zu wollen. An zwei 
Beispielen woUen wir zeigen, wie verwickelt hierdurch die 
Verhältnisse werden können. Das erste derselben bezieht 
sich auf das Delta, das zweite auf die Länge des Nillaufs in 
Ägypten. 

Man hat vielfach das D e 1 1 a 1 a n d als ein gleichschenkliges 
Dreieck angesehen. Diodor teilte diese Ansicht, nach seinen 
Ausführungen ^) waren die beiden Schenkel des Delta je 750 
Stadien lang. Diese Anschauung war aber nur vertreten bei 
den weniger exakten Forschem, die Schriftsteller höheren 
Ranges haben genauere Nachrichten. Artemidor ^ giebt die 
Entfernung Pelusions von der Deltaspitze zu 25 Schoinoi oder 
750 Stadien an und diejenige Alexandrias von diesem Punkte 
zu 28 Schoinoi oder 840 Stadien. Vergleicht man dies mit 
der Angabe Diodors, so findet man, dass der Verfasser der 
griechischen Bibliothek die Länge des pelusischen Nilarms 

') I 34,1. 

«) Bei Strabon XVII 803 f. 



— 40 — 

auch auf den kanobischen übertragen hat. Zu diesem einen 
Fehler Diodors kommt noch ein zweiter. Er erzählt von 
einer Mauer, welche Sesostris zum Schutze gegen Einfälle 
von Syrien und Arabien her habe errichten lassen ^) ; dieselbe, 
1500 Stadien lang, habe Pelusion mit Heliapolis verbunden. Man 
wird die Frage aufwerfen, wie die Mauer 1500 Stadien habe 
lang sein können, während der pelusische Nilarm, der auch 
von Heliupolis, der Stadt an der Spitze des Delta, nach 
Pelusion führte, nur 750 Stadien lang war. Diodor ist der 
Widerspruch zwischen diesen beiden Angaben, die er inner- 
halb weniger Kapitel macht, nicht aufgefallen ; heben lässt er 
sich sehr leicht. Nach Herodot^) beträgt die Entfernung vom 
Meere bis HeliupoUs 1500 Stadien, d. h. 25 Schoinoi zu 60 
Stadien. Diese Massangabe kann für das Zeitalter Herodots 
nur auf den pelusischen NUarm gehen: der Vater der Ge- 
schichte fand demnach, dass derselbe eine Länge von 25 
Schoinoi habe, wie auch durch andere Schriftsteller, durch 
Artemidor und Strabon, feststeht. Da Herodot jeden Schoinos 
als ein Längenmass von 60 Stadien ansah, so nahm er an, 
Pelusion sei 1500 Stadien von Heliupolis entfernt. Dieser 
Berechnung folgt Diodor an der Stelle, wo er von der Länge 
der Mauer zwischen Pelusion und Heliupolis spricht ; an der 
anderen dagegen, wo er die Schenkel des Deltalandes erwähnt, 
benutzt er die andere Berechnung, welche den Schoinos 30 
Stadien gleichsetzte. Beides, pelusischer Nilarm und Mauer, 
soll also, wie wir aus Diodor, Herodot und Artemidor mit 
Sicherheit schliessen können, eine Länge von 25 Schoinoi 
gehabt haben, zweimal wird dies Mass zu 30 und wieder 
zweimal zu 60 Stadien berechnet. 

Die Länge des kanobischen Nilarms bestimmte man, wie 
wir sahen, zu 28 Schoinoi oder 840 Stadien : Diodors Angabe, 
er sei 750 Stadien lang gewesen, kommt daneben gar nicht 
in Betracht. Anders liegt die Sache mit der Basis des Delta. 
Nach Diodor 3) beträgt dieselbe 1300 Stadien. An der Richtig- 

^) 1 57,4. 

«) n 7. 

'») 1 34,1. 



— 41 — 

keit dieser Angabe können wir nicht zweifeln, weil anch 
Eratosthenes ^) , Strabon^ und der sogenannte Skylax von 
Earyanda^) für die Küste des Delta von der pelnsischen 
Mündung bis zur kanobischen eine Ausdehnung von 1300 
Stadien annehmen. Da die Zahl 1300 nur durch 33 Vs aiif- 
geht, so haben wir hier eine Umrechnung der Schoinoi in 
attische Stadien. Es ist dies ein weiterer Beleg für das der 
Kritik ermangelnde Verfahren Diodors: in einem Satze ^) 
giebt er die Länge der Basis nach Schoinoi zu 33Vs attischen 
Stadien und die der Schenkel nach solchen zu 30 Stadien an. 
Wie wir gefunden haben, ist die Basis des Delta 39, 
der östUche Schenkel, der pelusische, 25 und der westliche, 
der kanobische Arm, 28 Schoinoi lang. Ganz andere Zahlen 
hat Plinius ^) ; nach ihm ist die Basis gleich 170 Milien oder 
1360 Stadien, der östliche Schenkel gleich 166 römischen 
Meilen (1328 Stadien) und der westliche gleich 146 Milien 
(1168 Stadien). Keine dieser Zahlen des Plinius hat etwas 
mit der entsprechenden aus der griechischen Litteratur zu 
thun, auf ein ägyptisches ürmass können sie nicht zurück- 
gehen. Es liegt hier eine doppelte Tradition vor; die eine 
findet sich in der griechischen Litteratur und zwar in dieser 
überall, die andere dagegen bei Plinius. Jeder Versuch beide 
Überlieferungen mit einander auszusöhnen wäre verfehlt. 
Folgendes müssen wir aber noch hinzufügen. Artemidor 
nahm den pelusischen Nilarm zu 26 Schoinoi an und den 
kanobischen zu 28: demnach ist dieser nach dem griechischen 
Schriftsteller der grössere. Bei Plinius ist es umgekehrt: 
er giebt jenem Arm eine Länge von 166 und diesem eine 
solche von 146 römischen Meilen. Dass Plinius' Angabe 
falsch, dagegen diejenige Artemidors richtig ist, ersieht man 
aus dem Itinerar Antonius, nach dem die Landstrasse von 
Alexandria bis Memphis eine Länge von 145^). die von Pelu- 

Bei Strabon XVII 786. 

^ I 64. XV 701 und XVH 791. 

») C. 106. 

*) I 34,1. 

*) V 48. 

«) 8. 155,1-156,2. 



— 42 — 

sion nach Memphis eine solche von 122 Milien^) hat Plinias 
beging hier unstreitig einen Fehler, und zwar wahrscheinlich 
dadurch, dass er die Zahlen vertauschte: die Länge des 
pelusi sehen Arms sollte nach ihm wohl 146 römische Meilen 
und die des kanobischen 166 betragen. 

Wir begegnen hier zwei Traditionen, welche nichts mit 
einander gemein haben. Ähnliches finden wir, wenn wir 
die Zahlenangaben über die Länge des Nillaufs in 
Ägypten zusammenstellen. Wir schicken vorauf, dass er 
nach modernen Ansätzen von Assuän bis zur Mftndung etwa 
1190, von Assuän bis Kairo 960 km lang ist. Aus Herodot 
kann man f&r die Länge des Nillaufs innerhalb Ägyptens 
zwei Masse gewinnen. Einmal giebt er^ die Entfernung 
Thebens vom Meere zu 6120 Stadien an und die der Insel 
Elephantine von Theben zu 1800: die Länge des Nil in 
Ägypten beträgt danach 7920 Stadien oder 132 Schoinoi zu 
60 Stadien. An anderen Stellen berechnet er die Entfernung 
der Stadt Heliupolis vom Meere, d. h., wie wir oben^ sahen, 
von Pelusion aus zu 1500 Stadien^), die Distanz von Heli- 
upolis bis Theben zu 4860^) und die von der alten Reichs- 
hauptstadt bis Eäephantine zu 1800^: aus diesen Zahlen ge- 
winnen wir eine Nillänge von 8160 Stadien oder von 136 
Schoinoi zu 60 Stadien. Herodot kannte demnach zwei Masse 
fbr die Länge des Nillaufs innerhalb Ägyptens, eins zu 132 
und eins zu 136. Schoinoi. Dieses letztere und längere Mass 
bezieht sich auf den Nil von Elephantine bis zur pelusischen 
Mfindung : da der Arm, der nach Pelusion seinen Namen hatte, 
kfirzer als der kanobische war, so kann das kleinere Mass 
von 132 Schoinoi nicht, wie man vermuten könnte, die Länge 
des Nil von Elephantine bis Eanobos bezeichnen. 132 Schoinoi 
zu 60 Stadien sind 1559,25 km, 136 Schoinoi 1606,5 km: 



*) S. 162,5. 


») II 9,2 f. 


») 8. 40. 


*) U 7,2 f. 


■) n 9,1. 


«)§3. 



— 43 — 

diese Masse entsprechen nicht der Wirklichkeit, da der Nil 
nar eine Länge von ungefähr 1190 km hat. 

Neben der Angabe Herodots steht eine andere, welche 
von zwei Schriftstellern vertreten wird. Nach Diodor^) 
waren 6000 Stadien von der Küste bis zur Südgrenze Ä- 
gyptens; dasselbe sagt Aristokreon ^, 750 römische Meilen 
oder 6000 Stadien soll nach ihm die Insel Elephantine vom 
Meere entfernt gewesen sein. Wie die runde Summe lehrt, 
haben wir hier die Berechnung des Scheines zu 30, 40, 60 
oder 120 Stadien. In welchem dieser vier Schoinoi unser 
Mass ausgedrückt gewesen ist, kann man zunächst nicht ent- 
scheiden. Diese Frage ist einstweilen auch nebensächlich, 
da wir trotzdem angeben können, wieviel Kilometern das 
ägyptische Urmass entspricht. Unsere 6000 Stadien sind 
nämUch, mögen sie nun auf 200 Schoinoi (zu 30 Stadien) 
oder auf 150 (zu 40) oder auf 100 (zu 60) oder gar auf 50 
(zu 120) zurückgehen, gleich 1181,25 km. Vorzüglich passt 
diese Zahl zu den modernen Berechnungen, welche dem Nil 
eine Länge von etwa 1190 km geben. 

Neben dieses höchst exakte Mass stellt Plinius ein an- 
deres. Er giebt die Entfernung der Insel Elephantine von 
Alexandria zu 580 Milien an.^) Um seine Zahl in das rechte 
Licht zu setzen gegenüber denen Artemidors, Jubas und A- 
ristokreons, von denen der erste die Strecke von Philai bis 
zur Spitze des Delta zu 600, der zweite dieselbe zu 400 und 
der dritte die Entfernung der Insel Elephantine vom Meere 
zu 750 römischen Meilen bestimmte, fügt er hinzu : ,So sehr 
haben die soeben genannten Schriftsteller sich geirrt'. Und 
doch hat sich nicht Aristokreon geirrt, sondern grade Plinius. 
Seine 580 Milien (4640 Stadien) gehen ohne Zweifel zurück 
auf 145 Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischQU Stadien. Dieses 
Mass entspricht nur 856,4 km, erreicht also bei weitem nicht 
die Angabe des Aristokreon, der dieselbe Strecke zu 1181 
km berechnete, und moderne Ansätze, welche sie zu etwa 

') I 31,6. 

«) Bei Plinius V 59, 

») V 59. ' . 



— 44 — 

1190 km annehmen. Der Irrtum des Plinius ist hier wie 
vielfach leicht zu beseitigen. Er (oder seine Quelle) fand 
145 Schoinoi für die Länge des Nil, diese berechnete er in 
der ihm geläufigen Weise zn 32 ptolemäisch-römischen Sta- 
dien statt zu 40 Stadien. Legen wir letztere Grösse zu 
Grunde, so finden wir, dass die Länge des Nil nach der Be- 
rechnung, der Plinius folgt, 1141,9 km betrug. Man könnte 
versucht sein, in dieser Zahl eine Längenangabe zu sehen, 
welche als dritte neben die Distanz Herodots und die träte, 
die bei Aristokreon und Diodor erhalten ist. Diese An- 
nahme wäre irrig. Plinius' Mass ist genau 39,375 km 
oder 5 Schoinoi zu 40 Stadien kürzer als dasjenige, das wir 
durch Aristokreon und Diodor kennen. Da aber die Ent- 
fernungsangabe des Verfassers der Naturgeschichte 145 Schoi- 
noi zu 40 Stadien entspricht, so muss diejenige Aristokreons und 
Diodors auf 150 Schoinoi zu ebensoviel Stadien zurfick- 
gehen. Letztere war also 5 Schoinoi länger als das Mass 
des Plinius. Diese 5 Schoinoi erwähnt der Verfasser der 
Naturgeschichte an derselben Stelle, wo er die Entfernung 
der Insel Elephantine von Alexandria zu 580 römischen 
Meilen angiebt. Seine dunklen Worte i) sind: Elephantis in- 
sula intra novissimum catarraden IUI M pcLSSuum et supra 
Syenen XVI M häbitatur, navigationis Äegyptiae ßnis, ab A- 
Uxandria DL XXX M pass. Das Nächstliegende wäre, an- 
zunehmen, die Insel Elephantine habe sich 4 römische Meilen 
unterhalb des untersten Eatarrakts und 16 Milien oberhalb 
Syene befunden. Aber dies widerspricht der Wirklichkeit: 
Elephantine lag unterhalb Syene. Die Worte können also 
nur folgendes besagen: die Insel Elephantine, bei der die 
ägyptische Schiffahrt ihr Ende erreicht, liegt 4 Milien unter- 
halb des untersten Eatarrakts, das Land Ägypten aber wird 
noch 16 römische Meilen oberhalb Syene bewohnt, obgleich 
die Schiffahrt hier zu Ende ist. Diese 4 Milien des Plinius 
entsprechen einem Schoinos zu 32 ptolemäisch-römischen Sta- 
dien und seine 16 Milien 4 solchen Schoinoi. Wenn man 
beide Zahlen addiert, erhält man 5 Schoinoi. Es scheint mir 

*) A. a. 0. 



— 45 — 

sehr wahrscheinlich zu sein, dass in diesem Mass das Minus 
steckt, welches wir bei Pltnius gegenüber Aristokreon und 
Diodor vermissen. Diese beiden Schriftsteller geben die 
Länge des Nillaufs in Ägypten zu 160 Schoinoi an, Plinius 
zu 145: er (oder richtiger seine Quelle) rechnete von den 
ihm bekannten 150 Schoin,oi 4 ab fttr die Entfernung der 
Südgrenze Ägyptens, d. h. des südlichsten bewohnten Punktes 
im Pharaonenlande von Syene und einen für die Entfernung 
Elephantines von dem untersten Eatarrakt oder von Syene, 
zwei Orten, von denen Plinius angenommen haben muss, dass 
sie unter derselben geographischen Breite lägen. Wir haben 
demnach zwei Masse, die auf eins zurückgehen: das eine 
giebt die Entfernung der Insel Elephantine von Alexandria 
zu 145 Schoinoi an, das andere die Distanz zwischen der 
Südgrenze und dem Meere zu 150. Mit beiden Angaben 
muss man nicht allzu streng verfahren. Diodor sagt, die 
Ausdehnung Ägyptens von Norden nach Süden betrage 6000 
Stadien, nach Aristokreon dagegen mass, da wir Plinius' 
Worte wohl so scharf fassen müssen, allein die Entfernung 
der Insel Elephantine vom Meere so viel Stadien. Der Ver- 
fasser der Naturgeschichte endlich sagt gradezu, seine Distanz 
sei berechnet zwischen dieser Insel und Alexandria. In 
diesem Falle dürfen wir das Wort Alexandria, das hier gleich- 
bedeutend mit ,Meer' ist, ebenso wenig scharf fassen, wie 
bei Aristokreon das Wort Elephantine, das bei diesem Autor 
nichts anderes bezeichnen und andeuten soll als die Süd- 
grenze Ägyptens. 

Auf der einen Seite haben wir die Angabe Diodors und 
Aristokreons, der Nil habe eine Länge von 150 Schoinoi zu 
40 Stadien, also 6000 Stadien oder 1181 km; dieselbe Be- 
stimmung haben wir bei PUnius, nach dem die Insel Ele- 
phantine 145 Schoinoi oder 1142 km von Alexandria und 5 
Schoinoi, 39 Kilometer, von der Südgrenze des Pharaonen- 
landes entfernt gewesen sein soll Auf der anderen Seite 
haben wir Herodots Nachricht, nach welcher der Nil entweder 
132 oder 136 Schoinoi, 7920 oder 8160 Stadien lang ist. 
Zu diesen Angaben kommt noch eine neue, die wir nur an- 



— 46 — 

führen, damit man sieht, wie verkehrt es wäre, wenn man 
den Versuch machte, alle Angaben über eine und dieselbe 
Entfernung auf ein ägyptisches Urmass zurückzuführen. 
Nach Josephos ^) beträgt die Länge Ägyptens, d. h. die Ent- 
fernung Syenes von Pelusion 2000 Stadien. Diese Zahl hat 
mit keiner der vielen Angaben, die wir soeben kennen ge- 
lernt haben, das geringste zu thun. 

Der Vollständigkeit wegen erwähnen wir noch zwei 
Masse, die mehr oder weniger hierher gehören. Nach Arte- 
midoros war die Insel Philai 600 Milien von der Spaltung 
des Nil entfernt, nach Juba nur 400^). Beide Zahlen gehen 
auf ein und dasselbe Mass zurück : 600 römische Meilen oder 
4800 Stadien sind gleich 80 Schoinoi zu 60 Stadien, 400 
Milien öder 3200 Stadien sind gleich ebensoviel Schoinoi zu 
40 Stadien. Beide Schriftsteller fanden demnach in ihrer 
Quelle die Entfernung der Deltaspitze von Philai zu 80 
Schoinoi angegeben. Dieses Mass lässt sich weder mit He- 
rodot vereinigen, nach dem die Distanz wenigstens 107 Schoi- 
noi gross war, noch mit Diodor und Aristokreon. Wir haben 
also wiederum eine neue Bestimmung, die selbständig neben 
mehreren anderen steht. Erwähnen wollen wir aber, dass 
die 80 Schoinoi, falls wir sie mit Artemidor zu 60 Stadien 
rechnen, 945 km geben, d. h. nicht viel weniger als die mo- 
dernen Berechnungen: wie wir oben^) gesagt haben, bestimmt 
man jetzt die Länge des Nil zwischen Assuän und Kairo zu 
960 km. 

Unsere Untersuchungen über die Länge des Nillaufs in 
Ägypten zeigen uns dasselbe, was wir oben, als wir die 
Masse der drei Seiten des Delta verglichen, gesehen haben. 
Wir lernen daraus, dass für eine und dieselbe Entfernung 
mehrere Angaben in der Litteratur vorhanden sein können, 
die nichts mit einander gemein haben : der Versucli, sie auf 
ein Urmass zurückzuführen, wäre ein verfehlter. Dass man 
aber für eine Entfernung mehreren Angaben in der antiken 

*) Bellum lud. IV 10,5. 
«) Bei Pliniofl V 59. 
•) S. 42. 



— 47 — 

Litteratur begegnet, ist ebenso wenig auffällig, wie wenn man 
heate, um ein Beispiel zu wählen, das f&r viele gelten soU, 
für den Bhein in verschiedenen Lehrbtlchem verschiedene 
Längenangaben findet. So wenig auffällig demnach die Un- 
gleichheit in den Zahlen ist, so erschwert sie doch in vielen 
Fällen, das wahre Wesen des Schoinos zu ergründen. Noch 
schhmmer wird dies durch eine ziemlich grosse Zahl ent- 
stellter Masse, welche besonders die späteren Geographen 
auf uns gebracht haben, z. B. Stephanus ^) von Byzanz unter 
den Griechen und Pomponius Mola 2) oder der Verfasser^ 
der ,Divisio orbis terrarum^ oder der^) der ,Dimensuratio 
provinciarum^ unter den Römern. 



*) Vgl. S. 56,19 f. M. mit Diodor I 97,2. 
^ Vgl. I 65 S. 17,3 Parth^ z. B. mit Plinius V 50. 
^ C. 20, bei Riese Geographi latitU minores S. 18. 
^) C. 28, bei Riese S. 14. 



ITL 

Wir haben bisher im allgemeinen das Wesen des Schoinos 
zu erkennen gesacht: wie wir gesehen, ward er einerseits 
zn 30, 40, 60 oder 120 Stadien berechnet, andererseits zn 
SS^Is attischen und zn 32 ptolemäisch-römischen Stadien. Ein 
and dasselbe ägyptische Urmass konnte infolgedessen, in das 
griechische oder römische Mass nmgerechnet, die ver- 
schiedensten Gestalten annehmen. 30 Schoinoi z. B. können 
900, 1200, 1800 oder gar 3600 Stadien sein, ja sie können 
aach 960 ptolemäisch-römischen and 1000 attischen Stadien 
gleich sein. Wie man sieht, konnte ein ägyptisches Mass 
auf mehr als sechs verschiedene Arten in ein griechisches 
umgerechnet werden. Noch verwickelter wird dies dadurch, 
dass die Bömer stets 8 Stadien auf die Milie rechnen, also 
alle Stadien als ptolemäisch-römische behandeln. Dies öffnete 
neuen Fehlern Thür und Thor. Wie wir soeben gesagt, 
entsprechen 30 Schoinoi aufs genauste sowohl 960 ptolemäisch- 
römischen als auch 1000 attischen Stadien. Der Wert dieser 
beiden Masse ist derselbe ; aber jenes galt den römischen 
Schriftstellern gleich 120 Milien, dieses gleich 125. So sind 
scheinbar verschiedene Massangaben in die Welt gekommen : 
der, welcher ihnen nachforscht, findet, dass ihr Urmass 
dasselbe ist. 

Anders war demnach das Verhalten der griechischen 
Schriftsteller dem Schoinos gegenüber, anders das der 
römischen. Da es von grösster Bedeutung ist, zu erkennen, 
wie der einzelne Autor sich dem ägyptischen Mass gegen- 
übergestellt hat, wollen wir dies nunmehr mit Hülfe des 
oben gebotenen Materials, das wir, wenn nötig, noch ver- 
mehren werden, für die Quellen feststellen, welche die Er- 



— 49 — 

kenntnis des wahren Wesens des Schoinos fördern. Wir 
werden die Schriftsteller im grossen and ganzen der Zeit- 
folge nach besprechen. 

Herodot kennt eigentlich nur den Schoinos zu 60 
Stadien. Zunächst sagt er ausdrücklich, jeder Schoinos messe 
60 Stadien 1), und dann stellt er mehrfach die Summe 
der Schoinoi zum Vergleich neben die der Stadien. Die 
Eüstenlänge Ägyptens 2) und den umfang des Mörissees^) 
giebt er zu 60 Schoinoi oder zu 8600 Stadien an. Auch 
sonst sind die Masse aus Ägypten, die Herodot in Stadien 
anfuhrt, durch 60 teilbar, sie gehen also auf Schoinoi zu 60 
Stadien zurück. So beträgt der Umfang der Thebais nach 
ihm 6120 Stadien^), die Entfernung des Meeres von Heliu- 
polis 1500 Stadien^), die, wie wir oben gezeigt haben, 25 
Schoinoi entsprechen müssen, die Entfernung des Meeres von 
Theben 6120 Stadien®), die von dieser Stadt bis Elephantine 
1800*^) sowie endlich die der Stadt Heliupolis von Theben 
4860 Stadien^): allen diesen Massen liegen Schoinoi zu 60 
Stadien zu Grunde. Wollte man daraus den Schluss ziehen, 
dass es bis zur Zeit Herodots nur so grosse Schoinoi gegeben 
habe, so wäre dies sehr verkehrt. Der Weg vom Easios- 
berge zum roten Meere, dessen Länge er zu 1000 Stadien 
angiebt®), mass vielmehr, wie wir sahen, 25 Schoinoi zu 40 
Stadien ^^). Jedoch hat Herodot dies nicht gewusst, er hörte 
nur, dass der genannte Weg 1000 Stadien lang sei. Dies 
ist nicht aufiällig. Die Breite der Landenge von Sues muss 

^) n 6,3 : h 8k axoipos auunog^ f/ih(fov bojv Alywntor^ i^fcovra atiduL 
(Bvvwttu), 

«) n 6. 149,1. 
«) n 149,1. 

*) n 15,7. 
») n 7. 
«) II 9,2 f. 
Ol 3. 
*) n 9,1. 

») II 158,5. IV 41,2. 

^^ Wir mögen noch in einem anderen Falle den Schoinos za 40 Sta- 
dien bei Herodot haben. Die wunderbare Insel Elbo besass nach ihm eine 
Grösse von 10 Stadien (11 140). Geht diese Zahl auf das ägyptische Mass 

BerUner Stadien, Band XV, 3. ^ 



— 50 — 

an und f&r sich in jedem antiken Compendium der Geographie 
eine Eolle gespielt haben, sie muss dies nm so mehr, alg 
der Isthmos wegen seiner geringen Breite bemerkenswert 
war. Wie sehr dieselbe den alten Geographen aufgefallen 
ist, kann man daraus entnehmen, dass Herodot sie sogar 
einmal nach Orgyien berechnet^). Deshalb können wir als 
sicher annehmen, dass man damals in Ägypten amtlich nach 
Schoinoi zu 60 Stadien rechnete. Dies schliesst nicht not- 
wendig den Gebrauch der anderen Rechnungsarten aus, aber 
dieselben können nur eine geringe lokale Bedeutung besessen 
haben. Wenn man sich die historischen Verhältnisse ver- 
gegenwärtigt, so kann man als ziemlich sicher annehmen, 
dass der Scheines zu 60 Stadien dadurch das offizielle Mass 
Ägyptens unter der Perserherrschaft wurde, dass er, wie 
Herodot mehrfach betont, (beinahe genau) doppelt so gross 
war als der Parasang, das persische Beichsmass. 

Lehmann^) vermutet, Herodot habe seine Masse f&r 
Ägypten ,den babylonisch-persischen Vermessungen, zumeist 
wohl durch Vermittelung des Hekataios, entnommen^ Diesem 
ionischen Logographen mag Herodot manche seiner Masse 
entlehnt ' haben, wie ausser Lehmann^ schon frtther Diels^) 
angenommen hatte, aber auf babylonisch - persische Ver- 
messungen gehen diese Masse nicht zurück. Wäre dies der 
Fall, so mtissten wir, wie Lehmann mit Recht urteilt, ein 
einheitliches Mass haben, nämlich den Parasang-Schoinos zu 
30 Stadien. Auch Hultsch^) will für die Schoinoi Herodota 
nur diese Grösse gelten lassen. Wir haben aber soeben 
gesehen, dass eine der Quellen Herodots bereits den Schoinos 



zurück, 80 ist sie am ersten V« ^^ Schoinos zn 40 Stadien, da man Viertel 
der Schoinoi auch sonst, z. B. im Itinerar Antonins, findet Ein Sechstel 
des Schoinos zu 60 Stadien oder ein« Drittel deqenigen zu 30 können die 
10 Stadien wohl kaum sein. 

IV 41,2, 

»; S. 229,1. 

>) Im Hennes XXVll S. 640,4; in der Zeitschr. f. Ethnologie 1892 
S. 418 ff. 

*) Im Hennes IXJl S. 411 ff. 

•) S. 58f. 



— 51 — 

zu 40 Stadien gerechnet hat, wovon der Vater der Geschichte 
selbst freilich keine Ahnung hatte; wir haben femer oben^) 
gezeigt, dass Herodots Scholnoi flir die Länge des Nillanfs 
nicht solche von 30 Stadien gewesen sein können. Ebenso 
haben wir diesoA kleineren Schoinos nicht, wenn Herodot die 
Entfernung der Stadt Helinpolis von Theben zu 81 Schoinoi 
angiebt; denn die Distanz beträgt nach neueren Berech- 
nungen 765 km, nach Lehmann aber wurde die babylonisch- 
persische Beichsyermessung ihre GrOsse nur zu 81x30=2430 
babylonisch-persischen Stadien oder 482 km bestimmt haben. 
Ebenso kann unmöglich die Entfernung Elephantine-Theben 
nach dem Schoinos -Parasang von 30 Stadien berechnet 
worden sein; denn, hätte Lehmann recht, so betrage die 
Distanz nur 179 km, während sie in Wirklichkeit 215 misst. 
So viel steht demnach fest, dass der Schoinos zu 30 Stadien 
zur Zeit Herodots nicht das amtliche ägyptische Wegemass 
war, in lokalem Gebrauch muss er dagegen wie der Schoinos 
zu 40 Stadien gewesen sein, da die Entfernung der Stadt 
Helinpolis vom Meere nicht 1500 Stadien oder 25 Schoinoi 
zu 60 Stadien^ mass, sondern 750 Stadien, nämlich 25 
Schoinoi zu 30 Stadien^. Es gab demnach zur Zeit Herodots 
nachweisbar Schoinoi zu 30, 40 und 60 Stadien: gleichwohl 
kennt der Vater der Geschichte nur die letzteren. Dies 
muss irgend einen Grund haben. Lepsius^) glaubte, Herodot 
habe' den Schoinos erst in Theben kennen gelernt und ihm 
deshalb irrtümlich überall wie in der Tbebais 60 Stadien 
gegeben. Dieser Ansicht, die Hultsch^) acceptiert, kann ich 
mich nicht anschliessen, da Herodot jedenfalls mehr Er- 
kundigungen in Helinpolis als in Theben eingezogen und ohne 
Zweifel die Entfernung der Sonnenstadt vom Meere und von 
Theben in Helinpolis und nicht in Theben kennen gelernt 
hat. Da er in der Sonnenstadt und sonst nur von dem 



S. 6. 

^ Herodot n 7. 

Vgl ArtemidoT bei Strabon XTII 804. 
«) ZeitBohr. f. äg. Sprache 1877 S. 7. 
S. 363. 



— 52 — 

Schoinos zu 60 Stadien gehört hat, mass derselbe damals 
das Landesmass und von der persischen Begiernng aner«- 
kannt gewesen sein^). 

Mit unseren Ausführungen gegen Lehmann können wir 
uns zugleich gegen Vermutungen Dörpfelds wenden ^. Bereits 
Lepsius^ ist ihnen entgegengetreten, ohne sich aber in eine 
eigentliche Widerlegung einzulassen. Dörpfeld stfttzt sich 
auf ,den fast allgemein gebilligten Nachweis^ Letronnes, der 
Schoinos messe 12000 Ellen (6,3 km.) Während die litte- 
rarischen Nachrichten dazu aufs beste passten, lasse sich 
Herodots Angabe, der Schoinos messe 60 Stadien, hiermit 
nicht in Einklang bringen. Dörpfeld schliesst deswegen, dass 
Herodot, da er ein Stadion von c. 0,177 km gehabt habe, 
35 bis 36 Stadien auf einen Schoinos (6,3 km) habe rechnen 
müssen. Unter diesen Verhältnissen ist es seiner Meinung 
nach wahrscheinlich, dass ,das bei Herodot stehende Wort 
iji/xot^a eine einfache Verstümmelung von S^ (xai r^i)i7xorra 
ist^ Dörpfelds Vermutung ist allein deshalb unmöglich, 
weil sie, wenn sie richtig wäre, zur Änderung an wenigstens 
acht Stellen zwänge. Dies allein genügt seine Ansicht zu 
entkräften, um so mehr da der Schoinos, wie wir gezeigt 
haben, von Letronne fälschlich zu 6,3 km bestimmt worden 

^) Zuletzt hat Lepsios {Längmmasse S. 64. 17. 70. 98) die Ansicht 
vertreten, zur Zeit Herodots habe es in Ägypten den Schoinos zu 80 und 
den zu 60 Stadien gegeben, ersterer aber sei Parasang genannt worden; 
überhaupt seien alle Masse, welche von Herodot n 6,2 f. erwähnt werden, 
die Orgyie, das Stadion, der Parasang und der Schoinos, ägyptische. Die Worte 
des Vaters der Geschichte (^otjoi fikv ya^ YsameTvoU etat av&qwjuijv ^ ^^tgat 

k'xovai^ na^faa6.yYrioir ot 3k a<p&ovov Xiijv, ü%oivoun, dvvarat Si h fUv na^acAy" 
yrjs T(firptovta atdSta' h dk o%divoi acooroff, fUtf^ iwv Alyvmtoy^ iiipeW' 
taaraSta) zeigen aber jedem, der nicht voreingenommen ist, dass Lepsios' 
Ansicht falsch ist. Herodot betont ausdrücklich von dem Schoinos. er sei 
ein ägyptisches Mass, aber von ihm allein: folglich ist die Orgyie, das Sta- 
dion und der Parasang kein ägyptisches Mass. 

*) Beiträge ntr antiken Metrologie II in den Mittheilungen d. arch. 
Institutes in Athen VIU (1888) S. 55 f. Dieselbe Ansicht wie Dörpfeld 
hatte schon früher Wittich im Philologus XXTTI S. 264,4 aufgestellt. 

*) ^^Die ägyptischen Längenmassi^^ von Dorp/eU in den MitÜL d. Inst 
in Athen YHI S. 244. 



— 53 — 

ist. Endlich ist es überhaupt unrichtig, wenn Dörpfeld 
glaubt, nur der Schoinos von 36 (richtiger 30) Stadien liege 
Herodots Massangaben zu Grunde. In wieweit dies falsch 
ist, haben wir soeben der Annahme Lehmanns gegenüber 
zur genüge gezeigt. 

Bei Aristobulos, dem Geschichtschreiber Alexanders 
des Grossen, liegen die Verhältnisse schon anders. Er 
giebt die Entfernung Paraitonions von Alexandria zu 1600 
Stadien an^). Dieses Mass, das auch anderweitig verbürgt 
ist, könnte 40 Schoinoi zu 40 Stadien oder 50 Schoinoi zu 
32 ptolemäisch-römischen Stadien entsprechen. Da aber im 
Zeitalter des Aristobulos noch keine ptolemäisch-römischen 
Stadien vorhanden waren, so können nur 40 Schoinoi zu 40 
Stadien das Urmass gewesen sein. Ist unsere soeben aus- 
gesprochene Vermutung, unter den Persern sei nur der 
Schoinos zu 60 Stadien offiziell im Gebrauch gewesen, richtig, 
so müssen schon bald nach dem Sturze der Perserherrschaff 
auch die anderen Werte wieder mehr zu Ehren gekommen sein. 

Auch Aristokreon, der wohl von uns an dieser Stelle 
genannt werden muss, kennt Schoinoi zu 40 Stadien. Er 
giebt nämlich die Entfernung der Insel Elephantine vom 
Meere zu 750 Milien an^), welche, wie wir oben^) sahen, 150 
Schoinoi zu 40 Stadien entsprechen. Leider wissen wir von 
ihm nicht mehr. 

In einer etwas besseren Lage befinden wir uns Arte- 
midoros gegenüber. Bei ihm haben wir sowohl Schoinoi 
zu 30 und 60 Stadien, als auch solche zu 33V8 attischen und 
wohl ebenfalls zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien. Dass 
er den Schoinos 30 Stadien gleichstellte, erfahren wir aus 
seinen eigenen Worten bei Strabon^): die Entfernung Alexan- 
drias von der Deltaspitze berechnete er zu 28 Schoinoi oder 
840 Stadien und die Entfernung Pelusions von diesem Punkte 
zu 25 Schoinoi oder 750 Stadien. Ebenso bestimmt wissen 



*) Bei Aman .*w^. IE 3,3. 
») Bei Plinius V 59. 
») S. 43 ff. 
*) XVn 803 f. 



— 54 — 

wir, dass er das ägyptische Mass 60 Stadien gleichsetzte« 
Er giebt die Distanz zwischen der Insel Philai nnd der Delta- 
spitze zu 4800 Stadien (nach Plinius^) zu 600 Milien) an, 
luba dieselbe jedoch zn 3200 Stadien (zu 400 römischen 
Meilen nach dem Verfasser der Naturgeschichte)^): beide 
Zahlen müssen aof 80 Schoinoi znr&ckgehen, die dieser 
Schriftsteller zu 40 und jener zu 60 Stadien berechnete. 
Interessant ist es, wenn man diese wie die vorhergehende 
Angabe Artemidors nebeneinander stellt: Die Schoinoi im 
Deltalande berechnet er zu 30 Stadien, die in der Thebais 
im weiteren Sinne, d. h. in Ober- und Mittelfigypten zu 60. 
Wir werden hierauf noch bei Strabon zur&ckkommen. 

Auch den Schoinos zu SSVs attischen Stadien finden wir 
bei Artemidor. Nach ihm mass die EOste Agjrptens vom 
Nordende desheroopolitischen Meerbusens bis Ptolemais Theron 
1137,5 römische MeUen^ oder 9100 Stadien.^ Diese Zahl 



^) V 59. 

*) Bei Plinius VI 164. Jan, der Herausgeber des Plimos, schreibt 
1134,5 Milien; aliein der umstand, dass diese Zahl 9076, 1137,5 römische 
Meilen dagegen 9100 Stadien, also einer nmden Somme entsprechen, beweist, 
dass 1137,5 richtig ist. Dabei beachte man, dass Brachteile von Milien, 
wie wir noch zeigen werden, sich nur dann finden, wenn die Zahl der 
Stadien eine ronde ist 

*) Scheinbar widerspricht Strabon der Angabe Artemidors; doch wird 
man sehen, wenn man seine Worte genau nimmt, dass sie dasselbe wie die- 
jenigen des letzteren Schriftstellers besagen. Strabon erzählt nämlich nach 
Eratosthenes (XYI 768): ro ii ttata titv T^atylo^m^, 6m^ iarlv iv S^iaf 
aoünUovany cmb !H(paW noXsoK^ f*hKf* /^ IltoXefiatSot »al t^t %wf ciU^df* 
%w &7j^as ivatuoxiXtoi n^Q fuatj/iß^iav mddiot uaX lut^fov enX rijv aw. Nach 
seinen Worten fuhr man von der Nordspitze des roten Meeres 9000 Stadien 
(225 eratosthenische Schoinoi zu 40 « 270 ägyptische Schoinoi zu 88Vs 
attischen Stadien) in grader Richtung nach ISüden und dann eine kleine 
Streoke nach Osten. Diese ,kleine Strecke^ betrug nach Artemidors Ansatz 
100 Stadien. Denmaoh stimmen beide Autoren au& beste überein« — An 
Agathemeros (C. 14) können wir verfolgea, wie ungenaue und falsche Nach- 
richten entstehen. Während Strabon noch ausdrücklich sagt, das rote Meer 
oder der arabische Meerbusen reiche 9000 Stadien nach Süden und ein 
wenig nach Osten, weiss Agathemeros nur noch etwas von 9000 Stadien 
(h Sk j4(^ßtos inohjtaQ . . . s(09 rfc XTToiU/Aarjoff r^c enX ^f^ffoiSy ataSümw 



— 55 — 

kann nur gleich 273 Schoinoi zu SSVs attischen Stadien sein. 
Weniger steht fest, ob Artemidor auch Schoinoi zu 32 ptole« 
mäisch-römischen Stadien hat. Nach Plinius ^) nahm Artemidor 
für die Entfernung Meroes von Syene 600 Milien oder 4800 
Stadien an. Dies können entweder 150 Schoinoi zu 32 oder 
125 Schoinoi zu 38^/5 ptolem&iscb- römischen Stadien sein. 
Wel(äies Mass für Artemidor das richtige ist, kann man nicht 
mit vollster Sicherheit entscheiden^, jedoch höchst wahr- 
scheinlich jenes und nicht dieses. Jedenfalls hat Artemidor 
oder richtiger seine Quelle nach ptolemäisch-römischen Stadien 
gerechnet, Fär uns ist dies ein Besultat von grösster Be- 
deutung, da nunmehr feststeht, dass das ptolemäisch-römische 
Stadion von 0,185 km schon vor der Bömerherrschaft im 
Osten des Mittelmeerbeckens und ohne Zweifel auch in 
Ägypten im Gebrauch war. 

Von Po s eid o nios erfahren wir nur, dass er den Schoinps 
zu 60 Stadien berechnete. Der Landenge von SuSs giebt er 
eine Breite von 1500 Stadien^, während sie nach Herodot^ 
Strabon und Agrippa nur 1000 breit war. Beide Grössen- 
angaben sind eine Umrechnung von 25 Schoinoi: Poseidonios 
multiplizierte das ägyptische Mass mit 60, die Quelle der 
anderen Schriftsteller dasselbe mit 40. 

Von Theophanes^) aus MytUene, einem Zeitgenossen 
des Poseidonios, weiss man nur, dass er den Schoinos zu 
40 Stadien kennt. 

Weit mehr können wir von Diodor sagen, der neben 
Strabon und Plinius am meisten zur Lösung des Schpinos- 
problems beiträgt. Vorwiegend rechnet er den Schoinos zu 
30, 40 und 60 Stadien. Das ägyptische Mass zu 30 Stadien 
haben wir unbedingt in zwei Fällen. Die Pyramiden sind 
nach Diodor^) 120 Stadien von Memphis entfernt und 45 vom 
Nil. Letztere Zahl kann nur IV2 Schoinoi zu 30 Stadien 



VI 188. 

*) Tgl. unten unsere Aosfühningen zu Plinius. 

^ Bei Strabon XI 491. XVn 803. 

*) Ebenda XI 530. 

*) I 68,3. 



— 56 — 

entsprecheD, jene geht wohl auch anf 4 ebenso grosse Schoinoi 
zurück^). Die Schenkel des Deltalandes waren nach Diodor^ 
je 750 Stadien lang. Wie wir sahen, ist dies nur richtig 
für den Schenkel, der Helinpolis mit Peinsion verband: dieser 
war in der That 25 Schoinoi oder 750 Stadien lang'). In 
diesem Falle hat Diodor das angegebene ägyptische Mass zn 
30 Stadien berechnet, in einem anderen wunderbarerweise 
zu 60. Er erzählt^) von einer Mauer, die in einer Aus- 
dehnung von 1500 Stadien zwischen Pelusion und Heliupolis 
erbaut worden sein soll: auch hier liegen die soeben ange- 
führten 25 Schoinoi vor, aber da Diodor ihnen dieses Mal 
60 Stadien giebt, gewinnt er 1500 Stadien, nicht 750, 
wie vorhin. Diesen grösseren Schoinos haben wir bei Diodor 
auch für den Umfang des Mörissees, der 3600 Stadien ge- 
messen haben soll<^): diese Summe entspricht, wie He^odot^^) 
ausdrücklich bemerkt, 60 Schoinoi zu 60 Stadien. Schoinoi 
zu 40 Stadien findet man auch in zwei FäUen. Alexandria 
giebt Diodor von einem Thor bis zum entgegengesetzten eine 
Länge von 40 Stadien, d. h. eine solche von einem Schoinos 
von soviel Stadien. Dasselbe Mass liegt seiner^) sowie 
Aristokreons 7) Längenbestimmung für die Strecke von der 
Küste bis zur Südgrenze Ägyptens zu Grunde: ihre 6000 
Stadien entsprechen 150 Schoinoi zu 40 Stadien. 

Bunde Stadiensummen kamen am meisten den Neigungen 
der griechischen Schriftsteller entgegen, deshalb findet man 

^) Plinius giebt XXXVI 76 die Entfernung der Pyramiden vom Nil 
zu weniger als 4 Milien (32 Stadien) und die von Memphis zu 7,5 römischen 
Meilen (60 Stadien) an. Im ersten Falle haben wir den Schoinos zu 32 
ptolemäisch-römischen Stadien, in diesem wohl den zu 30 Stadien. Ist dies 
richtig, so sind Diodors 120 Stadien nicht gleich 4 Schoinoi zu 30, sondern 
gleich 2 zu 60 Stadien. Oder haben wir bei Plinius einen Schoinos zu 60 
und bei Diodor einen zu 120 Stadien? 

•) I 34,1. 

*) Nach Artemidor bei Strabon XVn 804. 

*) I 57,4. 

*) I 51,6. 

«) n 149,1. 

1 31,6. 

") Bei Plinius V 59. 



— 57 — 

den Schoinos in der Mehrzahl der Fälle zu 30, 40, 60 oder 
120 Stadien berechnet Jedoch schreckte man auch yor einer 
dnrch 5 teilbaren Zahl nicht zurück: wie wir soeben sahen, 
giebt Diodor die Entfernung der Pyramiden vom Nil zu 
45 Stadien (IV^ Schoinoi) an^). Aber auch die Art und 
Weise der alexandrinischen Gelehrten, den Schoinos zu 33 Vt 
attischen Stadien zu berechnen, hatte sich allmählich Bahn 
gebrochen : seit Artemidor begegnet sie uns in der Litteratur. 
Bei Diodor finden wir den Schoinos zu SSVs attischen Stadien 
wenigstens viermal. Das Gebiet des Ammonsheiligtums 
hatte nach ihm 50 Stadien in der Länge und Breite^: diese 
entsprechen IV* Schoinoi zu SSVs attischen Stadien. Die 
Länge der Deltabasis betrug nach Diodors Angaben^) 1300 
Stadien, die der ganzen Küste Ägyptens 2000. Beide Zahlen 
muss er derselben Quelle entnommen haben, aus der, direkt 
oder indirekt, auch Strabon^) und der sogenannte- Skylax 
von Karyanda^) schöpften. Diese Quelle berechnete den 
Schoinos zu SSVs Stadien. Für die Zahl ISOO folgt dies aus 
dem umstände, dass sie nur durch SSVs aufgeht, für 2000 
daraus, dass Herodot 60 Schoinoi oder 3600 Stadien als 
Längenmass für dieselbe Strecke angiebt: den 60 Schoinoi 
Herodots zu 60 Stadien entsprechen in der Quelle Diodors 
60 Schoinoi zu SSVs attischen Stadien. Nach dem Verfasser 
der griechischen Bibliothek^) war der Nil 5500 Stadien von 
der Grenze Äthiopiens an schwer zu befahren: auch diese 
Zahl muss auf Schoinoi zu SSVs attischen Stadien zurück- 
gehen, da sie nur hierdurch teilbar ist. 

In mehreren anderen Fällen sieht man nicht so deutlich, 
welches Mass zu Grunde liegt. Wenn Diodor '') sagt, Akan- 
thonpolis sei 120 Stadien von Memphis entfernt, so können 



') I 63,3. 

^ xvn 50,1. 

^ I 34,1. 
*) xvn 791. 
«) Vgl. C. 106. 
•) I 30,3. 
I 97,2. 



— 58 — 

dies 3 Schoinoi zu 40 oder 4 Schoinoi zu 30 Stadien sein. 
Eher kann man in einem anderen Falle eine Entscheidung 
treffen, wo der Umfang von Memphis zu 150 Stadien ange- 
geben wird^). Dieses Mass kann 5 Schoinoi zu 30, 2Vt zu 
60 Stadien und 4Vt Schoinoi zu 33Vs attischen Stadien ent- 
sprechen: jedoch ist das erste am wahrscheinlichsten. In 
zwei anderen Fällen mag der Schoinos zu SSVs attischen 
Stadien zu Grupde liegen, den man, wie wir sahen, bei 
Diodor keineswegs selten antrifft Wenn er sagt, der NU 
sei von den äthiopischen Bergen bis zum Meer mit seinen 
Krümmungen 12000 2) und der Serbonissee sei 200 Stadien 
lang^), so können diese Zahlen auch auf andere Schoinoi 
zurückgehen, aber da gerade Schoinoi zu SSVs attischen Stadien 
bei Diodor verhältnismässig am häufigsten begegnen, so sind 
höchst wahrscheinlich Stadiengrössen mit zwei Nullen am 
Ende auf diese Schoinoi zurückzuführen. 

Bei Herodot wird ziemlich oft die Entfernung zuerst 
nach Schoinoi und dann nach einem griechischen Masse an- 
gegeben, so dass der Leser die Art und die Richtigkeit der 
Umrechnung kontrolieren kann. Bei den späteren Schrift- 
stellern ist dies höchst selten der Fall. Auch von ihnen 
werden Entfernungen nach Schoinoi bestimmt, aber nur 
selten geben sie dasselbe Mass zugleich in Schoinoi und in 
Stadien an: sie vermeiden dies, wie es scheint, absichtlich, 
damit man nicht sofort sieht, dass die Umrechnung der 
Schoinoi in Stadien, wie sie dieselbe vornehmen, auf gar 
keinem System beruht. Diodor bestimmt nur einmal eine 
Elntfemung nach Schoinoi: die Pyramiden sollen 10 Schoinoi 
von Memphis entfernt gewesen sein^). Freilich verbanden 
die meisten Schriftsteller der späteren Zeit, wie es den An- 
schein hat, mit dem Worte (rxi^rogj wenn sie es schlechthin 
gebrauchten, einen bestimmt-en metrologischen Begriff, d. h. 



») I 60,4. 

•) I 32,2. 

•) I 30,4. 

*) Diodor I 51,6. 



-=. 59 — 

man stellte dieses Mass dem persischen Parasang gleich 0- 
Aber dass man schon seit Diodor immer mit dem Worte 
ax^^og nor den Begriff ,30 Stadien' verbunden habe, ist 
keineswegs anzonehmen. Nur in einem Falle oder wohl noch, 
in einem zweiten wissen wir dies f&r Strabon, der neben 
und mit Plinius unsere Hauptquelle ist. Er liebt es Entr 
fernnngen einfkch nach dem ägyptisQben Mi^s anzugeben: 
Sais liegt ihm 2 Schoinoi (d^otvof) abseits vom kanobischen 
Arm 2), er redet von Länderstrecken, welche eine Ausdehnung 
von 2 Schoinoi haben ^), von Entfernungen oder Ausdehnungen 
von drei^) und vier Schoinoi^). Nur bei drei von diesen fünf 
Entfemungsangaben kennen wir die Länge des Scheines oder 
sind wir wenigstens imstande dieselbe zu bestimmen. In dem 
einen Falle sagt Strabon ausdrücklich^), der Scheines messe 
30 Stadien, in dem zweiten haben wir dasselbe Mass, wie 
wir aus folgender Betrachtung lernen. Schedia, nach Strabon 7) 
4 Schoinoi von Alezandria entfernt, lag zwischen dieser 
Stadt und XaßQhv xo^^). Letzterer Ort ist ohne Zweifel 



^) Vgl. Plutarch A£pr, S. 602: ti^v Maifiovi<w oxoivoie Mal nct^faodyyaig 
fUTQoivttg. Deshalb wird der Parasang im Etymologicum magnom Schoinos 
genannt (s. JB%oi¥tov: a%oivo9 . . . naX fUtifov lU^ut&y^ o ita^ Hiqoa*^ na^a^ 
ciiyYfig Uynar^ auch in den MetroL scr. I S. 353,19) und deshalb wird er 
von dem Mathematiker Heron kurzweg mit diesem Namen belegt (pefini- 
tiones 130 Bultsch ^^ Meirol. scr, L S. 193,15 : axocy»; Ihf^ntrs %a\ 9%oivo^ 
!SU^«r4). Umgekehrt wird auch der Name Parasang auf den ägyptischen 
Schoinos übertragen; aus diesem Grunde sagt das Etymologicum magnum 
(s. na^faoayya* »» Metrol, scr, I 8. 352,4 f.): ILaui^ayyaj^ xk t^mwow« 
tfvo^Mi 9ia^ Hh^wi ' na^ AiyvatiMi 9 i^i^iiofTa, womit nur gesagt sein 
soll, der persische Parasaiig messe 30, der ägyptische Schoinos dagegen 6Q 
Stadien. 

«) XVn803. 

*) "^TT 558: Xm^v 9la%oi¥ov^ Tovro 9 earlr kirpiovta tnaStoi, 

*) Memphis ist 3 Schoinoi {t^ioww) vom Delta entfernt (Strabon 
XVn 807). 

') Die Distanz zwischen Schedia und Alezandria ist nach Strabpn XYII 
800 vier Schoinoi {yt%ifda%otyw) gross. Ähnlich redet er Xu 558 vox» einer 
(Xfl2ipa) xttffduoiotfinn, 

«) Xn 558. 

') xvnsoo. 

») XVn 803. 



— 60 — 

dentisch mit der Stadt Ghereu im Itinerar Antonins, dem 
XaiQiov bei Stephanos voq Byzanz^). Mag nun Ghereu, wie 
das Itinerar das eine Mal sagt 2), nur 20 oder, wie es ein 
anderes Mal angiefct^), 24 Milien von Alexandria entfernt 
gewesen sein, so folgt für die 4 Schoinoi Strabons in jedem 
Falle, dass sie nur solche zu 30 Stadien sein können. Die 
20, bezw. 24 römischen Meilen des Itinerars entsprechen 5, 
resp. 6 Schoinoi zu S2 ptolemäisch-römischen Stadien. Wären 
nun Strabons 4 Schoinoi solche zu 40 Stadien, so m&sste 
Ghereu 6 Schoinoi yon Alexandria entfernt gewesen sein und 
in nächster Nähe von Schedia, in einer Distanz yon nur 
20 Stadien, gelegen haben. Da nichts fhr letztere Annahme 
spricht, so ist es weit wahrscheinlicher, dass die 4 Schoinoi 
Strabons solche zu 30 Stadien waren, Schedia also genau 
einen oder zwei Schoinoi näher bei Alexandria lag als Ghereu. 
Von fünf FäUen ist es also in zweien sicher oder doch fast 
so gut wie sicher, dass Strabon den Schein os zu 30 Stadien 
im Auge hatte. Wollte man daraus schliessen, dass er immer 
an den Scheines zu 30 Stadien gedacht habe, der bei dem 
Geographen Ptolemaios und dem Mathematiker Heron der 
Scheines schlechthin ist, so wurde man irren, da wenigstens 
in einem der drei bisher noch nicht behandelten Fälle der 
Scheines zu 40 Stadien vorliegt. Strabon^) giebt die Ent- 
fernung der Stadt Memphis yon der Spaltung des Nil zu 
3 Schoinoi, Plinius^) zu 15 Milien (120 Stadien) an: der 
Scheines mass demnach 40 Stadien. Zur Zeit Strabons gab 
es also noch eine grössere Mannigfaltigkeit in der Berechnung 
des Scheines, wie wir auch im folgenden sehen werden. 

Strabon verdanken wir am meisten unsere Kenntnisse 
über das Wesen des Scheines. Er erzählt^), dass man ihm 
auf seiner Fahrt nilaufwärts die Länge des Scheines ver- 



^) S. 112,9 M, 

*) S. 154,5. 

») S. 165,1. 

*) XVII 807. 

^) V 50. 

«) XVn 804. XI 518. 



— 61 — 

schieden angegeben habe. Auch der Qeograph Artemidoros 
bezeuge, dass der Schoinos kein constantes Mass sei, sondern 
bald 30, 40 und noch mehr Stadien betrage. Von Memphis 
bis znr Thebais messe er 120, von der Nordgrenze der 
Thebais bis Syene 60 Stadien. Von Pelusion und von 
Alexandria bis zur Spitze des Delta berechne Artemidor den 
Schoinos zu 30 Stadien i). Wegen dieser seiner Veränderlich- 
keit stellte Strabon den Schoinos dem Parasang an die Seite, 
der bald 30, bald 40 und 60 Stadien messe <). Im einzelnen 
erhalten wir zu diesen Bemerkungen aus Strabons Geographie 
noch Bestätigungen und Nachträge. So begegnen uns noch 
einmal Schoinoi oder richtiger Parasangen zu 40 Stadien^), 
und erfahren wir gelegentlich % dass die Schoinoi zu 60 Stadien 
in dem Gebiete zwischen dem Zollamt, welches ' EgfionohtiKti 
(pvlax^ hiess, und Syene oder Elephantine im Gebrauch waren. 
Das ägyptische Mass betrug demnach in den verschiedenen 
Gegenden des Landes bald 30, 60 oder 120, mitunter auch 
40 Stadien. Dasselbe erfahren wir auch aus den Längen- 
massen Strabons, wie wir sogleich sehen werden; aber noch 
etwas mehr lernen wir aus ihnen, nämlich dass Strabon auch 
Masse hat, in denen der Schoinos S3^\s attischen Stadien 
entspricht. Da er nichts von dieser Um- und Berechnungs- 
weise sagt, so können wir es als ausgemacht ansehen, dass 
er die betreffenden Masse bereits in Stadien ausgedrückt, 
nicht mehr in Schoinoi vorfand und keine Ahnung davon 
hatte, dass hier speziell attische Stadien der Umrechnung zu 
Grunde liegen. Es wäre also unrichtig, wollte man hieraus 
folgern, Strabon habe nach attischen Stadien gerechnet. 

Ziemlich häufig findet sich der Schoinos 40 Stadien gleich- 
gesetzt. Nach Strabon*) war der Fussweg, welcher von 
Alexandria nach Eanobos führte, 120 Stadien lang, nach 



^) strabon XVH 803 f. 
•) XI 518. 
^ XI 530. 
*) XVn 813. 
•) XYn 801. 



— 62 — 

Plininsi) nnd anderen römischen Schriftstellern betmg seine 
Länge 12 Milien oder 96 Stadien: Strabons Mass entspricht 
3 Schoinoi zn 40 Stadien, das der römischen Autoren eben- 
soviel Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien. Wenn 
Strabon angiebt, das Plateau, auf dem sich die Pyramiden 
befinden, sei von Memphis 40 Stadien entfernt^), so soll dies 
nur besagen, die Distanz sei gleich einem Schoinos. Die 
Entfernung dieser Stadt von der Deltaspitze beträgt nach 
dem griechischen Geographen^), wie wir vorhin sahen, 
8 Schoinoi, nach Plinius^) 120 Stadien (15 römische MeQen): 
der Schoinos entsprach demnach 40 Stadien. Dasselbe Mass 
haben wir, wenn Strabon ^) sagt, Pelusion liege Aber 20 Stadien 
vom Meere entfernt und habe einen Umfang von ebensoviel 
Stadien, oder wenn er bemerkt <), die grösste Ausdehnung 
Thebens betrage 80 Stadien. 

Seltener finden sich bei Strabon Schoinoi zu 30 Stadien ^. 
Sicher sind dieselben nur in folgenden zwei Fällen. Die 
Entfernung des Berges Easios von Pelusion beträgt nach 
Strabon s) 300 Stadien, nach dem Itinerar') 40 römische 
Meilen oder 320 ptolemäisch-römische Stadien: das ägyp- 
tische ürmass sind 10 Schoinoi, welche Strabon zu 30 Stadien 
und das Itinerar zu 82 ptolemäisch-römisehen Stadien berechnet 
hat. Er ftthrt auch Ansätze Artemidors an^o), nach denen 
der kanobische NUarm 28 und der pelusische 25 Schoinoi zu 
30 Stadien lang war: in der Thatsache, dass Strabon sie 

V 62. 
>)• XVn 808. 
») XVn 807. 
*) V 50. 

oxvnsoa. 

^ XVÜ 816. 

^ Wenn Sbubon gelegentlich (XYU 811) von einer Entfernung sagt, 
sie sei gleich 80 oder 40 Stadien, so soll dies nichts anderes heissen, als 
dass sie einen Scheines betrage, der entweder 30 oder 40 Stadien messen 
könne. Er macht also auch hier ausdrücklich einen Unterschied zwischen 
der Grösse des Schoinos zu 30 und deijenigen des Schoinos zu 40 Stadien. 

») XVI 759. 

•) S. 152,3 f. 
»^ XVn 803f. 



— 63 — 

anf&hrt, liegt seine Billigang derselben. Möglicherweise 
haben wir auch Schoinoi zu 30 Stadien, wenn Strabon ^) die 
Entfernung der Insel Pharos von der kanobischen Mündung 
zu 150 Stadien angiebt: jedoch ist dies keineswegs sicher, 
da wir hier ebenso gut 4i|2 Schoinoi zu 33^18 attischen Stadien 
haben können, umsomehr als die Mehrzahl der Distanzan- 
gaben von der Nordküste Ägyptens, soweit wir sie noch heute 
haben, in attische Stadien (1 Schoinos = SS^Is attischen 
Stadien) umgerechnet auf uns gekommen zu sein scheint. 

Der Schoinos zu 60 Stadien begegnet nur an einer 
Stelle, aber an einer solchen, welche sehr interessant ist. 
Nach Strabon 2) liegt Nikopolis 30 Stadien von Alexandria, 
nach Josephos^) nur 20. 0. Crusius*) hat den Versuch 
gemacht beide Zahlen mit einander in Einklang zu bringen, 
wir haben dieselbe Frage in anderer Weise zu lösen gesucht % 
und doch stimmen die beiden Zahlen weit besser mit ein- 
ander überein, als man hätte denken sollen. Des Josephos 
20 Stadien sind V> Schoinos zu 40 Stadien , Strabons 30 
Stadien V« Schoinos zu 60: darin allein besteht der Untere 
schied zwischen beiden Zahlen, Strabon oder seine Quelle 
berechnete in diesem Falle den Schoinos zu 60, Josephos 
oder sein Gewährsmann berechnete ihn zu 40 Stadien. 
Dieser Schoinos misst 7,9, jener 11,8 km: wenn Strabon 
recht hätte, so wäre Nikopolis 5,9 km von Alexandria entfernt, 
nach Josephos dagegen beträgt die Distanz nur 3,9 km. Die 
letztere Grösse verdient vor deijenigen Strabons den Vorzug, 
da sie durch die modernen topographischen Forschungen in 
der Umgegend Alexandrias ihre Bestätigung findet^). Wir 
müssen noch etwas anderes hinzufügen. Es stehen sich 
gegenwärtig zwei Ansichten über Nikopolis gegenüber : nach 



XVn 791. 
^ XVn 795. 
^ Belktm lud, IV 11,5. 

«) In Fleckeisens Jahrb. f. klass. Pbü. 1893 S. 35 f. 
A. a. 0. S. 802f. 

^ Vgl. die Karte von N^rontsos m seinem Buche üancumu Alexandrie 
Paris 1888 und unsere Bemerkungen in Fleckeisens Jahrb. 1898 S. 302 f. 



— 64 — 

der einen zuletzt von Crusiusi) und Puchstein*) vertretenen 
ist es mit Juliopolis identisch, nach der anderen von uns 
verfochtenen^) sind beide Städte verschieden. Einer der 
Stützpunkte für unseren Beweis war der umstand, dass 
Nikopolis, wie wir soeben gesehen, nach den griechischen 
Schriftstellern 20, sogar 30 Stadien von Alexandria entfernt 
gewesen sein soll, Juliopolis dagegen nach Plinius^) weit 
weniger, nämlich nur zwei römische Meilen oder 16 ptole- 
mäisch-römische Stadien. Wir haben fi*&her immer auf den 
Unterschied in den Entfernungsangaben hingewiesen und 
nicht zum wenigsten dadurch darzuthun gesucht, dass beide 
Städte verschieden seien. Auf die Kraft dieses Arguments 
müssen wir fürderhin verzichten. Zwei römische Meilen oder 
16 ptolemäisch-römische Stadien sind die Hälfte eines Schoinos 
von 32 ptolemäisch-römischen Stadien. Strabon, Josephos und 
Plinius geben also im Grunde genommen dasselbe an, nach 
den beiden ersten war Nikopolis, nach Plinius Juliopolis 
Vt Schoinos von Alexandria entfernt. Es ist nun möglich, 
dass der halbe Schoinos des Josephos wirklich die Hälfte 
eines Schoinos zu 40 Stadien war, also 3,94 km mass : wäre 
dies richtig, so könnte man vor wie nach darauf hinweisen, 
dass Nikopolis 3,94 km, Juliopolis aber nur die Hälfte eines 
Schoinos zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien oder 2,95 km 
von Alexandria entfernt gewesen sei. Aber man wird darauf 
verzichten, diesen Unterschied als Beweis ins Feld zu führen, 
wenn man bedenkt, dass z. B. zwischen Eanobos und Alexandria 
nach Strabon <^) eine Distanz von 3 Schoinoi zu 40 Stadien, 
nach Plinius^) dagegen eine solche von 3 Schoinoi zu 32 
ptolemäisch-römischen Stadien war. Bei der Unsicherheit, 
die bei den verschiedenen SchriftsteUem herrscht, wenn sie 
Schoinoi in griechische Masse umgerechnet eitleren, wird man 



In FLeckeisens Jahrb. 1893 8. 34 ff. 

•) In Pauly-Wissowas Roalencydopädie, Stuttgart 1893, BcL I S. 1387. 

^ In Bleckeisens Jahrb. 1892 S. 686 f. 1898 8. 301 ff. 

*) VI 102. 

«) XVn 801. 

•) V 62. 



— 65 — 

gut thnn, in Fällen, wie der unsrige einer ist, den Unterschied 
in der Entfernung, der yielleicbt vorhanden war, ebenso 
leicht aber auch gar nicht existiert haben kann, nicht als 
Beweismittel heranzuziehen. Damit woUen wir freilich nicht 
sagen, dass wir, nachdem dieses eine Argument hinfällig 
geworden, nunmehr Orusius' Ansicht beipflichten, nach der 
beide Städte identisch sind. 

Bei Strabon finden sich auch Masse, in denen der Scheines 
zu SSVs attischen Stadien berechnet worden ist. Sie scheinen 
bei ihm verhältnismässig ebenso häufig wie bei Diodor zu 
sein. Nach Strabon ^) betrug, die Entfernung zwischen Eatabath- 
mos und Paraitonion zur See 900 Stadien, die zwischen 
letzterer Stadt und Apis 100, endlich die zwischen Paraitonion 
und Alexandria 1300 : in allen drei Zahlen muss der Scheines 
33 Vs attischen Stadien gleichgesetzt sein, da die drei Werte 
nur durch dieses Mass aufgehen. Wenn der Sirbonissee nach 
Strabon 2) eine Länge von wenig mehr als 200 und eine 
Brdte von höchstens 50 Stadien hatte, so besagen seine 
Worte nichts anderes, als dass er 6 Schoinoi zu SSVs attischen 
Stadien lang und V\2 solcher Schoinoi breit gewesen sei. 
Syene und Philai sollen 100 Stadien auseinander gelegen 
haben ^): hier muss man wie in einem anderen Falle, wo 
von 100 Stadien die Rede ist^), 3 Schoinoi zu 33i|s attischen 
Stadien haben. 

Wie man sieht, findet man bei Artemidor, Diodor und 
Strabon viele Werte, welchen der Scheines zu SS^Is attischen 
Stadien zu Grunde liegt Ohne Zweifel haben bereits vor 
diesen Männern viele Schriftsteller, welche nach attischen 
Stadien rechneten, dem wirklichen Wert des Schoinos nahe- 
zukommen gesucht, da die genannten drei Autoren einen 
Teil ihrer Masse älteren Quellen entlehnt haben müssen. Um 
80 aufiälliger ist es, dass wir nur einmal dem Schoinos zu 
32 ptolemäisch-römischen Stadien begegnen. Man wird mit 



*) XVn 798 f. 
•) XVI 760. 768. 
*) Strabon XVn 818. 
*) XVn 811. 
BerUner StudJen, Band XV, 3. 



— 66 — 

Becht daraus schliessen, das ptolemäisch-römische Stadion 
habe zur Zeit Diodors und Strabons noch ganz hinter dem 
attischen zurückstehen müssen. Abei* di6s kann nicht der 
einzige Grund für die auffällige Thatsache sein, da auch in 
der Folgezeit die griechische Litteratur den Scheines zu 
32 ptolemäisch-römischen Stadien so gut wie gar nicht kennt, 
während er bei den römischen Schriftstellern und im Pharaonen- 
lande selbst stark im Gebrauch war. Der wichtigste Grund, 
welcher die griechischen Autoren bewog, den Scheines lieber 
zu SSVs attischen als zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien 
zu berechnen, ist wohl derselbe gewesen wie der, welcher 
viele veranlasste, dem Scheines 30, 40, 60 oder 120 Stadien 
zu geben, auch wenn diese Gleichstellung für sie ungenau 
war. Nur einmal, bei Diodor, findet sich eine mehrstellige 
Entfernungsangabe, welche nicht am Ende eine Null hat: 
so sehr strebte man nach runden Zahlen. Deshalb rechnete 
man vor wie nach auf den Scheines 30, 40, 60 und 120 
Stadien, obgleich dies nur für die Stadien richtig war, welche 
man in Vorderasien gebrauchte. Aus demselben Grunde 
stellte man den Scheines, wenn man ihn wie die alexandri- 
nischen Philologen berechnete, am liebsten 337$ attischen 
Stadien gleich, weil man stets, wenn die Summe der Schoinoi 
durch 3 teilbar war, eine runde Zahl erhielt: wenn man 
dem Scheines dagegen 32 ptolemäisch-römische Stadien gab^ 
so erhielt man erst eine runde Zahl, wenn die Summe der 
Schoinoi durch 5 teilbar war. 

An diese eine Beobachtung, die man machen kann, wenn 
man die Masse Artemidors, Diodors und Strabons mit ein- 
ander vergleicht, schUessen wir noch eine zweite. Wie 
letzterer Schriftsteller ausdrücklich bemerkt, war der Scheines 
zu 60 Stadien in Oberägypten zu Hause ; aus seinen Worten 
kann man ausserdem entnehmen, dass das ägyptische Masa 
an der Nilmündung 30 Stadien betrug. Diese Thatsache^ 
die Strabon direkt oder fast so gut wie direkt bezeugt, 
findet durch Artemidor ihre Bestätigung. Dieser Autor be- 
rechnet alle Längenmasse, welche dem Deltalande entstammen, 
zu 30, dagegen die, welche sich auf den südlichen Teil des 



— 67 — 

Pharaonenlandes beziehen, zn 60 Stadien^). Wir können 
dies als einen weiteren Beleg f&r die Worte Strabons an- 
sehen, nach denen im Delta der Schoinos im Gebranch war, 
welcher 30 Stadien mass, in der Thebais dagegen der zn 
60 Stadien. 

Die anderen griechischen Schriftsteller, die wir noch 
besprechen wollen, bieten wenig Nenes, teils bestätigen sie 
das, was wir bisher gefunden haben, teils ergänzen sie es. 
Wir nennen unter ihnen zuerst Juba. Er gab die Ent- 
fernung der Insel Philai von der Deltaspitze zu 3200 Stadien 
(400 Milien) an, während Artemidoros die Distanz zu 4800 
Stadien (600 römischen Meilen) schätzte ^) : jener Zahl liegen 
80 Schoinoi zu 40, dieser ebensoviele zu 60 Stadien zn 
Grunde. Leider müssen wir uns mit dieser einen Thatsache 
zufrieden geben, dass Juba den Schoinos einmal zu 40 Stadien 
gerechnet hat. Weniger sicher ist es, ob er auch einmal 
dem Schoinos 66V8 attische Stadien gegeben hat: hierüber 
können wir erst unten handeln. 

Nach Juba und vor Josephos haben wir von dem 
Periplus des roten Meeres zu sprechen. Wir müssen 
zunächst darüber Bechenschaft ablegen, weshalb wir ihn vor 
dem jüdischen Schriftsteller behandeln. So sehr auch die 
Ansichten über die Abfassungszeit des Periplus ursprünglich 
auseinandergegangen sind, so steht doch heute durch die 
Untersuchungen Schwanbecks und Dillmanns fest, dass er 
im ersten christlichen Jahrhundert entstanden ist^). Schwan- 
beck ^) hat ihn unmittelbar vor die Abfassung von Plinius* 
Naturgeschichte und Dillmann <^) kurz vor den Abschluss 
dieses Werkes, d. h. kurz vor das J. 77 gesetzt. Der be- 
treffende Abschnitt aus Plinius' Naturgeschichte aber , der 
Bericht über die Indienfahrten^), der jünger als der Periplus 

») Vgl. oben 8. 53 f. 
») Pün. V 59. 

*) VgL B. Fabridns Dtr Periplus des JSrythräisehen Meeres von emem 
Unbekannten Leipzig 1883 S. 23 ff. 

*) Im Rhein. Musenm 1850 S. 338 f. 

^) In den Berichten der preuss. Akademie der Wiss. 1879 S. 413 ff. 

«) VI 101—106. 



— 68 — 

ist, stammt aus den J. 48 — öl, weil in demselben der 6. 
Mecbir den Iden des Januar gleichgesetzt wird, was nnr in 
den genannten Jahren der Fall war^). Aus diesem Abschnitt 
des Plinius lernen wir, dass damals noch der Wandelkalender 
in Ägypten allgemein im Gebrauch war. Deshalb muss der- 
selbe auch im Periplus, dem Werke eines Mannes aus dem 
Volke, eines Kaufmanns, angewendet worden sein. Der 
Verfasser des Periplus stellt den Thoth dem September 2), 
den Tybi dem Januar^) und den Epiphi dem Juli^) gleich. 
Da auch nach dem festen alexandrinischen Jahr diese Mo- 
nate gleich sind, so hat man bisher dieses Kriterium zur 
Festsetzung der Entstehungszeit des Periplus nicht erkannt 
und benutzt. Diese Monate entsprachen einander aber nur 
so lange, bis der 1. Epiphi des ägyptischen Wandelkalenders 
auf den 15. Juni des julianischen Jahres fiel Dies war der 
Fall in den J. 16 — 19 unserer Ära. Der Periplus ist also 
spätestens im J. 19 verfasst worden. Wir können aber 
auch den Zeitpunkt bestimmt angeben, nach dem der Periplus 
entstanden sein muss, da der Verfasser desselben von ,rö- 
mischen Kaisern' redet >). Viele haben daraus auf zwei 
gleichzeitig regierende schliessen wollen, aber ohne jeglichen 
Grund. Der Verfasser des Periplus und seine Zeitgenossen 
hatten nur zwei Kaiser erlebt, wenn er also von Kaisem 
schlechtweg sprach, so konnte niemand damals etwas darin 
finden, da jeder unter denselben Augustus und Tiberius ver- 
stehen musste. Infolgedessen ist der Periplus in oder nach 
dem J. 14, nach dem Regierungsantritte des Tiberius, und 
vor dem J. 19 abgefasst worden, er repräsentiert demnach 
die erste Zeit der Regierung dieses römischen Kaisers. 

Man findet in dem Periplus niemals das Wort Schoinos. 
Es könnte dies zu der Ansicht verleiten, der Verfasser habe 



^) Vgl den Aufsatz htUopoBs und Nikopoüs in Fleckeisens Jahrb. 
1893 S. 304. 

•) C. 6. 24. 

») C. 6. 

*) C. 14. 3Ö. 49. Ö6. 

') C. 23: ffiXoi xw avxwn^xbifibw. 



— 69 — 

überhaupt nicht nach diesem ägyptischen Mass gerechnet: 
doch spricht gegen eine solche Annahme die Thatsache, dass 
alle seine Entfemnngsmasse sich auf einen bestimmten 
Schoinos zurftckfflhren lassen. Wir finden bei ihm 20^), 60^), 
1208), 200*), 300»), 400«), ÖOO^), 6008), 800»), 12001^), 
150011), 180012), 20001^, 300014), 40001^) und 70001«) Sta- 
dien. Man könnte glauben, in diesen Zahlen liege eine ein- 
heitliche Ti'adition vor, und doch kann dies nicht der Fall 
sein, da der Verfasser des Periplus für die eine oder andere 
Zahl eine Quelle benutzt haben muss, aus der schon Era- 
tosthenes schöpfte, faUs er nicht direkt oder indirekt ans 
diesem Geographen Angaben entlehnte. Es lässt sich 
dies f&r die Strasse von B&b el-Mandeb nachweisen. Die- 
selbe war nach dem Periplus i*^ und nach Eratosthenes bei 
Straboni8) 60 Stadien breit. Aber nicht nur Eratosthenes 
und Strabon erw&hnen die Strasse und wie breit sie sei, 
sondern noch Juba^^) und Agathemeros^ unter den griechischen 
und Plinius^i) unter den römischen Schriftstellern. Gemäss 

C. 4. 64. 

») 25. 

«) 27. 33. 54. 

*) 4. 33. 

») 15. 25. 42. 44. 

^ 18 (zweimal). 

32. 54 (zweimal). 

«) 32. 83. 35. 

») 5. 8. 
*«) 21. 26. 
") 33. 
^«) 1. 

^«) 27. 33. 34. 
") 4. 41. 
") 3. 7. 
^•) 61. 
^^ 26. 

^») XVI 769. 
") Bei Plinius VI 170. 
««0 C. 14. 

'^) VI 163. DeÜefsen schreibt hier imd VI 170 mit e i n e m Ckxiex (dem 
PariBinus 6795) //// «mV. £> pass. Dies wären 36 Stadien. Dagegen ist zu- 



— 70 — 

dem Verfasser der Naturgeschichte geht diese Breitenangabe 
auf Timosthenes , den Admiral des zweiten Ptolemäers, 
zurück. Ob wir hier 2 Schoinoi zu 30 oder einen zu 60 oder 
endlich, was im Hinblick auf Eratosthenes wahrscheinlicher 
danken könnte, IVi zu 40 Stadien haben, kann man nicht 
entscheiden. FOr die Strasse von B&b el-Mandeb haben wir 
noch zwei andere Masse bei Plinins ^) : eine Tradition — so 
erfahren wir aus dem römischen Schriftsteller — gab ihr 
eine Breite von 12 Milien oder 96 Stadien, eine andere eine 
solche von 16 römischen Meilen oder 120 Stadien. Wie man 
sieht, sollte die Strasse 60, 96 und 120 Stadien breit sein. 
Die erste Zahl hat sich am meisten Eingang in die Litteratur 
zu verschaffen gewusst und wohl mit Recht, da sie, 11,8 
Kilometer, den modernen Berechnungen am n&chsten kommt, 
welche der Strasse eine Breite von ungefähr 6 Seemeilen 
(11,1 km.) geben. 120 Stadien können 3 Schoinoi zu 40 oder 
2 zu 60 Stadien entsprechen, 96 Stadien aber nur 3 zu 32 
ptolemäisch-römischen Stadien : da beide Zahlen ohne Zweifel 
auf dasselbe ägyptische Urmass zurückgehen, so haben wir 
in jenem Fall 3 Schoinoi zu 40 Stadien, in diesem ebenso- 
viele zu 32 ptolem&isch-römischen Stadien. Es muss demnach 
zwei Traditionen über die Strasse von B&b el-Mandeb ge- 
geben haben, nach der einen wurde sie wohl zu 2 Schoinoi 
von 30 Stadien, nach der anderen zu 3 Schoinoi geschätzt 

Noch in einem anderen Falle können wir bestimmt nach- 
weisen, dass der Periplus f&r eine seiner Entfemungsangaben 
eine ältere Quelle benutzt hat. Er berechnet die Breite der 



Dächst zu bemerken, dass aUe Grössen, bei denen eine halbe römische Meile 
angegeben wird, einer nmden Stadiensomme entsprechen müssen, wie wir 
bei Flinins zeigen werden. Sodami schreiben im § 163 alle anderen Hand- 
schriften F// statt /Kund zwei, der Bicoaidianns und der Parisinns 6797, 
sogar y/I mii. D pass. Im § 170 liest man überdies in allen Handschriften 
ausser dem Parisinas 6795 letztere Angabe. Die Zahl VII mH D allein 
ist richtig, denn sie entspricht der soeben erwähnten Regel, da sie gleich 
60 Stadien ist, nnd sie giebt uns dieselbe Breite für die Strasse von B&b 
el-Mandeb wie Strabon, der Periplus und Agathemeros. 

^) VI 164: prodidenmt fiutcis hiUmo priemti oiversat aUi XII ^ alU XV 
miL passtmm paiere. 



— 71 — 

Strasse von Onndz zu 600 Stadien i). Nach Agathemeros s) 
beträgt die Breite nur 400 Stadien, nach Plinias^) sogar 
nach einer Ueberliefernng nar 5, nach einer anderen nur 4 
römische Meilen. Schon Malier^) hat gesehen, dass hier 
irrtümlich 5, bezw. 4 statt 50, resp. 40 steht, doch mag 
bereits Plinius den Fehler begangen haben. Der Verfasser 
der Naturgeschichte muss demnach 400 Stadien ^) (50 Milien) 
und in einer anderen Quelle 320 Stadien (40 römische Meilen) 
f&r die Breite der Strasse von Ormüz gefunden haben. 320, 
400 und sogar 600 Stadien soll demnach dieselbe betragen 
haben, d. h. 10 Schoinoi, die einmal zu 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien, ein anderes Mal zu 40 und ein drittes 
Mal zu 60 Stadien berechnet worden sind. Die Strasse mass 
demnach entweder 59 oder 79 oder endlich 118 km: die 
erste Zahl scheint die lichtige zu sein, da die Breite der 
Meerenge nach neuen Berechnungen 63 km beträgt. 

Es steht also fest, dass einmal im Periplus der Schoinos 
60 Stadien gleichgestellt worden ist: aber man hfite sich, 
daraus den Schluss zu ziehen, der Verfasser des Periplus 
habe dies gethan, er habe überhaupt dem Schoinos immer 
diese Grösse gegeben. Leider können wir nur zwei seiner 
Masse mit solchen anderer Schriftsteller vergleichen, in 
einem dritten Falle <^) lernen wir gar nichts für den Schoinos. 
Jedoch geht aus den Zahlen selbst hervor, dass im Periplus 



*) C. 35. 

») VI 108. 

^) Geogr. Graut minores 11 S. 474 b. 

") Deshalb hat Fabridus a. a. 0. S. 146 mit unrecht bei Agathemeros 
i (600) statt V (400) sohreiben wollen. 

*) Nach dem Periplus (C. 3) beträgt die Entfenmng des Hafens Ptole- 
mais Theron von Berenike 4000, nach Plinios (ü 183) 4820 Stadien, nach 
«mer anderen Stelle desselben Sohiiftstelleis (VI 171) endlich 602 Milien 
oder 4816 Stadien. Es liegt anf der Hand, dass an letzterer SteUe DCII 
mtl. D passtmm statt DCII mtl. passuum stehen moss. Dies verlangt die 
znerst angefahrte Stelle des Plinius, nach der die Entfernung 4820 Stadien 
beträgt, dasselbe rät der Umstand, dass man durch Hinzufügung einer halben 
Milie eine runde Stadiensumme erhält (vgl. die Bemerkungen S. 69.21). 



— 72 — 

jäas ägyptische Mass nicht 60 Stadien misst. Wenn dieser 
Gleichangswert zu Grande läge oder wenn der Schoinos za 
30 Stadien berechnet worden wäre, so müssten acht Stadien- 
angaben des Periplus auf gebrochene Schoinoi zurückgehen. 
Dagegen hat man, wenn man annimmt, sein Schoinos habe 
40 Stadien entsprochen, nnr vier gebrodiene Zahlen ^). Dies 
allein könnte uns überzeugen, dass der Schoinos des Periplas 
40 Stadien mass; daza kommt aber noch der Umstand, dass 
verschiedentlich ^) 20 Stadien, d. h. die Hälfte eines Schoinos 
zu 40 Stadien erwähnt werden^). 

Dabei ist es natürlich nicht aasgeschlossen, dass man 
manche Istrecken nach der Dauer der Seefahrt direkt nach 
Stadien in runden Zahlen abschätzte, jedoch wird man dies 
Verfahren nicht für alle Entfemungsangaben des Periplus in 
Anspruch nehmen dürfen. Von zwei Zahlen haben wir bereits 
gezeigt, dass sie älteren Ursprungs sind und auf Schoinoi 
zurückgehen, bei vielen anderen muss dies der Fall sein, 
wenn man bedenkt, dass Eratosthenes, Artemidor und Agrippa, 
um nicht noch mehr Schriftsteller zu nennen, Einzelmasse 
nötig hatten, um die Länge und Breite des roten Meeres 
bestimmen zu können, wenn man femer bedenkt, dass die 
Längen- und Breitenangaben, die wir für das rote Meer 
haben, durch Umrechnung aus Schoinoi gewonnen worden 
sind. Eratosthenes^) bestimmte die Ausdehnung der arabischen 
und ägyptischen Eüste des roten Meeres zu 1300 Milien^) 

1500 Stadien = 377, Schoinoi, 600 = 12 V„ 300 -= 1% 20 = Vi- 

*) C. 4 und 54. 

*) Wie verbreitet die Schoinoi zu 40 Stadien waren, geht ans Theo- 
phanes von Mytüene, dem Zeitgenossen des Pompejus, hervor, der die 
Grösse Armeniens nach diesen Schoinoi bestinmite. Ansserdem haben wir 
Schoinoi zu 40 Stadien bei Herodot, Aristobolos, Aristokreon, Diodor, Strabon, 
Jaba, Josephos, Arnan nnd Plinius. 

*) Nach Plinius VI 163 f. 

>) Nnr eine Hands chrift, der Parisinus 6795, hat |Xn|, d. i. 1200Minen 
oder 9600 Staditn statt |XI1T|; gleichwohl hat man vielfadi jener Zahl den 
Vorzog gegeben. Da aber der genannte Codex grade voriier eine ohne 
Zweifel veiderbte Zahl überliefert hat (vgl S. 69,21), so gebe ioh |XIU| 
den Vorzug. — Man beachte, dass des Eratosthenes Mass (1300 römische 
Meilen = 10400 Stadien) nichts mit demjenigen Artemidors zu thun hat, 



— 73 — 

(10400 Stadien oder 260 Schoinoi zu 40 Stadien), Agrippa 
zü 1722 römischen Meilen i) (13776 Stadien oder 430^12 Schoinoi 
zu 32 ptolemftisch-römischen Stadien). Artemidoros dagegen 
schätzte die Länge der arabischen E&ste auf 1650 Milien 
(13200 Stadien, 440 Schoinoi zu 30, 330 zn 40, 220 zn 60 
Stadien oder 396 zu 33^13 attischen Stadien) nnd die der 
ägyptischen von dem Isthmos von Sn3s bis Rolemais Theron 
anf 1137,5 römische Meilen (9100 Stadien oder 273 Schoinoi 
zu 33^13 attischen Stadien) <). Die Breite des roten Meeres 
endlich berechnete man zn 475 Milien oder 3800 Stadien 
(95 Schoinoi zn 40 Stadien). Allen Massen des roten Meeres, 
die wir kennen, liegen demnach Schoinoi zn Ornnde. Deshalb 
ist es am wahrscheinlichsten, dass die Mehrzahl der Entfemungs- 
angaben des Periplas anch auf dieses ägyptische Mass 
zur&ckgeht. 

Manche scheinbar fehlerhafte Distanzen lassen sich, wenn 
wir dies als richtig ansehen, leicht heilen. Der Periplus 
giebt die Entfernung des Hafens Malao von Analites zu 800 
Stadien (20 Schoinoi zn 40 Stadien) an. Mnller») and 



welcher der ägyptischen Küste vom Isthmos von Snes bis Ptoiemüs Theron 
eine Ausdehnung von 1137,5 Milien oder 9100 Stadien giebt; denn Erato- 
sthenes will hier (bei Plinius VI 163 f.) mit seiner Zähl die Länge der 
ganzen Küste des roten Meeres bezeichnen, nicht die Strecke vom Isthmos 
bis Ftolemais, die er (wie Artemidor) nach Strabon XVI 768 zu etwas 
mehr als 9000 Stadien {ivoMtaiiXioi . . ardSun *al fjtix^) schätzt 

») Mit Riese Gec^. iat. min, S. 6,25 ziehe ich | XVH | XX II vor. 
Diese Zahl haben alle Handschriften, nur der Pansinus 6796 liest |XyiI| 
y^yn (1732 römische Meüen « 13856 Stadien ^^ 433 Schoinoi zu 32 
ptolemäisch- römischen Stadien). Da aber dieser Codex an unserer Stelle 
immer falsche Lesarten bietet, so hat man ohne Zweifel die Zahl der anderen 
Handschriften vorzuziehen. Agrippa kann dieselbe nur gewonnen haben, 
indem er den Scheines zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien berechnete. 

*) Der Codex Parisinus 6795 hat hier 1184,5: diese Zahl ist allein 
deswegen falsch, weil sie nicht einer runden Stadiensmnme entspricht (vgL 
S. 54,2). Ebenso hat diese Handschrift statt der vorigen Zahl 1450. Ich 
ziehe die Zahl aller anderen Handschriften (1650) schon allein deshalb vor, 
weil der Codex Pansinus hier stets falsche Zahlen aufweist (vgl. S. 72,5 
und 73,1). 

8) G. G. m. I S. 264b. 



— 74 — 

FabriciosO wollten, weil die Distanz bedeutend grösser sei, 
m (800) in a (1000) ändern, obgleich sie sich bewnsst waren, 
dass trotz dieser Änderung die Entfernung noch etwas knapp 
sei. Ich glaube, dass wir nach unseren bisherigen Unter- 
suchungen keiner Änderung bedürfen. Wir haben vorhin 
von der Strasse von Ormüz gehört, dass man ihr eine Breite 
von 10 Schoinoi zu 32, 40, ja selbst zu 60 Stadien gegeben 
habe. Berechnen wir entsprechend hier die Entfernung 
Malaos von Aualites, die 20 Schoinoi mass, nach Schoinoi 
zu 60 Stadien, so erhalten wir als thatsächliches Mass 1200 
Stadien, aber einer Änderung im Text bedürfen wir nicht. 
Ein Recht, dem Schoinos in diesem Falle ein grösseres Mass 
zu geben, haben wir nach unseren vorhergehenden Unter- 
suchungen. 

Weniger wissen wir von Josephos. Er hat Massangaben, 
in denen der Schoinos 30, 40 und selbst 60 Stadien gleich- 
gestellt worden ist. Der heliopolitische Gau lag nach seinen 
Worten^) 180 Stadien von Memphis entfernt; nach dem 
Jtinerar^) betrug die Distanz der Stadt Heliupolis von 
Memphis 24 Milien oder 192 ptolemäisch-römische Stadien: 
die Angabe des Josephos entspricht 6 Schoinoi zu 30 Stadien, 
die des Itinerars ebensoviel Schoinoi zu 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien^). Dass Josephos den Schoinos auch zu 
40 Stadien rechnete, haben wir oben^) gesehen: wenn er 
angiebt, die Stadt Nikopolis sei 20 Stadien von Alexandria 
entfernt, so soll dies besagen, dass die Distanz i|2 Schoinos 
zu 40 Stadien betrug. Die Entfernung Plithines von Pelusion 
oder richtiger von Easios bestimmt Josephos^) ebenso wie 



») A. a. 0. S. 124. 

^ BeU, lud. Vn 10,3. 

») S. 163,5. 

^) Der Ver&sser des jüdischen Erieges setzt hier die Entfemong der 
Stadt HeUnpolis von Memphis kurz als die des heliopolitischen Gaues von 
letzterer Stadt Es ist dies nach dem, was wir schon gehört haben (vgL 
z. B. S. 45), nicht aufßlllig. 

») S. 63. 

«) B. lud. rV 10,5. 



— 75 — 

Herodot ^) zu 3600 Stadien : da diese Stadiensamme nach den 
Angaben des Vaters der Geschichte 60 Schoinoi entspricht, 
so haben wir hier bei Josephos den Schoinos zu 60 Stadien. 

Mit Plutarch scheint die Beihe derjenigen Schriftsteller 
zn beginnen, welche den Schoinos stets zu 30 Stadien be- 
rechnen. Dass er dies that, kann man aus zwei Thatsachen 
entnehmen. Einerseits stellt er^) den Schoinos nnd den 
Parasang als etwas Identisches neben einander, das persische 
Mass aber sah man meistens als eine Grösse von 30 Stadien 
an. Sodann giebt er iL einem bestimmten Falle dem Schoinos 
30 Stadien, in dem er vielmehr 60 mass: er bestimmt 
nämlich die Breite des Isthmos von SnSs an der engsten 
Stelle zu 300 Stadien 3), während sie in Wirklichkeit 600 
beträgt. 

Wenn wir soeben sagten, Plutarch eröffne die Beihe 
derjenigen Schriftsteller, welche den Schoinos, unbekümmert 
um sein wirkliches Mass oder auch weil ein bestimmtes Mass 
allmählich die anderen verdrängt hatte, zu 30 Stadien be- 
rechneten, so ist dies nur mit einer gewissen Einschränkung 
richtig. Der Historiker Arrian macht nämlich insofern eine 
Ausnahme, als er Schoinoi zu 40 Stadien hat. Aber diese 
Ausnahme kommt im Grunde genommen gar nicht in Betracht, 
da er ohne Zweifel die Schoinoi in Stadien umgerechnet 
seinen Quellen entnommen hat. Wenn er z. B. in der 
Anabasis ^) angiebt, nach Aristobulos sei die Entfernung 
Alexandrias von Paraitonion 1600 Stadien gross, d. h. 40 
Schoinoi zu 40 Stadien , so hat er selbst nicht mehr das 
ägyptische Urmass gekannt. Ähnlich wird die Sache liegen, 
wenn er ebenda^) sagt, die grösste Breite der Ammonsoase 
betrage höchstens 40 Stadien: daran, dass in diesen Worten 
liege, die Oase sei höchstens einen Schoinos breit, hat Arrian 
wohl kaum noch gedacht. 



') II 6. 

«) Morai. S. 602 F. 

^ Jnüm. 69,2 f. 

*) m 3,3. 

») III 4,1. 



— 76 — 

Auch der Geograph Ptolemaios wie sein Vorgänger 
Marinos von Tyros gehören za den Männern, welche den 
Schoinos zn 30 Stadien rechnen. Dieses Mass liegt zu 
Grande, wenn 876 Schoinoi 26280 Stadien i) oder wenn 
800 Schoinoi 24000 Stadien s) gleichgesetzt werden. 

Eine Ausnahme unter diesen Männern macht wieder 
scheinbar Agathemeros wie vorhin Arrian, aber auch er 
hat seine Masse vorzüglichen älteren Quellen entlehnt: diese, 
nicht er selbst, haben die ägyptischen Werte in griechische 
umgerechnet. Wenn er die Entfernung Meroes von Alexandria 
zu 10000 Stadien angiebt^), so hat er diese Zahl direkt 
oder indirekt Eratosthenes entlehnt. Ebensowenig hat 
Agathemeros in einem anderen Falle den Schoinos selbst 
zu 30 Stadien berechnet. Wenn er der Strasse von Bfib 
el-Mandeb eine Breite von 60 Stadien giebt^), d. h. eine 
solche von 2 Schoinoi zu 30 oder von 1^|2 Schoinoi zu 40 
Stadien, so verdankt er diese Zahl der Bestimmung des 
Timosthenes ^). 

Ffir Plutarch sind alle Schoinoi dem persischen Parasang 
gleich, alle messen 30 Stadien. Selbst so ber&hmte Geo- 
graphen wie Marinos von Tyros und Ptolemaios sehen jeden 
Schoinos als eine Grösse von 30 Stadien an : f&r sie ist das 
ägyptische Mass erstarrt, sie gebrauchen es nur, wenn sie 
andere Werte kontrolieren wollen, sie schätzen den Schoinos, 
weil man ihn als ein grosses Mass weit bequemer dem Ge- 
dächtnis einprägen konnte als Stadien. Ffir sie ist der 
Schoinos das altehrwurdige Mass, ffir sie war er das, was 
einst ffir spätere Generationen die geographische Meile gegen- 
ftber dem Kilometer sein wird. Daran, dass der Schoinos 
immer mehr erstarrte, war nicht zum wenigsten die römische 
Meile schuld. Ein Schoinos entsprach 32 ptolemäisch-rö- 
mischen Stadien und diese aufs genauste 4 Milien. Je länger 



') Ptolemaios I 11,4. 

•) I 12,8. 

») C. 18. 

*) C. 14. 

^ Vgl. oben 8. 69 f. 



— 77 — 

das römische Kaisertum dauerte, um so mehr durchsetzte sich 
das antike Leben, aucJi das der Orientalen des Weltreichs, 
mit lateinisch-römischen Elementen. Aus diesem Grunde hat 
die römische Meile eine entscheidende Bedeutung auch f&r 
die Längenmasse des Ostens gewonnen. Der Umstand, dass 
das ptolemäisch-römische Stadion sowohl Vs d^^ Milie, als 
auch V82 des Schoinos war, verschaffte diesem Stadion in der 
römischen Litteratur den Sieg; in die griechische dagegen, d. 
h. in die Litteratur im besseren Sinne des Wortes sind die 
32 ptolemäisch-römischen Stadien fast gar nicht eingedrungen : 
nur bei Artemidor begegnen sie einmal. Dies hat zum teil 
seinen Grund darin, dass diese Stadien erst spät in Gebrauch 
gekommen sind; von Einfluss muss aber auch der Umstand 
gewesen sein, dass sie dem Verlangen der Griechen nach 
runden Zahlen nicht entgegenkamen. Deshalb hat man den 
Schoinos in der griechischen Litteratur nicht 32, wohl aber 
30 Stadien gleichgesetzt. Was für Stadien waren dies? In 
der sogenannten ersten heronischen Tafel >) werden ihrer 
7V8 auf eine römische Meile gerechnet. Das Stadion mass 
demnach 0,198 km. Es ist dies das alte persische Stadion, 
welches in den Gebieten des römischen Keichs, in denen 
Hellenentum und Orientalismus sich durchsetzt hatten, bis 
in die nachchristlichen Jahrhunderte sich gehalten haben 
muss. Dieses Stadion müssen wir haben, wenn in den 
Schriften, die den Namen des Mathematikers Heron tragen, 
der Schoinos zu 30 Stadien bestimmt wird 2). Es ist dies 
dasselbe Stadion, nach dem bereits die ionischen Logographen 
und mit ihnen Herodot den Schoinos berechnet haben. Man 
könnte unter diesen Verhältnissen vermuten, alle Schrift- 
steller, welche dem Schoinos 30, 40, 60 oder 120 Stadien 
geben, wären von diesem Mass ausgegangen. Vielleicht ist 
dies für Artemidor richtig, da er aus Ephesos, also altem 
persischen Beichsboden, stammte. Damit wäre bewiesen, 
dass er mit vollem Becht die verschiedenen Schoinoi 30, 40, 



*) Metrol. scr. I S. 184,1 

*) Geomttria 106,24 HuUsch = Mttrol scr, I 184,4; *A o%oivo9 h^i 
(iIXm, 9, ataSiovs X', Geoäauia 4 Z^. >« Mttr, scr, I 193,3: vxoivos filkia 9". 



— 78 — 

60 und 120 Stadien gleichgesetzt hat. Ebenso könnte man 
von Strabon behaupten, er habe anch dieses Mass im Ange 
gehabt, da er in Pontes, also wiederum ehemaligem per- 
sischen Gebiete, zu Hause war. Aber grade von ihm wissen 
wir, das er 81/3 Stadien auf eine römische Meile rechnete % 
d. h. das attische Stadion benutzte. Da er trotzdem an dar 
Gleichstellung des Scheines mit 30, 40, 60 und 120 Stadien nach 
Artemidors Vorgang festhält, so ist es zweifellos, dass er 
sich um die Grösse dieser Stadien keine Sorge gemacht hat. 
Dasselbe gilt wohl auch von Schriftstellern wie Aristobnlos, 
Aristokreon, Diodor, Juba und anderen. Dagegen hat wohl 
Marines von Tyros, als er den Scheines 30 Stadien gleich- 
setzte, an das Mass (0,198 km) gedacht, welches auf das 
persische Stadion zurückgeht und ihm entspricht. Ptolemaios 
nahm Marines' Werte in seine Anleitung zum Eartenzeichnen 
auf, sein Scheines misst auch 30 Stadien: ob er aber dabei 
dieselben Stadien im Auge hatte wie Marines, ist mehr als 
zweifelhaft. Jedenfalls haben viele Schriftsteller den Schei- 
nes zu 30 Stadien berechnet, ohne sich über die Natur ihrer 
Stadien Skrupel zu machen; massgebend war dabei nur die 
Vorliebe der Griechen für runde Stadienzahlen. 33V8 attische 
oder 32 ptolemäisch-römische Stadien haben die Griechen nur 
dann dem Scheines gegeben, wenn man bei der Umrechnung 
runde Zahlen gewann. Aber selbst wenn man in genauer 
und für viele Schriftsteller allein richtiger Weise diese Werte 
zu Grunde legte, sagte man doch, wie es scheint, um runde 
Zahlen zu haben, der Scheines messe 30 Stadien. Dies gilt 
wenigstens für die spätere Zeit, aus der wir folgenden Be- 
leg haben. 

Zugleich mit Agathemeros' Abriss der Geographie ist 

auch eine Schrift ^Tnotinmaiq yB^yga^^laq iv imtofifj auf 

uns gekommen. In ihr wird der Scheines 30 Stadien und 
4 römischen Meilen gleichgesetzt. Die Stelle, um die es sich 
handelt, hat manchen Anstoss gegeben, der für uns nach dem^ 
was wir gehört haben, wegfällt. Sie lautet 2): laidm diafii-^ 

^) Julianxis von Askalon in den Mi fr. scr. I S. 201,13 f. 
*) C. 2 bei MüUer G. G. m. n 8. 494. 



— 79 — 

Qioi xal &f ansQ itnl fiikia füp /yxxe\ ajiptvoi de, ix atadlmv X^ fuxg^ 

aXiov iwanoam. So, wie die Stelle dasteht, ist sie falsch, aber 
die Worte, die der Verfasser unseres Auszugs seiner Quelle 
entnahm, besagen etwas nichtiges. 29000 Stadien entsprechen 
3625 Milien, da 8 Stadien gleich einer Milie sind. Aber 
29000 Stadien oder 3625 römische Meilen sind nicht ,wenig 
mehr als 900 SchoinoiS vorausgesetzt, dass der Schoinos 
gleich 30 Stadien ist, wie der Verfasser ausdrücklich sagt. 
29000 Stadien entsprechen in diesem Falle vielmehr 96678 
Schoinoi. Der Herausgeber M&ller hat deshalb ijuxq^ nUov 
^' statt iu<x^$ nlAav ifvoKOfftoi schreiben wollen. Jedoch ist 
jegliche Änderung unnötig. 29000 (ptolemäisch-römische) 
Stadien oder 3625 Milien sind gleich 906^14 Schoinoi, d. h. 
906^14 Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien. Dem- 
nach konnte unser Verfasser sagen, 29000 Stadien seien 
wenig mehr als 900 Schoinoi, er f&hrte den Leser nur da- 
durch irre, dass er angab, der Schoinos betrage 30 Stadien. 
Unsere Stelle ist aus zwei Granden interessant, einerseits 
deshalb, weil wir an ihr verfolgen können, wie Irrt&mer 
entstehen, und andererseits, weil wir durch sie und durch 
Artemidor allein erfahren, dass auch in der griechischen 
L itteratur Schoinoi in ptolemäisch-römische Stadien umgerechnet 
vorkommen. Nur eine Stelle Artemidors ist hierfür ein un- 
anfechtbarer Beleg aus der griechischen Litteratur, die An- 
gabe der Hypotyposis dagegen ist kein ganz voUgiltiger Be- 
weis: hier ist nämlich das griechische Mass nicht ans dem 
ägyptischen gewonnen worden, sondern das Umgekehrte ist 
der Fall. Doch auch so geht aus ihr hervor, dass in der 
Litteratur der Griechen der Schoinos zu 32 ptolemäisch-rö- 
mischen Stadien berechnet wurde, und aus diesem Grunde 
ist sie f&r uns recht wertvoll. 

Zum Schluss müssen wir noch auf den Bischof Epi- 
phanios von Antiochia hinweisen, der 24 Schoinoi 96 Milien 
und 6 Schoinoi 24 römischen Meilen gleichstellt >). Diese 
Stelle könnte leicht zu der Ansicht verleiten, Epiphanios 
habe 32 ptolemäisch-römische Stadien auf den Schoinos ge- 

^ Baeres. XIX 4. Vgl. Mannert Geogr. der Griechen X 1 S. 494. 



— 80 — 

rechnet and sei durch Vermittelang dieses griechischen Masses 
dazu gekommen, dem Schoinos 4 Milien zn geben. Jedoch 
ist dies zurückzuweisen, da Epiphanios als Antiochener ebenso 
gut, wenn er den Schoinos 30 Stadien und TU dieser Stadien 
einer römischen Meile gleichsetzte, dazu gelangen musste, 
4 Milien auf das ägyptische Mass zu rechnen. Interessant 
ist unsere Stelle aber dennoch, weil sie zeigt, wie sehr die 
römischen Masse im griechischen Osten im Verlauf der Jahr- 
hunderte vorgedrungen waren. 

Ganz andere Verhältnisse treffen wir in der römi- 
schen Litteratur an. Während in der griechischen nicht 
zum wenigsten das Verlangen nach runden Zahlen dazu 
f&hrte, dem Schoinos meistens 30, 40, 60 und 120, nur ge- 
legentlich auch 33V8 Stadien zu geben, wiegt bei den römischen 
Schriftstellern die Bechenweise vor, welche den Schoinos 
32 ptolemäisch - römischen Stadien gleichstellte. Fassen wir 
den Unterschied zwischen den Griechen und Bömern zusammen, 
so können wir sagen: der griechische Schriftsteller bevor- 
zugte den alten Umrechnungsmodus, der, seit den ionischen 
Logographen im Gebrauch, es vielfach an Genauigkeit fehlen 
liess, aber daf&r runde Zahlen bot, der Bömer dagegen einen 
neuen, dessen Vorz&ge die Genauigkeit und die Leichtigkeit 
waren, mit der man das fremde Mass in das römische ver- 
wandelte. Diese neue Umrechnungsweise finden wir schon 
bei Agrippa, also von dem Augenblicke an, wo Ägypten 
römische Provinz wurde. Q. Gurtius Bufus und Mucianus 
dagegen folgen noch dem alten Systeme. Jedoch spätestens 
von der Zeit des Plinius an wird der neue Umrechnunga- 
modus sozusagen Alleinherrscher in der römischen Litteratur. 
Den Gründen, welche dazu führten, wollen wir nachforschen, 
nachdem wir Agrippas, Gurtius' und Mucianus' Schoinoi be- 
sprochen haben. 

Von Agrippa kennen wir nur vier Zahlen. Er schätzte, 
wie Plinius 1) sagt, die Breite des Isthmos von Sugs zu 126 
Milien oder 1000 Stadien. Sie gehen auf 25 Schoinoi zu 

*) V 56. 



— 81 — 

40 Stadien zurück. Da aber schon Herodot^) und Strabon^) 
das Mass in Stadien angeben, ohne zn wissen, wieviel und 
welchen Schoinoi es entspricht, so mnss dies noch mehr von 
Agrippa gelten. Die Länge der arabischen und ägyptischen 
Küste des roten Meeres berechnete er zu 1722 römischen 
Meilen.^). Diese entsprechen 13776 Stadien oder 430V« Schoinoi 
zu 32 ptolemäisch- römischen Stadien. 1296 Milien (10368 
Stadien) mass nach Agrippa bei Plinius ^) die Breite Äthiopiens 
und Oberägyptens ; dies müssen 324 Schoinoi zu 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien sein. Dagegen kann man in einem anderen 
Falle, wo die Länge des ganzen Äthiopenlandes zu 2170 
Milien (17360 Stadien) bestimmt wird 5), zweifelhaft sein, ob 
man es mit 434 Schoinoi zu 40 Stadien oder mit 542Va zu 
32 ptolemäisch-römischen Stadien zu thun hat. In der Mehr- 
zahl der Fälle, wo Agrippa die Umrechnung des Schoinos in 
römische Meilen selbst vorgenommen hat, stellt er ihn jeden- 
ialls 32 ptolemäisch-römischen Stadien gleich, also wohl auch 
in diesem Falle. 

Anders liegt die Sache bei Curtius und Mucianus. 
Nach jenem <) bekam Alexandria auf Befehl des grossen 
Alexander einen Umfang von 80 Stadien oder von 2 Schoinoi 
zn 40 Stadien. Curtius fand ohne Zweifel in seiner Quelle 
schon das griechische Mass vor. Ebenso hat Mucianus, von 
dem wir auch nur eine Zahl kennen, keinesfalls selbst das 
ägyptische Mass in das griechische oder römische umgerechnet. 
Wie Plinius "^ berichtet, bestimmte Mucianus den Umfang des 
Mörissees zu 450 Milien oder 3600 Stadien: diese Angabe 
war so verbreitet — auch bei Herodot®) und Diodor*) lesen 



*) n 158,5. 
«) XVn 803. 

») Nach Plinius VI 164; vgL oben 8. 73. 

^) VI 196. Riese G, Z. m, S. 7,2 giebt der Zahl 1296, welche wir 
dem Codex Parisinns 6795 verdanken, den Vorzug. 
^) Bei Plinins a* a. 0. 
«) IV 8,2. 
») V 50. 
«0 n 149,1. 
^ I 51,6 
Berliner Studien, Band XY, 3. ^ 



— 82 — 

wir sie — dass der römische Schriftsteller sicherlich in seiner 
Quelle bereits das griechische Mass hatte. Er braucht dem- 
nach nicht mehr den Schoinos zu 60 Stadien^) gekannt und 
angewandt zu haben. 

Gurtius Rufns und Mucianus bieten uns kein anderes 
Bild als die griechischen Schriftsteller. Die ägyptischen 
Masse werden sie meistens schon in Stadien umgerechnet 
vorgefunden haben. Ganz anders sind die Masse Agrippas 
und der späteren römischen Schriftsteller, ein neues System 
kommt bei ihnen zum Durebbruch. Das ptolemäisch-römische 
Stadion war ein höchst bequemes Mass für den Geographen, 
der römische Masse in griechische verwandeln musste oder 
umgekehrt. Dieser Vorzug des ptolemäisch-römischen Stadion 
musste sich besonders zeigen, sobald Ägypten dem römischen 
Weltreich angehörte, sobiJd die Römer sich daran machten, 
das Pharaonenland neu zu vermessen oder doch seine Längen- 
masse mit den römischen in Einklang zu bringen. Ein 
Schoinos war gleich 32 ptolemäisch- römischen Stadien und 
gleich 4 römischen Meilen. Multiplizierte man die Anzahl 
der Schoinoi mit 4 oder dividierte man die der ptolemäisch- 
römischen Stadien durch 8, so hatte man römische Meilen. 
Dadurch gelang es dem ptolemäisch - römischen Stadion die 
anderen, besonders das attische ^), immer mehr zu verdrängen, 
dadurch siegte der Schoinos, der 32 ptolemäisch -römischen 
Stadien entsprach, &ber die grösseren. Dass dies der Fall 
war, haben wir schon bei den griechischen Schriftstellern 
bemerkt: mindestens seit Plutarch sehen diese den Schoinos 
als ein einheitliches Mass von 30 Stadien an. Die Landes- 
vermessung hat dem Schoinos einen festen Wert gegeben, 
in einer Zeit mit hochentwickeltem Verkehr konnte sie sich 
nicht mit einem Mass herumschlagen, das bald 30, bald 40, 
60 oder gar 120 Stadien entsprach. Dadurch gewann der 
Schoinos zu 30 Stadien die Oberhand. Dieser Sieg braucht 



') 3600 Stadien » 60 Schoinoi zu 60 Stadien. 
*) Nach Strabon (und Juba) findet sich der Schoinos in der griechischen 
Litteratur nicht mehr 33 Vs attischen Stadien gleichgesetzt. 



— 83 — 

nicht erst in der römischen Zeit errangen worden zu sein; 
vielmehr verlangen die Verhältnisse, dass man bereits unter 
den Ptolemäern dem Schoinos ein einziges Mass gab. Wohl 
deshalb begegnen wir häufig Schoinoi zu SSVs, aber nur ein- 
mal einem solchen zu 66'/8 und nie solchen zu 44V9 attischen 
Stadien. Der Gfund dafür wird also wohl abgesehen von 
anderen in dem umstände liegen, dass der kleinere Schoinos 
bei der ägyptischen Landesvermessung unter den Ptolemäern 
allein amtlich benutzt wurde. Wie wir sahen, findet sich 
bereits bei Artemidor der Schoinos zu SSVs attischen und 
ohne Zweifel auch der zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien ; 
Diodor hat seinerseits ziemlich viele Masse, in denen der 
Schoinos eine Grösse von 33V8 attischen Stadien ist. Da 
beide Schriftsteller daneben Schoinoi zu 30, 40 und 60 Stadien 
haben, so können wir es für ausgemacht ansehen, dass sie 
die griechischen Masse, in denen der Schoinos SSVs attischen 
Stadien entspricht, schon in ihren Quellen vorfanden. Ebenso 
kann Artemidor nicht selbst den Schoinos zu 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien gerechnet haben. Bereits zur Zeit der 
Ptolemäer ist demnach wohl der Schoinos zu 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien bei den Landmessern im Gebrauch gewesen, 
wenn auch daneben die anderen Schoinoi lokal von Bedeutung 
waren. Im Volke scheinen sich diese länger gehalten zu 
haben; so liegt allen Wegemassen im Periplus des roten 
Meeres der Schoinos zu 40 Stadien zu Grunde. Zum vollen 
Siege kam der Schoinos von 32 ptolemäisch-römischen Stadien 
durch die Bömerherrschaft in Ägypten. Auf ihm baut sich 
die römische Landesvermessung Ägyptens auf. Diese haben 
wir imitinerar Antonius, das wir vor Plinius behandeln 
wollen, weil es, wenn auch zeitlich jünger als der Verfasser 
der Naturgescliichte, doch sachlich älter ist, d. h. weil es auf 
ein Material zurückgeht, aus dem auch bei Plinius manche 
wertvolle Niederschläge sind. 

Das Itinerar kennt nur den Schoinos zu 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien oder 4 römischen Meilen. Die Stadt 
Pentaschoinos oder Pentascino hatte daher ihren Namen, dass 
sie 5 Schoinoi von Pelusion nach Osten lag: nach dem 



— 84 — 

Itinerar^) beträgt die Entfernung beider Städte von einander 
20 Milien. Wenn 5 Schoinoi 20 römischen Meilen oder 
160 ptolemäisch-römischen Stadien entsprechen, so misst ein 
Schoinos 32 ptolemäisch-römische Stadien. Von Pelnsion bis 
zum Berge Easios, der östlich von Pentaschoinos lag, sind 
nach dem Itinerar ^) 40 Milien oder 320 ptolemäisch-römische 
Stadien, nach Strabon') jedoch nur 300 Stadien: der Unter- 
schied in den Zahlen rührt daher, dass das Itinerar die 
10 Schoinoi, welche Easios von Pelnsion entfernt war, zvl 
32 Stadien berechnete, Strabon dagegen zu 30. Auf dieselbe 
Weise ist noch in einem anderen Falle ein Unterschied ent- 
standen. Nach Josephos^) war der heliopolitische Gau 
180 Stadien von Memphis entfernt, nach dem Itinerar^) betrug 
die Distanz zwischen Heliupolis und Memphis 24 Milien oder 
192 Stadien: jene Zahl ist gleich 6 Schoinoi zu 30 Stadien, 
diese gleich ebensoviel Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischen 
Stadien. Diese drei Beispiele zeigen zur genüge, dass wir 
im Itinerar immer den Schoinos zu 32 ptolemäisch-römischen 
Stadien haben. Dasselbe lehrt folgende Betrachtung. Der 
Schoinos zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien entsprach aufs 
genauste 4 römischen Meilen. Wenn im Itinerar dieser 
Schoinos zu Grunde liegt, so müssen die Entfemungsangaben 
in ihrer Mehrzahl durch 4 teilbar sein. Dies ist thatsächlich 
der Fall. Wir stellen, um dies zu zeigen, alle Milienangaben 
f&r Entfernungen innerhalb Ägyptens nach dem Itinerar <^) 
zusammen. Es finden sich als Entfernung angegeben drei- 
mal 4 römische Meilen, fünfmal 8, zehnmal 12, sechsmal 16, 
dreizehnmal 20, einundzwanzigmal 24, viermal 28, zweimal 
32 und viermal 40: im ganzen ist achtundsechzigmal die 
Summe der Milien durch 4 teilbar. Daneben finden sich nur 
vierzig Entfemungsangaben, die sich nicht durch 4 teilen 



*) 8. 152,4. 

«) 8. 152,3 f. 

») XVI 759. 

*) B. JmLYTl 10,3. 

^) 8. 163,5. 

«) 8. 152,1-173,4. 



— 85 — 

lassen, die also Brachteile des Schoinos enthalten. Und zwar 
ist gewöhnlich (achtundzwanzigmal) der Bruchteil die Hälfte 
eines Schoinos : einmal findet man zwei Milien ( = V« Schoinos), 
zweimal 10 römische Meilen (=2V2 Schoinoi), zweimal 14 
(=37»), viermal 18 (=470, neunmal 22 (=57.), zweimal 
26 (-= 670, fünfmal 30 (= 772), einmal 34 (= 8%), endlich 
zweimal 50 (« I2V2). Sehr selten beträgt der Brüchteil 7* 
und nicht viel häufiger V*. Ein Viertel findet sich als Bruch- 
teil fünfmal: einmal liest man 21 Milien (57* Schoinoi), drei- 
mal 25 (= 67*) und einmal 29 (= TU) ; drei Viertel begegnet 
man siebenmal: einmal haben wir 3 römische Meilen (74 
Schoinos), zweimal 23 Milien (574 Schoinoi), dreimal 27 
(== 674) und einmal 31 (= 774). Auch diese Untersuchungen 
zeigen, dass der Schoinos, der dem Itinerar zu Grunde liegt, 
32 ptolemäisch-römische Stadien misst. 

Das römische Mass verhalf diesem Schoinos zum Siege, 
deshalb hat Plinius ihn am meisten. Da aber der Verfasser 
der Naturgeschichte nicht bloss die ägyptische Landesver- 
messung ' benutzt hat, sondern auch andere Quellen, so be- 
gegnen neben diesem Schoinos noch andere. In den meisten 
Fällen giebt er bei letzteren Schoinoi seinen Gewährsmann 
an: dieser, nicht Plinius hat das ägyptische Mass in das 
griechische oder römische umgewandelt. Aber der Verfasser 
der Naturgeschichte hat auch in manchen Fällen seine Quelle 
nicht angegeben : in der Mehrzahl derselben lag ihm bereits ein 
griechisches Mass vor, nicht mehr das ägyptische. Das erkennt 
man aus dem Umstände, dass sich gelegentlich der Schoinos zu 
3378 attischen Stadien findet i) : Plinius hat diese Umrechnung 
nicht selbst vorgenommen, überhaupt nicht vornehmen können. 

Es giebt demnach bei Plinius Längenangaben, welche 
auf Berechnungen nach attischen Stadien zurückgehen. Plinius 
hat dies nicht gewusst, aber selbst, wenn er es gewusst hätte, 
würde er sich nicht darum gekümmert haben. Er bringt 
die attischen Stadien als ptolemäisch-römische in Anrechnung. 
Infolgedessen sind für ihn z. B. 2000 attische Stadien, die 



*) Z. B. V 50 : 250 Müien oder 2000 Stadien sind gleich 60 Schoinoi 
zu SSVs attischen Stadien. 



— 86 — 

an und ffir sich nur 240 Milien entsprechen, als ptolemäisch- 
römische gleich 250 römischen Meilen. Plinins und mit ihm 
vielleicht alle römischen Schriftsteller haben jedes Stadion, 
mochte es ein attisches, ptolemäisch-römisches oder ein anderes 
sein, als ein ptolemäisch-römisches behandelt, d. h. man setzte 
stets 8 Stadien einer Milie gleich. Die Umrechnung war 
dabei sehr leicht, da der Schoinos zu zweiunddreissig ptole- 
mäisch-römischen Stadien 4 Milien, der zu vierzig 6 römischen 
Meilen, der zu sechzig 7,5 und der zu einhundertundzwanzig 
15 Milien entsprach. Alle Schoinoi Hessen sich demnach 
leicht in das römische Mass verwandeln mit Ausnahme dessen, 
der 30 Stadien entspricht: deshalb fehlt dieser, abgesehen 
von seinen Vielfachen, die durch 2 teilbar sind, vollständig 
bei den römischen SchriftsteUem, an seine Stelle ist in den 
meisten Fällen der Schoinos zu 32 ptolemäisch-römischen 
Stadien getreten. Das ptolemäisch-römische Stadion liess 
sich also leicht in römische Meilen umrechnen : nicht nur er- 
gaben alle durch 8 teilbaren Stadiensummen ganze, sondern 
auch alle nur durch 4 teilbaren halbe römische Meilen. Des- 
halb finden sich bei Plinius häufig Miliensummen, denen noch 
das Zeichen D folgt (fbr eine halbe Milie). Alle diese Zahlen 
gehen auf ptolemäisch-römische Stadien zurück. Der zweite 
Ptolemäer baute den Kanal, der den Nil mit dem roten 
Meere verbinden sollte, nach Plinius' Angabe^) in einer Länge 
von XXXVII M D passuum, 37,5 Milien oder 300 Stadien. 
Die Entfernung des Nil vom roten Meere beträgt nach 
Plinius ^) 62,5 römische Meilen (LXII M D pctssutmjy diese 
entsprechen 500 Stadien. Man könnte aus diesen zwei Stellen 
schliessen, Bruchteile von Milien fänden sich nur f&r 100 
Stadien und Vielfache derselben. Dass diese Annahme un- 
richtig ist, lernen wir aus zwei anderen Stellen. Nach der 
einen 2) war Abydos VII M D pass. vom Nil, nach der 
anderen') die Pyramiden ebensoviel römische Meilen von 
Memphis entfernt. 7,5 Milien sind 60 Stadien. 



*) VI 165. 

») V 60. 

») XXXVI 76. 



— 87 — 

Die Umrechniing der Schoinoi in römische Meilen war, 
wie man sieht, sehr einfach. Wenn man den Scboinos 32 
ptolemäiscb-römiscben Stadien gleichsetzte, so erhielt man 
freilich keine abgemndeten Werte, aber doch solche, die man 
sehr leicht in das römische Mass verwandeln konnte. Sonst 
gewann man immer rnnde Stadiensummen f&r den Scboinos : 
diese liessen sich alle bequem umrechnen , da sie entweder 
ganzen Milien entspracben oder Hälften derselben, nur der 
Scboinos zu 30 Stadien und seine Vielfachen, die nicht durch 
2 teilbar waren, machten eine Ausnahme hiervon. Zwanzig 
Stadien und jedes Vielfache derselben sind also entweder 
ganzen römischen Meilen gleich oder einer bestimmten Anzahl 
von ganzen Milien vermehrt um eine halbe. 

Plinius und mit ihm die Mehrzahl der römischen Schrift- 
steller haben alle Stadien, welcher Art sie auch gewesen sein ^ 
mögen, als ptolemäisch-römische in Anrechnung gebracht. 
Der Verfasser der Naturgeschichte hat ferner auch Bruch- 
teile von Milien, und zwar Hälften derselben angeführt. Dies 
thut er aber nur da, wo er ein Stadienmass, das durch 20 
teilbar ist, in das römische Mass überträgt. Wie er sich ver- 
halten haben würde, wenn ihm eine griechische Zahl begegnet 
wäre, die nicht ganzen. oder halben Milien entsprochen hätte, 
kann man nicht sagen : sie ist ihm eben, so viel wir wissen, 
nie begegnet. Vielleicht spricht er aus diesem Grunde einmal 
von 30 Stadien i), weil dieser Wert zu denen gehörte, welche 
ein Eömer nur mit Mühe umrechnen konnte. 

Wenn wir uns den einzelnen Massen zuwenden, die 
Plinius ohne Angabe einer Quelle in seine Naturgeschichte 
aufgenommen hat, so finden wir, dass Schoinoi zu 30, 40 
und 60 wie auch zu 32 und 33Vb Stadien bei ihm vorkommen. 
Am wenigsten häufig begegnet man dem Scboinos zu 60 Stadien. 
Sicher ist er nur in einem Falle. Nach Plinius^) wurde 
Alexandria in einer Ausdehnung von 15 Milien oder 120 
Stadien angelegt, nach Gurtius^) in einer solchen von 80 



^) V 63. 


») V 62. 


») IV 8,2. 



— 88 — 

Stadien : beiden Zahlen liegen als ägyptisches Urmass 2 Schoi- 
noi zu Grunde, die Curtius oder richtiger seine Quelle zu 40, 
Plinius dagegen oder vielmehr sein Gewährsmann zu 60 
Stadien berechnete. Etwas häufiger findet sich der Scheines 
zu 40 Stadien. Nach Plinius i) lag Memphis 15 Milien oder 
120 Stadien von der Spaltung des Nil entfernt. Da diese 
Distanz nach Strabon ^) 3 Schoinoi gross war, so hat Plinius 
hier Schoinoi zu 40 Stadien. Demselben Mass begegnet man 
an einer anderen Stelle^), wo Plinius die Entfernung Parai- 
tonions von Alexandria zu 200 römischen Meilen oder 1600 
Stadien angiebt. Da bereits Aristobulos, der Geschicht- 
schreiber Alexanders des Grossen, diese Zahl überliefert^), 
so müssen dies 40 Schoinoi zu 40 Stadien sein. Dieses Mass 
haben wir wohl auch noch in einem dritten Falle. Wie 
Plinius ^) sagt, hatte die Insel, auf welcher der herakleopolitische 
Gau lag, eine Länge von 50 römischen Meilen oder 400 
Stadien: diese entsprechen wohl 10 Schoinoi zu 40 Stadien. 
Den kleineren Scheines, der nur 30 Stadien mass, haben wir 
auch einige Male. Nach einer Quelle, deren Namen wir leider 
nicht erfahren, erzählt Plinius % der Mareotissee habe in der 
Länge und Breite 40 Schoinoi zu 30 Stadien, was 150 Milien 
(1200 Stadien) ausmache. Ebendasselbe Mass begegnet noch 
ein anderes MaP), wo dem Sirbonissee nach einer ebenfalls 
nicht genannten QueUe ein Umfang von 150 Milien beigelegt 
wird. Auch in diesem Falle haben wir es wohl mit 40 
Schoinoi zu 30 Stadien zu thun. Ebenso mögen wir diesen 
Scheines haben, wenn Plinius^) angiebt, Abydos liege 7,5 
römische Meilen oder 60 Stadien vom Nil entfernt, oder wenn 
er die Distanz zwischen den Pyramiden und Memphis zu 



*) V 50. 

•) XVn 807. 

«) V 39. 

*) Bei Aman Anai, ÜI 3,8. 

») V 50. 

•) V 68. 

") V 68. 

*) V 60. 



— 89 — 

ebensoviel Milien berechnet 0* In einem anderen Falle ist 
es dagegen zweifelhaft, ob man den Scheines zn 40 oder den 
zn 30 Stadien hat. Wenn nämlich Plinius ^) sagt, von Memphis 
bis zur Deltaspitze seien 15 Milien oder 120 Stadien, so 
können wir hier 4 Schoinoi zu 30 oder 3 zu 40 Stadien 
haben. 

Dieses sind die Masse, die sich bestimmt auf Schoinoi 
zu 30, 40 und 60 Stadien zurückführen lassen. Weit häufiger 
ist der Scheines zu 32 ptolemäisch- römischen Stadien, also 
der, welcher leicht in römische Meilen umgerechnet werden 
konnte und infolgedessen die anderen Gleichungswerte im 
Verlauf der Zeit immer mehr zurückdrängte. Schoinoi zu 
32 ptolemäisch-römischen Stadien begegnen uns deshalb bei 
Plinius am häufigsten. Von Alexandria bis zur kanobischen 
Mündung waren nach dem Verfasser der Naturgeschichte 
12 Milien oder 96 ptolemäisch-römische Stadien^), nach Stra- 
bon^) mass der Landweg von Alexandria nach der Stadt 
Eanobos 120 Stadien. Beide Zahlen geben dieselbe Entfer- 
nung an, so wenig dies auch im ersten Augenblick der Fall 
zu sein scheint; denn die 96 Stadien des Plinius entsprechen 
3 Schoinoi zu 32 ptolemäisch -römischen Stadien, die 120 
Strabons ebensovielen Schoinoi zu 40 Stadien. An einer 
anderen Stelle^) erwähnt Plinius drei Masse, die auf3choinoi 
zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien zurückgehen : 4 römische 
Meilen sind gleich einem solchen Scheines, 16 gleich 4 und 
580 gleich 145. Ferner hat man diesen Scheines in folgenden 
drei Fällen. Wenn Syene auf einer Halbinsel von 1000 
Schritten Umfang liegen soll^), so haben wir V4, und wenn 
Juliopolis 2 römische Meilen von Alexandria entfernt gewesen 
sein soll^), so haben wir V2 Scheines zu 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien. Die Pyramiden sollen ungefähr 4 lömische 



^) XXXVI 76. 


*) V 50. 


«) V 62. 


*) XVU 801. 


») V 59. 


«) VI 102. 



— 90 — 

Meilen^), d. h. einen Schoinos zu 32 ptolem&isch - römischen 
Stadien vom Nil entfernt gewesen sein. 

Weniger leicht kann man sich in einem anderen Falle 
entscheiden, obgleich nicht weniger als zehn Zahlen zugleich 
überliefert werden. Plinius^ erzählt von Kundschaftern Neros^ 
welche im Auftrage ihres Kaisers den Weg von Syene bis 
Meroe gemacht hätten. Nach ihren Angaben betrug die 
Distanz beider Städte 945 Milien: 54 waren von Syene bis 
Hierasykaminos, 72 von hier bis Tama, 120 bis Premnis, 
64 bis Akina, 22 bis Pitara, 103 bis Tergedon, 80 bis Napata, 
360 bis zur Insel Meroe und von hier noch weitere 70 
römische Meilen bis zur Stadt Meroe. Das Nächstliegende 
ist, anzunehmen, dass wir in diesen Zahlen den Schoinos zu 
32 ptolemäisch - römischen Stadien haben. Es entsprechen 
nämlich zweiundsiebzig römische Meilen 18 derartigen Schoinoi^ 
hundertundzwanzig 30, vierundsechzig 16, achtzig 20, drei- 
hundertundsechzig 90, ferner ylerundf&nfzig 13V>, zweiund- 
zwanzig 5V2, siebzig 17Vs, endlich neunhundertf&nfundvierzig 
2367« und hundertunddrei Milien 2574 Schoinoi. Nach allem 
scheint dieser Schoinos zu Grunde zu liegen, und doch können 
wir uns nicht versagen, noch auf etwas anderes hin- 
zuweisen. 32 ptolemäisch- römische Stadien entsprechen 36 
italischen^). Der Schoinos mass demnach auch 36 italische 
Stadien. Auf dieses Mass könnten mehrere der genannten 
Zahlen zur&ckgehen. Neunhundertf&nfundvierzig römische 
Meilen entsprechen 210 Schoinoi zu 36 italischen Stadien, 
vierundffinfzig 12, zweiundsiebzig 16, dreihundertundsechzig 
80, sodann hundertundzwanzig 2678, vierundsechzig 147», 
zweiundzwanzig 4%, hundertunddrei 227», achtzig 1779 und 
siebzig 1579. Die letzten sechs Werte könnten es wunderbar 



») Himus XXXVI 76. 

«) VI 184 f. 

^ Nissen nennt das Stadion von 0,166 bn in der ersten Auflage seiner 
Metrologie S. 668 [4] das italische, in der zweiten S. 838 [4] dagegen das 
pythisohe. Da er aber in der zweiten Auflage wie in der ersten an einem 
italischen Foss von 0,276 m festhält, so nennen wir das zu diesem Foss 
gehörige Stadion (= 600 x 0,275 = 165 m) auch fernerhin das italische. 



— 91 — 

erscbeinen lassen, dass wir sagten, vielleicht liege der 
Schoinos zu 36 italischen Stadien unseren Zahlen zu Grunde. 
Aber es findet sich ein Wert , der immerhin zu denken auf- 
giebt. Nach Herodot^) musste man 12 Schoinoi von Ele- 
phantine nilaufwärts die Schiffe ziehen. Diese Gegend hat 
man deshalb später Dodekaschoinos genannt^, es war das 
Gebiet zwischen Elephantine oder Syene undHierasykaminos^. 
Nach dem Bericht der Kundschafter Neros mass dasselbe 
54 Milien: dies sind genau 12 Schoinoi zu 36 italischen 
Stadien. Ist diese Übereinstimmung zufällig? Wenn man 
in Betracht zieht, dass sechs von den 10 Werten sich nur 
schwer in Schoinoi zu 36 italischen Stadien verwandeln lassen, 
muss man es fiir wahrscheinlicher halten, diese Überein- 
stimmung sei zufällig. Aus diesem Grunde haben wir es 
also hier wohl in aUen zehn Fällen mit Schoinoi zu 32 pto- 
lemäisch-römischen Stadien zu thun. 

Es findet sich bei Plinius der Scheines auch zu 33V8 
attischen Stadien berechnet« Da aber der Verfasser der 
Naturgeschichte diese Stadien wie alle anderen als ptole- 
mäisch-römische in Anrechnung bringt, da er in einzelnen 
Fällen keine Veranlassung hatte, nach attischen Stadien statt 
nach ptolemäisch-römischen zu rechnen, so ist es sicher, dass 
er diese Werte bereits in griechischen Massen vorfand. Am 
sichersten kann man attische Stadien in folgendem Falle bei 
ihm nachweisen. Herodot^), Diodor^) und Mucianus<^) be- 
zeugen, dass der Mörissee einen Umfang von 3600 Stadien 
oder 60 Schoinoi zu 60 Stadien besessen habe. Nach Plinius t) 
betrug der Umfang aber nur 2000 Stadien (250 Milien). Auch 
diese Zahl entspricht 60 Schoinoi, nämlich solchen zu 33 Va 



^) n 29,8. 

^ Ptolemaios IV 5,74. 

') Über die Lage von Hierasykaminos, dem Ptolemaios a. a. 0. eine 
falsche Position giebt, vgl. den Aufsatz Der Geograph CkauUas Ptolemaeus 
im Rhein. Museum Bd. 48 S. 259. 

*) n 149,1 

») I 51,6. 

«) Bei Plinius V 50. 

') A. a. 0. 



— 92 — 

attischen Stadien. Eben dieses Mass muss noch zwei anderen 
Zahlen des Plinins zu Grunde liegen. Die Entfernung des 
roten Meeres vom Nilbett soll 62,5 römische Meilen oder 
500 Stadien betragen^). Wir können hier nur 15 Schoinoi 
zu 33 Vs attischen Stadien haben. Die Zahl 62,5 {LXIl M D 
passuum) hat man wohl noch an einer anderen Stelle ^) her- 
zustellen, wo nur 62 Milien {LXII M pctssuum) für die Ent- 
fernung des Mörissees von Memphis überliefert werden. 
62 römische Meilen sind gleich 496 Stadien, es fehlen also 
nur 4 Stadien (Vi Milie) an 500. Wie wir wissen, stehen 
Bruchteile der Milien nur bei den Zahlen, welche einer 
runden Summe Stadien entsprechen. Es liegt also die Ver- 
mutung, die wir aufgestellt haben, sehr nahe. Dazu kommt 
noch ein anderes Moment. 62 Milien oder 496 Stadien sind 
15V9 Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien, 62,5 rö- 
mische Meilen oder 500 Stadien dagegen 15 Schoinoi zu 
SSVs attischen Stadien. Die Zahl 15 verdient aber aus 
folgendem Grunde den Vorzug. Nach Diodor*) lag der Möris- 
see 10 axoTfOi von Memphis entfernt. 10 Schoinoi zu 60 
Stadien entsprechen 15 zu 40. Solche Umrechnungen, wie 
die soeben angegebenen, können wir nicht direkt nachweisen, 
aber nichts verbietet, ja vielmehr alles rät, sie anzunehmen. 
Wenn wir nun weiter vermuten, dass ein anderer Schrift- 
steller die 15 Schoinoi zu 33V8 attischen Stadien statt zu 
40 Stadien rechnete, was, wie wii* wissen, sehr oft geschehen 
ist, so haben wir die Zahl, die Plinius vorgelegen haben muss. 
Es ist demnach keineswegs unwahrscheinb'ch, dass der Ver- 
fasser der Naturgeschichte LXIl M D passuum gelesen oder 
geschrieben hat 

Wir wollen die Beobachtungen, die wir bisher bei Plinius 
gemacht haben, noch auf zwei Stellen anwenden, die fr&her 
unverständlich waren. Die eine derselben bezieht sich zwar 
mehr auf den Parasang, da dieser aber, wie wir schon oft 
gehört, mit dem Scheines beinahe identisch war, so fördert 



^) VI 165. 
•) V 50. 
») I 61,6. 



— 93 — 

die Erklärung dieser Stelle auch die Erkenntnis des ägyptischen 
Masses. Die betreffende Stelle^) lautet: EuphrcUe navigan 
Bäbylonem e Persico mari CCCCXII M passuum tradunt Ne- 
archus et Onesicrittts , gut vero postea scripsere ad SeUuciam 
GCCCXL mü., luba a Bäbylone Characem OL XXV mil. 
passuitm. fluere aliqui ultra Bahylona continuo alveo, prius- 
quam distrahitur ad rigua, LXXXVII mtl., universo autem 
carsu I XII \ M pass, inconstantiam mensurae diversitas au- 
dorum fadtj cum Persae quoque schoenos et parasangas alii 
alia mensura determinent. Am Schlüsse betont Plinius, der 
Mangel an Übereinstimmung röhre von der Verschiedenheit 
des Masses bei den Schriftstellern her; diese habe darin 
ihren Orund, dass die Perser den Schoinoi und Parasangen 
sehr verschiedene Werte gäben. Um so auffälliger ist es, 
dass Plinius, wie es scheint, Masse angiebt, die nichts mit- 
einander gemein haben : vom Meere bis Babylon sollen nach 
Nearchos und Onesikritos 412 Milien sein, vom Meere bis 
Seleukeia nach späteren Schriftstellern 440,* nach Juba beträgt 
die Strecke von Babylon bis Gharax 175 römische Meilen, 
nach einer anderen nicht genannten Quelle fliesst der Euphrat 
von Babylon 87 Milien, ehe er sich in mehreren Armen 
verliert, der ganze Lauf des Euphrat endlich soll 1200 römische 
Meilen messen. Wie es auf den ersten Blick scheint, hat 
keine dieser fünf Zahlen mit einer der anderen etwas zu 
thun: unverständlich wäre dann der Schlusssatz des Plinius. 
Sie m&ssen also etwas mit einander gemein haben, jedoch 
kann man als sicher annehmen, dass der Verfasser der Matur- 
geschichte den Schlusssatz aus seiner Quelle abschrieb, ohne 
den Zusammenhang zwischen ihm und dem Vorhergehenden 
zu erkennen. Ein Zusammenhang ist in der That vorhanden. 
Nearchos und Onesikritos sollen die Entfernung Babylons 
vom Meere zu 412 römischen Meilen oder 3296 Stadien an- 
gegeben haben. Dies ist unbedingt deshalb falsch, weil 
Nearchos wie Onesikritos nur runde Zahlen haben konnten. 
3296 Stadien entsprechen freilich 1 03 Schoinoi zu 82 ptolemäisch- 
römischen Stadien, aber diese Stadien existierten zur Zeit 

^) VI 124. 



— 94 — 

des Nearchos and Onesikritos noch nicht. Wir müssen dem- 
nach eine mnde Zahl haben; diese erhalten wir, wenn wir 
CGCCXU MD statt CCGC XI J Miesen. Ich wage freüich 
nicht jene Zahl in Plinins' Text zu setzen, denn es dftnkt 
mir wahrscheinlicher, dass der Verfasser der Naturgeschichte 
selbst den Fehler begangen hat, als dass seine Zahl verderbt 
worden ist. Nearchos und Onesikritos haben also 3300 und 
nicht 3296 Stadien als Mass der Entfernung Babylons vom 
Meere angegeben; diese 3300 Stadien sind 110 Schoinoi- 
Parasangen zu 30 Stadien. Dass diese Vermutung richtig 
ist, ersehen wir aus der zweiten Zahl. Spätere Schriftsteller 
— so berichtet Plinius — schätzten die Entfernung Selen- 
keias vom Meere zu 440 Milien oder 3520 Stadien. Es sind 
dies 110 Parasangen zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien. 
Man sieht, dass das eine persische ürmass, einmal 30 Stadien 
gleichgesteUt, zu 3300 Stadien (412,5 Milien) wurde, das 
andere Mal 32 gleichgestellt, dagegen zu 3520 Stadien 
(440 Milien). Jetzt versteht man Plinius' Äusserung, die 
Masse stimmten nicht überein, weil die Perser ihre Parasangen 
verschieden berechneten. Man wende nicht dagegen ein, das 
kleinere Mass gebe die Entfernung Babylons vom Meere an, 
dass grössere aber diejenige Seleukeias vom Meere. Wir 
haben oben, um nur ein Beispiel zu nehmen, gesehen, dass 
man ein Mass, welches ursprünglich die Entfernung des Berges 
Easios vom roten Meere bezeichnete, später einfach als die 
Distanz zwischen Pelusion und Arsinoe ausgab. Genau so 
ist es in unserem Falle. Als Seleukeia blühte und selbst 
Babylon in den Hintergrund gedrängt hatte, übertrug man 
die Entfernung, die ursprünglich nur für Babylon galt, ohne 
Skrupel auf Seleukos Nikators Stadt. Wie man hier 110 
Parasangen in 3300 und in 3520 Stadien verwandelte, so 
machte man es noch in einem zweiten Falle. Nach Juba 
mass die Strecke zwischen Babylon und Charax 175 Milien, 
1400 Stadien. Dies können entweder 43'/« Parasangen zu 
32 ptolemäisch-römischen oder 42 zu 337$ attischen Stadien 
sein, das letztere ist ohne Zweifel das richtige. Nach einem 
anderen Gewährsmanne betrug die Entfernung Babylons von 



— 95 — 

dem Punkte, wo der Euphrat in sein Delta tritt, 87 römische 
Meilen. Diese Distanz ist genau dieselbe wie die, welche 
Juba als Entfernung Babylons von Charax bezeichnete: es 
müssen demnach auch die beiden Grössen, die wir für diese 
Strecke haben, 176 und 87 Milien, auf ein persische^ Mass 
zurückgehen. 87 römische Meilen entsprechen 696 Stadien: 
es Uegt nahe, wieder wie vorhin anzunehmen, in Plinius' 
Quelle habe 700 Stadien und nicht 696 gestanden. Möglicher- 
weise hat demnach der Verfasser der Naturgeschichte 
LXXXVII M D geschrieben, falls er nicht bereits selbst einen 
Irrtum begangen hat. 700 Stadien aber sind gleich 2 1 Parasangen 
zu SSVs attischen Stadien. Da Juba dieselbe Strecke zu 
1400 Stadien schätzt, so haben wir es hier mit 21 Schoinoi 
zu 66'/8 attischen Stadien zu thun. Also auch hierfür gilt 
Plinius' Ausspruch, die Werte, welche die Länge einer und 
derselben Strecke angeben sollten, seien verschieden, weil 
die Schriftsteller den Parasang und Schoinos verschieden be- 
rechneten. Juba hat ihm hier den doppelten Wert gegeben 
wie die andere Quelle des Plinius, deren Namen wir nicht 
kennen. Wir haben bisher noch nicht von der fünften Zahl 
gesprochen, welche der Verfasser der Naturgeschichte an 
unserer Stelle anfuhrt. Nach derselben betrug die Länge 
des ganzen Euphratlaufs 1200 Milien oder 9600 Stadien. 
Dies können 300 Parasangen zu 32 ptolemäisch-römischen 
Stadien oder 240 zu 40 oder 320 zu 30 Stadien sein. Das 
erste ist das wahrscheinlichste. 

Nach dem, was wir aus dieser Stelle des Plinius lernen, 
hatte der Schoinos oder Parasang eine Länge von 30 Stadien, 
von 32 ptolemäisch-römischen, 33V8, bezw. 66Vs attischen 
Stadien. Neu ist für uns hiervon nur, dass der Schoinos 
auch zu 667« attischen Stadien berechnet wurde. Wie wir 
gesehen, gab es einen Schoinos, der 60 Stadien mass: wenn 
man ihn ganz genau nach attischen Stadien wiedergeben wollte, 
so musste man ihn 66-/8 gleichsetzen. An und für sich ist 
dies keineswegs auffällig, aber es ist für uns doch von Interesse, 
an einem bestimmten Beispiele nachweisen zu können, dass 
man den Schoinos zu 66V3 attischen Stadien gerechnet hat. 



— 96 — 

Noch eine andere Stelle des Plinins^ ist für die Er- 
kenntnis des Wesens des Schoinos von grösster Bedeatnng. 
Nach derselben betrug die Entfernung Meroes von Syene, 
wie Eratosthenes lehrt, 625 römische Meilen, wie Artemidor 
dagegen sagt, nur 600. Wie verhalten sich beide Zahlen zu 
einander ? Eratosthenesberechnete den Schoinos zu 40 Stadien^). 
Dieses Mass findet sich auch in der That in den Distanz- 
angaben, die man von ihm kennt. Die Entfernung Eyrenes 
von Alexandria gab er zu 4200 Stadien (525 römischen MeUen) 
an^), diese entsprechen 105 Schoinoi zu 40 Stadien. Die 
Ausdehnung der Küsten des roten Meeres berechnete er zu 
1300 Milien oder 260 Schoinoi zu 40 Stadien «). Ebenso 
gross soll nach Eratosthenes ^) die Entfernung der pelusischen 
Mündung von der kanobischen gewesen sein. Auch unsere 
625 Milien oder 5000 Stadien sind gleich 125 Schoinoi zu 
40 Stadien. So gross war nach Eratosthenes die Entfernung 
Meroes von Syene, nach Artemidoros betrug dieselbe aber 
600 römische Meilen, d. h. 4800 Stadien. Auch diese Zahl 
wird wohl auf 125 Schoinoi zurückgehen. Wenn dies der 
Fall ist, so haben wir hier Schoinoi zu S8Vb Stadien. 

Eratosthenes berechnete demnach die 125 Schoinoi, 
welche Meroe von Syene entfernt sein sollte , zu 40 Stadien, 
Artemidoros aber zu SS'/s. Mit Hülfe dieser Thatsache können 
wir nunmehr einen bedeutenden Schritt vorwärtskommen^). 
Plinius'O allein verdanken wir die Nachiicht, Eratosthenes 
habe den Schoinos zu 40 Stadien, d. h. zu 5 Milien berechnet, 
während andere ihn 32 Stadien gleichgestellt hätten. Durch 
diese Notiz lernen wir nichts Bestimmtes. Eratosthenes kann 
entweder den Schoinos zu 40 Stadien, der sich sehr häufig 



») VI 183. 

«) PlinioB Xn 53. 

^ Bei PlinioB V 89. 

*) Ebenda VI 163. 

«) Bei Strabon XVII 786. 

*) Wir werden unten sehen, dass Artemidoros seine Zahl auf andere 
Weise gewann; aber auch so folgt darans das, was wir beweisen wollen; 
deshalb halten wir zunächst der Einfachheit wegen an den 38*/6 Stadien fest 

^ xn 53. 



— 97 — 

findet, allen anderen Schoinoi, nämlich denen zu 30, 60 und 
120 Stadien, vorgezogen haben oder er hat ein neues Mass 
geschaffen. Dies war aber nur möglich, wenn er entweder 
von dem Schoinos zu 32 ptolemäisch-römischen oder von dem 
zu 33V8 attischen Stadien ausging und ihn um einen bestimmten 
Bruchteil vergrSsserte. Erhöhte er ihn um V4, so erhielt er 
einen Schoinos von 40 ptolemäisch-römischen, vergrösserte er ihn 
aber um Vs, so erhielt er einen Schoinos von 40 attischen Stadien. 
Nissen 1) schloss früher mit Recht, dass das letztere allein 
richtig sei, dass des Eratosthenes Schoinos 40 attischen Sta- 
dien entspreche. Er stützte sich dabei auf die Nachricht 
Julianus' von Askalon % der grosse griechische Philologe habe 
nach attischen Stadien gerechnet^). Das nämliche beweist 
die Thatsache, dass Eratosthenes demselben Schoinos 40, 
Artemidoros aber SS'/s Stadien gab. Wenn Eratosthenes den 
Schoinos zu 32 ptolemäisch-römischen oder 33Vi attischen 
Stadien um V4 erhöht hätte, so würde er einen Schoinos von 
40 ptolemäisch-römischen und 41 Vs attischen Stadien erhalten 
haben ; da er ihn aber um Vs vergrösserte, so bekam er einen 
Schoinos von 40 attischen und 38 Vs ptolemäisch-römischen 
Stadien. Dieses Mass liegt bei Eratosthenes und Artemidoros 
vor: letzterer rechnete den Schoinos zu 38 Vs ptolemäisch- 
römischen, Eratosthenes aber zu 40 attischen Stadien. Wenn 
jener demnach 4800 Stadien als Mass überlieferte, so sind 
dies ptolemäisch - römische , des Eratosthenes 5000 dagegen 
attische Stadien^). 



*) Mitrologü^ S. 705 [41]. 

«) Metroi, scr. I S. 201,13 f. 

^ Nissen Metrohgü'^ 8. 701 [37]. Zweite AuH. S. 889 f. [55 f.] 

^) Wir gewinnen hierdurch eine Bestätigung der vielfach angefochtenen 
soeben erwähnten Nachricht des Julianus von Askalon, Eratosthenes habe 
8 Vi Stadien auf eine römische Meile, d. h. nach attischen Stadien gerechnet 
Damit sind zugleich Mtillenhoff und Hultsch widerlegt, die Eratosthenes ein 
Stadion von 0,1575 km geben wollten (vgl. oben S. 4)i, und Lepsius, nach 
dem der griechische Gelehrte ein Stadion von 0,18 km gehabt haben soll 
(Zeitschr. f. ägypt. Sprache 1877 S. 1 fL Längenmasse S. 13 ff.). Daraus 
folgt, dass die genannten Forscher den wahren Wert des Erdumfangs, wie 
Eratosthenes ihn berechnet hat, nicht gefunden haben. 

Berliner Stadien, Band XY. 3. 7 



— 98 — 

Nach dem Vorhergehenden steht fest, dass Eratosthenes 
den Schoinos nm Vs erhöhte, dass er ihn 40 statt 337« atti- 
schen Stadien gleichstellte. Es liegt auf der Hand, dass der 
grosse Gelehrte ans einem ganz bestimmten Grunde sich daran 
gemacht haben muss, den Schoinos grade um ein F&nftel zu 
yergrössern. Wir wissen, dass die Mehrzahl der Schriftsteller 
das ägyptische Mass gewöhnlich zu 30, 40, 60 oder 120 Stadien 
berechnete, viele, unbekümmert darum, dass sie so den Wert 
des Schoinos ungenau bestimmten. Daneben gab es aber 
Autoren, welche sich bewusst waren, dass sie ein^ Fehler 
begingen, wenn sie den Schoinos 30 Stadien gleichsetzten, 
da er wohl 30 persischen Stadien entsprach, aber nicht 30 
solchen Stadien, nach denen sie selbst zu rechnen pflegten. 
Diese Schriftsteller haben das Mass des Schoinos zu 33',» 
attischen und zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien festgesetzt. 
Eratosthenes muss auf ihrer Seite gestanden haben, da er 
auf ihrem Bechensystem seine Reform aufbaute. Einen Übel- 
stand aber hatte ihre Art den Schoinos in das griechische 
Mass zu verwandeln. Das griechische Stadion war ein kleiner 
Wert, man beging deshalb nur einen geringen Fehler, wenn 
man die Stadiensumme abrundete. Dadurch kommt es, dass 
die Griechen fast immei* die Stadien in runden Zahlen an- 
geben, dadurch kommt es, dass man vor wie nach den 
Schoinos 30, 40, 60 oder 120 Stadien gleichstellte, so wenig 
dies auch ffir manche Schriftsteller richtig war. Eratosthenes 
{itand auf selten der Autoren, welche den Schoinos, um seinen 
Wert möglichst genau zu bestimmen, zu 3378 attischen 
Stadien berechneten, aber er verkannte nicht, dass die 
griechischen Masse, die sie gewannen, an einem schweren 
Fehler litten, nämlich an dem, dass sie zu einem nicht ge- 
ringen Bruchteile nicht rund waren. Das war der Grund, 
der ihn zu seiner Reform veranlasst hat: sein Mass, um V» 
grösser als der alte Schoinos, liess sich sowohl aufs genauste 
in griechische Werte umrechnen, als auch entsprach es dem 
Verlangen der Griechen nach runden Zahlen. 

Seine Reform war eines Gelehrten würdig, aber sie war 
nichts mehr. Von der Studierstube aus liess sich nicht ein 



— 99 — 

alteiDgebörgertes Mass reformieren, am allerwenigsten in 
Ägypten. Von nachhaltigen Folgen ist seine Neuerung 
jedenfalls nicht gewesen. Ausser seinen eigenen Massen 
kennen wir nur noch daqenige Artemidors, in dem Erato- 
sthenes' Beform sich erhalten haben könnte. Wie es scheint, 
entspricht Artemidors Zahl 125 Schoinoi zu SSVs ptolemäisch- 
römischen Stadien. Wenn dies wirklich der Fall wäre, so 
leinten wir hieraus, dass die Beform des Eratosthenes eine 
Zeit lang so viel Anklang fand, dass selbst andere Schrift- 
steller sie aulnahmen und seinen Scheines sogar in andere 
Masse umwandelten. Jedoch können wir dabei ein Bedenken 
nicht unterdrücken, nämlich dies, dass bei der Umrechnung 
der Vorzug des eratosthenischen Systems verloren ging : mit 
40 (attischen) Stadien konnte man leicht rechnen, mit SSVs 
(ptolemäisch-römischen) aber nicht. Deshalb können wir 
nicht glauben, dass Artemidor, wie es anfangs den Anschein 
hat, dem Scheines SS'/s Stadien gab, wir können dies um so 
weniger, wenn wir folgendes beachten. Eratosthenes war 
Philologe: wollte er wirklich eine praktische Beform des 
Schoinos? oder wollte er nur eine gelehrte, d. h. wollte er 
ein Mittel schaffen, mit dessen Hfilfe man den Schoinos 
leichter in Stadien verwandeln konnte? Ich glaube nur das 
letztere. Hierfür spricht, dass er die vorhandenen Masse 
um Ve verkleinerte, weil er den Schoinos selbst um Vs ver- 
grössem wollte. Deshalb sind wohl die Masse, die wir von 
ihm kennen, durch 5 teilbar. Wenn seine 4200 Stadien auch 
auf 105 Schoinoi zu 40 attischen Stadien zurückgehen, so 
hätte er doch dieselbe Zahl finden können, wenn er das alte 
Mass, 126 Schoinoi, beibehalten und zu SSVs attischen Sta- 
dien berechnet hätte. Ebenso muss man das Längenmass, das 
er zu 125 Schoinoi von 40 attischen Stadien bestimmte, ur- 
sprünglich als eine Grösse von 150 Schoinoi (zu SSVs at- 
tischen Stadien) angesehen habend). Dies ist der Grund, 



^) Die Stadt Meroe lag nach £rato»thenes (bei Strabon XVn 786) 
700 Stadien oberhalb des Znsammenflnsses des Astaboras mit dem Nil. Es 
müssen dies 177» eratosthenische Schoinoi sein, sie entsprechen 21 Schoinoi 
zxL 33Vi attischen Stadien. Nach dem grossen Philologen (bei Strabon a. 



— 100 — 

weshalb wir yorUn sa^en, es sei nicht sicher, ob Artemi- 
dors Zahl auf den Scheines zu 387» ptolemäisch-römischen 
Stadien zurfickgeht: er kann ebenso gut zu seiner Zahl ge- 
langt sein, indem er die 150 Stadien, welche nach landl&u- 
figer Tradition die Entfernung Meroes von Syene mass, zu 
32 ptolemäisch-römischen Stadien berechnete. 

Ja, wenn wir das folgende beachten, so ist es sicher, 
dass Artemidor nur auf letztere Weise zu seiner Zahl kam. 
Nach Eratosthenes mass nicht nur die Entfernung Meroes 
von Syene, sondern auch die dieser Stadt von Alexandria 5000 
Stadien, also 125 Schoinoi zu 40 Stadien. Diese 125 Schoi- 
noi muss der Geograph gemäss unseren soeben gegebenen 
Auseinandersetzungen aus 150 Schoinoi gewonnen haben. 
Eratosthenes wusste demnach, dass die Entfernung Syenes 
von Alexandria 150 Schoinoi betrug. Dieses Mass haben 
Aristokreon, Diodor und, wenn auch nicht direkt, Plinius für 
die Länge des Nillaufs in Ägypten auf uns gebracht <). Wir 
erhalten dadurch eine Bestätigung der oben aufgestellten. 
Behauptung. 150 Schoinoi mass nach einheimischer Tradition 
der Nil in Ägypten; diese 150 Schoinoi reduzierte Erato- 
sthenes um V«, also auf 125, um sie mit 40 attischen Stadien 
multiplizieren zu können^). Wenn wir dies im Auge be- 

a. 0.) mass die Entfernung der pelusischen Mündung von der kanobischen 
1800. Stadien. Diese Zahl des Eratosthenes spielt bei Strabon (1 64. XY 
701 and XVII 791) eine grosse Rolle. Sie begegnet ausserdem bei Diodor 
(I 34,1) und bei Skylax von Karyanda (C. 106). 1300 Stadien entsprechen 
32Vt eratosthenisohen Schoinoi. aber auch 39 Schoinoi zu 38 Vt attischen 
Stadien. Es ist nicht unmöglich, dass Diodor oder seine QueUe mit Hülfe 
des letzteren Wertes die Zahl 1300 gewann. 

^) Bei Strabon II 68. 71, vgl die Chrestomathie aus Strabons Buch 
n C. 19 in Müllers G, G, m, H S. 587 f. Plinius H 183. Eleomedes I 
10 S. 53 Balf.^ bei H. Berger (Die geographisehen FragmetUe da Eratcsthma 
Leipzig 1880) Fragment 11 B, 34. 

') Vgl oben S. 43 ff. 

^ Nach Strabon XYII 786 berechnete Eratosthenes die Lädge des Nil- 
laufs von Syene bis an die Küste zu 5300 Stadien. Beiger a. a. 0. S. 152 f. 
zweifelt an der Richtigkeit dieser Angabe, zumal fast unmittelbar vorher im 
Texte Strabons dieselbe Zahl stehe. Jedoch ist sie keineswegs falsch. 
Eratosthenes nimmt nämlich nach der genannten Stelle fünf Abschnitte des 



— 101 — 

halten, so ist es weit wahrscheinlicher, dass Artenddor 150 
Schoinoi für die Entfernung Meroes von Syene vorfand und 
sie 32 ptolemäisch-römischen Stadien gleichsetzte, als dass 
er mit einer f&r einen antiken Schriftsteller schier undenk- 
baren Genauigkeit die 5000 attischen Stadien des Erato- 
sthenes in 4800 ptolemäisch-rOmische verwandelt oder mit 
anderen Worten den Schoinos zu SSVs ptolemäisch-römischen 
Stadien berechnet habe. 

Artemidor hat demnach um das J. 100 v. Chr. nach ptole- 
mäischen Stadien von 0,185 km gerechnet. Es ist dies ein 
Resultat von nicht geringer Bedeutung, mit seiner Hülfe kann 
man vielleicht in der Beantwortung der Frage, ob es wirklich 
ein ptolem&isches Stadion gegeben habe, etwas weiterkommen. 
Nissen schliesst aus Hygin^), die römischen Feldmesser 
hätten in Eyrene einen Fuss von 0,30833 m kennen gelernt, 
welcher der ptolemäische hiess^, Dörpfeld dagegen schliesst 
aus dieser Stelle, die Agrimensoren hätten, als sie die könig- 
lichen Ländereien des Ptolemaios Apion in Eyrene vermassen, 
einen neuen Längenfuss von 0,30833 m geschaffen, um mit 
seiner Hülfe das ägyptische und das römische Feldmass in 



Nil von Meroe bis zum Meere an, die 2700, 8700, 5300, 1200 and 6300 
Stadien gross sein sollen. Danach mass der Nil von Meroe bis zum Meere 
18200 Stadien oder 430 Schoinoi zu 40 Stadien. Diese Zahl ist der beste 
Beweis dafär, dass Eratosthenes in Wirklichkeit 5300 Stadien oder 1327t 
Schoinoi für die länge des Nillaofe von Syene bis zum Meere rechnete. 
Man könnte, hierauf gestützt, unsere obige Auseinandersetzung angreifen. 
Aber nach einheimischer Tradition mass die Länge des Nillaufs von Syene 
bis zum Meere 160 Schoinoi ; diese Zahl übertrug man später auf die Breiten- 
ausdehnung Ägyptens von Süden nach Nordeu. Es ist dies ebensowenig 
auffällig, wie wenn man ein Mass, das ursprünglich nur für die Entfernung 
des Berges Easios vom roten Meere gilt, später auf die Distanz zwischen 
Pelusion und Arsinoe überträgt Eratosthenes nahm in ähnlicher Weise die 
150 Schoinoi, die er in 125 umrechnete, für die geographische Breite 
Ägyptens in Anspruch und addierte zu letzterer Zahl 77* Schoinoi (zu 40 
attischen Stadien) für die Krümmungen des Nil: dadurch glaubte er ein 
richtiges Mass für die Länge des Flusses innerhalb Ägsrptens zu erhalten. 

») Mtr. scr. H S. 60,20 ff. 

«) MeiroL'^ S. 863 [29]. 



— 102 — 

Einklang zn bringen 0. Nach Nissen^ gab es ein ptolemä- 
isches Stadion von 0,185 km (= 600 Fnss von 0,30833 m), 
nach Dörpteld^ ist vielmehr das Stadion von 0,185 km das 
Achtelmeilen-Stadion, das ganz gewöhnliche römische Stadion 
von 625 römischen Fuss. Welche von beiden Ansichten ver- 
dient den Yorzng? Nissen hat sich später Dörpfeld mehr ge- 
nähert : in der zweiten Auflage seiner Metrologie ^) nennt er 
das fragliche Stadion das ptolemäische (römische). Gtegen 
Dörpfeld spricht nnr der Umstand, dass der Fuss von ,0,30833 
m der ptolemäische heisst Dieser Name w&rde sich eher 
erklären, wenn sein Schöpfer ein Ptolemäer war. Hat aber 
Dörpfeld recht, so gaben die Bömer ihm den Namen zu 
Ehren des Ptolemaios Apion, der ihnen seine Ländereien 
vermacht hatte^). F&r Dörpfeld spricht manches. Das Stadion 
von 0,185 km findet sich so gut wie niemals in der grie- 
chischen Litteratur, um so häufiger in der römischen. Wäre 
dieses Stadion eine Schöpfung der Ptolemäer, so müsste es 
unbedingt f&r ägyptische Entfernungsangaben in der grie- 
chischen Litteratur begegnen, es müsste sich wenigstens so 
oft finden wie das attische Stadion, das etwa f&nfzehnmal 
nachzuweisen ist. Hätte nicht der alexandrinische Gelehrte 
Eratosthenes das Stadion seines Königshauses, wenn es wirk- 
lich ein solches damals gab, seinen Berechnungen zu Grunde 
legen m&ssen ? Anstatt dessen brauchte er vielmehr attische 
Stadien. Der Verfasser des Periplus des roten Meeres war 
ein Mann aus dem Volke, von grosser Bildung ist bei ihm 
keine Bede. Er bedient sich des einheimischen ägyptischen 
Kalenders : er hätte doch wohl auch nach einem einheimischen 
ptolemäischen Stadion gerechnet, wenn es thatsächlich ein 
solches seit Jahrhunderten gegeben hätte. Anstatt dessen 



>) Zeitechr. für Ethnologie XXH (1890) S. 100. 

•) Metroi. * S. 668 [4]. 

•) A. a. 0, S. 101. Vgl. noch MittheUungen d. Inst, in Athen XV 
(1890) S. 187. 

*) S. 888 [4]. 

') Bereits Lepsios {DU Längenmasse der Ahm S. 4Q) hat diese Ansich 
aufgesteUt 



— 108 — 

setzt er den Schoinos 40 Stadien gleich. Alle diese Momente 
sprechen f&r Dörpfelds Annahme. Selbst der Umstand, dass 
Artemidor einmal das Stadion von 0,185 km hat, lässt sich 
eher dafür als dagegen anführen. Ptolemaios Apion starb 
um das J. 96. Die Römer f&hrten damals den ptolemäischen 
Fnss von 0,30833 m ein; das Achtel ihrer Milie, 0,185 Kilo- 
meter, war gleich 600 solcher F&sse. Was lag unter diesen 
Verhältnissen näher, als das Stadion von 0,185 km, dessen 
man sich schon lange bei Umrechnung griechischer Werte 
in römische bediente, nach dem Fuss von 0,30833 m das 
ptolemaische zu nennen und es so den Ägyptern zu empfehlen ? 
Ob das Stadion wirklich je diesen Namen getragen hat, kann 
man nicht sagen, aber es ist nicht unwahrscheinlich. Auf 
diese Weise mag Artemidor an das Mass von 0,185 km ge- 
kommen sein. Dem widersprechen nicht die Zeitverh&ltnisse. 
Nach Marcianus ^) blühte Artemidor zur Zeit der 169. Olym- . 
piade (^**/ioi v. Chr.). Wir brauchen demnach nur zu ver- 
muten, dass er noch um das J. 80 y. Chr. an seinem grossen 
geographischen Werk arbeitete, so stehen die Zeitverhältnisse 
keineswegs unserer Annahme entgegen. Überdies kann Arte- 
midor oder richtiger seine Quelle — denn er selbst hat nicht 
den Scheines in ptolemäisch-römische Stadien umgewandelt — 
schon früher das römische Stadion bei der Umrechnung des 
Scheines zu Grunde gelegt oder, mit anderen Worten, 32 
Stadien dem Scheines gegeben haben, da man sich seit 
Polybios daran gewöhnt hatte, acht Stadien auf eine römische 
Meile zu rechnen. Das Stadion von 0,185 km ist demnach 
jedenfalls hauptsächlich durch die Bömer in die Litteratur 
eingeführt worden, es verdient deshalb zumeist den Namen 
«römisches Stadion^ Daneben ist es aber auch möglich, dass 
die Bömer es zu einem ptolemäischen Mass gemacht haben, 
wie sie nach Dörpfelds Annahme^ ein ganz neues, auf dem 
Fuss von 0,30833 m aufgebautes Masssystem in Eyrene und 
Ägypten einführten. Es ist unter diesen Verhältnissen das 



^) Epitome Peripli Menippei C. 3 S. 64 Hudt. bei Maller G. G. m. 1 
S. 566,31 flf. 

») Z. f. Ethnologie XXH S. 101. 



— 104 — 

richtigste, das Stadion von 0,185 km das ptolemäisch-römische 
zu nennen. 

Von nicht geringerer Bedeutung ist etwas anderes, was 
sich aus unseren Auseinandersetzungen über Eratosthenes 
ergiebt Wie wir gesehen haben, rechnete der grosse 
Philologe nach attischen Stadien: nicht nur Julianns von 
Askalon bezeugt dies, sondern auch unsere obigen Unter- 
suchungen machen es zur Gewissheit. Nissen, der sich nur 
auf Julian berufen konnte, stellte infolgedessen fest, dass 
Eratosthenes den Erdumfang %^ zu hoch bestimmt habe^). 
Qleichwohl fand sein Ansatz wenig Anklang. Nicht nur 
hielten die älteren Forscher an ihren Bestimmungen fest^, 
sondern es kamen noch neue hinzu, von denen wenigstens 
die Berechnung Dörpfelds von uns hier ausführlicher be- 
sprochen werden muss. Ein äginäisch-attisches oder gemein- 
griechisches Stadion von 0,164 km glaubt Dörpfeld entdeckt 
zu haben, ein Stadion, das sich bei allen griechischen Schrift- 
stellern von Herodot bis Eratosthenes finde ^). Wir haben 
oben^) gezeigt, dass ein solches Stadion bei Herodot nicht 
existiert; ob es bei anderen Autoren im Gebrauch gewesen 
ist, mag dahingestellt bleiben, bei Eratosthenes war es 
ebensowenig wie bei Herodot vorhanden. Dörpfeld^) urteilt 
f olgendermassen : ,Eratosthenes berechnete den Umfang der 
Erde auf 252000 Stadien. Wäre seine Rechnung ganz 
genau gewesen, so mttsste er sich eines Stadion von etwa 
0,159 km bedient haben. Ungefähr so gross muss nun auch 
thatsächlich sein Stadion gewesen sein, da aberliefert wird, 
dass dasselbe der vierzigste Teil des ägyptischen Schoinos 
war. — Nachdem wir wissen, dass das gewöhnliche griechische 
Stadion nur 0,164 km lang war, versteht es sich von selbst, 
dass Eratosthenes seine Erdmessung auch mit diesem 

») Metro/. 1 S. 702 [38]. 

*) Über die Mannigfaltigkeit dieser Ansätze vgl. Berger Eratosthenet 
8. 99 ff. Hnltsch Meirol, ' 8. 60 ff. Cantor Vorles, über Gesch. d. Mathem. 
I 8. 281. Dörpfeld in den Mitüu d. Inst, in Athen XV S. 186. 

^ Mitth. XV 8. 186. 

*) 8. Ö5,3. 

*) A. a. 0. S. 184 l 



— 105 — 

Stadion . . • ausgeführt hat. Das Besoltat seiner Rechnung 
ist dem wirklichen Erdumfange sehr nahe gekommen, es 
war nur um etwa 3% zu gross'. Nun sagt aber niemand, 
dass das Stadion des Eratosthenes der vierzigste Teil des 
ägyptischen Scheines war. Aber angenommen, es wäre der 
vierzigste Teil des Scheines (zu 30 Stadien), so wäre es 
gleich 0,1477 und nicht gleich 0,164 km, da der genannte 
Scheines, wie wir noch sehen werden, 5,90625 km misst. 
Jedoch zugegeben, der vierzigste Teil des Schoinos messe 
0,164 km, so müsste der ägyptische Schoinos 6,56 km gross 
sein. Wer hat je einen Schoinos von dieser Grösse nach- 
gewiesen ? Sollte Dörpfeld im Anschluss an die erste heronische 
Tafel das ägyptische Mass zu 6,56 km bestimmt haben, se 
mflsste nach seiner Ansicht die Elle, welche nach der 
genannten Tafel ^|i2ooo ^^s Schoinos ist, 0,5467 m messen. 
Die Elle des ersten heronischen Fragments ist aber viel- 
mehr^) die gemeine Elle Eleinasiens von 0,495 m. Es ist 
also nicht richtig, wenn Dörpfeld f&r Ägypten einen Schoinos 
von 6,56 km in Anspruch nimmt, es ist ferner unrichtig, 
wenn er glaubt, des Eratosthenes Stadion sei ein Yierzigstel 
dieses Schoinos gewesen, habe also 0,164 km gemessen. 
Ausserdem ist kein solches Stadion nachzuweisen f&r Herodot 
und wohl auch für die anderen griechischen Autoren. Infolge- 
dessen kann auch die Berechnung des eratosthenischen Erd- 
umfangs, welche Dörpfeld aufstellt, nicht richtig sein. Mit 
Recht hält deshalb Nissen in der zweiten Auflage seiner 
Metrologie^) an seinem früheren Ansatz fest. Der Fehler, 
den Eratosthenes gemacht hat, ist aber ohne Zweifel noch 
etwas geringer gewesen, als Nissen annimmt. In der Erd- 
messung des Eratosthenes spielt der Schoinos eine grosse 
Rolle, nach ihm hat der Philologe seine Berechnungen gemacht. 
Bei der Festsetzung des Erdumfangs ging er von Ägypten, 
also auch von ägyptischen Massen aus. Er bestimmte den 
umfang zu 252000 attischen Stadien, d. h. zu 6300 seiner 
Schoinoi. Auf den Breitengrad kommen 700 attische Stadien 

^) Vgl. das Nähere oben S. 12 f. 
•) S. 890 [56]. 



— 106 — 

oder 17 Vi von seinen Schoinoi. Dies sind 21 ägyptiscke 
Schoinoi zu 30 Stadien oder 21x5,90625=124,03125 km. 
Seine Berechnung war also etwas, wenn auch nicht viel, 
kleiner, als wenn wir von attischen Stadien ausgehen: 700 
attische Stadien entsprechen 124,32 km. Eratosthenes hat 
demnach 13,03125 km oder gegen ^In zu viel auf einen Grad 
gerechnet. 

Überschauen wir noch einmal kurz alles, war wir ge- 
funden haben, so steht soviel fest, dass Eratosthenes eine 
Beform wollte, eine solche, die mehr gelehrt als praktisch 
war, von der er sich wohl auch einigen Nutzen f&r die 
Praxis versprach, die aber einfach daran scheitern musste, 
dass sie sich auf das attische Stadion gründete, nicht auf 
das ptolemäisch-römische, dem, wie wir gesehen, unter den 
römischen Kaisern die Zukunft gehören sollte. Seine Beform 
bestand darin, dass er den Scheines um ^{5 vergrösserte. Er 
schuf so ein Mass (= 40 attischen Stadien), mit dem man 
leicht rechnen konnte. Um aber keine neuen Irrtumer 
hervorzurufen, reduzierte er alle ägyptischen Masse, die er 
in Stadien umrechnete, um ^le. Auf diese Weise erhielt er 
richtige und stets, wenn die Summe der Schoinoi durch 3 
teilbar war, runde griechische Masse. Ob seine Beform 
auch von anderen Gelehrten aufgenommen wurde, lässt sich 
nicht sagen. Artemidors Zahl kann kein Beweis daf&r sein, 
da sie unzweifelhaft auf das ursprüngliche Mass zurückgeht, 
aus dem Eratosthenes erst durch Umrechnung das seinige 
gewinnen musste. 

Dies sind die wichtigen Erkenntnisse, die wir Plinius 
verdanken. Er ist fiir uns unter den römischen Schriftstellern 
das, was unter den griechischen Strabon ist. Nach ihm 
kommt nur noch Ammianus Marcellinus in Betracht 
und zwar einzig und allein der Vollständigkeit wegen. Er 
hat nur den Scheines zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien. 
Es ist dies selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass auch 
bei den griechischen Schriftstellern der späteren Zeit der 
Schoinos zu 30 Stadien sozusagen allein herrscht. Auf dieses 
Mass hatte man sich stillschweigend geeinigt, die Griechen 



— 107 — 

berechneten «s zn 30 Stadien, zum teil weil sie dadurch 
runde Zahlen erhielten, die Römer dagegen zu 32, weil sich 
diese Zahl besser in das römische Mass verwandeln liess. 
Deshalb finden wir diesen Scheines auch bei Ammian. Er 
giebt^) die Entfernung der kanobischen H&ndung von 
Alexandria wie Plinius^ zu 12 Milien oder 96 Stadien an, 
die, wie wir zu letzterem Schriftsteller bemerkt haben, 3 
Schoinoi zn 32 ptolemäisch-römischen Stadien entsprechen. 
Dasselbe Mass haben wir, wenn Ammian^ von der Insel 
Pharos sagt, sie sei 1000 Schritte (also % Scheines) von der 
Efiste entfernt. 

Über die Peutingersche Tafel können wir nur 
wenig sagen, weil ihre Zahlen in ziemlich verderbtem Zustande 
auf uns gekommen sind. Da sie aber manche Zahlen mit 
dem Itinerar Antonius gemein hat^), so haben wir in ihr ohne 
Zweifel wie in dem genannten Wegeverzeichnisse Milien, die 
auf Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien zur&ck- 
gehen. Wie sehr die Zahlen verderbt sind, kann man aus 
folgendem Beispiel entnehmen. Nach Hierokles^) folgten 
auf Pelusion nach Osten hin Gerrhon (bei Hierokles Fd^gag), 
Pentaschoinos und Easios. Pentaschoinos lag, wie der Name 
sagt, fünf Schoinoi von Pelusion entfernt, Gerrhon muss 
sich demnach näher bei dieser Stadt befunden haben. Nach 
Sozomenos^ lag Gerrhon ungefähr 50 Stadien östlich von 
Pelusion. Dies können nur 1^12 Schoinoi zu 33V8 attischen 
Stadien sein. Nach der Peutingerschen TafeP) beträgt die 
Entfernung zwischen Pelusion und Gerrhon 8 Milien oder 
2 Schoinoi zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien. Die Zahl 
VIII der Tafel ist ohne Zweifel falsch; sie widerspricht 
nicht nur der Angabe des Sozomenos, sondern auch dem 



*) XXTT 16,14. 
•) V 62. 

*) xxn 16,10. 

*) S. z. B. Fleckeisens Jahrb. f. k. Philol. 1892 S. 638. 
*) S. 727, 3—7 Wrtj. 
«) Bist ecelts. VEI 19. 
^ Segment IX 4 f. 



— 108 — 



Itinerar AntoniiiB. Nach diesem Wegeverzeichnis ^) betrag 
die Distanz zwischen Easios nnd Pelnsion 40 römische Meilen, 
oder 10 Schoinoi zu 32 ptolemftisch-römischen Stadien, nach 
der Peutingerschen Tafel war Easios 23 Milien von Gtorrhon, 
also 31 von Pelnsion entfernt oder nnr 7^14 Schoinoi. Ohne 
Zweifel ist demnach die Zahl VIII der Tafel falsch. 

Wir haben nunmehr den Schoinos bei den verschiedensten 
Schriftstellern verfolgt, wir haben gesehen, wie die griechischen 
Autoren und wie die römischen ihn berechnet haben. Der Über- 
sichtlichkeit wegen zeigen wir zum Schluss in folgender Tabelle, 
wie die einzelnen Schriftsteller den Schoinos behandelt haben. 





zn Stadien: 


Schoinos bei 


30 


40 


60 


120 


33» 3 6683 


32 




attischen 


ptol.-rta. 


Herodot 




(1) 


7 










Aristobulos 




1 












Nearchos und 
















Onesikritos 


1 














Aristokreon 




1 












Artemidoros 


2 




1 




1 




1 


Poseidonios 






1 










Theophanes 




1 












Diodor 


5(1?) 


3(1?) 


2 




6 






Strabon 


5 


6 


1 




8(1?) 






Jnba 




1 








1 




Periplns 




X 












Josephos 


1 


1 


1 










Pltttarch 


1 














Arrian 




(2) 












Ptolemaios 


2 














l.heronische Tafel 


1 














Tnotvnmoiq ysoa- 
















ygaqtiag 


1 


1 








1 


Griech. Schriftst. 


19(1?) 


17(1?) 

+ X 


13 




15(1?) 


1 


2 



^) 8. 152,3 f. 



— 109 — 





zu Stadien: 


Schoinos bei 


30 


40 


60 


120 


331, 6623 

atiischen 


32 

ptol.-rla. 


Agrippa 
Carüas 
Mucianus 
Plinins 

Itinerar Antonius 
Ammianns Mar- 
cellinus 


5(1?) 


(1) 
(1) 

4(1?) 


(1) 
1 




3 




3(1?) 
17 

X 

2 


Böm. Schriftsteller 


5(1?) 


6(1?) 


2 




3 




22(1?) 

+ X 


Griech. n. römische 
Schriftsteller 


24(2?) 


23(2?) 
+ I 


15 





18(1?) 


1 


24(1?) 
+ I. 



IV. 

Der Schoinos, aber dessen Vorgeschichte zur Zeit der 
Pharaonen wir leider nichts wissen^), war kein bestimmtes 
einzelnes Mass, vielmehr bezeichnete man mit diesem Namen 
vier verschiedene Grössen. Er entsprach 30, 40, 60 
und 120 Stadien. Diese Gleichungswerte stammen aus einer 
Zeit und aus einer Gegend, in der man nach persischen 
Stadien rechnete, denn nur 30, 40, 60, bezw. 120 persischen 
Stadien entspricht das ägyptische Mass im grossen und ganzen. 
Die ionischen Schriftsteller und nicht zum wenigsten ihr 
SchtUer Herodot werden wohl die angegebenen Gleichungs- 
werte fbr den Schoinos aufgebracht oder doch immerhin in 
die griechische Litteratur eingeführt haben. An denselben 
hielt man bis zum Ende des Altertums fest, einerseits in 
Gegenden, wo es ein auf das persische Stadion zurückgehendes 

^) Man kennt eine hieroglyphische Gruppe für den Schoinos, die aber 
nicht älter als das Zeitalter des Ptolemaios Philadelphos zu sein scheint. 
Ausserdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass das ägyptische Mass im 
Papyrus Anastasi, im Totenbuch, mit einer anderen Gruppe bezeichnet wird 
(Lepsius Längemnasse S. 69). Ist dies richtig, so gab es spätestens zur Zeit 
Amenophis' HI und Ramses' IQ Schoinoi in Ägjrpten. Lepsius kannte nur 
zwei mehr oder weniger sichere hieroglyphische Gruppen für den Schoinos. 
Daraus kann man keinen Schluss ziehen, wie er es thui Vielmehr hat 
dies einzig und allein seinen Grund in der Art der Tradition , auf die wir 
leider fast allein für die Pharaonenzeit angewiesen sind. Hätten wir eine 
ausgedehnte litterarische Überlieferung, so würden wir dem Schoinos ebenso 
häufig begegnen, wie wir ihn heute selten finden. Auf der von W. Golenischeff 
entdeckten Inschrift des Darius (Stele de Darms aux environs de Teil et- 
Maskkoutah im Recueil de travaux TTn (1890) S. 99 iL) ist von 8 aher die 
Rede^ Bereits Brugsch (Dikt, Suppl S. 164) hat nachgewiesen, dass man 
mit dem Wort atur den Schoinos bezeichnet. Die Existenz des ägyptischen 
Masses ist also auch für die Zeit des Darius erwiesen. 



— 111 — 

und ihm entsprechendes Mass gab, aber auch in solchen, wo 
man nach ganz anderen Stadien rechnete; auch hier hielt 
man an ihnen fest, weil der Grieche seine Stadien, zumal 
grössere Summen, nur in runden Zahlen anzugeben liebte. 
Dadurch kamen Ungenauigkeiten. Der eine sah die Stadien, 
die er vorfand, für attische, ein anderer ffir ptolemäisch- 
römische, ein dritter und vierter für noch andere Stadien 
an. Diesem Irrtum sind die antiken Schriftsteller nicht ent- 
gegengetreten, weil sie selbst in bezug auf ihre Stadien häufig 
nicht besser beraten waren als ihre Leser. So lange man 
den Schoinos nur 30, 40, 60 oder 120 Stadien gleichstellte, 
war dies nicht schlimm, aber recht misslich musste es werden, 
als einige exaktere Schriftsteller, welche sich klar gemacht 
hatten, welchen Fehler man begehe, wenn man den Schoinos 
z. B. zu 30 attischen Stadien berechne. Abhülfe erstrebten. 
Diese Bemühungen müssen naturgemäss in der Zeit aufge- 
treten sein, in der die gelehrte Forschung sich an den vor- 
handenen Bildungs- und Wissensschatz machte. Dies geschah 
unter den Ptolemäern in Alexandria. Wie die alexandrinischen 
Gelehrten so vieles andere geleistet haben, so werden sie 
auch danach gestrebt haben, den Schoinos so genau als möglich 
in das griechische Mass umzurechnen. Es muss dies geschehen 
sein vor Eratosthenes , dem grossen Philologen (um 275 bis 
194 oder 196), da er diese Neuerungen weiterzubilden ge- 
sucht hat. Bereits vor seiner Zeit hat man demnach den 
Schoinos (zu 30 Stadien) 33Vs attischen Stadien gleichgestellt, 
einige Zeit später bestimmte man ihn auch zu 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien. Wir brauchen kaum zu erwähnen, dass 
man ebenso den Schoinos von 40, 60 und 120 Stadien zu 
44V., 667s, bezw. 133V. attischen oder zu 427., 64, bezw. 
128 ptolemäisch-römischen Stadien berechnet hat. Aber er- 
wähnenswert ist es, dass wir nur noch einen Schoinos zu 
667. attischen Stadien mit einiger Wahrscheinlichkeit nach- 
weisen können. Um so mehr hat man das ägyptische Mass 
3378 attischen oder 32 ptolemäisch-römischen Stadien gleich- 
gesetzt. Jener Gleichungswert überwiegt so in der griechischen 
Litteratur, wie dieser in der römischen. Es hatte dieses seine 



— 112 — 

guten Gründe. Der Grieche wollte rande Zahlen; weil sein 
Stadion ein kleiner Wert war, konnte er leicht abrunden, 
ohne einen grossen Fehler zu begehen. Bunde Zahlen er- 
hielt er, wenn er den Scheines zu 30, 40, 60 oder 120 Stadien 
berechnete. Deshalb haben viele griechische Autoren diese 
Gleichungs werte benutzt, obgleich ihr Stadion nicht der 
dreissigste Teil eines Scheines war. Von den anderen 
Gleichungswerten war für die Griechen nur der Scheines zn 
33 Va attischen Stadien bequem: wenn die Schoinoi durch 3 
teilbar waren, so erhielt man mit diesem Werte stets runde 
Zahlen. Deshalb finden wir diesen Scheines so ungemein 
oft bei den griechischen Schriftstellern, um so weniger oft 
den zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien. Denn dieser er- 
gab erst eine runde Zahl, wenn die Summe der Schoinoi 
durch 5 teilbar war. 

Derselbe Scheines wurde demnach zu 30 Stadien schlecht- 
hin, zu 30 persischen, 32 ptolemäisch-römischen und zu 33Vs 
attischen Stadien berechnet. Darauf beruht die Schwierig- 
keit, die wahre Grösse des Scheines im einzelnen Falle zu 
bestimmen. 900, 960 und 1000 Stadien gehen auf ein und 
dasselbe ägyptische Urmass, nämlich auf 30 Schoinoi, zur&ck: 
im zweiten Falle haben wir ptolemäisch-römische, im dritten 
attische Stadien, im ersten ist der Scheines kurzweg 30 
Stadien gleichgestellt. In diesem Moment besteht die Schwierig- 
keit der Schoinosforschung. Hätte jeder Schriftsteller an- 
gegeben, was f&r Stadien er gebrauche, so wäre diese 
Schwierigkeit leicht zu heben. Aber dies hat niemand ge- 
than, denn kein Autor wusste etwas von der Natur der 
Stadien, die er anderen Quellen entlehnte. So haben wir 
bei Artemidor, um ein Beispiel für alle zu nehmen, nach- 
weisbar attische und ptolemäisch-römische Stadien neben- 
einander und noch solche, deren Charakter man nicht näher 
bestimmen kann. Hätte Artemidor in jedem Falle selbst die 
Schoinoi in Stadien umgerechnet, so wOrde er so systemlos 
nicht gehandelt haben. Aber er benutzte Quellen, von denen 
die eine den Scheines attischen, die andere ihn ptolemäisch- 
römischen Stadien gleichgesetzt hatte; ausserdem gab er 



— 113 — 

selbst wohl zweimal dem Scholnos 30 und einmal 60 Stadien. 
Die Masse seiner Quellen nahm er kritiklos in sein Buch 
auf. Ein Vorwurf erwächst ihm und den anderen Schrift- 
stellern hieraus kaum, da es in sehr yielen Fällen einfach 
unmöglich war, das ägyptische Urmass wieder aufzufinden. 

So war es sehr schwierig und oft unmöglich, in den 
Werten der griechischen Schriftsteller zurechtzukommen. 
Aber schlimmer wurde es noch durch die Römer. Die Griechen 
Hessen, wie wir sagten, die Natur ihrer Stadien unbestimmt, 
die Bömer dagegen rechneten nach dem Vorgänge namhafter 
griechischer Autoren, wie eines Polybios, acht Stadien auf 
eine Milie, behandelten also die Stadien, als wenn sie alle 
ptolemäisch-römische wären. 

Es gab vier verschiedene Schoinoi, einen zu 30, 40, 60 und 
120 Stadien. Dieselben waren gleichzeitig im Gebrauch, 
wie Artemidor und Strabon bezeugen. Aber sie waren doch 
an eine bestimmte Gegend gebunden, wie bei uns in 
früherer Zeit z. B. Fuss und Elle. Nach Artemidor^) mass 
der Scheines an der Nilmündung 30, in Mittelägypten 120, 
in Oberägypten, von der ^EQfionohtixij qwXaxy^ dem Zollamt 
am Südende der Heptanomis^, bis Syene und Elephantine^, 
60 Stadien. Wo man den Scheines zu 40 Stadien berechnete, 
erfahren wir nicht ^). Wir können wohl annehmen, dass man 
dies an verschiedenen Punkten des Landes, ziemlich all- 
gemein, that ; denn nur so erklärt es sich, dass der Periplus 
des roten Meeres diesen Scheines benutzt. Sobald eine Land- 
schaft Ägyptens das Übergewicht über die andere gewann, 
musste auch ihr Scheines die anderen zurückdrängen. Wir 
können diesen Satz leider nicht an der Hand der Geschichte 



^) Bei Strabon XVH 804. 

*) Vgl. den Aufsatz Du fbtamophvtada in Fleokeisens Jahrb. 1891 
S. 714 f. 

») Strabon XVII 813. 

*) Da es nach Lepsius ein ägyptisches Mass von 120 Stadien nie und 
nirgends gegeben hat, glaubt er, *man habe in Mittelägypten den Schoinos 
zu 40 Stadien gerechnet (Zeitschr. f. ägypt. Sprache 1877 S. 7. DU Längen- 
Masse der Alten S. 16). Jedoch liegt kein Grund vor, an der Existenz der 
Schoinoi zu 120 Stadien zu zweifeln. 

Berliner Stadien, Band XV, 3. 8 



— 114 — 

beweisen, aber er ist so in der Natur der Verhältnisse be- 
gründet, dass man an seiner Sichtigkeit kaum zweifeln 
kann. Überhaupt wäre es wunderbar, wenn die Begierung 
des ganzen Landes sich mit den recht verschiedenen Massen 
herumgeschlagen hätte, sie muss vielmehr allen ihren Berech- 
nungen ein bestimmtes Mass zu Grunde gelegt haben. Des- 
halb wird Herodot in seiner Zeit nur den Schoinos zu 60 
Stadien vorgefunden haben, er war jedenfalls damals im 
öffentlichen Leben am meisten im Gebrauch. Andere Werte 
sind nachher an seine Stelle getreten. Am meisten herrschte 
in der nächsten Zeit, wie es scheint, der Schoinos zu 40 
Stadien vor, später wui*de dieser von dem zu 30 Stadien 
vollständig in den Hintergrund gedrängt. Besonders die 
Eömer haben zu seinem Siege beigetragen, seitdem sie Herren 
Ägyptens waren. Da dieser Schoinos genau 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien und 4 Milien entsprach, so haben sie nach 
ihm die Landesvermessung vornehmen lassen. Seitdem ist 
er in der Litteratur der Schoinos schlechthin. Die Griechen 
stellten ihn nicht 32 ptolemäisch-römischen Stadien gleich, 
weil dieser Umrechnungsmodus ihnen keine runden Zahlen 
gab, sondern nach alter Weise 30 Stadien. 

Dies ist die Geschichte des Schoinos. Sie ist aber erst 
vollständig, wenn wir der Beform des Eratosthenes 
Erwähnung gethan. Man berechnete den Schoinos unter 
anderem zu 337» attischen Stadien. Das Missliche hierbei 
war, dass man nicht immer runde Zahlen erhielt. Diesem 
Übelstande suchte Eratosthenes abzuhelfen, indem er den 
Schoinos um 'I5 vergrösserte : er rechnete ihn zu 40 attischen 
Stadien statt zu 33 Vs* Vielleicht hat er an seine Neuerung 
die Hoffiiung geknftpft, sie werde einen praktischen Nutzen 
haben und in Ägypten eingef&hrt: erst dann hätte sie wahr- 
haft von Vorteil sein können. Eratosthenes war ein exakter 
Forscher, er kann deshalb sein neues Mass erst dann an- 
gewandt haben, nachdem er das ihm bekannte ägyptische 
Längenmass um einen bestimmten Bruchteil reduziert hatte: 
er vergrösserte den Schoinos um Vs, er musste also die Längen- 
angabe um '/e verkleinem. Das war der Übelstand bei 



- 115 — 

seiner Beform, so sehr sie auch sonst allen Anforderungen 
entsprach, indem sie zugleich runde Zahlen und grösste 
Genauigkeit gewährte : an diesem Übelstande ist seine Reform 
gescheitert. Wäre sie praktisch von einer Begierungsbehörde 
in Ägypten durchgeführt worden, so hätte sie leicht Segen 
stiften können, aber daran war nicht zu denken, da sie sich 
auf dem attischen Stadion aufbaute, welches nicht das Landes- 
mass Ägyptens war. Infolgedessen musste sie an den 
Schwierigkeiten zu Grunde gehen, die sie bot: sie war nur 
dann von wirklichem Nutzen, wenn die Summe der Schoinoi 
durch 3 teilbar war. Es ist demnach Eratostbenes' Beform 
nichts mehr als der Versuch eines Gelehrten, der ohne 
grossen Einfluss auf Mit- und Nachwelt geblieben ist. Bei 
keinem Schriftsteller kann man eine Spur von seiner Neuerung 
nachweisen. 

Man rechnete demnach den Schoinos zu 30, 40, 60 und 
120 Stadien, femer zu 33V8, 44V«, 667. und 1337» attischen 
und zu 32, 42%, 64 und 128 ptolemäisch-römischen Stadien. 
Wir kennen hiervon nur solche zu 30, 40 und 60 Stadien, 
ausserdem solche zu 3378 und 667$ attischen sowie zu 32 
ptolemäisch-römischen Stadien^). Andere als diese Werte 



^) Wir können jetzt auf eine Ansicht eingehen, die Nissen (MetroL'^ 
S. 861 [27]) ausspricht. Nach derselben begegnet der Parasang in Ägypten 
als Schoinos und wurden ,auf den Viertelparasang in lonien 7, gemeinhin 
in Yorderasien 7^/,, in Eyrene 8, von den Bömem SVsi üi Italien 9 oder 
10 Stadien gerechnet/ Diese Worte können nur besagen, der Parasang oder 
Schoinos habe 28 ionischen, 30 vorderasiatischen, 32 kyrenäischen , 3378 
römischen, 86 oder 40 italischen Stadien entsprochen. Da der Schoinos so 
gross wie 4 römische Meilen war, so kam er auch ungefähr 28 ionischen 
Stadien gleich. Dass er 30 persischen Stadien entsprach und auch in der 
ersten heronischen Tafel 30 Stadien, die auf das persische Mass zurück- 
gehen und wohl ebenso gross waren, gleichgesetzt wurde, haben wir gehört. 
Dieses Mass ist ohne Zweifel hauptsächlich in Yorderasien als ehemaligem 
persischen Beichsboden zu Hause gewesen. Weshalb aber der Parasang in 
Eyrene allein zu 32 Stadien gerechnet worden sein soll, kann ich nicht ein- 
sehen. Die Eyrenäer hatten den ptolemäischon Fuss von 0,30833 m (s. 
Nissen Mttrolog} S. 863 [29], 880 [46]), also auch das ptolemäisch-römische 
Stadion, aber sie hatten dies doch wohl nicht für sich allein. Nissen will 
wohl überhaupt mit seinen Worten nur besagen, von Eyrene allein stehe 

8» 



— 116 — 

sind ans noch nicht bekannt. Findet man den Scheines ange- 
geben, so mass man, wenn möglich, seine Grösse bestimmen, d. h. 
festsetzen, ob er 30, 40, 60 oder 120 Stadien misst; findet man 
dagegen Stadien angegeben, so mnss man durch Vergldchang 
mit entsprechenden oder ähnlichen Werten das ägyptische 
Urmass za bestimmen suchen. Wie schwer dies in sehr 
Tielen Fällen ist, haben wir oben an einer grossen Zahl von 
Beispielen gezeigt. Kann man das ägyptische Urmass be- 
stimmen oder kann man wenigstens beweisen, dass man in 
einem bestimmten Falle attische oder ptolemäisch-römische 

es litterarisch fest, dass man 32 Stadien auf den Parasang gerechnet habe. 
Weshalb aber die Römer dem Scheines 33 Vs Stadien gegeben haben soUen, 
kann ich nicht verstehen. Nissen steht hier ohne Zweifel onter dem Ein« 
flnss der üntersachnngen Döipfelds (Mittheil. d. Inst in Athen XV 8. 186), 
welcher das Stadion von 0,1776 km das griechisch-römische nennt Die 
3378 Stadien sind, wie wir gezeigt haben, attische. Sie begegnen bei keinem 
anderen römischen Schriftstoller als bei Plinios, und auch bei diesem nur 
ganz vereinzelt (dreimal). Wenn Nissen recht hätte, so dürfte der Schoinos 
bei römischen Autoren nur gelegentlioh zu 32» dagegen in der Mehrzahl der 
F&lle zu 337$ Stadien berechnet worden sein. Nun finden sich 337t Stadien 
häufig bei griechischen Schriftstellern (bei Artemidor, Diodor und Strabon), 
fast nie bei römischen (nur bei PUnius). Dagegen ist der Schoinos zu 
32 Stadien sozusagen der Schoinos der römischen Schriftsteller schlechthin: 
bei Agrippa, im Itinerar Antonius und bei Ammianus Marcellinus ist er 
immer, bei Plinius in einer unverhältnismässig grossen Zahl von fWen. 
Ferner sagt Nissen, in Italien habe man den Schoinos zu 86 oder zu 40 
Stadien gerechnet. Auch dies ist auffällig. Früher nannte Nissen das Stadion, 
welches ^/g, des Schoinos ist, das italische {Metrol. ^ S. 668 [4]), jetzt nennt 
er es das pythische {Metrol,'* S. 838 [4]). Ein italisches Stadion aber, 
welches ^4^ des Schoinos ist, fuhrt er nicht an. Den letzteren Gedanken, 
der Schoinos werde in Italien 40 Stadien gleichgestellt, scheint lassen über- 
haupt nur deshalb ausgesprochen zu haben, weU er nunmehr die Bristenz 
eines Schoinos zu 40 (persischen) Stadien negiert Dies scheint danras her- 
vorzugehen, dass er auch nur einen Parasang zu 30 und einen zu 60 Stadien 
erwähnt {Metrol,'* S. 860 [26]), dagegen einen solchen zu 40 Stadien uner- 
wähnt lässt, obgleich der von ihm citierte Strabon (XI 618) denselben an- 
fuhrt Hätte Nissen recht, so müssten Aristobulos, Aristokreon, Theophanee, 
Diodor, Juba, der Periplns und Josephos nach solchen italischen Stadien, 
die 740 ^^ Schoinos waren, gerechnet, Artemidor und Strabon Falsches 
berichtet haben. Ich kann deshalb Nissen nur insoweit beistimmen, als er 
urteilt, man habe dem Parasang-Schoinos in lonien 28, in Vordeiasien aber 
30 Stadien gegeben.^ 



— 117 — 

Stadien hat oder dass der Schoinos zu 30, 40 oder 60 
Stadien berechnet worden ist, so ist es möglich, das ägyp- 
tische Mass aufs genauste durch unsere Werte wiederzu- 
geben^). In allen anderen Fällen muss man einstweilen auf 
eine genaue Massbestimmung verzichten. 

Die Schriftsteller haben die Entfernungen oft s e h r y e r- 
schieden berechnet. Fttr eine und dieselbe Distanz 
haben wir häufig 2—3 verschiedene Zahlen: der eine Autor 
giebt in dem betreffenden Falle dem Schoinos 30, ein anderer 
40, ein dritter 60 Stadien u. s. w. Welches Mass ist das 
richtige? Diese Frage als Ganzes kann man nicht beant- 
worten, man muss vielmehr jeden einzelnen Fall ins Auge 
fassen und f&r ihn das richtige Mass zu ergründen suchen. 
Manchen Schriftstellern, wie z. B. dem Verfasser des Periplus 
des roten Meeres, muss man es überdies einfach glauben, 
dass seine Schoinoi 40 Stadien messen : wir haben nicht genug 
Material, um seine Angaben kontrolieren zu können. Von 
grosser Bedeutung wäre es, wenn man bestimmen könnte, 
nach welchem System die einzelnen Autoren den Schoinos 
bald zu 30, bald zu 40 oder 60 Stadien gerechnet haben. 
Hat etwa der Umstand eine Bolle dabei gespielt, dass man 
dem Schoinos im Delta 30, in Mittelägypten 120 und in der 
Thebais 60 Stadien gab? Diese Frage können wir nur be- 
antworten, wenn wir alle Längenmasse zusammenstellen, die 
es für Ägypten giebt. In die folgende Übersicht nehmen 
wir nur die Werte auf, bei denen die Grösse des Schoinos 
feststeht. Die Masse des Itinerars Antonius und der Peutin- 
gerschen Tafel übergehen wir, weil sie alle 32 ptolemäisch- 
römischen Stadien entsprechen. Wir führen die Schoinoi zu 
SSVs attischen und die zu 32 ptolemäisch-römischen Stadien 
als solche zu 30 Stadien an. 



^) Man braucht z. B. nicht zu wissen, ob 9000 Stadien 800 Schoinoi 
zu 30 oder 150 Schoinoi zu 60 Stadien entsprechen, sondern nur, ob man 
hier Schoinoi zu 3378 attischen oder solche zu einer runden Stadienzahl hat. 
In vielen Fällen ist dies sehr leicht: der Zahl 720 z. B. sieht man sofort 
an, dass sie weder auf Schoinoi zu 33 Vs attischen noch auf solche zu 82 
ptolemäisch-römischen Stadien zurückgeht. 



— 118 — 



I. 





Das 


Delta. 






E&stenl&Dge Schoinos zu 60 Stad. i 


Q. Herodotu. Josephos 


» » 


n 


»30 


W 


Diodor 


Pharos-Deltakftste 


n 


„30 


n 


Ammianus 


Alexandria 


n 


„40 


n 


Diodor und Cartias 


n 


n 


„60 


n 


Pliniu8 


Alexandria-Jidiopolis 


V 


„30 


V 


n n 


„ „ -Nikopolis 


n 


„40 


r 


Josephos 


» n n n 


V 


„60 


n 


Strabon 


„ „ -Kanobos 


n 


„40 


n 


w » 


„ „ -kanob.MOnd. 


n 


„30 


n 


Plinius 0. Ammianns 


„ „ -Schedia 


n 


„30 


n 


Strabon 


„ „ -Deltaspitze 


V 


„30 


n 


Artemidor 


Mareotissee 


n 


„30 


n 


Plinius 


Pelusion 


n 


r40 


n 


Strabon 


Peluflion-Easte 


n 


„40 


n 


W 57 


Meer-Heliupolis 


n 


„60 


n 


Herodot 


Pelusion-Deltaspitze 


n 


„30 


r» 


Artemidor 


^ „ -Heliupolis 


V 


„30 


n 


Diodor 


n n V n 


n 


„60 


n 


w rt 


„ „ -Easios 


rt 


„30 


w 


Strabon 


Sirbonissee 


n 


„30 


n 


Strabon und Plinius. 



n. 



Die Heptanomis. 
Memphis-Deltaspitze Schoinos zu 40 Stad. n. Plinius 



V 



„ -heliopol. Gau 
„ „ -Pyramiden 

NU - „ „ 
Memphis-Mörissee 

Mörissee 



r) 



n 



n 



n 



n 



n 



n 



30 
40 
30 
30 
60 



30 



n 



n 



n 



„ Josephos 

„ Strabon 

„ Diodor u. Plinius 

„ Plinius 

„ Herodot, Diodor u. 

Mucianus 
« Plinius. 



— 119 — 

III. 

Die Thebais. 

Theben Schoinos zu 40 Stadien nach Strabon 

„ „ -Elephantine „ „ 60 ^ „ Herodot 

Syene „ „ 30 „ ^ Plinias 

Elephant.-l.Eatarrakt^ „ 30 „ „ „ 

Die Tabelle zeigt znr genüge, dass man nicht den Schoinos 
des Delta zu 30. den Mittelägyptens zu 120 und den Ober- 
ägyptens zu 60 Stadien gerechnet hat. In diesem Gebiet, 
der Thebais, findet man den Schoinos zu 60 Stadien nur ein- 
mal und zwar nur bei Herodot, der deshalb kein ausschlag- 
gebender Gewährsmann ist, weil er allen Schoinoi 60 Stadien 
giebt. Am häufigsten (zweimal) begegnet man dem Schoinos 
zu 30 Stadien. In Mittelägypten, der Heptanomis, hat man 
niemals den Schoinos zu 120 Stadien, der doch gerade hier 
zu Hause war. Dies ist wohl reiner Zufall: das Mass war 
wegen seiner Grösse unbequem und erfreute sich deshalb bei 
den Griechen keiner Beliebtheit. In den meisten (vier) Fällen 
hat man anstatt dessen den Schoinos zu 30, zweimal den zu 
40 und einmal den zu 60 Stadien. Letzterer Wert kommt 
wieder weniger in Betracht, weil er auf Herodot zurückgeht. 
Nur im Delta findet man das Mass am häufigsten, welches 
grade in diesem Teile Ägyptens nach Artemidor und Strabon 
heimisch war: während man nämlich dem Schoinos zu 40 
und dem zu 60 Stadien nur je fünfmal begegnet, trifft man 
den zu 30 Stadien elfmal an. 

So viel steht also fest, dass man keineswegs den Massen 
des Delta den Schoinos zu 30, denen der Heptanomis den 
zu 120 und denen der Thebais den zu 60 Stadien zu Grunde 
gelegt hat Dass im Delta der Schoinos zu 30 Stadien über- 
wiegt, ist Zufall. Wir müssen vielmehr annehmen, dass die 
Mehrzahl der Schriftsteller allen Schoinoi, die sie selbst in 
Stadien umrechneten, immer ein und dasselbe Mass gab. Des- 
halb hat Herodot nur den Schoinos zu 60 Stadien und der 
Periplus nur den zu 40. Vor Herodot mag der Schoinos zu 
40 Stadien besonders beliebt gewesen sein. Im Verlauf des 



— 120 — 

klassischen Altertums drang dagegen der Schoinos zu 30 
Stadien immer mehr durch: deshalb kommt er siebzehnmal 
vor, der Schoinos zu 40 Stadien aber nur achtmal und der 
zu 60 nur siebenmal. Hätten wir aberall die prim&ren Quellen^ 
so wftrden wir wohl fast immer eine Art von Schoinoi finden, 
wie Herodot nur solche zu 60, der Periplus nur solche zu 40, 
das Itinerar Antonius und die Peutingersche Tafel nur solche 
zu 30 (32 ptolemäisch-römischen) Stadien haben. Dass wir 
bei den meisten Schriftstellern einer grossen Mannigfaltigkeit in 
der Umrechnung des Schoinos begegnen, kommt demnach nur 
daher, dass sie f&r uns sekundäre Quellen sind: von dieser 
Mannigfaltigkeit haben sie selbst nichts gewusst. Es ist ans 
diesem Grunde nicht bestimmt anzugeben, welchen Wert der 
Schoinos in einem einzelnen Falle hat. Man wird gut thun, 
ihm dieselbe Grösse zu geben wie der Autor, dem man das 
Mass verdankt, falls man nicht, wie mehrfach bei Herodot, 
bestimmt nachweisen kann, dass der Schoinos in dem be- 
treffenden Falle zu gross angesetzt ist. Übrigens ist die Ent- 
scheidung trotz der Vielgestaltigkeit der Werte meistens 
ziemlich leicht: vielen Massen, besonders denen, welche auf 
den Schoinos zu 30 Stadien zurfickgehen — und diese sind 
weitaus in der Mehrzahl — ist unbedingt zu trauen. Im 
Itinerar Antonius, dem wir die meisten Werte verdanken, 
hat Überdies der Schoinos thatsächlich eine Grösse von 
30 Stadien. 

Wie wir sagten, kann man das ägyptische ürmass so 
genau als möglich in unsere modernen Masse umrechnen, 
man ist also imstande anzugeben, welchen Wert der Schoinos 
gehabt haben muss. Er war das Vielfache eines ägyptischen 
Längenmasses. Indem wir von diesem Grundsatz ausgehen, 
m&ssen wir den Schoinos mit den Längenmassen des Pharaonen- 
landes in Einklang zu bringen suchen. Sehr wichtig wäre 
es, wenn man im voraus bestimmen könnte, welcher Schoinos 
das ürmass gewesen ist, ob der zu 30, 40, zu 60 oder der 
zu 120 Stadien. Aber die Lösung dieser Frage hängt un- 
trennbar mit der Lösung des ganzen Schoinosproblems zu- 
sammen. 



— 121 — 

Zum Glück können wir die Grösse des Schoinos ziemlich 
genau durch griechische Masse bestimmen. Man stellte ihn 
30 persischen Stadien oder einem Parasang, d. h. 5,94 km 
gleich. Dies Mass muss etwas zu gross gewesen sein, denn 
man rechnete den Schoinos auch zu SSV« attischen odei" 
32 ptolemäisch-römischen Stadien. Jede dieser Stadiensummen 
entspricht 5,92 km. Besonders den attischen Stadien ver- 
dankt man es, wenn man den richtigen Wert des Schoinos 
findet. Er misst 337», nicht etwa 33 (5,8608 km) oder 
3378 attische Stadien (5,9792 km). Natürlich kann zwischen 
dem wirklichen Wert des Schoinos und den 32 ptolemäisch- 
römischen oder den 3378 attischen Stadien ein kleiner unter- 
schied sein, derselbe muss aber geringer sein als 7« attisches 
Stadion oder als 29,6 m. 

Es gab, wie wir schon oft gehöi-t, Schoinoi zu 30, 40, 60 und 
120 Stadien. Welcher von diesen vier Werten der ursprüngliche 
gewesen ist, kann man zunächst nicht wissen. Gehen wir 
deshalb wie alle früheren Forscher von dem Schoinos zu 
30 Stadien aus. Er muss naturgemäss ein Vielfaches eines 
ägyptischen Längenmasses gewesen sein. Da bereits Herodot 
den Schoinos in Ägypten vorfand, so kann er nur das Viel- 
fache der ägyptischen Längenmasse unter den Pharaonen 
sein. Deren gab es zwei : die königliche Elle ^) von 0,525 m 



^) Hnltsch {Metrol. ' S. 854 f.) kommt zu dem Schlosse, die königliche 
ägyptische Eile sei jedenfalls nicht unter 525, vielleicht aber bis auf 527 
Millimeter anzusetzen. Dörpfeld (in den Mittheil. d. Inst, in Athen VIII 
(1883) S. 37 f.) dagegen wollte ursprünglich anter den kleinsten dieser Werte 
herabgehen, er normierte die EUe auf 0,524 m. Später jedoch (in der Zeitschr. 
f. Ethnologie XX TT S. 100) bestimmte er sie auf etwa 0,525 m. Wir legen 
unseren Berechnungen 0,525 m zu Grunde, weil diese Zahl am meisten Ver- 
breitung gefunden hat. Lepsius {DU Lä$tgitimasse der Altm S. 2.22) nimmt 
bei seinen Berechnungen immer diesen Wert an. Auch Dümiohen (Brief 
aus Tkeben in der Zeitsohr. f. ägypt. Sprache 1876 S. 35) kam durch Messungen 
an ägyptischen Bauten auf 0,625 m als das Mass der königlichen Elle. Im 
übrigen ist der unterschied ziemlich unbedeutend, ob wir den Schoinos nach 
einer EUe von 0,525 oder nach einer solchen von 0,527 m berechnen: 
jenem Mass würde ein Schoinos (zu 30 Stadien) von 5,90625, diesem ein 
solcher von 5,92875 km enti^rechen. Die Differenz beträgt nur 22,5 m 
oder noch nicht V« ^^^ attischen Stadion (= 29,6 m), so dass wir leider 



— 122 — 

und die kleine Elle von 0,45 m. Wenn der Schoinos zu 
30 Stadien das ursprüngliche Mass Ägyptens wäre, so müsste 
eine dieser beiden Ellen seine Masseinheit sein. Dies ist 
nicht der Fall. SSVs attische Stadien (5,92 km) sind gleich 
11276 Ellen von 0,525 m und gleich 13155V9 Ellen von 
0,45 m. Wenn die königliche Elle das Grundmass des Schoinos 
wäre, betrüge die Differenz 276 Ellen oder 144,9 m, wenn 
dagegen die kleine Elle dem ägyptischen Wegemass zu Grunde 
läge, so wäre der Unterschied gleich 156 Ellen oder 70 m. 
Die Differenz muss aber geringer sein als Ve attisches Stadion 
oder als 29,6 m. Der Schoinos zu 30 Stadien kann also 
nicht das ursprüngliche Wegemass der Ägypter sein. Ganz 
anders liegt die Sache mit dem Schoinos zu 40 Stadien. Er 
war gleich 44V9 attischen und 427$ ptolemäisch-römischen 
Stadien, demnach mass er 7,893 Vs km und entsprach er 
15034,9 königlichen Ellen der Pharaonen. Es ist danach 
unzweifelhaft, dass der Schoinos zu 40 Stadien gleich 
15000 königlichen Ellen der Pharaonen^), dass er das Ur- 
m a s s der Schoinoi ist. 15000 königliche Ellen sind 7,875 km. 
Dieses ist das ägyptische Urmass ; es war nur 187» m kleiner 
als der Schoinos zu 447e attischen oder 4278 ptolemäisch- 
römischen Stadien. Der Unterschied ist so verschwindend 
gering, dass grade dies ein Beweis für die Richtigkeit unserer 
Annahme ist. Wir sagten vorhin, der Wert, den wir für 
den Schoinos zu 30 Stadien fänden, dürfe höchstens >|e attisches 

nicht imstande sind, mit Hülfe des attischen Masses die Grösse des ägyptischen 
genauer zu bestimmen. Sollte die königliche EUe 0,526 m gemessen haben, 
was gar nicht unwahrscheinlich ist, so würde der Schoinos gleich 6,9175 km, 
d. h. nur 2,5 m kleiner sein als 3378 attische und 32 ptolemäiscb -römische 
Stadien und als 4 römische Meilen. 

*) Der Schoinos von 40 Stadien (= 7,89378 km) entspricht 17540,74 
kleinen Ellen von 0,45 m. Diese Zahl allein beweist zur genüge, dass 
die Masseinheit des Schoinos nicht die kleine Elle gewesen ist. Lepsin» 
hat immer den Satz verfochten, die königliche Elle sei nur die Bauelle des 
Pharaonenlandes gewesen, das ägyptische lilngenmasssyBtem habe sich auf 
der kleinen Elle aufgebaut. An dieser subjectivon Ansicht, die durch nichts 
bewiesen werden kann, krankt Lepsius' letzte grössere Arbeit auf dem 
Gebiete der Metrologie, sein Buch Die Längenmaste der Alten (vgl. S. 5 ff. 
und 18). 



— 123 — 

Stadion (29,6 m) kleiner als 33Vs attische Stadien oder 
5,92 km sein. Der Scheines zu 40 Stadien misst, wie wir 
soeben gesagt, 7,876 km, der zu 30 infolgedessen 5,90625: 
dieser ist nur 13,75 m oder ^|i3 attisches Stadion kleiner als 
SS^\s attische Stadien. 

Der Scheines zu vierzig Stadien mass demnach 7^875, 
der zu dreissig 5,90625, der zu sechzig 11,8125, endlich der 
zu hnndertundzwanzig 23,625 km. Wir haben soeben gesagt, 
der Scheines zu 40 Stadien sei das Urmass der Schoinoi 
Ägyptens gewesen. Hieranf müssen wir noch näher ein- 
gehen. Der Scheines zu 30 und der zu 60 Stadien sind 
jedenfalls nicht das Urmass gewesen; jedoch könnte der 
Scheines zu 120 Stadien vielen als das ägyptische Urmass 
erscheinen. Er entsprach 45000 königlichen Ellen, wie der 
Scheines zu 40 Stadien 15000. Beide Schoinoi können fär 
sich den Anspruch erheben das ägyptische Urmass gewesen 
zu sein. Wer von beiden hat ein grösseres Anrecht darauf? 
Ist es wahrscheinlicher, dass man aus dem kleineren Mass 
das grössere entlehnte, oder, dass man aus dem grösseren 
das kleinere gewann ? Beides hat manches für und manches 
gegen sich. Man beachte aber folgendes. Weit eher hätte 
man hinter dem Scheines ein Mass suchen sollen, das 
10000 königlichen Ellen entsprach. Dies ist nicht der Fall. 
Wie kam es denn, dass man grade 15000 Ellen nahm? Für 
den Griechen war der höchste Zahlbegriff 10000, seine Zahl 
fivQioi bezeichnet zugleich ,10000^ und ,unzählige'. Für den 
Kömer war Jahrhunderte hindurch der höchste Begriff 
,sescenti'. Der Römer dachte sich unter 600, der Grieche 
unter 10000 so viel, wie wir heute unter einer Million. Viel 
weiter war demnach der Horizont des Griechen als der des 
Römers. Denken wir nun daran, dass die Ägypter durch 
die Verhältnisse ihres Landes die Väter der Mathematik 
wurden, so klingt es nicht unwahrscheinlich, dass ihr Horizont 
für Zahlen, wenigstens bei den Gebildeteren, noch weiter 
war als bei den Griechen. Es scheint demnach, dass 15000 
für sie das war, was bei den Griechen 10000 und bei den 
Römern 600. Vielleicht bat dabei noch ein Moment mitge- 



— 124 — 

Hplelt. Das Zeichen unserer Zeit ist das Dezimalsystem, das 
de» Altertums hauptsächlich das Sexagesimalsystem, welchem 
man eine grosse Teilbarkeit der Zahlen zu danken hatte. 
lOOUO geht nur durch 2 und 5, 15000 dagegen durch 2, 3 
und 6 auf, 16000 ( ::=2B0x6O) war ein Vielfaches des Sexa- 
gesimalaystems. Dies wird wohl dabei mitgewirkt haben, 
dass man grade 16000 wählte. Dem Sexagesimalsystem der 
llabyloniei* mag man damit ein Zugeständnis gemacht haben. 
Ks scheint nun aber weit eher wahrscheinlich, dass 15000 
in älterer Zeit die höchste Zahl, die endlose Zahl der Ägypter 
li^ohleohthin war als 45000. Deshalb glaube ich, dass der 
8cboino$ lu 40 Stadien das Urmass unter den Schoinoi war. 
Aus diesem wird wohl der Schoinos zu 120 Stadien hervor- 
jS^fHUigeu sein und aus letiterem, als man ein handlicheres 
Ma$$ er^lrebie« durch Teilung der zu 60 (=22500 königtichen 
ICUen) und aus diesem nochmals durch Teilung der zu 30 
^di«n ( 11250 königlichen EUcm). Dies nu« die Ent- 
wicMuufsg^^$«hiehie des Schoinos gewesen sein, es muss 
yiNi)lk{«a% d^n Wta^r gezeigt zu haben, der nniar an«, auf 
d^tNl dt^r $chaino$ sieh wi^iter entiriekcln kenme. der natnr- 
|!^NiiiJk$:$«$li^ i$l^ Zur rnier^ftuung unserer Annahme könnte 
man «Kvh auf K>)gt»des hinw^^^oa. Leions^) uteah mit 
KtKJhls di^ fi^t^KlikhilicIie Eutwlckekttg ie^ Lands habe es 
uu^ $kh ip^^cbu dass: dt»[ SciK>iaK^ in d«n TCzadiedcBen 
T^VMk X|:>tfMk$^ iHXMi Tws^hiedaMt Wert gfifcabt kabe^. 

J\t 4^K^ V^t*»it<«»>^ ^sittttm ^wsf Är,*a niw $5»Itf i0( S 
«••: ,< If^ XV ^ C .A^<\ ^tiÄ.u «c 








— 125 — 

Nnn ist aber die historisch älteste Dynastie in Mittelägypten 
emporgekommen; hier war der Schoinos zu 120 Stadien zu 
Hause. Im neuen ßeich war Oberägypten der Stützpunkt 
des Herrscherhauses; eine neue Dynastie musste notwendig 
auch das Masswesen ordnen: deshalb haben wir wohl grade 
hier den Schoinos zu 60 Stadien. Später war das Delta 
der Sitz mehrerer Herrschergeschlechter, hier wird sich des- 
halb wohl als neuer Wert der Schoinos zu 80 Stadien, viel- 
leicht in Anlehnung an ausländische Masse, ausgebildet haben. 
Sind diese Vermutungen richtig, so muss der Schoinos zu 30 
Stadien sich aus dem zu 60 und dieser aus dem zu 120 
entwickelt haben. Letzterer endlich mttsste seinerseits auf 
den zu 40 Stadien zut*ückgehen. Die Schoinoi zu 120, 60 
und 30 Stadien wären dann, ein jeder zu seiner Zeit, Beichs- 
mass gewesen, später aber, nach dem Sturze der Regenten- 
häuser, welche sie geschaffen, zu dem Wert lokaler Masse 
herabgesunken und zwar für die Landschaften, iu denen sie 
entstanden waren. 

Den Wert der Schoinoi kennen wir also so genau als 
möglich. Zum Schluss wollen wir noch einzelne praktische 
Winke für die Umrechnungen geben. Kann man die 
Stadien oder Milien auf das ägyptische Urmass zurückführen, 
so lege man dem Schoinos die Werte zu Grunde, die wir 
soeben angeführt haben: der Schoinos zu dreissig Stadien 
mass 5,90625, der zu vierzig 7,875, der zu sechzig 11,8125 
und der zu hundertundzwanzig 23,625 km. Ist es jedoch 
nicht möglich, das ägyptische Urmass zu ermitteln, so genügt 
es schon, wenn man bestimmt, ob der Schoinos zu 30, 40, 
60 oder 120 Stadien oder aber zu 33 Vs attischen oder 32 



Je näher der MünduDg, um so geringer ist das Gefälle, also auch der 
Widerstand, den ein Schiff, welches flussaufwärts gezogen wird, zu über- 
winden hat. Man kann aus der Nachricht des Hieronymos, wie Lepsius 
(DU Längenmasse S. 15) mit Recht thut, nur schliessen, dass 'der Schoinos 
sich ursprünglich auf die Schiffszieher bezogen habe, deren Arbeit von 
einem Wechselpunkte zum anderen man axolvovSf fimiculos, Stricke, genannt 
habe.' Mit ihr den Unterschied zwischen den verschiedenen Schoinoi be- 
gründen zu woUen, geht nicht an. 



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spielt. Das Zeichen unserer Zeit ist das Dezimalsystem, das 
des Altertums hauptsächlich das Sexagesimalsystem, welchem 
man eine grosse Teilbarkeit der Zahlen zu danken hatte. 
10000 geht nur durch 2 und 5, 15000 dagegen durch 2, 3 
und 5 auf, 15000 (=250x60) war ein Vielfaches des Sexa- 
gesimalsystems. Dies wird wohl dabei mitgewirkt haben, 
dass man grade 15000 wählte. Dem Sexagesimalsystem der 
Babylonier mag man damit ein Zugeständnis gemacht haben. 
Es scheint nun aber weit eher wahrscheinlich, dass 15000 
in älterer Zeit die hOchste Zahl, die endlose Zahl der Ägypter 
schlechthin war als 45000. Deshalb glaube ich, dass der 
Scheines zu 40 Stadien das Urmass unter den Schoinoi war. 
Aus diesem wird wohl der Scheines zu 120 Stadien hervor- 
gegangen sein und aus letzterem, als man ein handlicheres 
Mass erstrebte, durch Teilung der zu 60 (=22500 königlichen 
Ellen) und aus diesem nochmals durch Teilung der zu 30 
Stadien (=11250 königlichen Ellen). Dies mag die Ent- 
Wickelungsgeschichte des Scheines gewesen sein, es muss 
gen&gen, den Weg gezeigt zu haben, der unter allen, auf 
denen der Scheines sich weiter entwickeln konnte, der natur- 
gemässeste ist. Zur Unterstützung unserer Annahme könnte 
man noch auf folgendes hinweisen. Lepsius^) urteilt mit 
Becht, die geschichtliche Entwickelung des Landes habe es 
mit sich gebracht, dass der Schoinos in den verschiedenen 
Teilen Ägyptens einen verschiedenen Wert gehabt habe^. 

Zeitsohr. f. ägypi Sprache 1877 S. 7. 

') Lepsius' Anlbssaiig verdient den Vorzug vor einer Annahme Idelers 
(vgl. Berger Eratosthenes S. 134) und Hultschs (Meirol^ S. 362), die Länge 
der Schoinoi sei nach dem Gefalle des Flusses sehr verschieden gewesen. 
Zu dieser Vermntung kamen beide durch eine Stelle des Hieronymos (m 
loeL 3 Bd. VI 84 C Basü,), nach der in NUo flumme nve in rwis eius 
solent naves funihts trahere certa habmtes spaüa^ quat appelkmt fumcubs y ut 
*ahori difessontm recentia trahtntktm coüa succidant. Die Nachricht des 
Hieronymos mag richtig sein, der Schlnss aber, den Ideler und Holtsch 
ans ihr ziehen, ist ohne Zweifel unrichtig. An der Nümündung mass der 
Schoinos 30 und in Oberägypten 60 Stadien: hätten Ideler und Hultsch 
mit ihrer Vermutung, dass die Länge des Schoinos sich nach dem Gefälle 
des Nil gerichtet habe, recht, so müsste er grade umgekehrt in Oberägypten 
30 und im Deltalande 60 betragen haben nach dem unumstössb'chen Gesetz: 



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NuB ist aber die historisch älteste Dynastie in Mittelägypten 
emporgekommen; hier war der Scheines zu 120 Stadien zu 
Hanse. Im nenen Reich war Oberägypten der Stutzpunkt 
des Herrscherhauses; eine neue Dynastie musste notwendig 
auch das Masswesen ordnen: deshalb haben wir wohl grade 
hier den Scheines zu 60 Stadien. Später war das Delta 
der Sitz mehrerer Herrschergeschlechter, hier wird sich des- 
halb wohl als neuer Wert der Scheines zu 80 Stadien, viel- 
leicht in Anlehnung an ausländische Masse, ausgebildet haben. 
Sind diese Vermutungen richtig, so muss der Scheines zu 30 
Stadien sich aus dem zu 60 und dieser aus dem zu 120 
entwickelt haben. Letzterer endlich musste seinerseits auf 
den zu 40 Stadien züt'ückgehen. Die Schoinoi zu 120, 60 
und 30 Stadien wären dann, ein jeder zu seiner Zeit, Reichs- 
mass gewesen, später aber, nach dem Sturze der Regenten- 
häuser, welche sie geschaffen, zu dem Wert lokaler Masse 
herabgesunken und zwar für die Landschaften, iu denen sie 
entstanden waren. 

Den Wert der Schoinoi kennen wir also so genau als 
möglich. Zum Schluss wollen wir noch einzelne praktische 
Winke für die Umrechnungen geben. Kann man die 
Stadien oder Milien auf das ägyptische Urmass zurlickführen, 
so lege man dem Scheines die Werte zu Grunde, die wir 
soeben angeführt haben: der Scheines zu dreissig Stadien 
mass 5,90625, der zu vierzig 7,875, der zu sechzig 11,8125 
und der zu hundertundzwanzig 23,625 km. Ist es jedoch 
nicht möglich, das ägyptische ürmass zu ermitteln, so genügt 
es schon, wenn man bestimmt, ob der Scheines zu 30, 40, 
60 oder 120 Stadien oder aber zu 33 Vs attischen oder 32 



Je näher der MünduDg, tun so geringer ist das Gefalle, also anch der 
Widerstand, den ein Schiff, welches flnssaufwärts gezogen wird, zu über- 
winden hat. Man kann aus der Nachricht des Hieronymos, wie Lepsius 
(Die Längenmasse S. 15) mit Recht thut, nur sohliessen, dass *der Schoinos 
sich ursprünglich auf die Schiffszieher bezogen habe, deren Arbeit von 
einem Wechselpunkte zum anderen man ü%oivovi, JunicuUs^ Stricke, genannt 
habe.' Mit ihr den Unterschied zwischen den verschiedenen Schoinoi be- 
gründen zu woUen, geht nicht an.